USA: Donald Trump entthront die Fernsehwahlwerbung

17.01.2016 •

Der Präsidentschaftswahlkampf ist in den USA in vollem Gang. Und das Fernsehen ist wie immer in großem Umfang mit dabei. Analysten sagen voraus, dass bis zum Wahltag im November rund 4,4 Mrd Dollar für Wahlkampfspots im amerikanischen Fernsehen ausgegeben werden. Im Jahr 2012, als die letzte Wahl eines US-Präsidenten stattfand, waren es 3,8 Mrd Dollar.

Allein die Kandidaten der Republikanischen Partei und deren Anhänger haben bisher schon fünfmal so viel Geld für TV-Werbung ausgegeben wie im vergleichbaren Zeitraum der letzten Wahlrunde. Überraschend, neu und irritierend ist aber, dass all das Geld bisher keine Wirkung zeigt. Jeb Bush, der ehemalige Gouverneur des US-Bundesstaats Florida und einer der jetzigen Präsidentschaftskandidaten, hat zum Beispiel doppelt so viel Geld in die Fernsehwerbung gesteckt wie irgendeiner der anderen republikanischen Anwärter – mit dem Ergebnis, dass seine Umfrageergebnisse trotzdem in den Keller gefallen sind. Bushs Parteikollegen Rick Perry, Scott Walker und Lindsey Graham haben ihre Kandidatur bereits aufgegeben, obwohl auch sie fleißig Wahlwerbung im Fernsehen betrieben hatten.

Der Immobilienmogul Donald Trump hingegen, der sich im Rahmen der Vorwahl der Republikaner für die US-Präsidentschaftswahl 2016 bewirbt, hält sich in den Umfragen nahezu unangefochten an der Spitze – und das ungeachtet der Tatsache, dass er bis Anfang Januar keine einzige Anzeige im Fernsehen geschaltet hatte. Die amerikanische Presse spricht inzwischen längst von einem Paradox ohne historischen Vorgänger. Als Trump bereits nach der ersten großen TV-Debatte der republikanischen Kandidaten die Irrelevanz der politischen Fernsehwerbung ausrief, glaubte ihm keiner. Jeb Bush und die vielen anderen Trump-Rivalen haben inzwischen, wie es aussieht, den Beweis dafür geliefert, dass Donald Trump Recht hat.

Wahlkampfmethoden von gestern

Auf der Suche nach einer Erklärung des Phänomens muss man tief nach den Wurzeln der allgemein spürbaren Unzufriedenheit der amerikanischen Wähler bohren. In allen Wahlveranstaltungen und Umfragen manifestiert sich eine Umkehr des Bürgerdenkens: Politische Erfahrung und Besonnenheit, einst geschätzte Tugenden der Präsidentschaftskandidaten, stehen nach den Enttäuschungen des politischen Geschehens und den Vertrauensverlusten hinsichtlich der Regierenden beim amerikanischen Wähler nicht mehr hoch im Kurs. Damit geht einher, dass alle Wahlmanöver, die mit der Politik alten Stils verbunden sind, weitgehend ihre Wirkung verloren haben. Wahlwerbung im Fernsehen wird von der Mehrzahl des Volkes mit der Politik von gestern gleichgesetzt. Man glaubt ihr ebenso wenig wie den wohlgesetzten Worten der meisten Kandidaten.

Donald Trump ist allem Anschein nach vor allem deshalb zur Spitze der republikanischen Präsidentschaftsanwärter aufgestiegen, weil er keine Hand vor den Mund nimmt und weil er in den sozialen Medien, das heißt bei Facebook und Twitter, allgegenwärtig ist. Trump hatte zum Jahresbeginn 2016 bei Twitter eine Gefolgschaft von fünf Millionen Menschen, die von Tag zu Tag weiter steigt. Wer dem Volk heutzutage nahe kommen will, muss mit ihm auch in den digitalen Medien kommunizieren. Trump hat das seit Beginn seines Wahlkampfs verstanden, während seine Rivalen immer noch den Wahlkampfmethoden von gestern anhängen. So hat Donald Trump die von vielen so wichtig erachtete Fernsehwahlwerbung gleichsam entthront. Und nicht zu vergessen: Wer redet wie der populistische Trump und sich aufführt wie der extrovertierte Trump, braucht sich die Präsenz auf dem Fernsehschirm nicht zu erkaufen. Keiner der Kandidaten – die demokratischen eingeschlossen – ist so häufig auf dem Bildschirm zu sehen wie Donald Trump, der mindestens so lautstark wie umstritten ist.

17.01.2016 – Ev/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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