Einer der wichtigsten Dokumentaristen der Welt

Lebensgeschichte und Fernsehgeschichte: Die Autobiografie von Marcel Ophüls

Von Dietrich Leder
23.04.2015 •

Er zählt zu den wichtigsten Dokumentaristen der Welt. Seine Filme über Schuld und Verbrechen, Krieg und Kriegsberichterstattung, über Nazis, die untertauchten oder verurteilt wurden, aber auch zum Glück im Moment des Mauerfalls sind Meilensteine in der Dokumentarfilmgeschichte. Er hat in Frankreich, in den USA und in Deutschland für private und öffentlich-rechtliche Fernsehsender gearbeitet. Er war phasenweise fest angestellt, verließ aber meist die Institutionen schneller, als er in sie hineingekommen war. Mit den Produzenten seiner großen und stets auch langen Filme hat er sich regelmäßig verkracht, was ihm heute aber nur dann leidtut, wenn der Krach alte Freundschaften beendete. Seine Filme wurden mit Preisen überhäuft, er wurde mit dem Oscar ausgezeichnet wie auch mit dem Grimme-Preis. Und doch bezeichnet er sich selbst im Titel seiner gerade auf Deutsch erschienenen Autobiografie zunächst nur als „Meines Vaters Sohn“.

Denn Marcel Ophüls verehrt seinen Vater Max, den wunderbaren Spielfilmregisseur, wie er offen eingesteht: „Der Sohn eines Genies gewesen zu sein – präzise gesagt, der Sohn dieses Genies Max Ophüls –, ist etwas Wundervolles. Es ist das vollkommene Glück und zugleich auch ein immenses Privileg.“ In knapp der Hälfte seines Buches beschreibt er denn auch vor allem das familiäre Leben mit dem Vater und der Mutter, der Schauspielerin Hilde Wall. Ein Leben, das ab 1933 von der Flucht vor den Nazis tief geprägt worden ist. Die Familie flieht aus Berlin zunächst nach Paris, von wo Max Ophüls zu immer neuen Dreharbeiten in Frankreich, in Holland und in Österreich aufbricht. Als die Deutschen in Frankreich einmarschieren, flieht die Familie erst in den Süden des Landes, um von dort dann in die USA zu entkommen. In Hollywood kann der Vater erst nach einigen Jahren und unter großen Schwierigkeiten als Regisseur weiterarbeiten, so dass er 1950 nach Frankreich zurückkehrt, wo er bis zu seinem frühen Tod mit 54 Jahren noch drei große Filme realisieren kann, darunter sein Opus magnum „Lola Montès“, das an der Kinokasse der 1950er Jahre jedoch ein Desaster erlebt.

Lob und Tadel: Die Arbeit seines Vaters

Marcel Ophüls begleitet die Arbeit seines Vaters, den er auch aus der Perspektive des Regie-Assistenten erlebt hatte, durchaus kritisch. Er lobt und tadelt manche Entscheidungen für oder gegen bestimmte Schauspieler und deutet an, dass er die Haltung des Vaters in Hollywood nicht unbedingt richtig fand, sich den kleinen B-Movies zu verweigern und stattdessen alles daran zu setzen, gleich ganz oben und also mit einem großen, teuren und mit Stars besetzten Film wieder anzufangen.

Gleichzeitig skizziert er in einer Vielzahl von Szenen die gesellschaftliche Lage, wie er sie als Kind und dann als junger Mann im französischen und dann amerikanischen Exil erlebte. Und er rekonstruiert seine Medienkarriere, die Mitte der 1950er Jahre beim damaligen Südwestfunk (SWF) in Baden-Baden begann, wo er als Hörspiel-, bald auch als Fernsehspielregisseur arbeitete. Doch nach drei Jahren stieg er aus und kehrte nach Frankreich zurück, wo er zunächst zwei Spielfilme inszenierte: „Peau de banane“ (1963) war ein großer Erfolg, jedoch „Faites vos jeux, Mesdames“ (1964) ein vollkommener Flop, so dass Ophüls – wie er sarkastisch schreibt – glaubt, ins Exil gehen zu müssen, „am besten in die Sowjetunion“, mit der ihn allerdings politisch nie etwas verband. Marcel Ophüls war und ist ein politischer Aufklärer, der sich nie parteipolitisch band, der selbst diejenigen kritisch sah, deren Politik er eine gewisse Sympathie entgegenbrachte; ein Beispiel dafür war der französische Staatspräsident François Mitterand.

Statt in die Sowjetunion zu gehen, arbeitet Ophüls wieder für das Fernsehen. Erst für die französische Sendeanstalt ORTF in Paris, doch diese Zusammenarbeit endet nach den Protesten des Mai 1968. Dann für den NDR in Hamburg, der sich an dem ersten großen Dokumentarfilm von Ophüls, „Le Chagrin et la Pitié“ (1969), beteiligt, der die Geschichte Frankreichs während der Nazi-Besatzung am Beispiel der Stadt Clermont-Ferrand rekonstruiert. Trotz oder vielleicht wegen des großen Erfolgs dieses Films kommt Ophüls mit Dieter Meichsner, dem neuen Chef der NDR-Fernsehspielabteilung, nicht gut aus. (Nach Hamburg geholt worden war Ophüls von dessen Vorgänger Egon Monk, der ja auch die Dokumentaristenkarrieren von Klaus Wildenhahn und Eberhard Fechner befördert hat.) Also sucht der Regisseur seine Stoffe, die er für den NDR realisiert, möglichst weit weg von Hamburg. So entstanden der Bericht über ein Massaker des Vietnamkriegs mit dem Titel „Die Ernte von My Lai“ und sein persönlicher Rückblick auf seine Jahre in den USA, „Auf der Suche nach meinem Amerika“ (1970). Mit dem Fernsehspiel eines Bühnenstücks von Sacha Guitry endet seine Zusammenarbeit mit dem NDR.

Bei „The Memory of Justice“ – einem Film über die Kriegsverbrecherprozesse – arbeitet er mit der BBC und dem ZDF zusammen. Doch nach einem Streit nehmen ihm die Produzenten erst einmal den Film aus der Hand und lassen ihn von einem anderen Regisseur unter dem Titel „Spuren der Gerechtigkeit“ fertigstellen, der deutlich die Intentionen von Ophüls verfälscht. Das ZDF strahlte diese Fassung ohne Nennung des Namens Marcel Ophüls 1976 aus. Ophüls selbst kam wenig später durch die Hilfe von zwei Cutterinen an das Originalmaterial, was es ihm erlaubte, seine eigene Fassung des Films zu erstellen, die auf der diesjährigen Berlinale restauriert wiederaufgeführt wurde.

„Nein, noch immer nicht tot, Bertrand“

Krach mit der Produktionsfirma gab es dann auch bei „Novembertage“, seinem Film über den Fall der Mauer. Dieser Film wurde 1990 von RTL (damals noch: RTL plus) ausgestrahlt und bescherte dem deutschen Privatsender den ersten Grimme-Preis. Da die Produzentin Regina Ziegler die Reise zur Preisverleihung nach Marl nicht bezahlen wollte, blieb Ophüls der Preisverleihung fern. Auch bei „Veillées d’armes“ (1994) über die Geschichte der Kriegsberichterstattung kommt es zum Streit. Diesmal hat den Film Ophüls’ Freund, der Regisseur Bertrand Tavernier, produziert, der ihm über den Streit die Freundschaft aufkündigt und anschließend erklärt, dass für ihn Marcel Ophüls tot sei. „Von Zeit zu Zeit“, schreibt Ophüls fast am Ende seiner streitbaren Autobiografie, „schicke ich ihm [Tavernier, D.L.] deshalb ein kleines Fax: ‘Noch immer nicht tot!’ Nein, noch immer nicht tot, Bertrand.“ Marcel Ophüls ist heute 87 Jahre alt.

Interessant ist, dass Ophüls denjenigen Film, der heute als sein bedeutendster gilt und der ihm den Oscar für den besten Dokumentarfilm eintrug, „Hôtel Terminus“ (1989) – über den Nazi-Verbrecher Klaus Barbie – von allen „schweren Brocken“ unter seinen Arbeiten „am wenigsten“ mag. Vielleicht auch deshalb, weil er während der Arbeit schwer erkrankte.

„Meines Vaters Sohn“ ist ein pointiert erzähltes Buch, voller Sarkasmen, aber auch liebevoller Beschreibungen. Gewiss nicht uneitel, doch durchaus auch selbstkritisch gehalten. Zugleich eine Rekonstruktion der Nazi-Gewalt, der die Familie des jüdischen Regisseurs Max Ophüls unterworfen war und die sie über Europa in die USA vertrieb. Es ist nicht zuletzt eine kleine Mediengeschichte mit Erinnerungen an Arbeitsbedingungen des Fernsehens in Europa und den USA. Die Lektüre des Buchs weckt die Neugier auf ein Wiedersehen der bekannten Filme, von denen nur wenige auf DVD erhältlich sind. Es wäre eine Aufgabe, ja ein Auftrag für einen öffentlich-rechtlichen Sender wie den NDR, diesen Teil einer gewiss ruhmreichen Fernsehgeschichte durch eine erneute Ausstrahlung zu würdigen und einer neuen Generation zur Kenntnis zu geben.

23.04.2015/MK

Marcel Ophüls: Meines Vaters Sohn. 320 Textseiten und 16 Fotoseiten, Übersetzung aus dem Französischen von Jens Rosteck, Propyläen-Verlag, Berlin 2015; 22,- Euro.


Print-Ausgabe 20-21/2019

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