Die journalistisch-ethische Dimension: ARD-Dokumentation über Doping in der Leichtathletik sorgt für große Aufmerksamkeit

25.08.2015 •

Für große Aufmerksamkeit in der Fachwelt sorgte die ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping – Im Schattenreich der Leichtathletik“, die am 1. August (Samstag) um 17.05 Uhr im Ersten zu sehen war. Denn die von der ‘ARD-Dopingredaktion’ verantwortete Recherche legte starke Hinweise dafür vor, dass in der Leichtathletik nicht nur in Einzelfällen, sondern wohl über längere Zeiträume und in manchen Ländern systematisch gedopt wird.

Autor der 55 Minuten langen Dokumentation (WDR) war Hajo Seppelt. Und er erinnert zu Beginn seines Beitrags daran, dass er vor acht Monaten in einem ersten Film zum Thema ein russisches Ehepaar vorgestellt hatte, das systematisches Doping im russischen Leichtathletikverband mitgemacht und miterlebt hatte; sie als Leichtathletin und er als Kontrolleur („Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht“, ARD/WDR; vgl. FK 50/14). Erst durch das Geständnis dieser beiden mittlerweile im Westen lebenden Kronzeugen, die auch verdeckt aufgenommenes Material (Bild- und Tonaufzeichnungen) mitgebracht hatten, war es erstmals möglich, die Systematik von Doping und Dopingverschleierung offenzulegen.

Tod eines Leistungssportlers

Im neuen Stück, das am 10. August um 22.00 Uhr noch einmal im Dritten Programm WDR Fernsehen unter dem Label „Die Story“ ausgestrahlt wurde, geht es nur anfangs um die russische Leichtathletik, als Seppelt mit verdeckt aufgenommenen Bildern belegt, dass die im ersten Film verdächtigten Trainer zwar nicht mehr im Vordergrund, aber im Hintergrund weiter die Fäden bei wichtigen Wettkämpfen ziehen. In der Dokumentation geht es im Wesentlichen um zwei Aspekte: zum einen um Doping in Kenia, vor allem unter den Langstreckenläufern, und zum anderen um eine interne Datenbank des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF), die verdächtige Werte vieler Leichtathleten seit mehr als zehn Jahren enthält.

Seine Recherche in Kenia beginnt Seppelt mit Nachforschungen zum Tod eines Leistungssportlers des Landes. Der Journalist vermutet als Todesursache die Einnahme von EPO, einem der bekanntesten Dopingmittel. Seppelt spricht mit Bekannten des Toten und mit Ärzten. Am Ende kann er seine Vermutung zwar nicht beweisen, aber alles – so sein Off-Kommentar – spreche dafür. Eine ähnliche Argumentationsweise durchzieht den ganzen Film. Seppelt kann für seine zahlreichen Vermutungen und Annahmen keine letztgültigen Beweise vorlegen, doch er weckt starke Zweifel an dem, was die Leichtathletik und deren Verbandsfunktionäre von ihrem Sport behaupten, dass nämlich alles ordnungsgemäß ablaufe.

In Kenia begleitet Hajo Seppelt mit versteckter Kamera einen britischen Amateurläufer, der mit einem in Sportkreisen bekannten Arzt zu tun hat, der ihm nicht nur EPO verkauft, sondern den Athleten auch noch mit Ratschlägen versieht, wie er dieses Dopingmittel einsetzen soll, um bei den Kontrollen unter den Mindestwerten zu bleiben. Wie das in Kenia selbst funktioniert, legt eine des Dopings überführte Sportlerin nahe, die im Interview erklärt, dass es dort in der Regel bei den Dopingkontrollen keine Bluttests gebe; mit den klassischen Urinproben lässt sich EPO aber nicht nachweisen. Seppelt legt nach: Es hat den Anschein, als könnten überführte Sportler Sperren umgehen, indem sie Funktionäre des kenianischen Verbandes bestechen. Damit nicht genug, deutet der TV-Journalist an, dass die Spitze dieses Verbandes Sponsorengelder für private Zwecke abzweige.

Stärke und Schwäche

Diese Recherchereise zeigt zugleich die Stärke und die Schwäche des Vorgehens von Hajo Seppelt: Mit der versteckten Kamera liefert er handfeste Beweise für den laxen und deutlich auch routinisierten Umgang mit Dopingmitteln. Doch das reicht ihm nicht. Er muss dem Verband, der das nicht nur nicht verhindert, sondern vermutlich auch unterstützt, beim Umgang mit Sperrfristen auch noch der kleinen und im Umgang mit den Sponsorengeldern zugleich der großen Korruption zeihen. Damit entfernt er sich aber von seinem eigentlichen Thema und erschwert es den Zuschauern, konzentriert bei der ohnehin schon komplexen Doping-Problematik zu bleiben.

Kompliziert wird die Darstellung beim zweiten Hauptthema, der erwähnten IAAF-Datenbank. Der Weltleichtathletik-Verband hält die Datenbank unter Verschluss. Seppelt war sie auf einem USB-Stick zugespielt worden. In der Datenbank sind die Ergebnisse von 12.000 Bluttests von 5000 Läufern dokumentiert, Daten, die zwischen 2001 und 2012 gesammelt worden waren. Es ist eine Unmenge an Zahlen, die Seppelt – wie er im Off-Kommentar sagt – nicht selbst bearbeiten kann, weshalb er die englische Zeitung „Sunday Times“ mit einbezieht. Deren Redakteure arbeiten sich durch die Zahlensammlung und reduzieren sie auf signifikante Angaben. Diese Resultate interpretieren anschließend zwei australische Wissenschaftler und ausgewiesene Blutdoping-Experten. Demnach deuten die Werte fast jedes siebten Sportlers, dessen Untersuchungsergebnisse in der Datenbank enthalten sind, darauf hin, dass er im Lauf der Jahre einmal gedopt habe. Noch extremer: Jeder sechste Gewinner einer Medaille in Ausdauerdisziplinen bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften steht nach Ausweis dieser Daten unter Verdacht, sich mit blutverändernden Mitteln gedopt zu haben.

Live-Bilder verraten nichts

Jenseits der Frage, ob diese Hochrechnung, die abstrakt bleibt (Namen werden nicht genannt), im Detail stimmt, kann man die Klage von Seppelt über die fehlende Entschlossenheit bei Dopingkontrollverfahren teilen. Wenn – wie in Kenia – Bluttests unterbleiben oder wenn – wie in Russland – Tests grundsätzlich Tage vorher angekündigt werden, verliert die weltweite Kontrolle an Belang. Das bedeutet nicht nur Betrug im sportlichen Sinne, unter dem die nicht dopenden Athleten leiden, sondern angesichts der gesundheitlichen Gefahren, die mit dem Doping einhergehen, eine enorme Gefährdung für eine gesamte Generation von Sportlern in bestimmten Ländern.

Am Ende seiner Dokumentation deutet Hajo Seppelt an, dass das Medium, in dem er seine Kritik vorträgt, an alldem zumindest nicht unschuldig ist. Er verweist auf die am 22. August (Samstag) beginnende Leichtathletik-WM in Peking. Zu den „spektakulären Bildern“, die von dort zu erwarten sind, sagt er: „Dass man ihnen trauen darf, ist höchst fraglich.“ Diese Schlussfolgerung ist allerdings ungenau. Den Bildern kann man natürlich trauen. Sie bilden die Leistungen der Sportler ab, wie sie real geschehen. Doch worauf diese Leistungen beruhen, das zeigen sie nicht. Das freilich ist immer so: Live-Bilder verraten nichts über das Doping, aber auch nichts über das Training, die Lebensverhältnisse, die Bezahlung von Athleten. Sie täuschen insofern, als sie nichts als das Ereignis selbst zeigen.

Schweigen als Vertragsbedingung

Hajo Seppelts Recherche ist eine verdienstvolle Leistung. Die filmische Umsetzung ist dabei aber nur bedingt gelungen. Der Journalist verzettelt sich zum Teil, begeht Nebenwege, die nichts als seine Anstrengungen illustrieren sollen, und er erwähnt im Sinne einer Reisekostenabrechnung, wo überall er gedreht hat. Er raunt davon, ihm werde permanent Material zugespielt, anonym zugesandt oder aber auch verkauft („Genügend Bargeld habe ich dabei“). Und er muss sich in seinem Film permanent selbst im Bild zeigen: ob am heimatlichen Computer, im Gegenschuss bei Interviews oder bei nachgestellten Szenen, in denen er das zugespielte, zugesandte oder gekaufte Material betrachtet. Diese Selbstdarstellung ist zum einen dem Mangel an Bildern geschuldet. Zum anderen hat sie aber auch etwas mit dem Unsinn des Fernsehens zu tun, jedwede Berichterstattung extrem zu personalisieren. Und so muss Hajo Seppelt, der nicht gerade der beste Selbstdarsteller ist, also vor die Kamera, auch wenn er dabei ein eher unglückliches Bild abgibt.

Der Weltleichtathletik-Verband wies selbstverständlich alles zurück, was ihm vorgeworfen wurde, und drohte der ARD Klagen an. Eine weniger juristische denn rhetorische Geste. Der Sender solle sich – so könnte man diese Geste deuten – bewusst werden, dass man zukünftig Übertragungsrechte ja an Bedingungen knüpfen kann, zu denen das Schweigen über Probleme und Konflikte dazugehört. Der Kauf der Übertragungsrechte von Sportgroßereignissen, könnte man glauben, erhielte nun so neben der ökonomischen noch eine journalistisch-ethische Dimension. Doch die hat schon immer dazugehört, man hat nur über sie hinweggesehen. (Der Film „Geheimsache Doping – Im Schattenreich der Leichtathletik“ ist weiterhin in der ARD-Mediathek abrufbar.)

25.08.2015 – Dietrich Leder