Rundfunkdiplomatie

Ein Gespräch mit dem früheren ARD‑Programmdirektor und Arte‑Vizepräsidenten Dietrich Schwarzkopf

Von Lutz Hachmeister und Dieter Anschlag

17.11.16  • Dietrich Schwarzkopf, geb. am 4. April 1927 in Stolp (Pommern), hat wie kaum ein Zweiter nach Kriegsende 1945 das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem der Bundesrepublik Deutschland durchlebt und geprägt. Er begann seine Medienlaufbahn zunächst in(West-)Berlin beim gerade gegründeten „Tagesspiegel“, dessen Korrespondent in der Bundeshauptstadt Bonn er wurde. 1962 wechselte er dann zum Rundfunk und wurde Leiter des Bonner Büros des Deutschlandfunks. Anschließend wurde Schwarzkopf beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) Fernsehprogrammdirektor (1966 bis 1974) und stellvertretender Intendant (1974 bis 1978). Danach war er von 1978 bis 1992 für die ARD Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen (mit Sitz in München). Von 1991 bis 1994 amtierte er auch als Vizepräsident des deutsch-französischen Kulturfernsehsenders Arte (Straßburg). Daneben war Schwarzkopf stets als Rundfunkhistoriker tätig, 1999 veröffentlichte er bei dtv das zweibändige Standardwerk „Rundfunkpolitik in Deutschland“. Von 1992 bis 2010 war er Vorsitzender der Historischen Kommission der ARD. Schwarzkopf war unter anderem auch ARD-Koordinator für kirchliche Sendungen, Mitglied des Kuratoriums des Grimme-Instituts, Senator der Max-Planck-Gesellschaft und von 1979 bis 2009 Vorsitzender des Trägervereins der Deutschen Journalistenschule in München. Lutz Hachmeister und Dieter Anschlag trafen sich mit Dietrich Schwarzkopf, der im nächsten Jahr 90 Jahre alt wird, in dessen Wohnung in Starnberg zum Gespräch über ein langes Leben als Journalist und Rundfunkmanager. • MK

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MK: Herr Schwarzkopf, Sie sind Jahrgang 1927 und Ihr Vater, Ihr leiblicher Vater, ist auch in dem Jahr gestorben.

Schwarzkopf: Ja, wenige Monate nach meiner Geburt.

MK: Wie sehr beeinflusst einen das im Lauf der Zeit? Oder sagt man sich: Ich habe ohnehin nur meinen Stiefvater kennengelernt und von daher ist das eben de facto mein Vater?

Schwarzkopf: Nein, der Stiefvater spielte zunächst gar keine Rolle. Er war ja auch noch nicht sofort da, nachdem mein Vater gestorben war. Um die Erziehung hat sich mein Großvater sehr nachhaltig gekümmert. Er hat vor allem mein Interesse für Geschichte geweckt. Meine Mutter hat sich mehr den Freuden des Lebens zugewandt. Sie hat Tennis gespielt, Bridge gespielt, Partys besucht und war sehr fröhlich.

MK: Sie sind in Potsdam aufgewachsen. Könnte man Ihr Elternhaus als gutbürgerlich situiert beschreiben?

Schwarzkopf: Absolut, ja.

MK: Es gab also keine materiellen Sorgen?

Schwarzkopf: Es gab überhaupt keine materiellen Sorgen. Meine Mutter erhielt eine kleine Pension. Und der Großvater subventionierte den Haushalt sehr stark.

MK: Und Ihr späterer Stiefvater war Oberstudiendirektor, das bedeutete dann auch finanziell eine sehr gute Position.

Schwarzkopf: Ja. Meine Mutter lernte ihn, glaube ich, im Jahr 1932 kennen und sie hat mir erzählt, wenn er sie mit seinem Auto vom Tennisclub abholte – und er hatte an seinem Wagen ein Fähnchen in den Farben der Republik –, dann sagten die Leute in dem hochkonservativen Club: „Hier kommt Rotfront.“

MK: Wie würden Sie Ihren Stiefvater politisch einordnen?

Schwarzkopf: Als rechtsliberal. Er ist dann später Mitglied der NSDAP geworden, was seiner Karriere bekömmlich war.

MK: Welche Art von politischer Formung haben Sie während Ihrer Jugend erfahren? Sie waren 18 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg, als die Herrschaft der Nationalsozialisten zu Ende war. Wie haben Sie diese Zeit in ihrer politischen Sozialisation empfunden?

Schwarzkopf: Ich habe ja meine gesamte Jugend im Dritten Reich verbracht. Ich hatte zunächst nichts gegen Hitler – unter der Voraussetzung, dass er mich in Frieden ließ. Das bedeutete, dass ich nicht wünschte, zu irgendwelchen Aktivitäten eingezogen zu werden. Und das ist in erstaunlicher Weise geglückt. Ich bin also in keinem Wehrertüchtigungslager gewesen. Ich war nicht Flakhelfer. Ich war nicht Arbeitsmann, nicht Soldat und nicht Volkssturmmann. Immer wurde bei den Musterungen festgestellt, dass ich herzkrank sei. Damals stimmte das nicht wirklich. Jetzt stimmt’s.

MK: Das war damals also eine Ausrede, die vorgebliche Herzkrankheit?

Nach dem Krieg war Religion für mich wichtiger als Politik

Schwarzkopf: Nein, ganz so war es auch nicht, es war zum Teil so. In einem Fall zumindest konnte ich ein Attest von einem HJ-Arzt vorzeigen, von einem Amtsarzt der Hitler-Jugend also. Diese Ärzte durften Atteste nur ausstellen, wenn der Betreffende nahezu todkrank war. Und der HJ-Arzt bescheinigte mir, dass ich eben sehr, sehr krank sei. Das Attest präsentierte ich bei meiner letzten Musterung am 6. März 1945 in Berlin-Schöneberg im Rathaus und daraufhin wurde mir gesagt: „Also, Sie scheiden aus den Diensten der Deutschen Wehrmacht aus.“

MK: Kurz danach war die gesamte Deutsche Wehrmacht aus ihren Diensten ausgeschieden.

Schwarzkopf: Allerdings. Meine Mutter hatte das Attest besorgt, indem sie diesem Amtsarzt der HJ, der ein Alkoholiker war, drei Flaschen Schnaps gegeben hatte.

MK: So konnte man es machen. Wenn Sie noch einmal zurückblicken auf diese politische Formung oder gesellschaftliche Formung mitten im sogenannten Dritten Reich, wo man ja – das kann man sich heute so kaum noch vorstellen – umgeben war von einer komplett einseitig gelenkten Kommando-Publizistik und einer Propaganda: Wie haben Sie sich da informiert? Wird man in so einer Situation eher hellhörig und denkt, ich muss mir andere Quellen besorgen, wenn man erfährt – durch Gerüchte –, das Kriegsgeschehen läuft nicht so, wie es der „Führer“ offensichtlich vorhat?

Schwarzkopf: Dass das Kriegsgeschehen ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr ganz im Sinne des „Führers“ lief, das war ja sogar aus dem Wehrmachtsbericht zu entnehmen. Insofern war eigentlich die Substanz der Information: Wo steht die Front? Das war das Wichtigste und das kriegte man auch ohne unterschiedliche Quellen mit. Selbst wenn der Wehrmachtsbericht gelegentlich ein bisschen gelogen hat. Wir haben eine Zeit lang Radio Hilversum gehört, haben es dann aber gelassen, weil wir zu dieser Zeit in einer Dienstwohnung in Berlin waren, im Gebäude der Schule, deren Oberstudiendirektor mein Vater war, und wir mussten stark vermuten, dass der Hausmeister oder sonst irgendjemand dort das mitbekommt, wenn wir diesen holländischen Sender hörten. Wir haben dann ein Schildchen an den Radioapparat gehängt, dass man hier keine Feindsender hört.

MK: Wie war nach Kriegsende Ihre politische Einstellung? Sie gelten als Christdemokrat…

Schwarzkopf: Nach dem Krieg habe ich zunächst eigentlich gar keine politische Orientierung gehabt. Ich bin dann im Jahr 1946 aus der evangelischen Kirche ausgetreten und katholisch geworden. Das war für mich ein ganz wichtiger Schritt der Orientierung. Ich bin in das Wesen und die Funktion des katholischen Glaubens eingeführt worden von einem Kaplan des Grafen von Galen aus Münster, der mir dann auch von Kardinal von Galen und dessen Haltung gegen die Nazis berichtete, was mir ungeheuer imponiert hat. Das hat sehr stark meine Entscheidung beeinflusst, katholisch zu werden, zumal die evangelische Kirche mir auch deshalb nicht gefiel, weil ich während der Zeit des Nationalsozialismus von einem Pfarrer, der deutscher Christ war, konfirmiert worden bin, der eigentlich nicht viel anderes erzählte als das, was man auch in der Hitler-Jugend hörte.

MK: Das heißt, nach dem Krieg war Religion für Ihre Prägung wichtig geworden?

Schwarzkopf: Ja, da spielte die Religion für mich eine weitaus größere Rolle als die Politik. Mich hat früh die Auffassung der amerikanischen Verfassungsväter überzeugt, dass der Staat keine Religion errichten und nicht für Religion missionieren darf, dass er aber ermöglichen muss, dass Religion stattfindet, weil sie eines der wichtigsten Elemente des Zusammenhalts des Staatlichkeit ist. Diese Regel muss nach meiner Meinung auch für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelten.

MK: Und heute? Wie hat sich das im Verlauf der Jahrzehnte entwickelt?

Schwarzkopf: Ich bin natürlich immer katholisch geblieben. Ich habe auch einen recht schönen Orden vom Papst bekommen. Aber ich bin in den Stress-Situationen der Ämter, die ich innehatte, eigentlich sehr selten zur Kirche gegangen.

MK: Das heißt, Sie hatten nicht das Bedürfnis, eine höhere Macht anzurufen, um wichtige Entscheidungen zu treffen – medienpolitische Entscheidungen etwa?

Schwarzkopf: Nein.

MK: Wollten Sie möglicherweise mal Pfarrer werden?

Schwarzkopf: Nein, das nie. Ursprünglich wollte ich gerne Archivar werden.

MK: Und das sind Sie dann ja zunächst auch geworden.

Etwas Kriegswichtiges leisten, um die Lebensmittelkarte zu erhalten

Schwarzkopf: Ja, aber nicht in einem Zeitungsarchiv, sondern in einem Staatsarchiv, wo man eigentlich ein abgeschlossenes Studium der Geschichte nachweisen muss. Ich habe nur ein Jahr in die Arbeit des Preußischen Geheimen Staatsarchivs in Berlin-Dahlem hineingucken können. Das war eine sehr angenehme Arbeit, weil man mir die Katalogisierung der Theaterzensurbibliothek des Berliner Polizeipräsidiums während der Zeit von 1848 bis 1918 zugewiesen hatte. Da habe ich natürlich mehr gelesen als katalogisiert. Das Ganze kam so zustande: Da ich für die Wehrmacht nicht tauglich war, musste ich ja irgendetwas anderes Kriegswichtiges tun, sonst hätten sie mir die Lebensmittelkarte verweigert. Da erinnerte sich meine Mutter, dass in ihrem Bridge-Kränzchen in Potsdam die Frau des Präsidenten der Preußischen Staatsarchive war. Sie hat ihn dann angeschrieben und gefragt, ob ich dort nicht etwas tun könne.

MK: Und dann ging es auf dem kurzen Dienstweg.

Schwarzkopf: Der Präsident der Staatsarchive sagte zu meiner Mutter: „Gerne, gnädige Frau. Ihr Sohn kann kommen. Zahlen können wir natürlich nichts.“

MK: Das ist ja wie heute bei Praktikanten. Und dann gingen Sie zum Vorstellungsgespräch? Oder fingen Sie sofort an?

Schwarzkopf: Ich musste mich beim Präsidenten des Preußischen Staatsarchivs in Berlin präsentieren. Ich kam dazu zehn Minuten zu spät, weil – es war ja nun schon März 1945 – die U-Bahn nicht mehr ganz pünktlich fuhr. Über meine Verspätung war der dortige Präsident sehr böse. Und ganz besonders war er böse darüber, dass sein Vorgesetzter, der Präsident aller Archive, angeordnet hatte, dass ich im Archiv tätig sein konnte. Denn eigentlich hätte ich außer dem abgeschlossenen Geschichtsstudium auch noch mitbringen müssen: nachgewiesenen Wehrdienst und möglichst eine Mitgliedschaft in der NSDAP. Das alles konnte ich nicht nachweisen. Da hat er mich schief angeguckt, aber er konnte ja nichts machen. Denn sein Chef hatte gesagt, dass es so sein soll, dass ich hier anfange. Und er schaute mich weiter an und dann sagte er: „Spitzweg-Figuren wie Sie können wir eigentlich gar nicht gebrauchen.“ Und er fuhr fort: „Der deutsche Archivar muss in den besetzten Gebieten aufzutreten wissen.“ Ich habe rasch überlegt, welche Gebiete das denn noch waren, und kam auf eine beschränkte Zahl. Ich hatte also einen grummeligen Chef. Aber abgesehen davon war es sehr gemütlich dort.

MK: Sind Sie noch in den letzten Kriegswochen dort angefangen?

Schwarzkopf: Ich kam dann nach dem Krieg zurück und da sagte dieser Präsident des Berliner Archivs: „Jetzt brauchen wir Sie erst recht nicht. Jetzt kommen unsere Kriegsgefangenen nach Hause.“ Vor der Tür stand ein Buchbinder, mit dem ich mich etwas angefreundet hatte, und der mir insgeheim gestanden hatte, dass er Sozialdemokrat sei. Der sagte: „Warten Sie mal ein paar Tage, dann ist der Mann weg.“ Und dann bin ich wiedergekommen und es war alles sehr nett und lehrreich, abgesehen davon, dass es kein Geld gab.

MK: Wie kamen Sie dann zum „Tagesspiegel“?

In Berlin wird eine Zeitung namens „Tagesspiegel“ gegründet

Schwarzkopf: Kurze Zeit später kam in meine Abteilung des Archivs ein Studienrat, der den Ehrgeiz hatte, im Sommer 1945 eine Doktorarbeit zu schreiben über die Altberliner Posse. Dazu brauchte er unbedingt von mir katalogisiertes Material. Ich schilderte ihm meine Situation und was ich beruflich weiter machen wollte. Er sagte, demnächst werde in Berlin eine Zeitung namens „Tagesspiegel“ gegründet, da sollte ich doch mal hingehen. Das habe ich dann auch getan. Dort wurde ich von zwei Lizenzträgern angeschaut.

MK: Welche waren das?

Schwarzkopf: Das waren Walther Karsch und Edwin Redslob. Karsch war der letzte Redakteur der „Weltbühne“ und Redslob war Reichskunstwart in der Weimarer Republik gewesen. Sie sagten dann zu mir, ich käme doch aus einem Archiv, und fragten, ob ich nun ins Archiv der Zeitung wolle oder in die Redaktion. Ich habe gefragt: „Wo gibt es mehr Geld?“ Da haben sie gesagt: „Im Archiv.“ Also ging ich ins Archiv dieser neu gegründeten Zeitung „Der Tagesspiegel“. Ich bekam dann aber doch allmählich das Gefühl, dass es nicht so schön ist, immer nur Ausschnitte zu sortieren von Leuten, die was Schönes geschrieben haben, und ich hatte inzwischen ein Jura-Studium als Werkstudent angefangen. Dazu kam noch ein einjähriger Aufenthalt in Amerika. Nach der Rückkehr aus den USA habe ich gesagt: „Ich möchte gerne in die Redaktion.“ Und dann wurde ich in die Redaktion übernommen.

MK: Bevor wir weiter auf Ihre Nachkriegskarriere eingehen, lassen Sie uns noch eine Rückfrage zu der Zeit von 1933 bis 1945 stellen. Man hat im Nachhinein – man weiß das heute – das Gefühl, dass es in den 1950er und 1960er Jahren und sogar noch weit darüber hinaus sehr schwer war, über die Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen, über seine persönliche Geschichte während dieser Zeit. Man kann das zum Beispiel mit Hans Abich belegen, dem früheren Intendanten von Radio Bremen und späteren ARD-Programmdirektor, auf dieser Position wurden Sie ja 1978 sein Nachfolger. Wir wissen heute, dass Abich, später ein bedeutender Linksliberaler, teilweise im Jargon der Zeit liegende NS-Artikel in der Studentenzeitschrift geschrieben hat, wo er studierte, an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät in Berlin, die von einem Professor mit hohem SS-Rang geleitet wurde. Er konnte darüber aber nicht reden. Er hat irgendwie versucht, das zu umgehen. Wie kam das? Oder würden Sie Hermann Lübbe zustimmen mit seiner These, dass dieses Beschweigen heilsam gewesen war für die bundesdeutsche Gesellschaft nach 1945? Warum konnte man so lange nicht darüber reden, was man damals real empfunden oder gedacht hatte?

Schwarzkopf: Da ich persönlich nie irgendein Zögern gehabt habe, über meine Zeit in der Hitler-Periode zu sprechen, hat mich das, offen gestanden, nicht beschäftigt. Ich hatte ja auch nicht viel damit zu tun. Ich habe mich freiwillig zur Hitler-Jugend, also zum Deutschen Jungvolk, gemeldet. Ich selbst wollte eigentlich nicht. Die Eltern haben aber gesagt: „Junge, es ist doch besser, wenn du das machst.“ Dann habe ich das gemacht. Das war anfangs auch ganz lustig, wenn ich dort mit Jungs aus der nächsten Umgebung zusammen war. Wir hatten einen Fähnleinführer, der aus der bündischen Jugend kam und der sehr vernünftig war. Später habe ich ihn in München wiedergetroffen. Er war Aufsichtsratsmitglied einer sehr großen Firma. Aber in der HJ hatte ich nach einem Jahr schon keine Lust mehr, und mein Hausarzt stellte mir eine Bescheinigung aus, dass ich krank und hinfällig sei, und so wurde ich für ein Jahr be­urlaubt. Unser damaliger Hausarzt, Herr Doktor Starke, war der NSDAP nicht sonderlich freundlich gewogen, weil er den Totenschein für den im Zuge des Röhm-Putsches von den Nazis ermordeten Reichskanzler und General Kurt von Schleicher ausgestellt hatte. Ich begann, die Hitler-Jugend nicht zu mögen, als ein neuer Fähnleinführer sich daran erinnerte, dass eben nicht nur Kinder aus Neubabelsberg dazugehörten, sondern auch aus Nowawes, der proletarischen Stadt, dem heutigen Potsdamer Stadtteil Babelsberg. Dieser Fähnleinführer hat immer am Sonntag gemeinsame Ausmärsche organisiert und die Jungs gefielen mir nicht, das waren Rowdys. Ich bin dann immer vorgetreten und habe gesagt, ich könne nicht mitmarschieren, ich hätte Bauchschmerzen. Ein paar Male haben sie mich auch gehen lassen. Dann brauchte ich zwar nicht mitzumarschieren, wurde aber in das Haus der Mutter des neuen Fähnleinführers gebracht, wo ich mich unter Aufsicht seiner Mutter so lange hinlegen musste, bis der Dienst der anderen zu Ende war.

Die Serie „Holocaust“: Angst vor der Begegnung mit dem Entsetzlichen

MK: Dass nach Kriegsende viele Deutsche sehr lange nicht über ihre Ansichten während der NS-Zeit sprechen konnten, haben Sie aber später als ARD-Programmdirektor ja auch mitbekommen, als es die Aufwallungen gab, die von der US-Spielserie „Holocaust“ ausgelöst wurden. Und das muss ja durch etwas motiviert worden sein. Da war offenbar so eine Art von Reflexionsstau in der deutschen Bevölkerung. Sonst hätte „Holocaust“, als die Produktion 1978 in den Dritten Programmen der ARD ausgestrahlt wurde, ja nicht eine solche Aufregung hervorgerufen.

Schwarzkopf: Ich weiß gar nicht, ob das, wenn wir jetzt von „Holocaust“ sprechen, ein Reflexionsstau war. Ich glaube, es war einfach die Angst vor der Begegnung mit dem Entsetzlichen und vor der Wahrnehmung, dass man damit etwas zu tun gehabt hatte.

MK: Genau das sollte mit dem Wort Reflexionsstau gemeint sein. Man wollte damit nicht real konfrontiert werden.

Schwarzkopf: Es hat ja auch vor „Holocaust“ im deutschen Fernsehen durchaus viele Sendungen zur NS-Zeit gegeben. Beispielsweise vom NDR den Film „Ein Tag“, in dem es um die Darstellung eines Tages in einem Konzentrationslager geht. Es hat wirklich eine beträchtliche Menge solcher Sendungen gegeben. Aber es hatte sich hier niemand getraut wie die Amerikaner bei „Holocaust“, das gleichsam unterhaltungsmäßig als eine Familiengeschichte zu erzählen, weil niemand bedacht hat, dass, wenn man eine Familiengeschichte erzählt, man dann auch Sympathien begründet und Entsetzen und dass man dann Mitleid und Unrechtsbewusstsein empfindet, wenn diese Sympathieträger irgendetwas Schreckliches erleiden.

MK: Das ist ja auch der Grund für die anhaltende Wirkung der Anne-Frank-Geschichte, weil man sich das alles plötzlich plastisch vorstellen kann. Die Familie versteckt sich, man erlebt es mit ihr, und sie gehen fast alle in den Tod. Um zu Ihrer Zeit in den USA zu kommen, 1951: Haben Sie dort den Höhepunkt der McCarthy-Zeit wahrgenommen, die Jagd nach vermeintlichen oder tatsächlichen Kommunisten? Oder war es ein Studienausflug, wo man sich mehr allgemein dafür interessiert, wie die USA denn eigentlich so aussehen?

Schwarzkopf: Die McCarthy-Zeit habe ich sehr deutlich wahrgenommen, weil eigentlich sehr viele in dieser Zeit an der Universität anstrebten, da irgendeinen Gewinn für sich herauszuschlagen. Beispielsweise gab es an der Universität von Minnesota einen Junior-Professor, der einen Club gründete. Der Club hieß „Deminform“, um zu symbolisieren, dass jetzt die große Macht eines Vereins aus Minnesota gegen die Kominform antritt, also das von der damaligen KPdSU dominierte internationale „Kommunistische Informationsbüro“. Und diesem Club an der Universität Minnesota bin ich auch beigetreten. Die Kommunisten mochte ich nun gar nicht. Der Professor wollte ins Außenministerium und deshalb gerne antikommunistische Aktivitäten vorweisen. Der Verein gewann auch Vermögen. Dadurch, dass der Inhaber eines Mädchenheims, in dem Studentinnen wohnten und andere, dem Club beitrat. Dieser Mann war ein entschiedener Antikommunist, weil er 1917 den Auftrag erhalten hatte, für die damals noch bestehende „New York Herald Tribune“ in dem zu dieser Zeit ja nun demokratisch werdenden Russland einen Vertrieb aufzubauen. Dabei hatte er sich eine Geschlechtskrankheit zugezogen, und es waren die Kommunisten, die er dafür verantwortlich hielt. Er war nun dazu bereit, einem Verein beizutreten, der diese Kommunisten – wenn auch nur intellektuell – bekämpfen wollte. Doch dann kam die Universitätsleitung darauf, was da getrieben wurde, und teilte mit, dass ausländische Studenten sich nicht politisch betätigen und vor allem nicht eine Funktion in einem Verein übernehmen durften, wo das Ganze mit Eigentumsfragen verbunden war.

MK: In Ihrer Masterthese „State Responsibility for Hostile Propaganda in Peacetime“ – das passt ja zu diesem Thema –, worum ging es da genau?

Schwarzkopf: Im Wesentlichen ging es um die Verantwortung der Sowjetunion, die ja gelegentlich abgestritten wurde, für Kominform und vergleichbare Aktivitäten.

MK: In einer historischen Perspektive oder einer aktuellen?

Schwarzkopf: In damals aktueller Perspektive. Das kann man ja nicht auseinanderhalten.

MK: Anfang der 1950er Jahre also. Wenn Sie dieses politische Klima seinerzeit mitbekommen haben, wundert es Sie heute, was wir gerade mit dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten-Wahlkampf mit Donald Trump erleben, oder würden Sie sagen, dass dies eine populistische Linie in den USA ist, die es schon sehr lange konstitutiv gibt?

Klaus Bölling glaubte, dass ich auf dem rechtesten Flügel stünde

Schwarzkopf: Die gibt es schon sehr lange. Nach meiner Rückkehr aus den USA muss ich übrigens in der „Tagesspiegel“-Redaktion irgendetwas Positives über die konservative Veteranenorganisation der Soldaten in Amerika gesagt haben. Seither glaubte Klaus Bölling, der damals beim „Tagesspiegel“ mein Kollege war, dass ich auf dem rechtesten Flügel stünde – durch Amerika quasi vergiftet sei. Es hat eine Weile gebraucht, bis ich das wieder abbauen konnte.

MK: Die Zeit als Redakteur beim „Tagesspiegel“ in West-Berlin, war das eine angenehme Zeit für Sie?

Schwarzkopf: Ja, eine sehr angenehme Zeit. Sie war insofern sehr angenehm, weil Erik Reger, der damalige Chefredakteur und Mitherausgeber, ein großartiger Lehrer war – in Bezug auf Sprache, in Bezug auf Grammatik, in Bezug auf Zeichensetzung bis hin zur Wichtigkeit des Semikolons. Und er hatte einen ganz wachen Sinn für das journalistisch-publizistisch Attraktive. Aber Reger hat auch sehr interessante Wandlungen durchgemacht. Er hat 1933 den Kleist-Preis bekommen für seinen Roman „Union der festen Hand“, der sehr kapitalismuskritisch war und der unmittelbar nach dem Krieg auch wieder im Ost-Berliner Aufbau-Verlag erschien. Irgendwann hat Reger aber Prinz Louis Ferdinand von Preußen kennengelernt und dann hat er einmal im Nebensatz einer Buchbesprechung sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass die Monarchie in Deutschland zur Zeit nicht möglich sei. Er war nicht nur monarchiefreundlich, sondern auch ausgesprochen McCarthy-freundlich.

MK: Was war Ihre persönliche Linie beim „Tagesspiegel“?

Schwarzkopf: Ich war beim „Tagesspiegel“, für den ich bald, weil die politische Redaktion nicht viele Mitarbeiter hatte, eine ganze Menge Leitartikel schrieb, ein ausgesprochener Anhänger der Adenauerschen Linie. Als es etwa um die berühmte Bindungsklausel der Westverträge ging, also die Frage, ob ein vereinigtes Deutschland an die NATO gebunden sei, da habe ich geschrieben: Ist doch gar kein Problem, die Bundesrepublik ist Deutschland und wenn die DDR hinzukommt, freuen wir uns, aber die ist dann auch Deutschland und damit auch Teil der NATO. Dann entschied sich der Verleger, Karl Silex zum Chefredakteur zu machen, und der schrieb sehr schnell das genaue Gegenteil: Die Bindungsklausel verhindere die Wiedervereinigung. Ich bedauere immer noch, dass Silex, der 1982 in Köln starb, nicht mehr miterlebt hat, dass meine Voraussage stimmte. Silex hat dem „Tagesspiegel“ aber insgesamt gut getan.

MK: Das war damals ein bekannter Name, ein profilierter Publizist.

Die eiserne Regel der Bonner Hauptstadtjournalismus-Zeit

Schwarzkopf: Ja, er war bekannt. Er war ja von 1933 bis 1943 Chefredakteur der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ und wollte dann auch nach dem Krieg das Leben, das er als Chefredakteur geführt hatte, in West-Berlin fortsetzen. Also: Golf mit den Alliierten und Cocktailpartys, gesellschaftliches Leben als Informationsquelle. Zugleich nahm er seine Aufgabe als Chefredakteur sehr genau wahr.

MK: Es war schon ein bisschen auch eine männerbündische Atmosphäre damals in den Redaktionen, wo nur ganz wenige Frauen arbeiteten.

Schwarzkopf: Mag sein, ja. Praktisch arbeiteten ja Frauen erst in der Moderedaktion. Aber einige Auslandskorrespondentinnen schätzten wir sehr. Silex war es dann, der mich – vielleicht auch weil er mich zwar für ein begabtes Kind hielt, aber doch für jemanden, der nicht auf seiner Linie lag – als Korrespondent nach Bonn geschickt hat. Und in der Bundeshauptstadt zu sein, das fand ich fabelhaft, das hat mir sehr gut getan. Es war eine der schönsten Zeiten meines journalistischen Lebens.

MK: In letzter Zeit wird häufig der neue Berliner Hauptstadtjournalismus thematisiert, der stets so hypernervös erscheint und auch noch angefeuert wird durch die neuen digitalen Technologien, die sozialen Netzwerke, Facebook, Twitter und so weiter. War es damals in Bonn wirklich komplett anders?

Schwarzkopf: Naja, es gab natürlich ebenfalls das Drängen nach News, aber es war bestimmt nicht so aufgeregt wie heute. Und vor allem gab es eine eiserne Regel: Über das persönliche Leben von Politikern wird nicht berichtet. Die CDU hat einmal versucht, diese Regel zu durchbrechen, durch Finanzierung und kostenlose Verbreitung eines Buchs mit dem Titel „Da war auch ein Mädchen“. Da ging es um eine frühere Geliebte von Willy Brandt, eine Journalistin, die wegen ihrer Beziehung zu Brandt in der DDR eingesperrt war. Und als sie schließlich zurückkam, war Willy Brandt nicht mehr so interessiert an ihr. Das hat sie so enttäuscht, dass sie zu Franz Josef Strauß überlief. Das Buch, das Brandt und der SPD schaden sollte, wurde jedenfalls eisern totgeschwiegen in Bonn.

MK: Aber es ist erschienen..?

Schwarzkopf: Ja, das war meiner Erinnerung nach 1961. Und die CDU hat das Buch großzügig verteilt.

MK: Sie verließen den „Tagesspiegel“ dann und wurden 1962 Leiter des Bonner Büros des Deutschlandfunks. Was war die Motivation dafür? Bessere Bezahlung? Einfach mal das Medium wechseln, mal zum Hörfunk gehen?

Schwarzkopf: Ich war interessiert daran, das Medium zu wechseln. Aber insbesondere war es so, dass mir die Stelle beim Deutschlandfunk angeboten wurde, das heißt, ich habe mich nicht beworben. Es vergnügt mich ja im Übrigen doch, dass ich mich bis zum Schluss meiner beruflichen Laufbahn niemals um eine der Stellen, die ich übernommen habe, bewerben musste, außer einmal, beim „Tagesspiegel“, ganz früh. Ah, es gibt noch ein zweite Ausnahme, später bei Arte; da habe ich freilich gesagt, ich hätte diesen Posten gerne. Den haben sie mir dann aber auch gegeben.

MK: War es von der Art der Arbeit schwierig, das Medium zu wechseln?

Schwarzkopf: Ich kannte mich damals im Hörfunk schon einigermaßen aus. Denn ich hatte als „Tagesspiegel“-Korrespondent bereits ziemlich viel in Nebentätigkeit für Radioprogramme gearbeitet. Für die des Norddeutschen Rundfunks und des Senders Freies Berlin, wo nun Klaus Bölling mir Aufträge gab, auch für das Hörfunknachtprogramm des Westdeutschen Rundfunks, das damals noch sehr anspruchsvoll war und alle möglichen schwierigen Themen brachte. Da reizte es mich schon sehr, ganz zum Radio überzuwechseln. Als ich dann beim Deutschlandfunk war, habe ich beim WDR den ersten Fernsehkommentar im Ersten Fernsehprogramm gesprochen. Das war 1964. Den zweiten sprach Friedrich Nowottny. Das habe ich dann öfter gemacht, denn das interessierte mich auch.

MK: So war Ihr Weg zum Fernsehen schon früh vorgezeichnet.

Schwarzkopf: Ja, gewissermaßen. Ich wäre ja fast sogar beim WDR gelandet, als der Sender sein Drittes Fernsehprogramm errichtet hat, dessen Leiter Werner Höfer geworden war. Es kam da jemand im WDR-Verwaltungsrat auf den Gedanken, dass ich Höfers Stellvertreter werden sollte. Meine Frau hat aber gesagt: „Um Gottes Willen, tu das nicht! Du wirst dich mit dem Höfer nie vertragen.“ Das habe ich dann auch eingesehen und habe es gelassen.

MK: Warum meinte Ihre Frau, dass Sie sich mit Werner Höfer nicht vertragen würden?

Werner Höfer hat alle Frauen rausgeschmissen

Schwarzkopf: Weil meine Frau eine der Fernsehmoderatorinnen beim WDR gewesen war. Nicht beim Dritten Fernsehprogramm, sondern beim Fernseh-Regionalprogramm in Köln. Durch diese Stelle hatte sie lokal Anerkennung gefunden. Dann hat Höfer alle Frauen rausgeschmissen. Das ging damals einfach so, ohne große Proteste. Da gab es eine ganz kleine Notiz im „Spiegel“ – das war alles.

MK: Warum hat Werner Höfer das getan?

Schwarzkopf: Er war der Meinung, Frauen schaffen das nicht. Sie seien nicht für solche Stellen geeignet, obwohl die Lebenswahrheit völlig dagegen sprach. Es war eine seiner majestätischen Entscheidungen. Und meine Frau hat völlig Recht gehabt, mir abzuraten, zum WDR zu gehen. Denn als Höfer, der zunächst nur für das Dritte Fernsehprogramm des WDR zuständig war, später als Programmdirektor auch für den Anteil des WDR am Ersten Programm verantwortlich wurde und dann in die Programmkonferenz kam, die ich ja als ARD-Programmdirektor leitete, hat er zunächst geglaubt, alles müsse auf sein Kommando hören, weil der WDR den größten Anteil lieferte. Und ich hatte ihm dann sagen müssen, dass das nicht so sei. Dann ging er überall umher und sagte, ich sei ja mal so ein guter Korrespondent gewesen, was implizierte, was danach kam, war aber nicht mehr gut.

MK: Sie haben ja häufiger über den Strukturwandel der Dritten Fernsehprogramme der ARD geschrieben. Von den Anfängen, die Sie selbst miterlebt haben, bis heute, wo man sagt, es kommt viel Landlust in den Dritten vor, beim WDR etwa sieht man die schönsten Talsperren des Siegerlandes. Die Dritten bilden also, wollen wir es einmal so sagen, eine Art Heimatprovinz ab, im Guten wie im Schlechten. Würden Sie heute sagen, dass es vernünftiger war, diese Dritten Programme als Experimentierfläche zu benutzen, als Fläche für Innovationen, mit allen politischen Implikationen, die das damals auch hatte, dass also der WDR links durchwirktes Programm machte und der Bayerische Rundfunk schön CSU-nah war?

Schwarzkopf: Dass das Regionale in den Dritten Programmen seinen Platz finden sollte, das hielt ich schon für wünschenswert. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass der NDR beteiligt war an einem norddeutschen Theaterpreis, und die Stücke, die dort gewonnen hatten, die wurden dann aufgezeichnet und im Dritten Fernsehprogramm des NDR gezeigt. Also, in dieser Art kann ich mir eine Berücksichtigung des Regionalen gut vorstellen.

MK: Dann erhielten Sie 1966 das Angebot, Fernsehdirektor des NDR zu werden.

Gleichzeitig mit dem NDR-Angebot kam eines vom Springer-Verlag

Schwarzkopf: Ja, dadurch erübrigten sich dann zusätzlich die Gedanken, eventuell zum WDR zu wechseln, was ich aber, wie erwähnt, ohnehin nicht vorhatte. Interessant war dann etwas anderes: Gleichzeitig mit dem Angebot, NDR-Fernsehdirektor werden zu können, kam ein Angebot des Springer-Verlags, die Leitung des Außenpolitik-Ressorts bei der Tageszeitung „Die Welt“ zu übernehmen. Ich habe auch eine Zeitlang mit Springer verhandelt. Ich fand den Posten bei der „Welt“ durchaus reizvoll. Aber dann hat mich wiederum doch das andere Medium mehr interessiert. Zeitung hatte ich nun ja schon länger gemacht. Jetzt wollte ich zum Fernsehen. Deshalb habe ich mich für den NDR entschieden.

MK: Und politische Bedenken hatten Sie nicht, eventuell zu Springer zu wechseln? Axel Springer selbst hatte die „Welt“ ja auch noch ein bisschen weiter nach rechts gedreht, um es milde zu formulieren. Es gab ja auch einen Massenexodus von Journalisten, die bei der „Welt“ nicht mehr mitmachen wollten.

Schwarzkopf: Nein, ich hatte da keine politischen Bedenken. Es waren ja auch noch Leute bei der „Welt“, die ich gerne las. Aber lassen Sie mich noch eine andere Anmerkung machen zum Angebot von Springer an mich. Der Talentscout, der offenbar auf den Gedanken gekommen war, dass man mich holen solle, war ein leitender Wirtschaftsredakteur der „Welt“. Er hat uns auch zu Hause besucht und dabei meine Frau gleichsam besichtigt. Er fand alles in bester Ordnung und hatte wohl nicht geglaubt, dass der Wechsel dann doch nicht klappen würde. Später hat er enttäuscht zu meiner Frau gesagt: „Hat Ihr Mann denn nicht gemerkt, dass das der Einstieg zum Chefredakteur werden sollte?“ Nein, das habe ich nicht gemerkt. Aber ich muss sagen: Wenn ich damals Chefredakteur der „Welt“ geworden wäre, wäre ich wahrscheinlich Frührentner geworden bei der großen Frequenz der Wechsel auf diesem Posten und den Problemen, die damit in Zusammenhang standen.

MK: Sie gingen dann also zum Norddeutschen Rundfunk nach Hamburg und wurden dort Fernsehprogrammdirektor, später waren Sie dann stellvertretender Intendant des Senders. Was waren dort Ihre hauptsächlichen Eindrücke und Erfahrungen?

Schwarzkopf: Da gibt es so einiges. Ich muss es, wenn ich an diese Zeit zurückdenke, in Stichworten beschreiben, um zumindest das Wichtigste zu erwähnen. Stichworte fürs Programm wären: Betonung von Kulturproduktionen, zwölf Opernverfilmungen mit Rolf Liebermann, Experimente im Fernsehspiel. Was politische Sendungen anging: „Panorama“ auf klarem Linkskurs und Joachim Fest, der spätere konservative Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, als glühender Prediger gegen die Notstandsgesetze. Dann: Hervorragende Auslandskorrespondenten – Thilo Koch in Washington, Werner Baecker in New York, Hans Walter Berg in Asien, Rüdiger Proske und Max Rehbein als Welterklärer. Starke Neigung zum Erziehungsfernsehen. Die Öffentlichkeit muss lernen, dass der Staat auch fehlsam sein kann. Teilweise starke Identifizierung mit den Achtundsechzigern – „Erziehung zum Ungehorsam“ –, aber auch höchst kritische Auseinandersetzung mit ihnen in dem Fernsehspiel „Alma Mater“. Ein einfallsreicher Unterhaltungschef – aber geringe Achtung für Unterhaltung bei den Kollegen. Die erste erfolgreiche ARD-Familienserie mit „Die Unverbesserlichen“, der Autor wurde vom ZDF abgeworben. Proporzgefechte in den Aufsichtsgremien, unter Mitwirkung interessierter Redakteure.

Zu den Erfahrungen sei festgestellt: Proporzverlangen bringt Verhärtung beim Personal und im Programm. Andererseits muss dafür gesorgt werden, dass nicht eine politische Richtung die Herrschaft gewinnt. Talente mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Auffassungen sind zu gewinnen, dabei zählt allein Qualität. Ich wollte Johannes Gross als Komoderator für „Panorama“ gewinnen, aber der Deutschlandfunk-Intendant ließ ihn nicht gehen. Als Mittel gegen die politischen Magazine als „Glaubensfestungen“ empfahl ich ein einheitliches Magazin für die ganze ARD als Paradeplatz der unterschiedlichen Meinungen und Inhalte. Anstaltsinteressen waren dagegen. Ich hielt es für falsch, dass jeder Beitrag in sich ausgewogen sein müsse, trat aber dafür ein, dass bei einem kontroversen Thema die unterschiedlichen Meinungen im Programm zu Wort kommen müssen. Unterhaltung ist ein absolut notwendiger und pflegenswerter Bestandteil des öffentlich-rechtlichen Programms. Ich gestehe, dass ich „Dallas“ eingeführt habe. Der Filmredakteur der Programmdirektion hatte mich darauf aufmerksam gemacht: „It’s glossy trash, aber höchst erfolgreich.“ Im Übrigen: Fernsehen darf nicht erziehen, darf nicht für Meinungen missionieren, sondern muss durch umfassende Information die individuelle Meinungsbildung in der Öffentlichkeit ermöglichen. Mir lag stets daran, in meinen vielen Vorträgen und Artikeln ein Baustein-Prinzip einer Rundfunkphilosophie entstehen zu lassen.

MK: Nun hatten Sie ja als Fernsehdirektor und stellvertretender Intendant des NDR hohe Funktionen, auch im ARD-Verbund. Sie waren damit in den frühen Jahren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein Pionier, nicht ganz in den Anfangsjahren, aber es waren schon auch die konstituierenden Jahre zum Beispiel der Dritten Fernsehprogramme. Die häufig beklagte bürokratisch-föderale Konstruktion der ARD – im Gegensatz zur BBC, nach deren Vorbild sie gegründet wurde –, diese Konstruktion, die sehr viele Abstimmungen unter den Landesrundfunkanstalten erfordert, war das nach Ihrem Empfinden schon damals ein Problem, ein Hemmnis für den eigentlichen Geschäftszweck, die Programmarbeit? War der bürokratische Aufwand für einen leitenden Angestellten damals bereits genauso hoch wie später, als Sie aufhörten? Es gibt ja dieses berühmte Bonmot: „ARD – Alle reden durcheinander“.

Die Vielfalt der Konstruktion ARD hat mich außerordentlich gereizt

Schwarzkopf: Also, ich bin 1992 in den Ruhestand gegangen und ich weiß nicht, wie es heute ist. Aber der bürokratische Aufwand war auch damals schon nicht unerheblich. Doch die Vielfalt in der Konstruktion hat mich auch außerordentlich gereizt. Das war für mich die Möglichkeit, ein Stück Rundfunkdiplomatie zu üben.

MK: Rundfunkdiplomatie – ein schöner Begriff dafür.

Schwarzkopf: Ja, und das lag mir durchaus. Insofern hat mich das nicht weiter irritiert.

MK: Das heißt aber: Man muss dafür schon eine gewisse Contenance besitzen, man muss diese Sitzungen auch mögen. Frustrationstoleranz also in erheblichem Maß. Ein etwas cholerisches Temperament kann da auf Dauer eher nicht reüssieren.

Schwarzkopf: Ich denke, ich habe mich da sehr von meinem Nachfolger Günter Struve unterschieden. Ich habe in Sitzungen, die ich zu leiten hatte, gerne die Teilnehmer reden lassen. Es kommt dann meist ein Punkt, an dem die selber das Gefühl haben, dass eigentlich alles gesagt ist – und in dem Moment muss man zuschlagen. Und weil sie alle ermüdet sind von der langen Diskussion, muss man dann überzeugend und ein bisschen autoritär den Gesprächsverlauf zusammenfassen und sagen: „Also, so ist es jetzt und wir haben lange genug geredet und Sie haben alles sagen können und das ist jetzt die Entscheidung.“ Struve hasste das. Der wollte immer sofort entscheiden. Es ist ja – er hat es selber eingeräumt – auch passiert, dass er dann auf der nächsten Sitzung noch einmal ganz von neuem anfangen musste.

MK: Das heißt, Sie würden selbst heute sagen, in einem völlig veränderten Wettbewerbsumfeld mit dem neuen Übermedium Internet ist diese Konstruktion, wie sie bei der ARD existiert, auch noch die nächsten 50 Jahre tragbar?

Schwarzkopf: Nein, das kann ich natürlich unmöglich sagen. Sicher ist, dass das neue System viel größere Schnelligkeit und viel größere Konzentration verlangt und sich wohl wegentwickelt von allzu langen Deliberationen von Komitees. Aber da muss ich ja nicht mehr mitmachen…

MK: Das klingt direkt erleichtert. Aber klar, so ist es, Sie müssen nicht mehr auf Netflix und Co. reagieren…

Schwarzkopf: Ich will nun ganz bestimmt nicht die Methoden, die ich erlebt habe, insgesamt zur Weiterverwendung empfehlen. Doch ich kann auch nicht vorschlagen oder sagen, was denn stattdessen jetzt, bitteschön, geschehen soll. Ich habe nur die Vorstellung, dass sehr vieles sehr anders wird, und so ist es halt.

Leo Kirch setzte die amerikanische Justiz gegen uns ein

MK: Die Filmproduktion „Das Boot“, dieses Riesenprojekt des WDR und von Wolfgang Petersen, wurde 1981 realisiert während Ihrer Amtszeit als ARD-Programmdirektor. Solch ein Projekt ist ja heute fürs deutsche Fernsehen kaum noch vorstellbar. Wenn man allein die Summen heute umrechnen würde, die der WDR und die Bavaria dafür investiert haben… Und „Das Boot“ ist ja, so kann man sagen, eine der ganz wenigen Megaproduktionen, die auch international in jeder Hinsicht mithalten konnte, aber eine rein deutsch produzierte Geschichte. Ist es eigentlich nicht seltsam, dass danach nicht mehr von dieser Art passiert ist oder dass es dafür so schwierig wurde, zu schwierig?

Schwarzkopf: Ja, das wundert mich. Denn es muss doch bei uns Leute geben, die erstens schauspielerisch absolut Talent haben, das international wirksam und beachtet werden kann. Und zum anderen: Stoffe lassen sich natürlich auch unschwer finden und hochqualifizierte Regisseure haben wir ja ebenfalls. Ich verstehe es nicht so recht, warum da nicht mehr nachgekommen ist.

MK: Viele sagen mit Blick auf die ARD – das ZDF hat es da als zentral organisierter Sender vielleicht noch leichter –, dass das Zusammenwirken von fünf, sechs Redakteuren, die alle ihre Vorstellungen haben, letztlich Filmprojekte so pulverisiert, dass sie einfach auf der Strecke bleiben. Da gibt es alle möglichen Verzögerungen, und das ausgerechnet heute, wo eine ganze andere Reaktionsschnelligkeit und Planungsenergie kombiniert werden muss. Stattdessen konzentriert sich die ARD eher auf die gängigen Formate wie den „Tatort“ oder den „Polizeiruf“, das ist eingespielt. Aber solch ein Projekt wie „Das Boot“ war ja eine ungeheure Anstrengung und das bedarf vielleicht so einer Persönlichkeit wie damals zum Beispiel Günter Rohrbach – doch wen gibt es da heute noch..?

Schwarzkopf: Ich würde schon wünschen, dass so etwas noch möglich wird. Und ich halte es für unbedingt erforderlich, dass sich da etwas entwickelt und auch gefördert wird. Es müsste ja auch Möglichkeiten geben, Schwierigkeiten, wenn sie institutionell bedingt sind, aus dem Weg zu räumen. Sei es, indem man sagt: „Wir bauen uns nun nicht einfach komplett um, aber wir stellen jetzt manches zurück für eine große Kraftanstrengung.“

MK: Einer der Höhepunkte während der Zeit Ihrer ARD-Tätigkeit war die Leo-Kirch-Affäre 1983, die Auseinandersetzung um den Ankauf von Filmpaketen vornehmlich aus den USA. Wie erinnern Sie sich daran?

Schwarzkopf: Oh, sehr lebhaft!

MK: Können Sie die Angelegenheit kurz noch einmal schildern für Leute, die rundfunkhistorisch nicht so bewandert sind? Wobei es wahrscheinlich nicht so einfach ist, das wirklich kurz zu machen…

Schwarzkopf: Ich fange einfach mal an. Also, Reinhold Vöth, der damalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, hatte erfahren, dass Leo Kirch Verhandlungen führte für einen großen Filmdeal mit dem Hollywood-Studio MGM, der auch schon kurz vor dem Abschluss stehe. Es ging um eine Fülle von Rechten an einer großen Zahl von MGM-Filmen, weil MGM offensichtlich Geld brauchte. Und es war schon in München, wo Kirchs Filmhandelsfirma ihren Sitz hatte, eine Art Gelingensfeier arrangiert worden, aber es stand noch nichts auf dem Papier und dann hat…

MK: …also, es gab noch nichts Schriftliches zwischen Kirch und MGM und schon gar nicht einen unterschriftsreifen Vertrag?

Schwarzkopf: Genau. Dann hatte Vöth die Idee, hier müsse die ARD eingreifen, und das hat sie auch getan. Es wurde eine Gruppe von Unterhändlern zusammengestellt. In der ersten Phase habe ich als ARD-Programmdirektor die Verhandlungen geleitet, in der zweiten Phase war es WDR-Intendant Friedrich-Wilhelm von Sell. Später hat Jobst Plog vom NDR dann die Regie übernommen bei einer Reihe von Problemen, die schon vor dem Vertragsschluss aufgekommen waren, und solchen, die sich danach einstellten. Wir flogen also nach Los Angeles und haben dort mit den MGM-Leuten verhandelt, die sehr selbstbewusst auftraten und uns für etwas dörflich hielten. Sie haben bald gemerkt, dass sie doch ernstzunehmende Unterhändler vor sich hatten, und dann haben wir etwa mehr geboten als Kirch. Das war denen zu Hause nicht so ganz recht und da wurden wir zurückgerufen. Vorher war es aber noch so, dass Kirch die amerikanische Justiz gegen uns einsetzte, und zwar mit dem Vorwurf, dass die ARD in unerlaubter Weise in einen völlig abgeschlossenen Vertrag eingegriffen hätte, der nur noch nicht auf dem Papier gestanden habe. Dann wurde uns an einem Abend nach 23.00 Uhr im Hotel in Los Angeles filmreif von einem gewöhnlichen Boten ein Papier zugestellt. Der Bote sagte nur: „Da hat Sie jemand verklagt. Sie werden ja sicher morgen zu Ihrem Anwalt gehen.“ Wir machten den Umschlag auf und holten das Papier heraus. Wir versammelten uns in meiner Suite, waren aber nicht weiter erschrocken. Es war in der Tat klar: Wir würden am nächsten Tag zu unserem Anwalt gehen. Ich rief meine Frau an und sagte ihr, dass ich gerade auf 140 Millionen Dollar Schadensersatz verklagt worden sei.

MK: Sie als ARD-Programmdirektor?

Der Intendant des Bayerischen Rundfunks war völlig niedergeschlagen

Schwarzkopf: Na ja, natürlich nicht wirklich ich allein, sondern gesamtschuldnerisch mit den anderen Unterhändlern. Theoretisch hätte es aber auch mich allein treffen können. Meine Frau hat jedenfalls furchtbar gelacht und gesagt: „Wenn jemand uns auf 100.000 Dollar verklagt hätte, sollte ich das lästig finden. Aber 140 Millionen, das ist ja völliger Unsinn.“ Doch die Kirch-Leute hatten sich da alles Mögliche ausgedacht. Sie hatten vor allem sehr viel gesetzt auf die „Depositions“. Da muss sich der Beklagte vom gegnerischen Anwalt befragen lassen und darf den gegnerischen Anwalt nicht belügen, weil der gegnerische Anwalt hier eine Staatsfunktion übernimmt. Und „Depositions“ sind so gefürchtet, dass die Kirch-Leute sich einen großen Spaß daraus machten, mit diesem Mittel gegen uns vorzugehen. Mir hat später jemand beschrieben, was der im Auftrag von Kirch fragende Anwalt, der für seine Grobheit bekannt war, so alles anrichten wollte. Wir haben aber zunächst einmal unseren Los-Angeles-Korrespondenten zu der Befragung geschickt, der zwar ein gutes Amerikanisch sprach, aber erklärte, von rechtlichen Dingen verstehe er nichts, und hier gehe es ja um sehr wichtige Dinge, weshalb er verlange, dass erstens alles Gesagte ins Deutsche übersetzt werde und dass, sobald ein Rechtsbegriff auftauche, dieser erläutert und ihm gesagt werde, ob es den Rechtsbegriff im deutschen Recht gebe, ob es hier Vergleichbares gäbe, wie dabei die Unterschiede seien und so weiter. Also, er begann, die Frager zu quälen und dann haben die es aufgegeben. Schließlich haben wir diesen großen Deal mit MGM zustande gebracht und hatten Kirch ausgestochen. Ich erinnere mich noch, dass ich kurz vor Vertragsschluss auf einer Tagung in Berlin mit dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks und mit seinem Programmdirektor zusammensaß, und der Intendant war völlig niedergeschlagen. Er war sehr besorgt und voller Vorstellungen, dass wir vieles falsch gemacht hätten.

MK: Weil er inzwischen Druck aus der bayerischen Politik bekommen hatte?

Schwarzkopf: Seine Wiederwahl als Intendant stand bevor. Und ich erklärte mir seine Sorgen daraus. Ich kann nicht näher darlegen, was dann weiter geschehen ist, weil ich das nur vom Hörensagen kenne. Jedenfalls war es dann so, dass die Bayern erklärten, obwohl sie das Ganze angestoßen hatten, sie könnten leider bei dem Deal finanziell nicht mitmachen. Der BR würde stattdessen für das Geld, was er sonst bezahlt hätte, europäische Filme bei Leo Kirch kaufen. Dann könne die ARD doch auch ganz vergnügt sagen, sie widerlege damit den Vorwurf, dass sie eine Amerikanisierung des Programms betreibe, mit dem Ankauf von so viel Filmrechten eines US-Studios. Nein, man habe vorsorglicherweise zugleich auch an einen nennenswerten Anteil von europäischen Filmen gedacht, für den BR-Anteil an den 80 Millionen Dollar, die die restliche ARD dann allein für 1200 Spielfilmrechte auf 15 Jahre, alle James-Bond-Filme und ein reichhaltiges weiteres Paket zahlte.

MK: Wie fanden Sie das? Als Verrat von Vöth?

Schwarzkopf: Nein. Ich habe das alles interessiert beobachtet.

MK: Nun kannten Sie ja auch die politischen Verortungen. Also kein schlechtes Gewissen?

Schwarzkopf: Nein, überhaupt nicht. Keinen Moment. Weswegen?

MK: Naja, der Vorgang ist schon sehr speziell…

Kirch und die Nicht-Amerikanisierung des Programms

Schwarzkopf: Die ARD hatte gewonnen. Aber Kirch konnte sagen: ‘Ich habe dafür gesorgt, dass das Programm nicht amerikanisiert wird.’ Nach einer gewissen Zeit erfuhren wir dann, dass jemand uns bei der Europäischen Kommission verklagt hatte, wegen des Versuchs, ein Monopol für den Vertrieb von amerikanischen Filmen in Deutschland zu errichten. Daraufhin wurde ein Hearing angesetzt, bei dem die Vertreter aller Mitgliedstaaten erschienen, damals waren es ja nur 15. Wir hatten einen Kronzeugen, von dem wir dachten, der sei ganz fabelhaft. Der war vorher bei Kirch angestellt, hatte sich aber von ihm getrennt. Bei Kirch hatte dieser Mitarbeiter noch Zettelchen angefertigt, die nachweisen sollten, was wir in Los Angeles angeblich alles falsch gemacht hatten. Kirch hatte ganz kühl sein Interesse, das war: Ich kann das Paket nicht retten, ich muss nur darauf achten, dass die mir nicht den Markt verderben, indem sie also Zugeständnisse machen, die man eigentlich nicht machen sollte. Vor der Anhörung bei der Kommission war der Zettellieferer inzwischen übergetreten von Kirch zu Springer…

MK: Kann man auch sagen, wie der Zettellieferer hieß?

Schwarzkopf: Der hieß Scriba, Bodo Scriba. Und der hat eben für uns bei der Euro­päischen Kommission in Brüssel herzbewegend dargelegt, was für eine ungeheure Macht Leo Kirch verkörpert und mit welchen Methoden er wirklich ein Monopol betreibt oder anstrebt. Dann stand dort der Justiziar von MGM und man erfuhr, dass die Leute von MGM nun ganz betrübt waren, weil in Deutschland ja gerade unter anderem mit Leo Kirch privates Fernsehen entstanden war und sie jetzt glaubten, sie hätten von uns viel zu wenig Geld bekommen. Der MGM-Jurist sagte: ‘Ja, ja. Wir wissen doch, dass Kirch solche Ambitionen hat, aber uns geht es darum, dass die ARD mit Kirchschen Methoden ein Monopol aufbauen will, genauso wie Kirch. Das wollen wir verhindern.’

MK: Klingt wirklich alles sehr kompliziert.

Schwarzkopf: Tja, und das ging dann so aus, dass es den Kompromiss gab, die 15 Jahre, für die wir die Rechte haben, sollten für drei Jahre ausgesetzt werden. Das heißt, in diesen drei Jahren konnten andere Sender von ihnen aus dem Paket ausgewählte Filmrechte nutzen. Davon hat RTL ziemlich reichlich Gebrauch gemacht. Aber zwölf Jahre exklusive Lizenzen zu haben, wie es dann für die ARD übrig blieb, das ist auch schon eine ganze Menge. Insofern konnten wir auch unter diesem Gesichtspunkt diesen Filmdeal nicht bedauern.

MK: Später kam es dann zum Absturz von Leo Kirch, ebenfalls eine nicht einfache Geschichte. Wie haben Sie das empfunden? Konnte man das aus seinem Typus heraus erklären, dass es irgendwann mit einer solchen Pleite enden musste? War es eine Art Hybris bei Kirch oder etwas anderes?

Schwarzkopf: Ich war Leo Kirch nicht nahe, hatte aber ein ordentliches Verhältnis zu ihm. Ich habe seinen Absturz bedauert. Kirch war ja in der Tat ein unglaubliches Talent. Abgesehen von manchen fragwürdigen Dingen, die er getan hat, hat er immer auch Positives bewirkt, etwa die Förderung von klassischer Musik und Ähnliches; da gab es bei ihm eine eigene Abteilung, die diesbezüglich Beträchtliches im filmischen Zusammenhang geleistet hat, was sehr anzuerkennen ist. Außerdem war er wirklich eine große Figur des Film- und Fernsehgeschäfts.

MK: Von denen es nicht mehr so viele gibt.

Schwarzkopf: Von denen es kaum noch welche gibt. Und große Figuren dieser Art haben dann ja manchmal auch Besonderheiten, mit denen man nicht ganz leicht umgehen kann.

MK: Leo Kirch wurde ja stets als Monopolist dargestellt und in gewisser Hinsicht als Mogul auch dämonisiert. Ist es aus Ihrer Sicht übertrieben, solche Leute zu dämonisieren?

Ich hatte von Frankreich bis dahin nur Touristenvorstellungen

Schwarzkopf: Man muss ihnen immer auf die Finger sehen, wenn ihre Monopolambitionen zu weit gehen. Jeder möchte gerne etwas ganz alleine machen, aber als Kirch dann auch noch Springer dazuhaben wollte, das ging dann zu weit. Das wäre eine Kombination gewesen, gegen die sicherlich auch politische und rechtliche Einwände sofort hätten erhoben werden müssen.

MK: Kirchs Beziehungen zum ZDF waren ja stets enger als die zur ARD.

Schwarzkopf: Ja, das war so.

MK: Man hatte durchaus das Gefühl, dass Kirch für sein Geschäft das ZDF auch ganz gut im Griff hatte.

Schwarzkopf: Das ganz sicherlich. Das wurde nach und nach immer deutlicher.

MK: Es soll ja demnächst noch einmal eine große Leo-Kirch-Biografie erscheinen, sie soll gerade in Arbeit sein. Warten wir mal ab, was in dem Buch dann zu erfahren ist.

Schwarzkopf: Ja. Und es ist, soweit ich weiß, auch ein Film über Leo Kirch in Arbeit.

MK: Sie waren von 1991 bis 1994 der erste Vizepräsident von Arte, da ging es ja gesitteter zu. Die Gründung dieses deutsch-französischen Fernsehkulturkanals, der wirklich ein einzigartiges Projekt ist, haben Sie ja zuvor sehr gut mitbekommen.

Schwarzkopf: Ich war bei den Verhandlungen zur Gründung von Arte nicht miteinbezogen, da war NDR-Intendant Jobst Plog beteiligt. Ich bin erst dann auf die Bühne getreten, als Arte fertig war. Der Vertrag war noch nicht unterschrieben, aber die Unterzeichnung stand unmittelbar bevor. Es stand fest, dass der erste Arte-Präsident ein Franzose sein würde, der erste Vizepräsident ein Deutscher. Das nächste Mal, so war es weiter vorgesehen, würde man das umkehren. Und diese Stelle für die deutsche Seite bei Arte, das hat mich nun interessiert. Man hat sie mir dann auch gegeben. Allerdings: Es gab da noch einen anderen aus der ARD, der in Frage kam, der hat dann jedoch zurückgezogen. So wurde Jérôme Clément erster Arte-Präsident und ich Vizepräsident.

MK: Warum wollten Sie gegen Ende Ihrer Karriere zu Arte? Was hat Sie daran gereizt?

Schwarzkopf: Oh, ich war Zeit meines Lebens angelsächsisch orientiert und hatte von Frankreich bis dahin eigentlich nur Touristenvorstellungen. Jetzt wollte ich da gerne mal etwas näher eindringen, also, es war auch einfach dies: Frankreich fehlte in meinem Katalog.

MK: Bei Arte eine der beiden Leitungsfunktionen zu übernehmen, das dürfte jedenfalls für Sie als Rundfunkdiplomat maßgeschneidert gewesen sein. Arte ist ja als staatsübergreifender Sender organisationstechnisch noch einmal komplizierter als die ARD.

Vorstellung bei Arte: Mit einem Essen beim „Buerehiesel“

Schwarzkopf: Ich erinnere mich noch, wie Jérôme Clément, mein französischer Partner, mich den leitenden Mitarbeitern von Arte France vorstellte. Das geschah auf sehr französische Art, nämlich mit einem Essen beim „Buerehiesel“…

MK: … ein Restaurant in Straßburg, das damals drei „Michelin“-Sterne hatte.

Schwarzkopf: Ja, in Straßburg, wo Arte seinen Sitz hat. Und beim „Buerehiesel“, da war so etwas an der Seite, aber in die Mitte vorrückend, ein Tisch für Clément und mich. Rundherum saßen die leitenden Mitarbeiter von Arte France, also nur Franzosen, und wir haben uns dann auf Englisch unterhalten. Alles Mögliche haben Clément und seine Kollegen mich gefragt. Es ging auch um mein Verhältnis zum National­sozialismus, mein Involvement, sie wollten wissen, was meine Eltern getan haben und vieles, vieles mehr aus meiner beruflichen und privaten Biografie. Die fanden das alles gar nicht so schlecht, was ich erzählte. Die hatten ganz gierig gefragt und geguckt, ob das so geht mit dem Deutschen, und das ging gut an diesem Abend und es ging dann auch weiterhin gut. Natürlich war Clément und den Franzosen klar, dass das Amt des Vizepräsidenten nicht besonders kräftig ist. Seine einzige Kraft liegt darin, dass der Vizepräsident mit Hilfe seiner Seite, also hier der deutschen Seite, im Arte-Vorstand eingreifen kann, abgesehen davon, dass er natürlich seine persönliche Autorität einbringen muss. Aus den deutschen Gremien habe ich dann nach nicht allzu langer Zeit den Vorwurf bekommen, ich sei zu franzosenfreundlich. Vor allem Willibald Hilf, der Intendant des damaligen Südwestfunks, hat mir gesagt, ich müsse mich mehr durchsetzen.

MK: Arte hat dann ein ganz gutes Standing entwickelt, gerade auch was die Anregung von Produktionen angeht. Und in jüngster Zeit hat der Sender sich doch gut weiterentwickelt, das Programm ist moderner und jünger geworden.

In Frankreich: Die Vorführung der Macht des Intellekts

Schwarzkopf: Ja, Arte hat sich in eine sehr gute Position gebracht und Wirkung entfaltet. Ich habe damals auch einen Einblick bekommen gerade in die politische Wirkung und Wichtigkeit dieses Senders, bei den Intellektuellen in Frankreich. Das war kurz vor meinem Ausscheiden. Es war ein Tag, an dem sollte eigentlich nichts anderes geschehen, als dass in Paris – natürlich in einem wunderschönen Restaurant – das Arte-Programm des nächsten Jahres vorgestellt wird. In der französischen Nationalversammlung war das Argument aufgekommen, der deutsch-französische Sender sei zu kostspielig, weil zu kompliziert, deshalb müsse man da kräftig reduzieren und Geld einsparen. Jetzt bei der Pressekonferenz war erstaunlich viel Publikum da. Nicht nur Presse, sondern Repräsentanten der ganzen geistigen Hautevolee Frankreichs waren da. Alle waren von Clément alarmiert worden. Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller und was weiß ich, wer noch – alle waren da! Sie waren einfach nur da, nichts weiter, und es wurden sogar Sympathie-Telegramme von französischen Intellektuellen aus London geschickt. All das zur Programmpressekonferenz von Arte. Aber in Wirklichkeit als Vorführung der Macht des Intellekts, als Ausdruck einer Demonstration nach dem Motto: ‘Leute, wenn Ihr Arte was antut, dann kriegt Ihr es mit uns zu tun!’ So etwas ist für Deutschland leider unvorstellbar.

MK: Damit sind wir bei einem interessanten Punkt, denn das führt ja zu der Frage: Warum ist das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem insgesamt so wenig beliebt hierzulande? Seine Programme werden ja gut genutzt, gut gesehen, gut gehört. Doch gerade in der jüngsten Zeit mit den neuen Netz-Konkurrenzen – lassen wir jetzt mal die „Lügenpresse“- und „Lügenfernsehen“-Diskussion beiseite, das ist ein ganz anderer Fall –, da hat man schon das Gefühl, das öffentlich-rechtliche System strengt sich nicht so sehr an dafür, beliebt zu sein, außerhalb des Programms. Sie haben ja auch als Rundfunkhistoriker über diese Materie geschrieben und dabei daraufhin hingewiesen, wie wichtig es sei, den Bürgern immer wieder klarzumachen: Was ist das eigentlich, das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem, warum ist es wichtig und gut? Man hat den Eindruck, dass gerade so etwas heutzutage zu selten stattfindet. Die „Mainzer Tage der Fernsehkritik“, die vom ZDF ausgerichtet wurden, gibt es nicht mehr. Man kann über diese Veranstaltung ja denken, was man will, sie war zum Teil ausufernd und langatmig – aber dass es nun gar keine Verständigungsebene dieser Art mehr gibt, ist merkwürdig. Dafür gibt es jetzt so etwas wie den „ARD-Check“, wo WDR-Intendant Tom Buhrow und NDR-Intendant Lutz Marmor sich erwartbaren Fragen von ausgewähltem Studiopublikum stellen, als ginge es um den „Aldi-“ oder „Tchibo-Check“.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss dem Publikum näherkommen

Schwarzkopf: Ich denke schon, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk insgesamt mehr tun muss, um dem Publikum näherzukommen. Ich habe allerdings kein Rezept, wie das geschehen soll. Aber es muss doch kluge Leute geben, die sich solche Rezepte ausdenken können. Das darf jedenfalls nicht simple Werbung sein. Das muss so ausgeformt sein, dass Sympathie entsteht, ohne dass es als Werbeeffekt wahrgenommen wird.

MK: Eine ähnliche Situation gab es ja gerade vor der Erstellung eines neuen Weißbuchs zum britischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch für die BBC, die wieder einmal bedroht war. Leicht bedroht zumindest durch die Tories. Die BBC schafft es dann aber auch in einem ungeheuren Maß, britische Prominenz für sich zu mobilisieren, auf vergleichbare Weise, wie Sie es eben für die französische Seite von Arte geschildert haben. Da wird den Tories und allen anderen dann gezeigt: ‘Seht, die BBC ist eine nationale Marke, sie beeinflusst intellektuell die Welt – und das wollt Ihr schwächen?’ So gelingt es dann auch in Großbritannien, Angriffe auf das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem immer wieder abzublocken. So etwas wäre für ARD und ZDF im Moment wohl eher schwieriger. Zumal es in Deutschland auch diesen Typus des Intellektuellen kaum noch gibt.

Schwarzkopf: Ja, und vor allem: Es gibt keinen Ort, an dem sie zentriert sind.

MK: Nicht wie London oder Paris. Berlin ist es nicht geworden, bei aller Vorliebe für die Stadt.

Schwarzkopf: Ich glaube, dass diese fehlende Zentrierung den Versuch, solche Aktionen mit Intellektuellen zustande zu bringen, zu schwierig macht. Denn der wirkliche Vorteil der unmittelbaren Mobilisierung an einem Platz, der fehlt hier einfach. Man kann natürlich trotzdem furchtbar viel mobilisieren, aber es ist dann nicht so wirksam überzeugend. Es tut mir leid, ich weiß jetzt auch nicht, wie man es besser machen könnte. Aber die Notwendigkeit, dass man sich hier etwas überlegen müsste, erkenne ich.

MK: Nach Ihrer Pensionierung haben Sie noch lange die Historische Kommission der ARD geleitet. Warum ist es wichtig, dass es solch eine Einrichtung gibt?

Schwarzkopf: Es gibt Konstruktionen, Geschehnisse, Produktionen aus der Vergangenheit des Rundfunks, die eine solche Wirkung erzeugt haben, dass man das festhalten muss, es dem Vergessen entreißen muss. Wir haben in unserem Gespräch „Das Boot“ erwähnt und „Holocaust“. Wir müssen uns bewusst bleiben, was es alles schon gegeben hat. Ich denke beispielsweise an wichtige Fernsehspiele des Norddeutschen und des Westdeutschen Rundfunks, die wirklich hervorragend waren und damals ein ungeheures Echo gehabt haben. Als Beispiel fällt mir gerade die Verfilmung von Fontanes Roman „Vor dem Sturm“ ein. All das sollte man wissen, wenn man heute und in Zukunft öffentlich-rechtliches Fernsehen und Radio macht. Institutionen bauen sich auf ihrer Geschichte auf und die darf man nicht kappen oder ignorieren. Eine der wichtigsten Aufgaben der Historischen Kommission war die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin bei der von der ARD veranlassten Untersuchung der Aktivitäten des Staatssicherheitsdienstes der DDR in Hörfunk und Fernsehen beider deutscher Staaten. Die Kommission ist unter meiner Verantwortung Herausgeber des veröffentlichten Abschlussberichts der Untersuchung.

MK: Herr Schwarzkopf, Sie haben noch im Februar dieses Jahres einen großen Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ geschrieben über einen deutschen Kampfeinsatz im Irak 1941. Was hat Sie daran so interessiert? Was war die Motivation, gerade dieses Thema aufzugreifen?

Schwarzkopf: Ich interessiere mich seit längerem für historisch komplizierte Situationen und für solche, die an sich nicht so viel Beachtung finden. Dieser im Grunde vergessene deutsche Kampfeinsatz im Irak war solch ein Fall. Ich hätte sehr gerne ein Buch geschrieben über die sogenannten „Lost Causes“ und hatte dazu eine ganze Menge Material gesammelt. Ich habe darüber einmal einen Vortrag gehalten in unserem Rotary-Club in München, und der damalige Verleger Klaus Piper – der im Jahr 2000 starb – fand das herrlich und sagte, das müsse unbedingt ein Buch werden. Etwas später kam er betrübt wieder zu mir und sagte: „Mein Sohn hat gesagt: Das verkauft sich nicht.“ Dann hat sich Klett-Cotta, der Verlag von Ernst Jünger, dafür interessiert. Und ich hatte lange Gespräche mit dem dortigen Lektor für Geschichte, der wollte das Buch unbedingt haben. Eines Tages kam er und sagte: „Die Leitung des Hauses hat gefunden: Das ist zu traurig.“

Man muss alle Dinge auch mal vom Rande betrachten

MK: Was wären denn, neben dem genannten Fall im Irak, noch Ihre anderen Beispiele gewesen für „Lost Causes“?

Schwarzkopf: Ein „Lost Cause“ sind zum Beispiel die Stuarts in Großbritannien, in Schottland. Dann die Carlisten, eine reaktionäre Partei in Spanien, im 19. Jahrhundert, mit wundervollen Ideen: die Inquisition wieder einzuführen, die Eisenbahn zu verbieten und ähnliche Dinge. 1820 hatte es einen Putsch gegeben von Liberalen gegen den spanischen König und diese liberalen Kräfte hatten das Gefängnis der Inquisition in Malaga gestürmt und hatten geglaubt, dass sie dort nun lauter Verhungerte und Gequälte finden würden. Das einzige, was sie fanden, war ein alter Priester, der dort eingesperrt war wegen exzessivem Royalismus. Das fand ich, nun ja, sehr amüsant. Ich hatte natürlich auch ernsthafte Beispiele. „Lost Causes“ sind zum Teil auch zu finden bei den europäischen Freiwilligen der Waffen-SS. Als es also mit dem Buch nichts wurde, da habe ich mich erst recht interessiert für ungewöhnliche Probleme, die dann oft als Randprobleme in Vergessenheit geraten. Aber ich bin der Meinung, dass man alle Dinge auch immer mal vom Rande betrachten muss. Nur wenn man vom Rande aus schaut, hat man einen guten Blick ins Zentrum und man hat gleichzeitig einen Blick auf die andere Seite. Ich habe zuletzt zum Beispiel für das „Jahrbuch für Marginalistik“, das in vierter Ausgabe im Mai erschienen ist, einen Text darüber geschrieben, wie Hitler Preußen loswerden wollte. Das ist anhand von scheinbaren Randvorgängen sehr genau zu belegen, dass er, obwohl die Nazis sich ungeheuer als Preußen gaben, Preußen liquidieren wollte. Goebbels war ja der größte Preuße, den es überhaupt gab. Und in Wirklichkeit war alles vorbereitet, dass bei der Reichsreform Preußen abgeschafft und nur noch eine Idee sein würde.

MK: Die ARD würden Sie nicht zu den „Lost Causes“ zählen“?

Schwarzkopf: Mit Sicherheit nicht.

17.11.2016/MK

Print-Ausgabe 25-26/2017

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