Der neue deutsche Serien-Boom: „Meuchelbeck“, „Blochin“, „Weissensee“ und noch mehr

02.10.2015 •

In Deutschland boomt dieser Tage die Fernsehserie. Was viele im Feuilleton der Tages- und Wochenzeitungen seit einigen Jahren herbeigewünscht hatten, nahm auf dem Bildschirm auffallend Gestalt an. Begonnen hatte die Hochkonjunktur neuer deutscher und dennoch ungewöhnlicher Serien schon am 24. August, als das Dritte Programm WDR Fernsehen „Meuchelbeck“ startete. Die sechsteilige Serie, deren letzte Folge am 28. September lief, versprach allerdings mehr, als sie dann halten konnte. Ihr Ansatz einer Mischung aus Provinzposse, Krimi und schrägem Familienstück war lobenswert. Auch die Besetzung und manche visuelle Idee waren ungewöhnlich. Vieles andere krümmte sich aber dann wieder zurück in die deutsche Serien-Wirklichkeit der letzten Jahre, zu der eher müde Kalauer, überdeutlich ausgespielte Gags und eine Reihe von Stereotypen gehören. In der Summe war die von Stefan Rogall geschriebene Serie vom österreichischen Pendant „Braunschlag“ (ORF 2011) eines David Schalko doch so weit entfernt wie der Niederrhein, wo der fiktive Erzählort Meuchelbeck angesiedelt war, vom Waldviertel in Niederösterreich. („Braunschlag“ ist im deutschen Fernsehen ab dem 13. Oktober im ARD-Spartenkanal Eins Festival zu sehen.)

Am 25. September (Freitag) begann das ZDF auf dem 20.15-Uhr-Krimitermin mit der Ausstrahlung der fünfteiligen Serie „Blochin. Die Lebenden und die Toten“, deren weitere Folgen dann an den beiden Tagen danach, am Samstag ab 21.15 Uhr und am Sonntag ab 22.00 Uhr, zu sehen waren. Die Krimiserie um die von Jürgen Vogel gespielte Titelfigur war vor allem für das Publikum, das freitags und samstags das ZDF einschaltet, eine ungewöhnliche Kost. Denn die in „Blochin“ agierenden Polizisten und Kommissare stehen nicht – wie das sonst auf diesen Programmplätzen der Fall ist – für das Gute und das Richtige, sondern es sind angeschlagene Charaktere, die tendenziell korrupt sind und die aus Selbstschutz töten und auch sogar morden.

Die Handlung folgt denn auch nicht einer klassischen Tätersuche, sondern hangelt sich von Actionszene zu Actionszene, es sei denn Jürgen Vogel muss mal wieder telefonieren oder mit seinem Motorrad durch Berlin düsen. Das war vor allem in der ersten Folge nicht schlecht und in den Actionszenen sogar gut inszeniert (Regie: Matthias Glasner), zudem agierte hier ein auch in den Nebenfiguren starkes Ensemble, doch insgesamt gesehen verhedderte sich „Blochin“ mit seinen Themensträngen von Drogenhandel, Waffenhandel und korrupter Politik in Unübersichtlichkeit. Vollkommen absurd war die letzte Folge, die weniger die diversen Handlungselemente zumindest für einen Augenblick zusammenführte, sondern stattdessen einen veritablen Cliffhanger etablierte, der für eine noch nicht produzierte zweite Staffel warb. Das ließ einen dann schon sehr unzufrieden zurück.

„Deutschland 83“ und „Weinberg“

Am 29. September begann die ARD mit der Ausstrahlung der dritten Staffel von „Weissensee“, und zwar auf jenem Sendeplatz, auf dem die Serie aus der Geschichte der DDR 2010 begonnen hatte: dienstags um 20.15 Uhr, jeweils eine Episode. Doch diesmal wurden gleich zwei Folgen hintereinander ausgestrahlt. Und es ging sogleich an den nächsten beiden Tagen weiter: Am Mittwoch und am Donnerstag (30. September/1. Oktober) folgte der Rest der sechsteiligen Staffel, auch jeweils in Doppelfolgen.

Diese dritte Staffel von „Weissensee“ litt unter dem großen Druck, die wichtigen Momente der letzten Tage der DDR in die Familiengeschichte zu verschränken. So bestanden die Szenen um den 9. November 1989 aus vielen Versatzstücken der Allgemeingeschichte, die man schon sehr oft gesehen hatte. Auch die neu hinzugefügten Krimi-Elemente taten der Serie nicht unbedingt gut. Gut erzählt und inszeniert (Regie: Friedemann Fromm) war hingegen die Gefahr der Spaltung der Oppositionsbewegung durch die Furcht, dass man von Spionen und Handlangern der Stasi unterwandert sein könnte, und den Druck, der dadurch auf den Mitgliedern der Opposition lastete. Und selbstverständlich sah man neugierig zu, wie sich die Familien Kupfer und Hausmann in den letzten Tagen der DDR weiterentwickelten.

Während „Meuchelbeck“ im WDR Fernsehen klassisch auf einem festen Sendeplatz ausgestrahlt wurde (jeweils montags, 20.15 Uhr), konzentrierten ZDF und ARD „Blochin“ und „Weissensee“ auf drei aufeinanderfolgende Tage. Ein Grund dafür war sicherlich, die Aufmerksamkeit zu bündeln und eine Art von Sogeffekt zu erzielen, wie er bei klassischen Dreiteilern durchaus entstehen kann. Beim ZDF kam als Grund sicher hinzu, dass sich die unterschiedlichen Längen der „Blochin“-Episoden (die Anfangs- und die Schlussfolge dauerten je 90, die mittleren drei Folgen je 60 Minuten) nicht auf einem einheitlichen Sendeplatz unterbringen ließen; außerdem durften einige Gewaltszenen erst nach 22.00 Uhr gezeigt werden. Für die ARD mag die Idee der ungewöhnlichen Programmierung auch vom Gedanken beseelt sein, so den idealen Vorlauf für den „Tag der Deutschen Einheit“ am 3. Oktober (Samstag) zu liefern. Es drängt sich der Verdacht auf, als glaubte man an die neuen Serien als Programmelement immer noch nicht so ganz, weshalb man sie als Ereignisfernsehen verkauft.

Eine Qualitätsbilanz des neuen deutschen Serien-Booms wird man erst ziehen können, wenn demnächst dann auch die neuen Produktionen der Privatsender RTL („Deutschland 83“) und TNT („Weinberg“) gestartet sind.

02.10.2015 – Dietrich Leder/MK