Grit Lederer: Der grausame Gott? Gewalt, Religion und Kunst (Arte)

Betrachtungen zur Abraham-Geschichte

18.09.2015 •

18.09.2015 • „Die Geschichte von Abraham und seinem Sohn Isaak zählt zu den bekanntesten des Alten Testaments. Der Vater soll auf Geheiß Gottes seinen Sohn töten, erst im letzten Augenblick verhindert ein Engel das Opfer, statt des Sohnes wird ein Widder getötet. Für Juden und Christen ist diese Geschichte eine der Grundlagen ihres Glaubens, auch im Koran wird sie erzählt. Ihre Interpretationen sind vielfältig, ihre Darstellungen in der bildenden Kunst der Jahrhunderte kaum zu zählen.

Für den Filmregisseur Peter Greenaway und die Multimedia-Künstlerin Saskia Boddeke ist die Abraham-Geschichte die Basis eines Ausstellungsprojekts für das Jüdische Museum Berlin. Dies war Anlass für Grit Lederer (Buch/Regie) zu ihrer TV-Dokumentation „Der grausame Gott?“, die eine fast einstündige Auseinandersetzung nicht nur mit der Erzählung von der Opferung Isaaks war, sondern in der auch die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt aufgeworfen wurde.

In der biblischen Erzählung befiehlt Gott Abraham, seinen Sohn Isaak zu opfern, um seine Gottesfurcht unter Beweis zu stellen. Gleichsam eine Glaubensprüfung. Es ist tatsächlich eine verstörende Geschichte, in der ein scheinbar grausamer Gott Blut fordert und dann doch Gnade walten lässt. Wenn also Gott von jemandem, damit er seinen Glauben beweise, einen Mord an einem geliebten Menschen fordert, dann darf dieser Gläubige also auch Gewalt anwenden? So wurde und wird zur Begründung religiöser Gewalt argumentiert. Dass dies zu kurz gedacht ist, vermitteln in dem Film auf je unterschiedliche Weise Theologen dreier Religionen: der französische Grand Imam Tareq Oubrou aus Bordeaux, der Rabbiner Michaël Azoulay aus Neuilly-sur-Seine, die evangelische Dompredigerin Petra Zimmermann aus Berlin und der katholische Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann aus Paderborn.

Für die Filmemacherin ist das alles eine geradezu gefährliche Geschichte, die viele Fragen aufwirft – darunter eine, die uns auch aktuell sehr beschäftigt: Wieso sind Menschen bereit, für ihren Glauben zu töten und zu sterben? Doch taugt ausgerechnet die Abraham-Geschichte als Ausgangspunkt für einen Antwortversuch? Schließlich wird die Tötung abgebrochen, ein Widder wird geschlachtet, statt den Sohn zu opfern. Die Autorin verbindet das Ausstellungsprojekt des Künstlerpaares mit den Aussagen der Theologen und mit – wenigen – Ausschnitten aus aktuellen Nachrichtenfilmen über die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Das ist in der Material- und Argumentationsfülle beeindruckend.

Anregend ist bei den Gedankengängen zu diesem Komplex, wenn mehr als der Vater der betroffene Sohn in den Mittelpunkt gestellt wird. Und aufschlussreich ist, dass der Imam erläutert, dass im Koran von einem Traum Abrahams die Rede ist und der Vater mit seinem Sohn über diesen Traum und die Folgerungen daraus diskutiert. Wenn dann der Rabbiner erklärt, in der jüdischen Tradition werde Isaak als ein gestandener Mann von 37 Jahren gesehen, dann setzt auch dies einen anderen Akzent als die vielen zur Abraham-Geschichte existierenden Bilder von Rembrandt bis Caravaggio, die den Sohn eher als Kind darstellen, also wehr- und meinungslos.

Für Dompredigerin Petra Zimmermann ist die alttestamentarische Szene eine „Gewaltunterbrechung“ und daher keinesfalls geeignet, darin einen gewaltsamen Gott zu sehen. Der Kreuzestod von Gottes Sohn Jesus – für den in der Abraham-Geschichte gerne das „Vorbild“ gesehen wird – sei das Ende jeglichen Opfers. Weil Gott nicht mehr durch ein Opfer freundlich gestimmt werden müsse. Und für Eugen Drewermann ist die Abraham-Geschichte eine Erzählung, die Anlass gibt, alle Gewalt zurückzulassen. Zudem warnt er davor, die heiligen Schriften wortwörtlich zu nehmen, vielmehr müsse man sie stets im jeweiligen Kontext deuten. Aus alldem ließe sich das Fazit ziehen, dass die Abraham-Geschichte als Muster für religiöse Gewalt nicht in Betracht kommt.

Richtig informativ wird der Film schließlich – unabhängig von der Gewaltthematik –, wenn er die verzwickte familiäre Situation Abrahams aufschlüsselt. Da ist sein Verhältnis zur Magd Hagar, mit der er Ismael zeugt, der im Islam als Vorfahre des Propheten Mohammed verehrt wird. Später bekommen Sarah und Abraham Isaak, der als rechtmäßiger Erbe anerkannt wird. Und Hagar wird mit ihrem Sohn vertrieben – auch eine Form der Gewaltanwendung, die aber nicht weiter vertieft wird.

Das Künstlerpaar Greenaway/Boddeke begreift die geforderte Opferung Isaaks als menschliches Drama und setzt sie in seinem künstlerischen Szenario in Beziehung zu den aktuellen politischen Ereignissen, Kriegen und Attentaten. In Grit Lederers Dokumentation wird dies auf eindringliche Weise durch Elemente der Ausstellung unterstrichen. Die Ausstellung „Gehorsam – Eine Installation in 15 Räumen“ von Saskia Boddeke und Peter Greenaway ist noch bis zum 15. November 2015 im Jüdischen Museum Berlin zu sehen.

18.09.2015 – Martin Thull/MK