Klaus Wildenhahn/Rolf Deppe: „Der Tagesspiegel“. Ein Film für West-Berliner Zeitungsleser und Journalisten. Dokumentarbericht (ARD/NDR)

Steine aus dem Glashaus

19.08.1971 • „Der Tagesspiegel“ gilt als Berlins beste Tageszeitung, als ein gutbürgerliches Blatt von durchaus überregionalem Format. Diese Zeitung mit dem von Vergil entlehnten Wahlspruch „Rerum cognoscere causas“ hat sich gegen den nach dem Kriege bedrückenden Niedergang der Berliner Presse gestemmt. Mit der Geschichte des „Tagesspiegels“ verbinden sich Namen angesehener Journalisten wie Erik Rieger oder Karl Silex. Nichts von alledem – oder so gut wie nichts – fand sich in diesem, wie es wieder einmal geschwollen heißt, „Dokumentarbericht“. Ausführlicher der Untertitel: „Ein Film für West-Berliner Zeitungsleser und Journalisten“.

Ein Film für die Zeitungsleser in West-Berlin wird an die Gründerzeit des „Tagesspiegels“ zu erinnern haben und die derzeitigen Verhältnisse auf dem Berliner Zeitungsmarkt nicht unanalysiert lassen dürfen. Was jene Anfangszeit angeht, so ist einer der Mitbegründer, Walther Karsch, noch dabei. Aber Karsch, streitbarer Theaterkritiker und ein Temperament, kam nur ganz kurz ins Bild und zu Wort, übrigens kauend, was alle, die ihn kennen, als ein niederträchtiges Verfahren empfinden mussten. Wenn dies aber auch „ein Film für Journalisten“ sein sollte, dann hätte es der Einführung ins Zeitungsmachen (Welche Funktion hat der Chef vom Dienst? Wie werden Nachrichten ins Blatt gebracht?) gewiss nicht bedurft. Was also war beabsichtigt und wie kam es zu diesem Verschnitt aus Elementarkurs, „Tagesspiegel“-Reportage und Versuchen, einiges von der Problematik a) der Zeitungsherstellung heute und b) des speziellen Produkts „Der Tagesspiegel“ kritisch zu beleuchten?

Das Team des NDR hat – ähnlich wie andere Fernsehleute schon im Fall des „Spiegels“ („Die ‘Spiegel’-Story; vgl. diese FK-Kritik) oder der „WAZ“ („Das Wunder Nr. 192“; vgl.FK-Heft Nr. 3/1971) – neun Wochen hindurch den internen Betrieb filmen dürfen. Eine Tatsache, die zum Vergleich herausfordert, was die Erfahrungen von Zeitungsjournalisten mit den oft genug festungsartig verrammelten Funkhäusern angeht. Vom Filmmaterial Wildenhahns (Buch/Regie) und Deppes (Kamera) im Umfang von insgesamt 40 Sendestunden wurden, wie es zu Anfang erläuternd hieß, 90 Minuten verwendet. Tatsächlich aber war die Sendung (Produktion: Dieter Meichsner) deutlich kürzer, nachdem sie, laut Ansage, „Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen dem NDR und dem „Tagesspiegel“ gewesen war. Man hat sich schließlich verglichen, was den Leuten vom „Tagesspiegel“ schwerer gefallen sein muss als den Fernsehvertretern.

Aber vielleicht erklärt sich die Berliner Kompromissbereitschaft unter anderem durch die Tatsache, dass der Chef vom Dienst, der hier auf hinterhältige Weise vertölpelt und per Bildschnitt regelrecht fertiggemacht wird, angeblich schon vor Monaten verstorben ist, sich also nicht mehr wehren konnte. Was natürlich verschwiegen wird in diesem „Dokumentarbericht“, der unter anderem auch den Feuilletonchef ungut aussehen und den Verleger Franz Karl Meier ins offene Messer rennen lässt, mit dem dreist spekulierenden Anschein objektiver Beweisführung den Verdacht der Nachrichtenmanipulation suggeriert oder auf ebenso dubiose Art ein Klassenproblem zwischen Redaktion und Technik belegen will.

Ist es auch Unsinn, hat es doch Methode. Man muss nicht einmal nach den wahren Motiven der Autoren fragen, nach ihren ins Verlagshaus mitgebrachten Ansichten über Zustände, Missstände im privatwirtschaftlichen Pressewesen. Es genügt, Wildenhahns nun schon längst bekannte Art des „Filmmachens“ nach der Zuständigkeit zumindest in dieser Sache zu befragen. Was heißen soll: Eines schickt sich nicht für alle Themen; Kritik am Zeitungsmachen und an der innerbetrieblichen Verfassung von Presseorganen lässt sich nicht vortrage und „dokumentieren“ mit dem Ergebnis von Kameravagabundage und zielbewusster – also tendenziöser – Auswahl im Schneideraum.

Aber wer vor wechselnden Aufgaben so unelastisch ist im Einsatz seines nur scheinbar nicht beengten Aufnahmeverfahrens, der muss wohl, soll sich das Unternehmen rechtfertigen, in den gehäuften Bilderberg gewaltsam so etwas wie Form und Struktur hineinzwingen. Medienkritik nennt sich dann hochtrabend das, was in Wahrheit – bedenkt man das Beispiel „Tagesspiegel“ am Zeitungsplatz Berlin oder die Chancenungleichheit zwischen ARD und Presse – nur unlauterer Wettbewerb ist, ein Lokstedter Anwurf mit Bumerangeffekt. Zeitungsleute aufgepasst: Steine aus dem Glashaus des NDR.

• Text aus Heft Nr. 34/1971 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

19.08.1971 – Klaus Hamburger/FK

Print-Ausgabe 24/2018

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