Prophetie ist keine Kunst

Interview mit RTL-Programmdirektor Marc Conrad

Von Dietrich Leder und Dieter Anschlag
19.11.1992 •

Programmplanung heißt die moderne Waffe, mit der die kommerziellen Fernsehsender den Kampf um die Einschaltquoten bestreiten. Die Erkenntnisse von Medienforschung bzw. Demoskopie werden gezielt angewandt, um die Zuschauerzahlen zu maximieren und spezifische Zielgruppen zu erreichen. In einem Gespräch mit der „Funkkorrespondenz“ äußert sich RTL-Programmdirektor Marc Conrad zur Programmplanung des in Köln angesiedelten Privatsenders. Conrad, geb. am 7.10.1960 in Luxemburg-Stadt, studierte in Brüssel Kommunikationswissenschaft und Marketing. Er arbeitet seit Ende 1983 für RTL. Im Februar 1992 übernahm er die Leitung des neu geschaffenen Direktionsbereichs Programm, der direkt RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma unterstellt ist. Das Gespräch mit Marc Conrad führten in Köln am RTL-Sitz Dietrich Leder und Dieter Anschlag • FK

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FK: Herr Conrad, in der Woche vom 26. Oktober bis zum 1. November 1992 haben die Privatsender beachtliche Einschaltquoten verbucht. Am Montag, den 26. Oktober, war Sat 1 zur Primetime mit der Eigenproduktion „Der Bergdoktor“ ganz vorn, RTL auf Platz 2 mit der US-Kaufserie „Columbo“; dann folgten auf Rang 3 die ARD mit „Ja oder Nein“ und auf 4 das ZDF mit einem Hark-Bohm-Spielfilm. Das war nach unserem Wissen der erste Tag im dualen System, dass zwei Privatprogramme vor den öffentlich-rechtlichen lagen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Conrad: Ich kann jetzt nicht sagen, ob es wirklich zum allerersten Mal so war. Auf jeden Fall weiß ich, dass wir zusammen – also RTL und Sat 1 – über 12 Millionen Zuschauer hatten. Und am nächsten Montag, dem 2. November, war es das Gleiche: Wir hatten mit „Columbo“ fast 6 Millionen Zuschauer, Sat 1 hatte mit dem „Bergdoktor“ ebenfalls rund 6 Millionen. Sehen Sie, das Schöne, was man hier jetzt sieht, ist, dass wir, die beiden großen Privaten, uns inzwischen gar nicht mehr gegenseitig so wehtun, wie das früher der Fall war, als an Tagen, an denen RTL sehr gut war, Sat 1 überhaupt keine vernünftigen Quoten hatte – oder eben umgekehrt.

FK: Es gibt aus dem Hause RTL aber auch andere Sätze: dass man nämlich immer ganz gerne Sat 1 die Quoten wegnehmen wolle.

Conrad: Genau das macht aber keinen Sinn. Das funktioniert nämlich gar nicht mehr. Mittlerweile stellt sich Folgendes heraus, und das empfinde ich auch als sehr zukunftsweisend: Bei den Unter-50-Jährigen hatten wir am Montag, am 2. November, über 20 Prozent Marktanteil; wir waren Marktführer, wie am Montag zuvor. Genau hier liegt unser Ziel: Wir positionieren uns bei den 18- bis 49-Jährigen, bei dieser Kernzielgruppe. Und Sat 1 hat ein komplett älteres Publikum im Auge. Insofern können wir eben beide je 6 Millionen oder 7 Millionen Zuschauer haben, ohne dass einer dem anderen Publikum wegnimmt. Das ist das Interessante, dass der Markt sich jetzt langsam tatsächlich auf diese Weise aufteilt. Und darauf haben wir auch lange gewartet. Das führt dazu, dass wir jetzt endlich diesen Format-Gedanken durchsetzen können.

FK: Was heißt das?

Das Fernsehen ist keine Wundertüte

Conrad: Ich habe solche Sendungen wie die ursprüngliche „Heimatmelodie“ aus dem Programm genommen oder die „Musikrevue“, Sielmann oder Kulenkampff mit seiner Büchergeschichte, die ausschließlich ein älteres Publikum ansprachen. Der Gedanke, dass Fernsehen die Wundertüte sei, wie das die Leute jahrelang in Deutschland von den Öffentlich-Rechtlichen gewohnt waren, ist passé. Heute werden klare Segmente bedient: Wir haben halt unser Segment als Vollprogramm für 18- bis 49-Jährige, Sat 1 versorgt die älteren Leute, Georg Kofler versucht mit PRO 7 wieder uns irgendwie etwas wegzunehmen und die Öffentlich-Rechtlichen, die bedienen noch den Rest. Oder, um mal zu zeigen, in welche Richtung es geht, ein ganz anderes Beispiel: Ab dem 7. Dezember habe ich die Gameshows „Riskant“ und „Der Preis ist heiß“ aus dem RTL-Vorabendprogramm herausgenommen und werde sie auf vormittags, 10.30 Uhr, verlegen. Nicht weil sie schlechte Zahlen hätten. Sie haben beide die ganze Zeit zwischen 15 und 20 Prozent Marktanteil erzielt, bis zu 2 Millionen Zuschauer, jeden Tag – was enorm viel ist. Nein, ich verlege sie, weil ihre Zuschauer mir insgesamt zu alt sind. Stattdessen „strippe“ ich auf dem Sendeplatz dieser Gameshows „Who’s the Boss?“ und „Eine schrecklich nette Familie“, also amerikanische Sitcoms, mit denen wir in absoluten Zahlen in der ersten Phase vielleicht weniger Zuschauer erreichen. Aber die Leute, die uns sehen, die passen dann viel besser in die von uns angepeilten „Key-Demographics“ hinein.

FK: Wie definieren Sie diese Gruppe, für die Sie dieses Marktkonzept stricken?

Wie das ideale Publikum für RTL aussieht

Conrad: Das hängt immer von den einzelnen Tageszeiten ab. Das Tagesprogramm zum Beispiel wird vornehmlich von Frauen gesehen. Dementsprechend sind also bei Hans Meisers täglicher Talkshow die Themen so ausgerichtet, dass in erster Linie Frauen angesprochen werden. Wenn nun einmal überwiegend Frauen um diese Tageszeit zu Hause sind, hat es keinen Sinn, etwas für Männer zu zeigen, die dann noch alle arbeiten sind.

Ein anderes Beispiel: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ von RTL läuft zeitgleich mit dem „Glücksrad“ bei Sat 1. Was nun die Altersgruppen anbelangt, ist es so: Bei den 14- bis 29-Jährigen haben wir 23 Prozent vom gesamten Markt und das Sat 1-„Glücksrad“ hat bei dieser Altersgruppe nur 10 Prozent Markanteil. Aber 67 Prozent der „Gücksrad“-Zuschauer sind über 50 Jahre alt, bei uns bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und dem Magazin „Explosiv“ sind nur 40 Prozent aus diesem Alterssegment. Andersherum gesagt: 60 Prozent der RTL-Zuschauer um diese Zeit sind unter 50 Jahren. Und genau das ist für uns der Punkt: Wir können unsere Werbespots deshalb teurer als Sat 1 verkaufen. Denn wir binden täglich um diese Zeit ein kaufkräftiges, für die werbende Wirtschaft hochinteressantes Publikum. Oder ein allgemeines Beispiel: Wir erreichen 47 Prozent Zuschauer, die weiterführende Schulen besuchen, und Sat 1 nur 31 Prozent. Und das ist eben sehr schön, das ist bares Geld für uns. Denn das sind die wichtigen Käufer.

Das ideale Publikum für uns sind: Jungverheiratete, die zwei Kinder haben, gerade ein Haus bauen und sich einen Zweitwagen kaufen wollen. Die Amerikaner sagen, den idealen, kaufkräftigen Zuschauer sollten drei Punkte auszeichnen: Höhe des Einkommens, Kinderhaushalt, Hauseigentümer. Ein junger, mittelloser Student, der in einem gemieteten Apartment wohnt, konsumiert ja nicht und ist deshalb nicht so interessant.

FK: Fragmentieren Sie damit Ihr Programm nicht zu sehr?

Conrad: Nein. Wir versuchen bei RTL gerade, an allen Tagen einen homogenen Programmfluss herzustellen. Beispiel Montag: Wir beginnen um 20.15 Uhr mit „Columbo“. Danach kam bislang die deutsche Version von „Top Cops“, also „Auf Leben und Tod“ mit Olaf Kracht. „Columbo“ hatte zuletzt immer 6,5 Millionen bis 7 Millionen Zuschauer und danach kam Kracht mit 3 Millionen bis 3,5 Millionen, was sehr gut war. Aber: Gegenüber „Columbo“ haben wir immer rund 3 Millionen Zuschauer verloren, weil „Top Cops“ für die nicht mehr interessant genug war. Freitags haben wir abends gegen die Fußballsendung von Sat 1 immer mit Actionfilmen sehr hohe Reichweiten erzielt, immer zwischen 3,5 Millionen und 4 Millionen Zuschauer. In unserem Archiv hatten wir, fertig synchronisiert, noch Folgen von „Quincy“ liegen. Es waren zwar viele im Haus hier dagegen, als wir gesagt haben, jetzt nehmen wir „Top Cops“ raus und setzen es, weil es actionbetont ist, auf den Freitagabend gegen Sat-1-Fußball. Und montags nehmen wir nach „Columbo“ dann „Quincy“ ins Programm. Die US-Serie stammt von den gleichen Autoren und den gleichen Produzenten wie „Columbo“. Wir haben es versucht und gleich beim ersten Mal erzielte „Quincy“ auf Anhieb fast 4,5 Millionen Zuschauer. Also haben wir zwischen „Columbo“ und „Quincy“ nur 2 Millionen Zuschauer verloren, wo wir zuvor immer zwischen 3 Millionen und 4 Millionen verloren hatten. „Top Cops“ kam dann also freitags erstmals gegen Sat-1-Fußball und hatte auf Anhieb 3,4 Millionen Zuschauer, also die Quote gehalten, die es sonst montags hatte, und Sat 1 hatte mit Fußball an diesem Tag auch nur 3,45 Millionen. Das ist natürlich spitze: Denn unsere „Top-Cops“-Nummer kostet nur 250 000 Mark und die Bundesliga kostet Sat 1 zig Millionen, ohne dass sie damit mehr Publikum oder interessante Zielgruppen erreichen. Unsere Strategie ist voll aufgegangen, also zu diesen Zeiten jeweils ein bestimmtes angestrebtes Zuschauerpotenzial für einen bestimmten Preis zu erreichen. Dadurch, dass wir an diesem Tag eben diesen homogenen Programmfluss geschaffen haben, haben wir jetzt mit dem Bruchteil der Kosten, die uns vorher entstanden, viel höhere Reichweiten.

FK: Homogener Programmfluss heißt, dass die Abschmelzung und die Zugewinne stetig sind. Traumziel eines RTL-Programmplaners ist also eine von 19.00 bis 24.00 Uhr kontinuierliche Zuschauerschaft von 6 Millionen?

Fernsehen ist ein Gewohnheitsmedium

Conrad: Nein. Jedenfalls nicht immer diese absolute Zahl von 6 Millionen Zuschauern. Es soll so sein, dass wir nicht mehr Zuschauer verlieren, als zu den jeweiligen Zeiten die Gesamtfernsehnutzung sowieso absinkt. Die Nutzung geht ja im Verlauf des Abends immer ein Stück nach unten. Wir dürfen dabei nicht überproportional verlieren. Wenn das passiert, ist das Programm falsch. Die Fernsehnutzung zwischen 22.00 und 23.00 Uhr fällt in diesem Zeitraum im Schnitt um 10 Prozent. Bei RTL kommt da zum Beispiel donnerstags immer „Notruf“ um 21.15 Uhr. Diese Sendung hat im letzten Teil immer zwischen 6 Millionen und 6,5 Millionen Zuschauern. Danach kommt „Wie bitte?“ mit Geert Müller-Gerbes und diese Sendung erreicht dann noch 2,5 Millionen bis 3 Millionen. Ganz schöne Zahlen um diese Zeit. Aber da verlieren wir wesentlich mehr als 10 Prozent der „Notruf“-Seher, also überproportional viel. Das muss nicht sein. Wir arbeiten jetzt daran. Eventuell nehmen wir „Wie bitte?“ wieder heraus oder verlegen die Show auf einen anderen Sendeplatz. Auf jeden Fall wollen wir auf dem Sendeplatz nach „Notruf“ wieder um die 3,5 Millionen bis 4 Millionen Zuschauer bekommen.

FK: Auffallend am RTL-Schema sind die täglichen Sendungen im Tages-, aber auch im Abendprogramm – mit „Explosiv“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, später „Gottschalk“. Woher kommt diese Idee?

Conrad: Dahinter steckt einfach die Erfahrung, dass Fernsehen ein Gewohnheitsmedium ist. Diese Erfahrung macht man halt überall dort, wo es Fernsehen gibt, ob in den USA, in Großbritannien oder Deutschland. Die ARD-„Tagesschau“ ist ja nur so erfolgreich, weil sie seit Jahren jeden Tag um die gleiche Zeit kommt, und nicht, weil sie so außergewöhnlich gut wäre. Die Nachrichten erzielen auf der ganzen Welt diese unheimlich hohen Einschaltquoten, weil sie überall jeden Tag um die gleiche Uhrzeit zu sehen sind. Wir haben vor zwei Jahren damit angefangen, dass wir bei RTL alles entsprechend gestrippt haben: also jeden Tag das gleiche um die gleiche Uhrzeit. Das macht uns jetzt jeder nach. Ich glaube aber, dass wir schon so weit sind, dass unsere Zuschauer zum Teil auf Programmzeitschriften verzichten können. Die brauchen die gar nicht mehr. Die wissen einfach: Um 14.00 Uhr kommt „Springfield Story“, um 16.00 Uhr Meiser, montags um Viertel nach acht „Columbo“ und so weiter. Dieser Rhythmus ist auch der Grund, warum wir immer weniger Spielfilme ausstrahlen: Dafür muss man ja immer extra in der Programmzeitschrift nachgucken, was wann kommt. Es wird in Zukunft jede Stunde etwas anderes im Fernsehen laufen, irgendwann in Deutschland auch bei Sat 1 und bei den Öffentlich-Rechtlichen. Wir haben ja schon die gleichen Schnittstellen: 20.15 Uhr, 21.15 Uhr, 22.15 Uhr. Die haben ihre Serie, wir haben unsere. Es wäre dabei ja unsinnig, wenn wir Linda de Mol auf den Samstag gegen Rudi Carrell gesetzt hätten. Die hat ihren eigenen Platz, an dem sie viel erfolgreicher ist.

FK: Gibt es, wenn Sie Ihr Programm planen, Sollwerte für die Einschaltquoten? Wenn ja: Wie viel Zeit geben Sie neuen Sendungen, diesen Sollwert zu erreichen?

Gottschalk ist für uns ein Bombengeschäft

Conrad: Der Sollwert ergibt sich schlicht aus dem Tausenderkontaktpreis für die Werbung, kurz: TKP. Wir haben einen durchschnittlichen TKP zwischen 18 und 20 Mark. Und so lange dieser TKP bei den Sendungen einigermaßen eingehalten wird, ist es okay. Ob jetzt, was die Zukunft angeht, eine Sendung früher oder später rausfliegt oder ob sie überhaupt noch im Programm bleiben kann – da schauen wir uns das Entwicklungspotenzial der einzelnen Teams an, die die Sendungen machen. Denn die Sendung als solche kann ja nicht von alleine besser werden. Sie wird nur besser, wenn die Leute, die eine Sendung machen, die am Anfang nicht gut ist, zeigen, ob sie das Potenzial haben, ihre Sendung zu verbessern, ob sie hinsichtlich Änderungen einsichtig sind und Verbesserungsvorschläge positiv aufnehmen oder eben nicht.

FK: Erreicht Gottschalk seinen Sollwert?

Conrad: Der Gottschalk mit einer Million Zuschauern abends ist – auch wenn wir gesagt haben, wir bräuchten möglichst einen Sollwert von mindestens eineinhalb – für uns schon ein Bombengeschäft. Denn schon mit dieser Million ist werbemäßig das Zielpublikum sozusagen ausgebucht, wie es besser kaum geht, weil es keine Streuverluste gibt. Da sitzt nicht zufällig ein für die Werbekunden um diese Zeit ja uninteressanter Opa vor dem Bildschirm, nur weil er Schlafstörungen hat, sondern wir erreichen praktisch hundertprozentig Zuschauer aus der Zielgruppe, die uns und die Werbekunden auch interessiert. Dementsprechend buchen die Agenturen. Deshalb ist uns der Gottschalk – auch wenn seine Sendung, wie alle, sicher noch verbesserungswürdig ist – mit einer oder 1,2 Millionen, die er inzwischen hat, um diese Zeit mehr wert als irgendein anderes Programm, zum Beispiel ein Sexfilmchen, das 1,5 Millionen oder 2 Millionen Zuschauer, aber viel größere Streuverluste hat. Das bedeutet nämlich, dass wir die Werbung bei diesem Sexfilm längst nicht so teuer verkaufen können wie bei Gottschalk, wo man genau weiß, dass man sein Zielpublikum erreicht. Wir verdienen mit mehr Einschaltquote nicht unbedingt mehr Geld.

FK: Wie sieht Ihr unmittelbarer Einfluss auf die einzelnen Sendungen aus?

Produzenten, die in Saus und Braus leben können

Conrad: Ich muss in diesem Zusammenhang etwas erklären: Seit wir uns von Lutz Bergmann getrennt haben, hat das Haus ja keinen Unterhaltungschef mehr. Und ich wollte auch keinen mehr haben, weil ich jetzt versuche, dass Ganze mit Hilfe des Developments zu steuern. Das heißt, ich empfinde es gar nicht mehr als meine Arbeit, nachher an einer Sendung rumzudoktern, wenn diese in die Ausstrahlung gegangen ist. Was ich mache – mit vier, fünf anderen Leuten zusammen – ist, vor ihrer eigentlichen Ausstrahlung an einer Sendung zu arbeiten, also während der gesamten Development-Phase dieser Sendung, das heißt: Piloten erstellen, sich schon vorher genau überlegen, was man haben will, wie die Sendung aussehen soll und so weiter. Dadurch minimiert man schließlich das Risiko. Diese Art von Arbeit ist im Übrigen nichts Neues. Das machen die Amerikaner, ob für die Industrie oder fürs Fernsehen, schon seit ewigen Zeiten. Nur in Deutschland, da hat man Sendungen immer sofort, ohne Development-Phase ausgestrahlt. Selbst wenn das gut gemacht wurde, musste immer nachher noch daran herumgedoktert werden. Da gab es dann zum Beispiel die großen Kreativen, die sich wichtige Gedanken gemacht haben über Veränderungen. Blödsinn! Der Fehler ist, wenn man sich nicht schon im vorhinein richtig überlegt, wie man es am besten anstellt. Wir machen hier bei RTL vorher viele Gruppendiskussionen, wir haben hervorragende Medienforscher und so weiter. Wir können einfach unheimlich viel vorhersagen. Und das ist sicher keine große Kunst. Hier in Deutschland wird immer der Eindruck erweckt, da seien ein paar große Gurus bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten, die machen das und wissen, wie das geht – von wegen! Machen Sie mal über eine Pilotsendung eine anständige Gruppendiskussion, dann haben Sie drei Viertel der Miete und wissen, wo’s langgeht.

FK: Ihre Erfolgsgeschichten klingen gut. Warum ist, aller Planung zum Trotz, die tägliche Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ so schlecht gestartet?

Conrad: Die Quoten waren anfangs nicht gut, ja, ja. Aber das hat damit zu tun, dass der Production-Value der Serie bis heute noch nicht zufriedenstellend ist. Das ist zum Teil Laientheater. Man kann halt die Schauspieler nicht schön-, nicht besser reden, als sie sind. Das ist das Problem. Nicht die Idee an sich. Man darf jetzt nicht, weil die Ausführung unbefriedigend ist, die Grundidee anzweifeln. Das Problem ist eben, dass noch nie in Deutschland jemand mit der Produktion einer täglichen Serie die nötige Erfahrung gesammelt hat. Deshalb passieren grundlegende Fehler. Was zum Beispiel nicht richtig beachtet wird: Die Menschen in einer Soap Opera müssen immer schöne Menschen sein, es müssen Typen sein, an denen muss man sich reiben können, die müssen attraktiv sein oder sonst auffällig.

FK: Wie sehen Sie denn die Produktionssituation in Deutschland generell?

Conrad: So lange es so wenige Produzenten gibt und so lange die Nachfrage nach ihnen so enorm groß ist, können die so oder so in Saus und Braus leben. Zum Teil zahlen wir 100.000 Mark schon für irgendein Drehbuch für irgendein TV-Movie – das ist einfach komplett überteuert. Und da kriegen wir dann auch noch Sachen vorgelegt, da können wir nur vor Entsetzen die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Was den deutschen Produzenten im Augenblick wehtut, ist, dass wir die Holländer in den Markt hereingeholt haben. Das hat dazu geführt, dass einige langsam aufwachen. Anders als Kirch und Sat 1 oder die Öffentlich-Rechtlichen müssen wir uns unsere Produzenten ja suchen. Und dadurch, dass wir hier in Deutschland keine mehr gefunden haben, gab's eben, quasi als Ventil, nur noch die Möglichkeit, in Holland zu suchen. Oder natürlich in Amerika.

FK: Wobei Sie in Holland mit RTL 4 eine angeheiratete Firmenverbindung haben, hier also familiäre Produktionsstrukturen herrschen. Das rechnet sich ja auch.

Drehbücher, die eine Aneinanderreihung von Gestammel sind

Conrad: Ja, sicher, das wird dadurch billiger. Hierzulande haben die Produzenten ja einen Production-Value, der liegt zum Teil 20 bis 25 Prozent unter dem Wert, der da gezahlt wird. Wenn Sie sich amerikanische oder französische Serien anschauen, dann wird dort jede Minute etwas geredet, das gehört zum Production-Value. Nur in Deutschland gibt es das nicht. Hier gibt es dann immer diese ganz tollen Szenen im ARD-„Tatort“ zum Beispiel – auch in vielen Serien bei Sat 1 oder bei RTL gibt es ähnliches –, Szenen, mit denen ein Regisseur sich wieder einmal selbst verwirklicht hat: Da sieht man dann, wie jemand bedeutungsschwanger die Hand zum Glas ausstreckt, das Glas laaaangsam zum Mund führt und sich dann umdreht und in die Kamera schaut – und schon wieder ist eine Minute vergangen, die in keinem Drehbuch gestanden hat, die nichts kostet. Demgegenüber kommen aus Amerika – wie bei „Columbo“, „A-Team“ oder „Quincy“ – Drehbücher, da passiert immer etwas. Jedes Drehbuch ist da ein einzelnes Kunstwerk. Und hier in Deutschland gibt es Drehbücher, die sind wirklich nur eine einzige Aneinanderreihung von Gestammele. Vergessen Sie nicht: Fernsehen ist Wort. Das Einzige, was für mich bei allem, was fürs Fernsehen produziert wird, wirklich wichtig ist, ist das geschriebene Wort, das Drehbuch.

FK: Kann ein Sender wie RTL nicht einen solchen, wie Sie meinen, Missstand beseitigen, indem er seine Produzenten zwingt, Autorenpflege zu betreiben? Indem er einfach sagt: „Ich will bessere Bücher!“

Conrad: Das tun wir ja. Ich glaube, niemand lehnt so viele Drehbücher ab, auch Bücher für die Synchronisation, wie wir es tun. Die Sprache ist ein eigenes großes Problem. Das ist mir als Luxemburger schon immer aufgefallen: In Deutschland wird im Fernsehen, in der TV-Serie, eine ganz andere Sprache geredet, als der normale Deutsche sie spricht. Dieses Problem mit der Sprache gibt es weder in den USA noch in Frankreich oder Großbritannien. In Deutschland jedoch gibt es diese wenigen, immer gleichen Fernsehautoren, die ihre typische Sprache erfunden haben, die nur im Fernsehen stattfindet und gar nichts mehr mit der Sprache gemein hat, die die Leute wirklich reden. Ein einfaches kleines Beispiel: Im deutschen Fernsehen wird immer mit Vornamen gefragt, also: „Willst du noch ein Bier, Hans?“ Das sagt aber doch keiner! Man fragt: „Willst du noch ein Bier?“, und man antwortet „Ja“ oder „Nein“ und nicht „Ja bitte, Otto“ oder „Nein danke, Otto“.

FK: Sie haben bei RTL den Verzicht auf Fernsehansagerinnen durchgesetzt. Seit dem 1. November hat RTL ein neues Logo. Wie wichtig ist das Styling für einen Programmplaner?

Die Leute sollen sich mit dem Sender identifizieren können

Conrad: Die Idee für das neue Logo, das sage ich ganz klar und eitel, die stammt von mir. Ich habe über ein Jahr dafür gekämpft, dass wir endlich den Zusatz „plus“ weglassen. Versuchen Sie dieses alte RTL-plus-Logo mal nachzuzeichnen! Sie werden es nicht schaffen. Jetzt haben wir ein Logo, das jeder auf einen Blick erkennt: R T L, drei klare Buchstaben in unseren drei Farben rot, gelb und blau, das „plus“ weg. Das weist uns als ganz normales, solides Fernsehen, nein, als Network aus, denn wir verstehen uns jetzt als Network, als etablierter Broadcaster und nicht mehr, wie früher, als Narrowcaster. Die Leute sollen sich mit dem Sender identifizieren können. Deshalb haben wir kontinuierlich die erotischen Filme aus dem RTL-Programm genommen. Jetzt werden wir irgendwann diesen Herbst eine Kampagne starten, die den Leuten einimpft, dass Erotik bei RTL nur noch nach Mitternacht zu sehen sein wird, so dass wir uns als Familiensender positionieren und uns damit gegenüber den anderen abgrenzen. Jetzt, wo auch PRO 7 und Sat 1 jede Menge Erotik- oder Sexfilme zeigen, müssen wir eben wieder etwas anderes machen.

FK: Wenn Sat 1 irgendwann auch die Ansagerinnen abschafft, führen Sie sie dann wieder ein?

Conrad: Nein, ganz sicher nicht. So läuft das nicht.

FK: Was ist es denn, was Sie an den Ansagerinnen und Ansagern so gestört hat?

Conrad: Gestört hat mich daran gar nichts. Aber die Zuschauer hat es, glaube ich, gestört. Die Ansage hatte immer nur die Funktion, den Zuschauern zu sagen, was nachher kommt. Da habe ich immer gedacht: Das ist ja wie im Hörfunk, wieso braucht man im Fernsehen immer einen Menschen, der einem erzählt, was nachher kommt? Da ist es doch besser, wir machen einen Promo-Trailer: dass es also nicht in einer Ansage heißt, jetzt kommt „Columbo“ mit dem Gaststar Soundso, sondern wir zeigen „Columbo“ mit dem Gaststar Soundso.

FK: Was hat Sie am Programm noch so gestört, dass Sie es herausgenommen haben?

Ich werde nicht dafür bezahlt, beliebt zu sein

Conrad: Alle Musiksendungen bis auf eine. Denn Musiksendungen eignen sich fürs kommerzielle Fernsehen überhaupt nicht. In diesen Sendungen ist kein dramaturgischer Bogen, der die Zuschauer so führt, dass sie auch die Werbeinseln konsumieren müssen. Man kann jederzeit ein- oder aussteigen. Wenn bei einer Musiksendung eine Werbeinsel kommt, kann der Zuschauer problemlos aussteigen und mal eben telefonieren oder zur Toilette gehen. Und es ist eigentlich egal, ob er erst nach zehn Minuten wieder ins Programm einsteigt oder nach zwei Minuten. Dann hat man eben irgendwie den Aufmarsch eines Blasorchesters mehr verpasst. Aber den nächsten Musikakt, den kann man wieder genauso konsumieren. Das ist ganz egal. Wenn man aber bei „Columbo“ mal zur Toilette geht und zu lange wegbleibt, dann hat man eventuell verpasst, wer als nächster gestorben ist, jedenfalls fehlt einem etwas Wichtiges, das man wissen muss, um die Handlung weiterhin zu verstehen.

FK: Warum haben Sie denn angesichts Ihrer prognostischen Fähigkeiten die Musiksendungen überhaupt ins Programm genommen?

Conrad: Wir laufen seit drei Jahren damit ’rum, dass wir sagen: „Um Gottes willen, schmeißt solche Sendungen aus dem Programm!“ Aber wer will schon gerne rausgeschmissen werden? Da gibt es Widerstände.

FK: Seit Sie Leiter des Direktionsbereichs Programm sind, haben Sie die Macht, Sendungen einfach abzusetzen. Und tun das auch.

Conrad: Ja. Vor drei Jahren hatte ich diese Möglichkeit nicht. Jetzt, vor rund sechs Monaten, habe ich diese Sendungen einfach aus dem Programm genommen...

FK: ... mit den entsprechenden Konsequenzen für die Beliebtheit Ihrer Person im Hause, deren Sie sich bewusst sind.

Conrad: Nun gut, ich werde ja nicht dafür bezahlt, beliebt zu sein. Und so unbeliebt, wie Sie vielleicht glauben, bin ich hier nun auch wieder nicht. Kommt ganz drauf an, bei wem.

FK: Was fehlt Ihnen im Programm? Wo sagen Sie: „Das genau müsste ich noch für mein Publikum, für die Farbe meines Programms haben“?

Im deutschen Fernsehen fehlt Humor

Conrad: Es fehlt etwas ganz Entscheidendes, und zwar nicht nur für „mein“ Publikum oder das von RTL, sondern für das deutsche Publikum überhaupt: Im deutschen Fernsehen fehlt Humor. Es gibt viele Abende im Fernsehen, da geht man nach dem Abschalten mit Depressionen ins Bett – so grauenhaft ist das Programm. Da kann man verzweifelt nach lustigen Sachen suchen, aber auf keinem einzigen Kanal gibt es etwas. Ob das etwas mit dem deutschen Wesen zu tun hat? Ich weiß nicht. Für uns heißt das auf jeden Fall: Die Reality-TV-Geschichten werden demnächst, über kurz oder lang, immer stärker durch Comedy-Sendungen ersetzt werden. Wir produzieren jetzt bereits Sitcoms: die deutschen Versionen von „Who’s the Boss?“ und „Eine schrecklich nette Familie“. Wir haben Otto eingekauft, der zwei Shows macht; wir haben Kerkeling eingekauft, der eine Show macht; mit Diether Krebs produzieren wir eine Sitcom; im Weihnachtsprogramm starten wir eine Comedy-Reihe, die wir mit Dirk Bach produziert haben, und die sehr schön geworden ist; mit Hella von Sinnen haben wir fünf neue sitcomartige Episoden aufgezeichnet. Das funktioniert allmählich, aber ist sehr schwer. Denn auch hier sind die Bücher das Komplizierteste. Finden Sie mal neue Autoren! Da stehen ja fast immer nur die gleichen zur Verfügung, die zum Teil immer die gleichen Gags produzieren. Ich habe jetzt Leute eingestellt, die für RTL einmal die ganze Kabarettszene in Deutschland abgrasen. Und da kommen tolle junge Leute zum Vorschein, Talente, die auf irgendwelchen kleinen Bühnen auftreten und wunderbare Programme machen, über die die Zuschauer unheimlich lachen, über die sie viel mehr lachen, als wenn irgendein teurer Star diese Witze verkaufen würde. Die Zuschauer lachen über die Pointe, nicht über den, der sie macht. So ist das bei Comedy, da braucht man nicht den Star. Da kommt es auf das gesprochene Wort an. Die Stücke müssen verbal auf den Punkt gebracht werden. Es ist hier immer noch meistens so, dass zu viel überflüssige Optik im Spiel ist.

FK: Wenn nach Reality-TV die nächste Etappe Comedy ist – was folgt als übernächste Etappe, soweit Sie uns das verraten wollen?

Conrad: Noch keine Ahnung.

FK: Ist Reality-TV denn als Programmfarbe tatsächlich schon bald ausgereizt?

Conrad: Zum Teil. Die sehr guten Reality-Programme wird’s erst mal weiter geben. Unser „Notruf“ mit Hans Meiser, zum Beispiel, das wird meines Erachtens ein Klassiker werden, das wird immer gut laufen. Das sieht man ja auch in Amerika. Oder auch am Beispiel „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ hier in Deutschland beim ZDF. Solche Klassiker werden bleiben. Aber diese abstrusen Formen von Reality-TV – wo zum Beispiel die Reporter mit Kameras in Krankenwagen oder in Feuerwehrautos mitfahren – das wird sich nicht durchsetzen.

FK: Im Sport hat RTL in jüngster Zeit die größten Verluste hinnehmen müssen. Die Fußball-Bundesliga ist jetzt bei Sat 1 zu sehen. Welche Rolle spielt Sport künftig in Ihrem Konzept?

Conrad: Ich finde überhaupt nicht, dass wir im Sport größte Verluste hinnehmen mussten. Genauso, wie ich gegen Musiksendungen im Fernsehen bin, bin ich auch gegen Sport im Fernsehen. Ich als Programmplaner versuche ja immer, eine sehr hohe Identifikation des Zuschauers mit seinen einzelnen geliebten Sendungen herzustellen. Und es ist für mich jedes Mal ein Ärgernis, wenn eine Sendung von ihrem gewohnten Platz plötzlich wegen einer Sport-Live-Übertragung verschwinden muss.

Wir wollen die Nachrichten immer weiter ausbauen

FK: Müsste also ein Sender mit konsequent homogenem Programm auf Sport ganz verzichten?

Conrad: Das kann man auch wieder nicht. Das weiß auch ich. Man braucht den Sport zum Beispiel aus Image-Gründen. Es wäre ein Desaster für uns gewesen, wenn wir uns jetzt ganz vom Fußball verabschiedet hätten – wir zeigen ja noch Pokalspiele – oder wenn wir plötzlich überhaupt kein Tennis mehr zeigen würden und das alles Herrn Kirch kampflos überlassen. Das kann man natürlich auch nicht machen. Man muss Sport im Programm wohl dosieren.

FK: Was gehört noch zu einem homogenen Programm, wie Sie es sich vorstellen?

Conrad: Einige ganze Menge. Mein Ziel wäre es zum Beispiel noch, dass RTL in zwei Jahren die Marktführerschaft bei den Nachrichten erreicht hat. Das heißt jetzt nicht, dass wir als Sender absolut die Nummer 1 auf diesem Sektor sein wollen, dass wir in dieser Hinsicht ARD und ZDF schlagen wollen, das wollen wir gar nicht. Aber bei unserem Zielpublikum, den Unter-50-Jährigen, da speziell müssen wir spätestens in zwei Jahren Marktführer sein. Man kann nämlich nur die Marktführerschaft mit dem gesamten Sender halten, wenn man auch auf dem Nachrichtensektor die Nummer 1 ist und ernst genommen wird. Deshalb wollen wir auch die Nachrichten – und auch die Magazine, für die von der Bedeutung her ähnliches gilt – immer weiter ausbauen. Wir haben zuletzt Nachrichten um die Mittagszeit eingeführt. Als nächstes kommen Nachrichten bei RTL auch um Mitternacht. Das ist alles ebenfalls sehr kompliziert zu beackern, aber mit der Infrastruktur, die wir jetzt haben, möglich. Noch sind wir von diesem Ziel weit entfernt. Wir müssen zum Beispiel auch daran arbeiten, unser Frühstücksfernsehen stark zu verbessern.

FK: RTL wird sein Frühstücksfernsehen definitiv nicht abschaffen?

Conrad: Nein, nein, auf keinen Fall! Auch das Frühstücksfernsehen ist Teil unseres Konzepts der Marktführerschaft bei Nachrichtensendungen.

FK: Der Fernsehmarkt in Deutschland entwickelt sich rasant. Wie sieht Ihr persönliches Szenario für den Fernsehmarkt in zwei Jahren aus und welche Position hat RTL dann?

Conrad: Das kann ich Ihnen im Moment überhaupt nicht sagen. Ich weiß es wirklich nicht. Und zwar, weil im Moment nicht absehbar ist, was mit all den anderen noch geplanten Programmen – RTL 2, Vox, n-tv, Euronews – wird, und weil die medienpolitische Situation schwierig ist, weil man nicht weiß, wie die Aufsichtsbehörden ihre Linie weiterfahren. Zuverlässige Prognosen sind da nicht möglich. 19.11.92/FK

• Interview aus Heft Nr. 48/1992 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

19.11.1992/MK

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