Schönenborn-Identity

Intendantenwahl beim WDR: Ein Sender auf verlorenem Kurs

Von Dieter Anschlag
24.05.2013 •

Der Amtsantritt von Monika Piel als WDR-Intendantin im April 2007 war durchaus mit Wohlwollen begleitet worden. Mit ihr hatte sich damals nicht unbedingt die Favoritin durchgesetzt. Sie schien für einen neuen Kurs beim WDR zu stehen, erstmals stand beim größten Sender der ARD eine Frau an der Spitze. Doch in den folgenden Jahren kam es anders. Monika Piel setzte keine Akzente, agierte scheu und defensiv, schottete sich ab – sie wurde zur unsichtbaren Intendantin (vgl. FK-Artikel). Für Aufsehen sorgte sie erst durch ihren völlig überraschenden vorzeitigen Rücktritt. Man muss akzeptieren, wenn gesundheitliche Gründe dafür den Ausschlag geben. Dennoch geschah diese Selbstdemission in einem Akt der Überstürzung tatsächlich von heute auf morgen.

Was das bedeutet, zeigt sich jetzt bei der Suche nach einem neuen Intendanten für den Westdeutschen Rundfunk in Köln. Denn Piel hat den Sender in einem völlig unaufgeräumten Zustand hinterlassen, sie hat auch nicht im Ansatz daran gearbeitet, einen möglichen Nachfolger aufzubauen. Hinzu kommt, dass die Ex-Intendantin auf der Direktorenebene ein unbestelltes Feld hinterlässt. Sowohl Fernsehdirektorin Verena Kulenkampff als auch Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz scheiden Ende April 2014 aus, ohne dass hier eine personelle Neuregelung avisiert wäre. Das hat ein Machtvakuum zur Folge, das den neuen Intendanten, wenn es um die Nachbesetzung der beiden Stellen geht, in seiner Position gegenüber dem Rundfunkrat noch unter Druck bringen kann. Und schließlich erinnert man sich auch an keine Programmprojekte, die den WDR in den vergangenen sechs Jahren nachhaltig nach vorne gebracht hätten. Wenn man sich an etwas erinnert, ist es das Scheitern des von Piel geförderten Thomas Gottschalk im Ersten.

Kommunikationsdefizite

Der WDR hat innerhalb der ARD an Gewicht verloren, in der Hierarchie unter der Intendanz fehlen dem Sender souveräne und markante Persönlichkeiten, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten den Sender geprägt haben, Persönlichkeiten von der Statur eines Friedrich-Wilhelm von Sell, Klaus von Bismarck, Günter Rohrbach, Günter Struve, Jörn Klamroth, Hansjürgen Rosenbauer, Manfred Jenke oder einer Gisela Marx, einer Carola Stern. Monika Piel gelang es beispielsweise nicht, den Prozess des Internet-Konflikts mit den Verlegern (als ARD-Vorsitzende) und das Verfahren der hochumstrittenen WDR-3-Radioreform (hausintern) konstruktiv zu steuern.

Äußerst unklug bei ihrem Rücktritt und strategisch falsch war auch, dass Piel anfangs sehr vage „persönliche Gründe“ als Ursache dafür angab. Das ließ alle möglichen Spekulationen über den WDR ins Kraut schießen und die ungesunde Unruhe in und um den Sender entsprechend steigen. Erst Wochen später schob Piel dann nach, dass es gesundheitliche Gründe seien, die sie zu ihrem Rückzug bewogen hätten. Das Ganze war ein Paradebeispiel für missglückte Informationspolitik.

Überhaupt befindet sich die Kommunikation beim WDR auf einem Tiefststand. Die Abteilungen, so scheint es, reden nicht mehr richtig miteinander oder sie beharken sich. Wenn man sich im Sender umhört und dabei feststellt, dass die Stimmung im WDR eisig ist, wie dies der „Kölner Stadt-Anzeiger“ getan hat, erhält man prompt eine Zuschrift des WDR-Unternehmenssprechers, der sich über den entsprechenden Bericht beklagt und klarstellen zu müssen glaubt, die Stimmung im WDR sei nicht eisig. Souveränität und Kritikfähigkeit, wie man sie von einem öffentlich finanzierten Sender dieser Größe erwarten kann, sehen anders aus. Der letzte WDR-Pressechef, der sich noch im Wortsinn als Kommunikationsdirektor verstanden hat, war Michael Schmid-Ospach. Und das ist nun auch schon ein Weilchen her.

Wenn es einen Typus gibt, der heute für den WDR steht, dann ist es Fernsehchefredakteur Jörg Schönenborn, der Meister der Wahlkampfzahlen, der Vorleser des „ARD-Deutschlandtrends“. Der WDR als Sender der „Schönenborn-Identity“, wie es die „Heute-Show“ des ZDF einmal so satirisch-nett auf den Punkt brachte (siehe Foto).

Bedeutungsverlust

Schönenborn war nun auch immer wieder als Kandidat für den WDR-Intendantenposten im Gespräch. Inzwischen soll er unter dem neuen Intendanten, so wird angesichts der von Piel nicht angepackten Personalfragen spekuliert, eher für den Posten des Fernsehdirektors in Frage kommen. Seit langem wird ihm nachgesagt, dass er auf der Karriereleiter beim WDR endlich auf eine höhere Stufe treten will. Wie auch immer. Nun wird man Schönenborn, der vor der Kamera zwar sicher, aber auch blass und emotionslos wirkt, attestieren können, dass er komplizierte demografische Daten anschaulich interpretieren kann. Jedoch eine Charmeoffensive im Umgang mit den WDR-Mitarbeitern oder den kreativen Autoren und Produzenten trauen ihm, der zudem immer etwas grundbeleidigt wirkt, auch im Sender nur wenige zu. Der Nichtentertainer Schönenborn, der eher technokratische Qualifikationen hat, wird wohl auch kaum schrille neue Unterhaltungsformate anschieben.

Der Bedeutungsverlust des Westdeutschen Rundfunks findet jetzt offenbar seine Fortsetzung bei der für den 29. Mai anstehenden Intendantenwahl zur Piel-Nachfolge. Dafür hat die Findungskommission des WDR-Rundfunkrats drei Kandidaten ausgesucht: „Tagesthemen“-Moderator Tom Buhrow, Radio-Bremen-Intendant Jan Metzger und Stefan Kürten, Director Sports and Business bei der europäischen Rundfunkunion EBU in Genf. Für die einen ist dies zumindest eine sehr verblüffende Auswahl, andere konnten es gar nicht fassen.

Tom Buhrow gilt im Sender wie in der ARD als netter Kerl, aber in Managementfragen wäre er beim WDR eher ein Praktikant. Über Jan Metzger schrieb das „Hamburger Abendblatt“, ihm werde nachgesagt, schon „den kleinsten ARD-Sender nicht im Griff zu haben“. Das sei dahingestellt. Metzgers wesentliche Qualifikation scheint jedoch seine SPD-Nähe zu sein. Somit würde er im Falle seiner Wahl zumindest der sozialdemokratischen NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft keine Probleme bereiten. Über Stefan Kürten wiederum lässt sich gar nichts sagen, da er bislang durch wesentliche rundfunkpolitische und medienstrategische Stellungnahmen nicht öffentlich aufgefallen ist. Und dies wird man von einem WDR-Intendantenkandidaten ja wohl erwarten dürfen.

Der SFB als warnendes Beispiel

Es hätte für die Wahl des neuen Intendanten der größten ARD-Landesrundfunkanstalt sicher Kandidaten gegeben, die als kommunikative Führungsfiguren eher in Frage gekommen wären. Aus dem Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks etwa Gottfried Langenstein (Arte/ZDF), Christoph Hauser (SWR), Stefan Abarbanell (RBB), Andreas Cichowicz (NDR) oder eben Peter Frey (ZDF), Claudia Nothelle (RBB) und Bettina Reitz (BR), die ja auch immer wieder genannt wurden. Und jenseits des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ließen sich allein aus dem „Spiegel“-Umfeld drei Kandidaten nennen, als da wären Stefan Aust, Matthias Müller von Blumencron und Jakob Augstein.

Mit der von ihr getroffenen Auswahl hat die Findungskommission dem WDR jedenfalls nicht unbedingt einen Gefallen getan. Das wirkt alles eher wie ‘verloren im Übergang’, ohne wirklich eine Perspektive zu bieten für einen programmlichen und strategischen Neuanfang. Obwohl wir uns natürlich gerne überraschen lassen. Die Sache aber wird auch dadurch nicht einfacher, dass alle Rundfunkhäuser nunmehr in einer Zeit agieren, in der sie sich im internationalen Wettbewerbsumfeld mit neuen Playern vom Schlage Netflix, Google und Amazon konfrontiert sehen.

Zu welchem Ergebnis dauernde Fehlgriffe beim Führungspersonal führen können, wissen Rundfunkhistoriker am Beispiel des Senders Freis Berlin (SFB) aufzuzeigen. Dieser wurde gnädigerweise durch historische Ereignisse in eine neue institutionelle Form überführt.  Das, so viel steht fest, wird dem WDR nicht passieren. Dieser Gedanke jedoch kann für niemanden ein Trost sein. Längst gibt es Stimmen, die fordern, das gesamte Verfahren noch einmal von Anfang an neu aufzurollen. Vielleicht sollten die 48 Mitglieder des WDR-Rundfunkrats genau darüber noch einmal ernsthaft nachdenken. Bevor eine überstürzte Entscheidung getroffen wird. In der Ruhe liegt die Kraft.

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Die bisherigen Intendanten des WDR waren:

Hanns Hartmann (1956 bis 1961; von 1947 bis 1956 war Hartmann Intendant der Vorgängeranstalt NWDR), Klaus von Bismarck (1961 bis 1976), Friedrich-Wilhelm von Sell (1976 bis 1985), Friedrich Nowottny (1985 bis 1995), Fritz Pleitgen (1995 bis 2007) und Monika Piel (2007 bis 2013).

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• Text aus Heft Nr. 21/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

24.05.2013/MK

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