Jetzt wird’s ernst

Kulturbruch mit WDR-Intendant Tom Buhrow

Von Dieter Anschlag

22.11.2013 • Vorweg sei eingeräumt: Es mag auch möglich sein, dass es irgendwie gutgeht, was der neue Intendant Tom Buhrow seit seiner Amtsübernahme beim WDR veranstaltet. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es schiefgeht, wird größer. Buhrow, der ehemalige „Tagesthemen“-Moderator, ist noch keine sechs Monate beim WDR im Amt. Nachdem seine Vorgängerin Monika Piel für eine gewisse Bunkermentalität stand und der Sender unter ihrer Amtsführung verblasste, versucht der neue Mann den Hebel umzulegen und sich offensiv als Kommunikator in Szene zu setzen. Das ist als Grundprinzip nicht schlecht, Tom Buhrow, 55, kommuniziert in seinem neuen Amt wirklich jede Menge. Problematisch ist nur, was er kommuniziert.

Es begann am Tag, als er vom Rundfunkrat zum Intendanten gewählt wurde und verkündete: „Ich liebe den WDR. Ich bring die Liebe mit.“ Viel Pathos zu Beginn und jede Menge Selbstbezogenheit. Tom Buhrow liebt das Scheinwerferlicht und scheut die Show nicht. Fast hat man den Eindruck, als wolle er, der einst als Korrespondent in Washington arbeitete, eine Portion amerikanisches Flair in die deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunkroutine bringen. Dies bestätigte sich, als er einige Wochen Intendant war und er eine große Pressekonferenz in Köln ansetzte nach den Motto: 100 Tage Amtszeit von Tom Buhrow. War er jetzt schon Regierungschef, oder gar Präsident, wie Obama? Umso schwächlicher, was er auf der Pressekonferenz zu verkünden hatte: Es ging um möglicherweise 1,3 Mrd Euro Schulden des WDR – da gab er sich also als Regierungschef, um von drohender Staatspleite zu sprechen und davon, dass man sie natürlich verhindern müsse. Als nächstes begab sich Tom Buhrow in die Stadt Mönchengladbach, um sich in einer Sendung namens „WDR-Check“ den Fragen von Zuschauern und Hörern zu stellen. Es war letztlich eine provinzielle Veranstaltung mit der zentralen Aussage des Intendanten, dass schon „allein das Regionale für einen Sender wie den WDR eine Existenzberechtigung“ sei. Früher stand der WDR für Weltproduktionen wie „Das Boot“

Die Frau vom Kommerzfunk

Konnte man das alles vielleicht noch unter dem Stichwort „Charmeoffensive“ verbuchen, denn im Lächeln ist Tom Buhrow wirklich gut, so wurde es ernst, als der neue Intendant seine ersten wichtigen Personalentscheidungen zu treffen hatte, schwierige Entscheidungen, mit denen sich Buhrow erstmals inhaltlich profilieren konnte. Doch was geschah? Er schlug TV-Chefredakteur Jörg Schönenborn, seinen Freund, mit dem er einst am selben Tag beim WDR ein Volontariat begonnen hatte, zum neuen Fernsehdirektor vor und Valerie Weber zur neuen Hörfunkdirektorin, denn eine Frau sollte im WDR-Führungstrio schon dabei sein. So wünscht es auch der Rundfunkrat, der am 22. November über die beiden Vorschläge Buhrows entscheidet.

Nun ist Valerie Weber eine durch und durch im kommerziellen Hörfunk sozialisierte Kandidatin und speziell mit dieser Personalie löste Tom Buhrow heftige Antireaktionen im WDR aus. Hatte er im Oktober in einem „Spiegel“-Interview noch stolz verkündet: „Ich bin Fleisch vom Fleische des WDR, das spüren die Kolleginnen und Kollegen“, so will er nun eine Radiomacherin zur Hörfunkdirektorin machen, die mit dem Fleisch vom Fleische des öffentlich-rechtlichen Rundfunks so viel zu tun hat wie eine Veganerin mit einer Metzgerei. Allen Rechtfertigungen zum Trotz, die Buhrow der Mitarbeiterschaft kommunizierte, erntete er im Hause nichts als Kopfschütteln und Wut. Denn hinter seiner Nominierung von Valerie Weber verbirgt sich nichts anderes als ein radikaler Kulturbruch. Der WDR-Intendant signalisiert damit: Aus dem eigenen historisch-kulturellen Bestand können wir die Zukunft nicht meistern und deshalb bedürfen wir der Hilfe der kommerziellen Konkurrenz. Tatsächlich gibt es bisher bei der ARD in den Positionen Intendant, Hörfunkdirektor und Fernsehdirektor nirgendwo einen früheren Protagonisten des Privatfunks. Und nun will Buhrow beim größten Sender der ARD jemanden in eine solche Spitzenposition berufen, der nicht für den Typus steht, der den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und seine Programme ausmacht. Jetzt ist der WDR-Rundfunkrat am Zug.

Text aus Heft Nr. 43/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

22.11.2013/MK