Der Blick auf die Skandale?

Hans Mathias Kepplingers Studie über Journalistenarbeit

Von Karl-Otto Saur
19.09.2017 •

19.09.2017 • Hans Mathias Kepplinger ist in der Zunft der Medienforscher kein Unbekannter. Die Karriere des heute 74-Jährigen begann als Assistent von Elisabeth Noelle-Neumann (1916 bis 2010), die an der Mainzer Universität lehrte und die als Gründerin des Allensbacher Instituts für Medienforschung als eine Art Mutter der Meinungsforschung in Deutschland gilt. Kepplinger folgte ihr auf ihrem Lehrstuhl nach. Beide wirkten als Vertreter der empirischen Sozialforschung, die das Zusammenleben der Menschen gerne in Umfragezahlen erklärten.

Das Wort „Lügenpresse“ hat in Deutschland seit einigen Jahren Konjunktur. Auf seinen Kern reduziert sagt es aus, dass sich viele Menschen durch die Medien, ob dies nun fahrlässig oder vorsätzlich geschieht, nicht richtig informiert fühlen. Für viele ist es ein Begriff, der in seiner drastischen Bedeutung bezeugen soll, dass sich diejenigen, die ihn benutzen, betrogen oder, wie es ein anderer Ausdruck heute gerne interpretiert, „abgehängt“ fühlen.

Die Schuldigen stehen schnell fest

Fast jeder erinnert sich, dass er als Leser, Hörer oder Zuschauer ein selbst miterlebtes Ereignis in der Berichterstattung als schief dargestellt empfunden hat. Also stehen die Schuldigen schnell fest: Die Journalisten haben nicht das berichtet, was passiert ist, sondern nur ihre eigenen Wahrnehmungen wiedergegeben. Und wenn man einen Schritt weitergeht, kann man ihnen auch noch mehr unterstellen: nämlich dass sie häufig nicht schildern, was sie persönlich gesehen haben, sondern oft auch das, was sie sehen wollten. Kommunikationswissenschaftler gehen schon seit vielen Jahren diesbezüglichen Fragen nach. Noelle-Neumann und Kepplinger haben in vielen Arbeiten das Verhältnis ‘Politiker und Medien’ zu ihrem Thema gemacht.

In seiner neuesten Untersuchung geht Kepplinger einen Schritt weiter. Ihn interessiert der gesamte Stand der Journalisten, nicht der Einzelne. Er suchte sich eine Reihe von ‘politischen’ Skandalen der letzten Jahre aus, die ihm als eindeutige Verstöße gegen die Grundsätze des Journalismus, der journalistischen Arbeit erschienen. Er untersucht aber nun nicht, ob es tatsächlich Verstöße waren, davon geht er aus. Er will der Frage auf den Grund gehen, wie andere Journalisten die von ihm festgestellten „Verstöße“ im Nachhinein bewerteten. Kepplingers Studie ist jetzt als Buch im Kölner Verlag Herbert von Halem erschienen und trägt den Titel: „Totschweigen und Skandalisieren. Was Journalisten über ihre eigenen Fehler denken“.

Um das Ergebnis vorwegzunehmen: In manchen Fällen gibt es größere Übereinstimmung unter den journalistischen Kollegen, in anderen unterscheiden sich die Bewertungen sehr. Wer die Aufgabe der Journalisten ernst nimmt, kann indes auch nicht erwarten, dass alle den gleichen Blick bei der Bewertung der Arbeit von Kollegen haben. Man kann nicht einmal erwarten, dass sie den gleichen Wissensstand über die einzelnen Fälle haben. Hier aber zunächst eine Auswahl der „Verstöße“, die Kepplinger in seine Untersuchung einbezogen hat:

• Eine Meldung, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bei einer Diskussion mit Berufsschülern das Verhalten des russischen Präsidenten Putin in der Krim-Krise mit dem Verhalten Hitlers beim Anschluss des Sudetenlandes in einem Zug genannt habe, ohne dass Schäuble in seinen Ausführungen einen direkten Zusammenhang hergestellt hätte.

• Berichte über Gegendemonstrationen zu Pegida-Veranstaltungen im Jahr 2015, bei denen es zu tätlichen Auseinandersetzungen beider Seiten und auch mit der Polizei gekommen war, die in der Berichterstattung einseitig Pegida angelastet worden waren.

• Die Berichterstattung über die Reaktorkatastrophe von Fukushima und die publizistische Nichtbeachtung eines Gutachtens der UN-Organisation UNSCEAR, das die Folgeschäden der Katastrophe als gering einstufte.

• Die Veröffentlichung eines „Bild“-Berichts, dass ein Freund des damaligen Bundes­präsidenten Christian Wulff versucht habe, eine von ihm für Wulff bezahlte Hotelrechnung sich vom Hotel persönlich aushändigen zu lassen. Dieser relativ kleine Teil der Affäre hatte tatsächlich zur Folge, dass Wulff seinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten erklärte.

• Berichte über den damaligen Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst. Der Bischof war wegen der pompösen Ausstattung seiner Limburger Residenz in die Kritik geraten. Aufgrund einer „Spiegel“-Meldung hatten verschiedene Medien die Nachricht aufgegriffen, dass er zu einer Kirchenkonferenz in Indien mit der Lufthansa in der ersten Klasse geflogen sei.

So wissenschaftlich sein ganzes Buch klingt, so gefährlich ist das Terrain, auf das sich Kepplinger hier begeben hat. Bei der Vorstellung der Sachverhalte arbeitet er wie ein Journalist. Er selbst wird das nicht unbedingt als Kompliment empfinden. Aber er muss die Sachverhalte in wenigen Absätzen erklären. Von seinem Forschungsansatz ausgehend müssen die meisten der erwähnten Personen nicht als Akteure, sondern als Opfer der Medien erscheinen.

Pressefreiheit – eine Fehlentwicklung?

Um sie so erscheinen zu lassen, verlässt Kepplinger sich in einigen Fällen auf die Aussagen der Betroffenen, selbst wenn sie unglaubwürdig oder widersprüchlich erscheinen. In einem Absatz, in dem er sich über den Fall des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) auslässt, der natürlich auch vorkommt, akzeptiert er dessen Erklärung, dass der festgestellte unzulässige Umgang mit Zitaten in seiner Doktorarbeit von der Überlastung des Politikers und jungen Familienvaters hergerührt habe.

Im Fall Tebartz-van Elst verteidigt Kepplinger die Aussage des Bischofs, der bis zum Schluss bei der Behauptung blieb, er sei Business Class geflogen, weil er ja Business gebucht habe. Dessen zwischenzeitlich gefallene Äußerung, er sei mit Meilen aus dem Vielfliegerprogramm und einer Zuzahlung um eine Klasse aufgestiegen, ordnet Kepplinger so ein, dass das nichts daran ändere, wenn der Bischof sage, er sei Business geflogen. Das mag man als Wortklauberei empfinden, doch für einen Wissenschaftler, der sich mit der Arbeit der Journalisten beschäftigt, ist es genau die Wortklauberei, die er selber in seinen Forschungsjahren so oft beklagt hat.

In einem Absatz in seiner Einleitung zum Buch gibt Kepplinger zu erkennen, dass er den Wert des Journalismus nicht besonders hoch einschätzt. Nach einer kritischen Feststellung, dass die Gerichte in Deutschland bis hin zum Bundesverfassungsgericht die Grenzen immer weiter zugunsten des Journalismus verschoben hätten, führt er für diese „Fehlentwicklung“, wie er es nennt, eine konkrete Entscheidung an. Er sieht sie in einem Urteil, durch das dem „Spiegel“ die Veröffentlichung geheimer Regierungsunterlagen nachträglich zugebilligt worden sei. Mit diesem Satz kann er nur die „Spiegel“-Affäre von 1962 meinen, eine Affäre, die damals die Bundesregierung in jeder Beziehung selbst ausgelöst hatte. Und die nicht nur den Rücktritt des damaligen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß (CSU) wegen Belügens des Parlaments zur Folge hatte, sondern am Ende das Landauf den Weg zur Sicherung einer größeren Pressefreiheit brachte.

19.09.2017/MK

Print-Ausgabe 19/2019

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