Ein Dokument der Zeitgeschichte

Zur Dokumentation „Mission Wahrheit – Die ‘New York Times’ und Donald Trump“

Von René Martens

30.11.2018 • Als sich im August 2017 US-Präsident Donald Trump von seinem umstrittenen rechtsextremen Berater Steve Bannon trennt, sagt Maggie Haberman, Redakteurin der „New York Times“, den Satz: Wer denke, dass sich nach dieser Trennung an Trumps Politik etwas ändere, werde „enttäuscht“ werden. Aus heutiger Sicht lässt sich sagen: Sie hat Recht behalten.

Habermans Äußerung ist dokumentiert in der internationalen Koproduktion „Mission Wahrheit“, für die Regisseurin Liz Garbus – unterstützt von Jenny Carchman – ein Jahr lang das Geschehen in der Redaktion der „New York Times“ beobachtet hat. Garbus und Carchman haben dafür sowohl in der Zentrale als auch im Redaktionsbüro der Zeitung in Washington gedreht, die für die Berichterstattung aus dem Weißen Haus zuständig ist.

Die Originalfassung der finanziell aufwändigen Dokumentarreihe – die Gesamtkosten betrugen umgerechnet 4,8 Mio Euro – hatte unter dem Titel „The Fourth Estate“ („Die vierte Gewalt“) zirka ein halbes Jahr vor der deutschen Version TV-Premiere: am 27. Mai beim US-Sender Showtime. Während Arte in Deutschland und Frankreich die vier Teile en bloc an einem Abend ausstrahlte (über eine Programmstrecke von dreieinhalb Stunden), lief die Reihe in den USA im wöchentlichen Turnus. Die Gesamtsendezeit war bei Showtime noch etwas länger, denn der erste Teil umfasste dort nicht 52, sondern 90 Minuten. Diese erste Folge war bereits vor der TV-Premiere in den USA auf dem Tribeca Film Festival zur Aufführung gekommen. Die zweimal 90-minütige Fassung (mit anderen Untertiteln), die das Dritte Programm WDR Fernsehen einen Tag nach der Arte-Ausstrahlung zeigte, basiert auf von Showtime für den internationalen Markt gelieferten „Cutdowns“ von zweimal 100 Minuten.

„Ich lebe für meine Arbeit“

Maggie Haberman, die seit rund 20 Jahren über Donald Trump berichtet, also ihn schon aus jener Zeit kennt, als er nur ein reicher Unternehmer war, ist eine der zahlreichen Protagonisten in „Mission Wahrheit“. Die Filmemacherin Liz Garbus ermöglicht darüber hinaus Einblicke in den Alltag von unter anderem Elisabeth Bumiller, Leiterin des „New-York-Times“-Hauptstadtbüros in Washington, Yamiche Alcindor, mittlerweile Berichterstatterin aus dem Weißen Haus für den quasi-öffentlich-rechtlichen Fernsehsender PBS, und Investigativreporter Michael Schmidt. Der lässt, wie viele andere Mitwirkende, einen Einblick in sein Privatleben zu: „Ich lebe für meine Arbeit. Ich habe nicht mal was zu essen zu Hause.“ Zu dieser Arbeit gehört zumindest für Schmidt und die anderen Investigativjournalisten der Zeitung, zu ihren Recherchen regelmäßig Live-Interviews bei den Nachrichtensendern CNN und MSNBC zu geben – oder auch für „The Daily“, das 20-minütige Audioformat, das die „New York Times“ werktäglich produziert.

In den ersten zwei Folgen (der Arte-Version) konzentriert sich die Reihe, wie der Untertitel „Die ‘New York Times’ und Donald Trump“ bereits andeutet, komplett auf die Berichterstattung der Zeitung über die Politik des seit dem 20. Januar 2017 amtierenden 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. In der dritten Folge spielen auch die weitreichenden Recherchen der Zeitung zu den Belästigungs-, Nötigungs- und Vergewaltigungsvorwürfen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein eine Rolle. Von deren Folgen, die zur weltweiten #MeToo-Bewegung führten, wird schließlich auch die Redaktion selbst erfasst: Der White-House-Korrespondent Glenn Thrush wird für einige Wochen suspendiert, nachdem er eingeräumt hat, sich gegenüber Kolleginnen sexuell unbotmäßig verhalten zu haben. Seit Januar 2018 arbeitet Thrush wieder in der Redaktion, allerdings auf einem anderen Posten als vorher.

Fliehende Berichterstatter

Zu Beginn des dritten Teils ist eine Passage zu sehen, die auf eindringliche Weise dokumentiert, dass Donald Trumps Haltung gegenüber den Medien von der eines totalitären Herrschers kaum noch zu unterscheiden ist: Mark Landler von der „Times“ ist bei einer Veranstaltung Trumps in Phoenix dabei, die aus den Fugen zu geraten droht. Während die von der Menge durch ein niedriges Absperrgitter nur notdürftig abgegrenzten Berichterstatter in ihre Laptops hacken, hetzt der Präsident die Besucher gegen die vermeintlich „Fake News“ verbreitenden Journalisten auf. Landler und andere Medienvertreter suchen aufgrund der bedrohlichen Atmosphäre schließlich fluchtartig das Weite.

Zwischen den für „Mission Wahrheit“ ausgewählten Passagen liegen mal rund zwei, mal rund drei Wochen. Deutlich macht Regisseurin Garbus das durch der Gliederung dienende Einblendungen wie „Tag 229“ oder „Tag 260“. Garbus hat das Geschehen so verdichtet und dynamisiert, dass beim Zuschauer ein ähnlich soghaftes Rezeptionsgefühl wie bei fiktionalen Serien entsteht. Die treibend-wuchtige Titelmusik von Trent Reznor und Atticus Ross – das Duo gewann 2010 den Oscar für die Komposition des Soundtracks für den Spielfilm „The Social Network“ – trägt dazu bei.

Drei zumindest für Journalisten sehr instruktive Abschnitte verdienen es, besonders hervorgehoben zu werden. In einem ist Yamiche Alcindor zu sehen, wie sie zwei Trump-Wähler besucht. Diese haben von einem staatlichen Programm profitiert, das einkommensschwache Bürger beim Kauf und bei der Instandsetzung von Häusern finanziell unterstützt. Alcindor will mit den beiden Eheleuten darüber sprechen, was sie davon halten, dass die Regierung dieses Programm wieder abschaffen will. Obwohl sie eingestehen, dass sie ohne die staatliche Unterstützung niemals ihr Haus hätten renovieren können, sind sie weit entfernt davon, Trump jetzt zu kritisieren. Der Mann sagt, er verstehe, dass „Haushaltskürzungen“ notwendig seien: „Für das Allgemeinwohl muss man Opfer bringen.“ Seine Frau und er wirken beinahe wie Angehörige einer Sekte. Dass man als Journalist durch aufklärende Berichterstattung solche Menschen zum Umdenken animieren kann, erscheint nicht sehr wahrscheinlich.

„Mit solchen Typen in solchen Scheunen“

Einen ähnlich intensiven Blick lohnt eine Passage, in der Redakteur Jeremy Peters auf Steve Bannon trifft. Auf dem Weg vom Flughafen zu einer Scheune in Arizona, wo Bannon für den zur Nachwahl stehenden Republikaner Roy Moore trommelt, unterhalten sie sich freundlich. Peters erzählt, dass er einen Vertrag für ein Buch – „INSURGENCY: The Inside Story of the Battle for the Soul of the Republican Party“ (erscheint 2019) – unterzeichnet habe. Bannon gratuliert ihm dazu. Die „Kehrseite“ der Arbeit an so einem Buch sei, dass er, Peters, nun „mit solchen Typen in solchen Scheunen abhängen“ müsse, sagt Bannon. Kurz vor der Veranstaltung flüstert er Peters noch eine vertrauliche Information ins Ohr.

Auf der Bühne spielt Bannon dann eine ganz andere Rolle: „Was könnte schöner sein, als einen Abend mit einer Horde wie euch zu verbringen?“, ruft er dem Publikum in der Scheune zu – und an verächtlichen Bemerkungen zu den Verbreitern von „Fake News“ fehlt es auch nicht. „Sie sind alle hier“, sagt Bannon und erwähnt namentlich unter anderem die „New York Times“. Peters sagt später, er wisse von mindestens zwei Journalisten der etablierten Medien, die Bannon persönlich in den Backstage-Bereich eingeladen habe. Die Ironie sei, dass jene, die fortwährend Medien-Bashing betrieben, so Peters, „alle gern mit uns reden“. Journalisten seien für Politiker aus diesem Milieu nur „nützliche Prügelknaben“. Bannon & Co. wissen also, dass sie Unsinn über die Arbeit von Journalisten verbreiten, tun es aber trotzdem. Daraus folgt allerdings auch, dass es nur sehr schwer möglich, eher sogar unmöglich sein wird, solche Politiker davon zu überzeugen, sich künftig anders zu äußern. Das lässt sich möglicherweise auch auf den Umgang mit zumindest einem Teil der AfD in Deutschland übertragen.

Ein optimistischer Satz zum Schluss

Eine weitere wichtige Frage wirft Maggie Haberman in einem internen Strategiegespräch in Sachen Trump auf. „Die Leute stumpfen langsam ab. Deshalb müssen wir andere Wege finden, diesen Irrsinn zu verdeutlichen“, sagt sie. Zu behaupten, dass eine entsprechende Lösung bisher noch niemand gefunden hat, dürfte nicht ungerecht sein.

„Mission Wahrheit – Die ‘New York Times’ und Donald Trump“ ist mehr als nur eine hervorragende Dokumentationsreihe über eine Zeitung, sondern ein Dokument der Zeitgeschichte. Ein ausführlicheres und treffenderes filmisches Dokument über die erste Phase von Trumps Amtszeit hat zumindest den deutschsprachigen Raum bisher nicht erreicht. Was die Reihe zeigt, ist in vieler Hinsicht noch aktuell – auch weil Liz Garbus bei vielen Einzelthemen, etwa der „Russland-Affäre“, den richtigen Riecher hatte. Nebenbei, aber durchaus prägnant wird im Film auch noch thematisiert, welche Probleme der digitale Umbruch für die Redaktion und die weiteren Angestellten des Unternehmens „New York Times“ zur Folge hat (insbesondere Personalabbau).

Am Ende des vierten Teils sagt der Chefredakteur Dean Baquet, ähnliche Angriffe auf seine Zeitung wie nun unter der Trump-Regierung habe es auch während der Bürgerrechtsbewegung und des Vietnam-Kriegs gegeben: Die Leute, die das Blatt damals attackiert hätten, seien weg, aber die „New York Times“ sei immer noch da. Nun spricht zwar nichts dafür, dass die „New York Times“ in absehbarer Zeit verschwunden sein wird; gemessen an dem vorher Beschriebenen wirkt dieser Schlusssatz dennoch relativ optimistisch.

 

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Mission Wahrheit – Die „New York Times“ und Donald Trump (Arte/WDR Fernsehen)

4-teilige Dokumentarreihe von Liz Garbus

Produktion: Showtime Documentary Films, Sutor Kolonko, Moxie Firecracker Films, Radical Media, Impact Partners

Beteiligte Sender: Arte (Deutschland/Frankreich), WDR (Deutschland), Showtime (USA), BBC (Großbritannien), SVT (Schweden), DR (Dänemark), NRK (Norwegen), YLE (Finnland), RTÉ (Irland), VPRO (Niederlande), VRT (Belgien), RTS (Schweiz), SBS-TV (Australien)

Ausstrahlung bei Arte

Di 6.11.18

20.15 bis 21.05 Uhr, Teil 1: „Die ersten hundert Tage“, 21.05 bis 22.00 Uhr, Teil 2: „Aufschlag Trump“, 22.00 bis 22.50 Uhr, Teil 3: „Zur Lage der Nation“, 22.50 bis 23.45 Uhr, Teil 4: „Die Welt der Fakten“

In der Arte-Mediathek abrufbar bis Mi 5.12.18

Ausstrahlung im WDR Fernsehen (2‑teilige Version)

Mi 7.11.18

22.55 bis 0.25 Uhr, Teil 1: „Stürmische Zeiten“, 0.25 bis 1.55 Uhr, Teil 2: „Angriff auf die Medien“

• In der WDR-Mediathek abrufbar bis Sa 8.12.18

30.11.2018/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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