Geheimdossier Augstein

Drei Fernsehsendungen zum 50‑jährigen Jubliäum des „Spiegel“

Von Dietrich Leder
24.01.1997 •

24.01.1997 •Wie feiert man das Jubiläum eines Periodikums, das den Ruf pflegt, es sei ebenso kritisch wie rabiat, schone weder Feind noch Freund und sei durch keinen noch so schönen Anlass zur Milde zu bewegen? Leicht ist es jedenfalls nicht. Das bewiesen drei Fernsehsendungen zum „Spiegel“-Geburtstag nachhaltig.

Es begann am 19. Dezember im ZDF (22.15 bis 23.00 Uhr) mit Uwe Krögers Feature „Die Abkanzler – ‘Der Spiegel’ wird 50“. Es folgte am 5. Januar im Ersten (21.45 bis 22.30 Uhr) ein vom NDR verantwortetes Feature mit dem Titel „50 Jahre ‘Der Spiegel’ “ (Autor: Peter Merseburger). Und schließlich gab es am 12. Januar bei Sat 1 einen „Talk im Turm“ zu diesem Thema (22.00 bis 23.00 Uhr).

Erich Böhme in einer Doppelrolle

„Talk im Turm“ wartete zwar mit einer illustren Gästeschar auf, litt aber unter dem Problem, dass sein Moderator Erich Böhme viel länger als „Spiegel“-Chefredakteur gearbeitet hat als sein Gast Stefan Aust, der dem Blatt erst seit rund zwei Jahren vorsteht. Helmut Markwort, Erfinder von „Focus“, arbeitete sich beispielsweise viel lieber an Böhme ab als an Aust, was den Moderator zum Teilnehmer machte, was ihm wiederum andere Diskutanten übelnahmen.

Von einem kontinuierlichen Gesprächsfluss oder gar von einer präzisen Erörterung von Vergangenheit und Gegenwart des Hamburger Nachrichtenmagazins konnte deshalb bei „Talk im Turm“ keine Rede sein. So war vor allem die Gemeinsamkeit interessant, mit der die vom „Spiegel“ Attackierten Gregor Gysi und Marcel Reich-Ranicki das Blatt vor Kritik in Schutz nahmen. Hier zeigte sich weniger eine politische Nähe zwischen den beiden zueinander und zum „Spiegel“ als vielmehr ihre Affinität zu dem, was man früher den „Spiegel“-Stil nannte. Gysi und Reich-Ranicki sind wie noch immer die meisten der Namensautoren des Magazins Polemiker, die von der verbalen Zuspitzung und einem radikalen Urteil leben. Wer – wie sie – austeilt, weiß, dass man auch einstecken muss. Und umgekehrt: Wer den „Spiegel“ und seine Haltung fundamental kritisiert, trifft immer auch sie als Matadoren im politischen oder literarischen Meinungskampf.

Abwehrhaltung gegenüber der Nazi-Vergangenheit

Fast so interessant wie diese Gemeinsamkeit waren die Differenzen, die bei „Talk im Turm“ zwischen Aust und Böhme deutlich wurden. Während der ältere Böhme das Bild des Enthüllungsjournalismus verteidigte, das der „Spiegel“ während der Böhme-Zeit favorisiert hatte, distanzierte sich der jüngere Aust davon zwar vorsichtig, aber nicht ohne Deutlichkeit. Der amtierende Chefredakteur bestritt jede Form von Kampagnenjournalismus. Denn eine solche Kampagne setze ein zu erreichendes Ziel voraus.

Doch jemanden wie Brandenburgs Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) wegen seiner vermeintlichen oder realen Stasi-Vergangenheit zu kritisieren, könne gar nicht dem Zweck dienen, ihn seines politischen Amtes zu entheben, meinte Aust. Dies könnten allein die Wähler beziehungsweise die Mitglieder des Brandenburger Landtags und nicht Journalisten des „Spiegel“. Es blieb offen, ob Aust zu dieser Erkenntnis möglicherweise aufgrund der frustationsgesättigten Erfahrung gelangte, dass Stolpe alle Kritik politisch überlebte, oder aufgrund von politischen Grundüberlegungen.

Der Ruch der Feigheit

Trotz aller Differenzen standen Aust und Böhme zusammen, als es darum ging, eine Debatte um die Vergangenheit des „Spiegel“ abzuwehren. In den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr hatte die „taz“ – zeitlich gut platziert – eine Geschichte von Lutz Hachmeister veröffentlicht, in der er der Nazi-Vergangenheit führender „Spiegel“-Leute der 1950er Jahre nachging (was auch Otto Köhler schon 1992 getan hatte). Wie Aust und Böhme unisono die „taz“-Story als alten Hut charakterisierten, den allerdings noch niemand den „Spiegel“ tragen sah, war bezeichnend. Es verstärkt den Verdacht, dass das Geheimnis des „Spiegel“ immer noch und weiterhin Rudolf Augstein heißt. Im positiven wie im negativen Sinne. Und daran wollen seine Weggefährten nicht rühren. (Vgl. hierzu diese FK-Dokumentation.)

Dabei würde es „einem souveränen Blatt“, wie Klaus Kreimeier in einem hörenswerten Beitrag für das „Kritische Tagebuch“ (19.30 bis 19.50 Uhr) am 17. Januar im Radioprogramm WDR 3 sagte, gut anstehen, „zur Erhellung einiger unrühmlicher Details in der Geschichte des deutschen Nachkriegsjournalismus beizutragen“. Doch, so Kreimeier weiter, „wie die Dinge liegen“, sei diese Souveränität vom „Spiegel“ eben nicht zu erwarten. „Wenn, wie Augstein prognostiziert, das Blatt alle seine heutigen Mitarbeiter überleben wird, so wird es auch mit dem Ruch der Feigheit leben müssen, sich konsequent seiner Vergangenheit zu stellen. Eine Feigheit, die von nun an aus seiner Geschichte nicht mehr herauszuoperieren ist“, wie Kreimeier abschließend konstatierte.

Missverständnis: ARD-Infotainment

Die beiden Fernsehfeatures zur „Spiegel“-Geschichte ähnelten sich in vielen Dingen. Gemeinsam waren ihnen die Archivfunde. Gemeint sind damit nicht die Filmbilder mit den Schupos, die 1962 ins Hamburger Verlagshaus hasteten, um jenen „Abgrund von Landesverrat“ abzuwehren, als den der damalige Kanzler Adenauer (CDU) eine läppische, die nationale Sicherheitsfrage hochspielende Titelgeschichte charakterisierte. Gemeint sind vielmehr Bilder, die den politischen Wahlkämpfer Augstein 1974 bei einer lächerlichen Provinzrede zeigen, oder jenes Statement, in dem sich der heute bekennende „Spiegel“-Nichtleser und Kanzler Kohl (CDU) 1970 als Leser des Magazins geoutet hatte.

Der ARD-Bericht von Peter Merseburger (NDR) litt unter dem großen Missverständnis, dass der Fernsehjournalist seine bedeutsamen Texte noch über jedes Filmbild setzen könne, solange sie grammatikalisch einwandfrei formuliert seien und mit irgendeinem kleinen Sprachtick artikuliert würden. Grauenhaft beispielsweise die Manie, seine Interviewpartner per elektronischem Trick in sich drehende „Spiegel“-Titel einzuklinken. Absolut läppisch der Einstieg, der sich eines Kinowerbespots des Magazins bediente. Um es klar zu sagen: Die Ästhetik des Jubiläumsberichts war dem „Infotainment“, über das sich Merseburger an einer Stelle mokierte, viel stärker verhaftet als noch die größte Änderung des „Spiegel“-Layouts in den letzten 50 Jahren.

Aufschlussreich: ZDF-Beobachtungen

Uwe Kröger vom ZDF hatte sich mehr Mühe gegeben. So kontrastierte er an mehreren Stellen Aussagen mit Gegenaussagen, indem er beispielsweise die Behauptung Augsteins, der zufolge – sinngemäß – die Demokratie in Deutschland erst nach der „Spiegel“-Affäre so richtig begonnen habe, vom Strauß-Weggefährten Friedrich Zimmermann (CSU) als maßlos kritisieren ließ. Kröger traute sich gar, Augstein im Gespräch vor der Kamera leicht zu ironisieren, was diesen sichtlich nicht erfreute. Krögers Bericht enthielt aber auch wesentlich mehr Beobachtungen in den Redaktionen des „Spiegel“, die Rückschlüsse auf den Zustand des Magazins zuließen.

Auch der ZDF-Film hatte sein Zentrum in der Figur des Rudolf Augstein, die selbst ein Kritiker wie Kröger noch in den verstiegensten Selbstauskünften – wie sehr er, Augstein, unter seinem Blatt leide und wie sehr er immer noch darum ringe, das Magazin auf die richtige Bahn zu bringen – zu bewundern schien. Die Bewunderung gilt, da bin ich mir sicher, nicht allein dem publizistischen, politischen und ökonomischen Erfolg Rudolf Augsteins, sondern auch der Allmachtsphantasie, die jeden Journalisten regelmäßig beschleicht und die der „Spiegel“-Herausgeber idealtypisch zu verkörpern scheint. In diesem Sinne gipfelt der vielzitierte Zynismus von Augstein in dem Zweifel, ob er heute überhaupt noch etwas erreichen könne, und sei es nur im eigenen Blatt. Die komplizierte Aufstiegsgeschichte des deutschen Nachkriegsjournalismus ist noch zu schreiben; sie wird gewiss nicht von den Heroen selbst verfasst.

• Text aus Heft Nr. 4/1997 der Funkkorrespondenz(heute: Medienkorrespondenz)

24.01.1997/MK

Print-Ausgabe 10/2019

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