Bastian Berbner/Sinje Stadtlich: Vertrauen verspielt? Wie Medien um Glaubwürdigkeit kämpfen. Reihe „Die Story im Ersten“ (ARD/NDR)

Besser dreimal gut als sechsmal schlecht

12.08.2016 •

Es ist schon ein paar Monate her, da gab es den Fall eines Mädchens im Teenager-Alter, das gegenüber seinen Eltern angegeben hatte, von einem Migranten entführt und sexuell missbraucht worden zu sein. Die Geschichte schlug in den Netzwerken hohe Wellen, bis sich herausstellte, dass sie frei erfunden war, das Mädchen lediglich die Nacht bei ihrem Freund verbracht und, um ihr nächtliches Fernbleiben vom Elternhaus zu legitimieren, zu dieser Lüge gegriffen hatte. Kurz darauf gab es in einem Fernsehbeitrag, in dem darüber berichtet wurde, eine denkwürdige Sequenz mit einer Straßenumfrage zu dem Fall, in der sich eine Frau folgendermaßen äußerte: „Ist mir egal, ob die Geschichte stimmt oder nicht. Ich glaub’ sie jedenfalls.“ Eine subjektive Äußerung, gewiss. Doch angesichts eines solchen Statements kann man ja als wahrheitsliebender Journalist schon mal der schieren Verzweiflung anheimfallen.

In der Reportage von Bastian Berbner und Sinje Stadtlich zur grassierenden Vertrauenskrise der Medien kam diese Sequenz überraschenderweise nicht vor. Gleichwohl darf man den Autoren attestieren, einigen Aufwand betreiben zu haben, um dem Problem auf den Grund zu gehen. Ausgehend vom bei Pegida-Aufmärschen regelmäßig skandierten Vorwurf „Lügenpresse“ versuchten sie, ein differenziertes Bild des Problems zu skizzieren. Und der Einstieg war nicht schlecht gewählt. Statt mit dem Großen und Ganzen zu beginnen, ließen sie zunächst einmal einen Lokalreporter der schwäbischen Tageszeitung „Zollern-Alb-Kurier“ über seine täglichen Mühen berichten, den Gerüchten um die Vorkommnisse in einer örtlichen Flüchtlingsunterkunft Fakten entgegenzusetzen.

Doch schon kurz danach war der Film bei den Alpha-Journalisten. Etwa bei ZDF-Moderatorin Dunja Hayali, die im Vorspann aus Hass-Mails an sie zitiert hatte, aber auf die Frage, wie der Misere beizukommen sei, erst einmal sympathisch lange schwieg und dann erklärte, sie habe da auch kein Patentrezept anzubieten. Andere, wie Klaus Brinkbäumer, räumten bereitwillig Fehler ein. Beispielsweise habe man, so der „Spiegel“-Chefredakteur, im Sommer vorigen Jahres womöglich zu positiv über den Flüchtlingsansturm berichtet, da man missratene Titelschlagzeilen des „Spiegels“ aus den frühen 1990er Jahren („Ansturm der Armen“, „Gefährlich fremd“) im Hinterkopf gehabt habe, die Wasser auf die Mühlen derer gewesen sein könnten, die damals zum Sturm auf Asylbewerberheime aufgerufen hätten.

Weit weniger prägnant nahmen sich demgegenüber die Statements von ARD-Verantwortlichen aus. So erklärte die MDR-Intendantin und amtierende ARD-Vorsitzende Karola Wille, man müsse „näher an die Lebenswirklichkeit der Menschen“. Was immer das heißen mag. Und Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell („Tagesschau“, „Tagesthemen“), gab das Motto aus: „Wir müssen jeden Tag versuchen, noch besser zu werden.“ Was ja nicht schaden kann, allerdings der Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus wohl kaum Einhalt gebieten wird.

Doch womöglich gibt es diese Krise gar nicht oder sie ist zumindest nicht neu, wie ein Medienforscher erklärte. Demnach haben sich die Zahlen bei entsprechenden Erhebungen darüber, ein wie hoher Prozentsatz der Menschen welchen Medien ver- oder misstraut, gar nicht so viel geändert. Neu sei allerdings, dass es durch das Internet und die sozialen Netzwerke inzwischen ein Forum gebe, das manche Menschen als Gegenöffentlichkeit zum Journalismus betrachteten.

Gut war diese Reportage immer da, wo die Autoren konkrete Beispiele für journalistische Fehler anführten. So etwa bei der anfänglich euphorischen Berichterstattung über die Bürgerproteste in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, wo schlicht übersehen (oder gar unterschlagen) wurde, dass sich unter den Demonstranten auch dezidiert faschistische Gruppierungen befanden. Als weiteres Beispiel für eine nicht eben vertrauensbildende Maßnahme führte der Film den journalistischen Umgang mit Ex-Bundespräsident Christian Wulff an. Das sei „Rudeljournalismus“ gewesen, sagte der anscheinend unverzichtbare Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“ zu der Jagd nach Schlagzeilen über Wulff. Wobei Jörges offenließ, ob er sich selbst und sein Blatt da mit einbezog.

Dass Journalismus (auch der politisch unkorrekten) Wahrheit verpflichtet sein sollte, ist allerdings kein sonderlich neues Credo. Umso überraschender waren dann allerdings zwei Beispiele, die die Autoren als mögliche Wege aus der Glaubwürdigkeitskrise anführten. So etwa das Printmagazin „Vice“ oder die zunächst im Internet und dann im Fernsehen gesendete Reportage „Syrien – Ein schwarzes Loch“ von Hubertus Koch. Das Magazin wie der Autor setzen bei ihren Berichten in erster Linie auf radikale Subjektivität, die als Authentizität vor allem bei jüngeren Zielgruppen gut ankommt. Was „Vice“ und Koch praktizieren, ist nicht verwerflich ist, aber wohl kaum der Weg, der den Journalismus aus seiner Glaubwürdigkeitskrise herausführt. Auch der Ratschlag eines Medienforschers, Journalisten müssten sich wieder mehr Zeit für Recherchen nehmen, schien –zumindest mit Blick auf die Zeitungen betrifft – seltsam aus der Zeit gefallen, da er die finanziell prekäre Lage vieler Verlagshäuser gänzlich außer Acht lässt.

Zwei weitere Beispiele in dem Film (1,37 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,5 Prozent) kamen aus Skandinavien. In Dänemark hat der Nachrichtenchef des öffentlich-rechtlichen Fernsehens die Redaktion total umgekrempelt, um statt staatstragendem Nachrichtenjournalismus nunmehr die ganze Breite an Informationsversorgung in die Sendungen einzubringen – was sehr erfolgreich sein soll. Und in Norwegen gibt es im Hallingtal zwischen Oslo und Bergen eine Zeitung, die besonders nah dran ist an den Menschen und die für ihre Berichterstattung stets vor Ort zu sein versucht. Das kostet Zeit – und die wird investiert. Deshalb erscheint das Blatt namens „Hallingdølen“ auch nur dreimal die Woche. Das Credo von Chefredakteur Bjarne Tormodsgard: „Ich finde es besser, drei gute Zeitungen pro Woche zu machen als sechs schlechte.“ Laut einer norwegischen Studie, so wird im Film konstatiert, „ist ‘Hallingdølen’ mit 87 Prozent die glaubwürdigste Zeitung im ganzen Land“.

12.08.2016 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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