Die Verzagten

Neue Spitze beim „Spiegel“: Steffen Klusmann wird Vorsitzender der Chefredaktion

Von René Martens

11.09.2018 • Ende Juni, kurz nachdem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland in der Vorrunde ausgeschieden war, fühlte sich Klaus Brinkbäumer zu einem „Spiegel“-Leitartikel über dieses Thema inspiriert. Der Chefredakteur sinnierte darin über die „kraftvollen Oberarme“ von Bundestrainer Joachim Löw, die dieser bei TV-Übertragungen stets durch „enge T-Shirts mit Ärmelchen“ betone: „Wenn ein 58-Jähriger so aussieht, verrät er etwas über sich, das er vermutlich nicht verraten will.“ Brinkbäumer fragte: „Wer möchte schon als unerwachsen wahrgenommen werden? Als Mensch, für den Hanteltraining und Selbstinszenierung enorm wichtig sind, womöglich wichtiger als Leistung?“ Manchem Journalisten steht es gewiss nicht schlecht zu Gesicht, darüber zu mutmaßen, wie wichtig es einem Fußballtrainer ist, Hanteln zu pumpen. Aber gilt das auch für den Chefredakteur eines Magazins, das, beispielsweise, maßgeblich dazu beigetragen hat, die Flick-Parteispendenaffäre, einen der größten Skandale der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, aufzuklären?

Vielleicht stößt es manchen Lesern, die es gewohnt sind, sich im Netz mehrmals täglich die buntestmögliche Informationsmischung zu besorgen, gar nicht mehr auf, wenn sie in einem Blatt, das als Nachrichtemagazin firmiert, Beiträge lesen, die man dort vor nicht allzu langer Zeit als Fremdkörper empfunden hätte. Im Juli zeigte der „Spiegel“ auf dem Cover eine Frau, die von einer Schaukel in einen See springt, und textete dazu: „Stress lass nach! Forscher erkunden, wie Körper und Geist Druck ertragen – und in Stärke verwandeln“. 203.000 Hefte brachte man davon im Einzelverkauf an die Leser – ein Erfolg. Ähnlich gut sei es zuletzt Ende November 2017 mit einem Titel über das Scheitern der Jamaika-Koalition gelaufen, stellte der Portal meedia.de dazu anerkennend fest.

Fusion von Print und Online

Was für eine Mischung aus politischen und eher soften, aus klassischen und, wertfrei gesagt, service-orientierten Titelgeschichten braucht der „Spiegel“? Das ist eine der vielen Fragen, über die Steffen Klusmann, der künftige Vorsitzende der „Spiegel“-Chefredaktion, wird grübeln müssen. Am 22. August hat der in Hamburg ansässige „Spiegel“-Verlag bekannt gegeben, dass ab dem 1. Januar 2019 ein von Klusmann geführtes Triumvirat die künftige gemeinsame Redaktion von „Spiegel“ und „Spiegel Online“ leiten wird. Neben ihm werden der Führungscrew noch die bisherige Online-Chefin Barbara Hans und Ullrich Fichtner, langjähriger Reporter des Magazins, angehören. Brinkbäumer, der im Januar 2015 antrat, muss den Chefposten räumen. „Wir sind mit Klaus Brinkbäumer in Gesprächen und haben währenddessen Stillschweigen vereinbart“, sagt Verlagssprecherin Anja zum Hingst.

Kurz nach Brinkbäumers Amtsantritt, im zweiten Quartal 2015, verkaufte der „Spiegel“ im Schnitt rund 823.000 Hefte bzw. E-Paper pro Woche. Im zweiten Quartal 2018 waren es nur noch knapp über 700.000 – ein Rückgang um rund 15 Prozent in drei Jahren. Das mag dramatisch klingen, allerdings verlor der Konkurrent „Stern“ im selben Zeitraum fast 30 Prozent seiner Auflage. Christian Krug, der im Oktober 2014 seinen Job als Chefredakteur des „Stern“ antrat, also nur wenige Monate bevor Brinkbäumer an die Spitze des „Spiegel“ gelangte, führt das Blatt aber weiterhin.

Ein begrifflicher Widerspruch in sich

Brinkbäumers Amtsantritt beim „Spiegel“ fiel übrigens zusammen mit der Umstellung des Erscheinungstermins: Seit dem 10. Januar 2015 erscheint der gedruckte „Spiegel“ nicht mehr montags, wie es jahrzehntelang der Fall gewesen war, sondern samstags. Damit reagierte der Verlag auf veränderte Lesegewohnheiten. Als Maßnahme gegen den bei nahezu sämtlichen Printmedien zu beobachtenden Auflagenrückgang erwies sich der Terminwechsel aber offenbar als untauglich.

Der Rückgang der verkauften Auflage dürfte kaum der wesentliche Grund dafür gewesen sein, Brinkbäumer abzulösen. „Spiegel“-Geschäftsführer Thomas Hass wird in einer Verlagsmitteilung vom 22. August mit der Äußerung zitiert, man habe „unterschiedliche Auffassungen“ darüber gehabt, „wie die ‘Spiegel’-Redaktionen zusammenzuführen sind“. Beim Nachdenken über die Verzahnung der Print- und Online-Redaktion hat man beim „Spiegel“ über die Jahre viel Blut, Schweiß und Tränen vergossen. So scheiterte Brinkbäumers Vorgänger, der von manchen Magazinredakteuren als Leichtmatrose wahrgenommene Wolfgang Büchner, mit einem Fusionskonzept.

Nun gibt es mit dem 1. Januar 2019 zumindest schon mal einen Termin für den Start der neuen Gemeinschaftsredaktion. Was die Zusammenlegung im Detail bedeutet, stehe noch nicht fest, sagt die Verlagssprecherin. Die neue Chefredaktion werde Konzept und Struktur in den kommenden Wochen und Monaten erarbeiten. Sicher ist aber zumindest, wie es nicht laufen soll. „Nicht jeder wird für alles zuständig sein“, so Anja zum Hingst: „Die Stärke des ‘Spiegel’ ist ja, dass in der Magazin- und Online-Redaktion Journalistinnen und Journalisten arbeiten, die gemeinsam eine einmalige Vielfalt an Kompetenzen aufweisen können“, und diese dadurch zu beschneiden, jemanden teilweise nicht entsprechend seinen Stärken einzusetzen, „wäre sicherlich falsch“.

Und „Spiegel TV“?

Auf jeden Fall wird es in den nach der Fusion entstehenden Großressorts einen erhöhten Konkurrenzdruck geben. Der interne Wettbewerb kann durchaus die Qualität erhöhen, es wird aber auch Opfer geben, weil bei Fusionen immer Arbeitsplätze wegfallen – mindestens mittelfristig. Zudem besteht die Gefahr, dass bei einer Fusion der beiden Redaktionen die Grenzen zwischen den Angeboten verwischen. Der „Spiegel“ nennt sich selbst „das deutsche Nachrichtenmagazin“ und so einen traditionsreichen Beinamen kann man natürlich nicht einfach über Bord werfen. Dass der „Spiegel“ gar kein Nachrichtenmagazin sei, behauptete Hans Magnus Enzensberger zwar schon vor rund 60 Jahren; aber in Zeiten der immer weiter beschleunigten Nachrichtenverbreitung ist allein schon der Begriff „Nachrichtenmagazin“ ja längst ein Widerspruch in sich.

Ein Magazin kann, sei es in gedruckter Form oder auf dem Tablet, mittelfristig nur dann funktionieren, wenn die Leser zumindest das Gefühl haben, Geld für ein solitäres Produkt auszugeben, das man als Ergänzung zum permanenten Informationsstrom aus dem Netz unbedingt braucht. Dass, wie beim „Spiegel“ vorgesehen, künftig ein Team Magazin- und Online-Inhalte zentral plant, muss nicht unbedingt dazu beitragen, dass der Leser diesen Eindruck bekommt. Überhaupt keine Rolle spielt in der Diskussion derzeit auffälligerweise, inwiefern und ob überhaupt bei der Neuordnung der „Spiegel“-Welt die nicht völlig unrenommierte Spiegel TV GmbH betroffen ist. Das Fernsehen ist ja nicht gerade das unattraktivste Medium für die Arbeit eines publizistischen Unternehmens und die Bekanntheit einer Marke.

Die immer selben Herren

Eine weitere Frage ist, wofür Steffen Klusmann, der neue starke Mann beim „Spiegel“, inhaltlich steht. Er hat bisher überwiegend als Wirtschaftsjournalist gearbeitet. Klusmann, 52, ist noch Chefredakteur bei der „Spiegel“-Schwester „Manager Magazin“ und beim „Spiegel“-Gesellschafter Gruner+Jahr war er Chefredakteur der 2012 eingestellten Tageszeitung „Financial Times Deutschland“. Mehr Wirtschaftsjournalismus wagen? Das kann kaum die Botschaft sein, die der „Spiegel“-Verlag mit der Inthronisierung Klusmanns verbreiten will. Anita Zielina, die unter anderem stellvertretende Chefredakteurin beim „Stern“ und Chefredakteurin für „neue Produkte“ bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ war, twitterte nach der Bekanntgabe der Ablösung Brinkbäumers, sie finde es „grotesk und unverantwortlich“, in welcher „Geschwindigkeit“ deutsche Verlage Chefredakteure austauschten – und dass die Posten „oft unter den immer selben Herren“ vergeben würden.

Mit letzterer Formulierung spielt Zielina wohl unter anderem darauf an, dass am 21. August – einen Tag vor dem Bekanntwerden der Veränderungen beim „Spiegel“ – der in Berlin erscheinende „Tagesspiegel“ mitteilte, dass Mathias Müller von Blumencron bei der Zeitung neu in die Chefredaktion einsteige. Er hatte von 2008 bis 2011 auch schon mal den Posten inne, den Klaus Brinkbäumer jetzt abgeben muss. Zwischendurch war Müller von Blumencron Digitalchef bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Zu dem von Anita Zielina umrissenen Zirkel gehört auch Stefan Ottlitz (vormals Plöchinger), der bei „Spiegel Online“ geschäftsführender Redakteur war, 2014 bei der „Süddeutschen Zeitung“ in München in die Chefredaktion aufstieg und zu Beginn dieses Jahres zurück nach Hamburg ging. Nun firmiert er beim „Spiegel“ als Leiter der Produktentwicklung.

Die Vergabe der Posten an Führungskräfte in deutschen Redaktionen erinnert ein bisschen an die Usancen, die jahrelang im deutschen Profifußball verbreitet waren: Wurde ein Trainer entlassen, bekam den Job einer der üblichen Verdächtigen, der gerade anderswo entlassen worden war. Vor zwei Jahren begann im Profi-Fußball ein Umdenken, den Verantwortlichen ist aufgefallen, wie hoch die Qualität vieler junger Trainer ist, die in den Nachwuchsabteilungen der Profiklubs arbeiten. Zwei der diesjährigen deutschen Champions-League-Teilnehmer, die TSG Hoffenheim und Schalke 04, werden von Anfangdreißigern trainiert: Julian Nagelsmann, 31, und Domenico Tedesco, 32. So vorsichtig man damit sein sollte, Fußballvereine und Redaktionen miteinander zu vergleichen: Solche Konstellationen sind in der Champions League des Journalismus nur schwer vorstellbar.

Fehlender Mut zum Risiko

Im Jahr 2007 hatte man beim „Spiegel“ mal einen aus anderen Gründen ungewöhnlichen Einfall: Claus Kleber, der Moderator des „Heute-Journals“, hatte damals das Angebot, Nachfolger von Stefan Aust als Chefredakteur zu werden (vgl. FK-Artikel). Kleber entschied sich aber, beim ZDF in Mainz zu bleiben, er moderiert das „Heute-Journal“ seit nunmehr 15 Jahren. Dem Gestütsbesitzer Stefan Aust, der noch von Übervater Rudolf Augstein gegen den Mehrheitswillen der Redaktion durchgesetzt worden war, konnte man alles Mögliche vorhalten – nur kein mangelndes Selbstbewusstsein. Seine Nachfolger machten allesamt einen im Zweifelsfall verzagten Eindruck. Die ewigen Online/Print-Debatten überlagerten bald jede publizistisch-inhaltliche Reflexion; strategische Texte der nunmehr in die Chefredaktion aufgestiegenen Online-Leiterin Barbara Hans lesen sich mitunter wie Gebrauchsanweisungen für technische Redaktionssysteme.

Was – nicht nur beim „Spiegel“ – allemal fehlt, ist eine gewisse Risikobereitschaft bei der Vergabe von Führungsposten, eine unkonventionelle, überraschende Idee, mit der sich dann möglicherweise auch eine besondere Aufbruchstimmung auslösen ließe. Aber Mut zum Risiko findet man in der Medienbranche halt nur noch selten.

11.09.2018/MK