Der noch unsichtbarere Intendant

Tom Buhrow lässt sich von seinem Rundfunkrat als WDR‑Intendant wiederwählen

Von Dieter Anschlag

23.03.2018 • Als Monika Piel 2013 ihr Amt als WDR-Intendantin Knall auf Fall niederlegte – sie nannte als Begründung „Bluthochdruck durch Dauerstress“, „Schlafstörungen“ und „Herzrasen“ – hatten viele gehofft, dass der WDR als größter Sender im komplizierten ARD-Komplex wieder eine stärkere Rolle spielen werde. Piels Nachfolger im Intendantenamt wurde Tom Buhrow, zuvor Moderator der „Tagesthemen“, der seine Zuschauer am Ende der Sendung gerne mit dem Satz „Morgen ist ein neuer Tag“ zu Bett geschickt hatte.

Beim WDR hieß es dann, am 1. Juli 2013 kommt ein neuer Intendant. Doch in den folgenden Jahren erfüllten sich die Hoffnungen auf eine Bedeutungssteigerung des WDR nicht – im Gegenteil. Galt schon Monika Piel aufgrund ihrer Passivität und Zurückgezogenheit als „unsichtbare Intendantin“, ist ihr Nachfolger Buhrow („Ich bring die Liebe mit“) medienpolitisch oder programmatisch noch weniger präsent. „Man hört ihn nicht, man sieht ihn nicht“, urteilte Ende 2016 etwa die Medienjournalistin Ulrike Simon.

Das Programm ist das Sparprogramm

Buhrow wurde im Mai 2013 vom WDR-Rundfunkrat zum neuen Senderchef gewählt (vgl. FK-Artikel). Die damalige Rundfunkratsvorsitzende Ruth Hieronymi (CDU) hatte ihn mit der Hoffnung ins Rennen geschickt, dass ein populärer Amtsträger den Sender nach außen wieder stärker profilieren könne und der frühere Moderator und US-Korrespondent kommunikativer sei als die im Amt unsichere Ex-Hörfunkfrau Piel. Fing Buhrow in einer Fernsehsendereihe namens „WDR Check“ noch wacker an, sich live einem ausgewählten Publikum und dessen Fragen zu stellen, so ließen seine öffentlichen Stellungnahmen ansonsten recht schnell nach, und zwar in jeder Hinsicht. Sein einziges größeres Projekt, wenn man es überhaupt so bezeichnen will, wurde sein Sparprogramm. Er malte große Schreckensgespenste an die Wand, wie schlimm es dem WDR ergehen könnte: Wenn der Sender – der zum Beispiel im laufenden Jahr mit einem Budget von 1,6 Milliarden Euro plant – nicht ordentlich spart, bricht er zusammen, so hörte sich das an.

Dies schien den Blick Buhrows derart einzuengen, das er keine anderen Visionen mehr entwickeln konnte. Hatte der WDR einst intellektuell-strategische Schwergewichte wie Klaus von Bismarck und Friedrich-Wilhelm von Sell an der Senderspitze, die sich regelmäßig und inspirierend in die rundfunkpolitischen Diskussion einmischten, reflektierende Texte veröffentlichten und Ausrufezeichen setzten, scheint Buhrow mit dieser Tradition nichts im Sinn zu haben. Zu den großen aktuellen Fragen – Mediatheken-Strategie, Digitalstrategie, das Verhältnis zu Facebook & Co. – ist von Buhrow nichts Wesentliches zu vernehmen.

Stattdessen sucht er, was die Präsenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf dem Zukunftsfeld des Internets angeht, einen bequemen Frieden mit den Verlegern und lässt sich von ihnen diktieren, wie viel oder besser gesagt: wie wenig Journalismus der WDR online zu präsentieren hat. Und was wird aus Phoenix? Könnte dieser von ARD und ZDF betriebene Spartensender, der seit Jahren zwischen Dokumentation und Ereignis hin- und herschwebt und nicht so richtig weiß, was genau er sein soll, vielleicht mal ein richtig guter öffentlich-rechtlicher Nachrichtenkanal werden? Hier könnte der ARD-Verbund eine konzeptionelle Antwort von Buhrow erwarten, schließlich ist der WDR bei dem Sender auf ARD-Seiten die federführende Anstalt. Buhrows größte ‘Phoenix-Aktivität’: Er promovierte jüngst einen alten Kompagnon aus Washingtoner Korrespondentenzeiten zum Phoenix-Geschäftsführer.

Der neue Spirit der Harmlosigkeit

Beim WDR-Hörfunk betrieb Buhrow einen Kulturbruch, indem er mit Valerie Weber die Chefin eines privaten bayerischen Dudelradios zur Hörfunkdirektorin des WDR machen ließ (vgl. FK-Artikel). Entsprechend hören sich die Radioprogramme des Senders inzwischen an (auch wenn man mit WDR 3 und WDR 5 noch gewisse Alibi-Inseln des Anspruchs vorweisen kann). Aber zu erleben, wie das einst anspruchsvolle Programm WDR 2 zu einem Schatten seiner selbst geworden ist, war überaus traurig. Mehr als den Slogan „Wir sind der Westen“ hat WDR 2 heute nicht mehr zu vermitteln. In Erinnerung ist, dass bei der umstrittenen Reform des multikulturellen Programms WDR Funkhaus Europa (heute: Cosmo) die Hörfunkdirektorin und der Intendant ihre Linie zu mehr ‘Durchhörbarkeit’ auf eine Weise durchzogen, die schon feudalistisches Züge hatte (vgl. MK-Artikel). Man warf ihnen vor, hier einen „inhaltlichen Kahlschlag“ zu betreiben.

Nicht besser sieht es in der WDR-Fernsehabteilung aus, zu deren Direktor der Rundfunkrat auf Vorschlag von Buhrow im November 2013 den als Zahlenfex bekannten Jörg Schönenborn wählte. Schönenborn, der sein Amt im Mai 2014 antrat, setzt voll und ziemlich eindimensional auf den Regio-Aspekt, für den symptomatisch Sendungen stehen wie „Unser Land“, „Unser Westen“, „Unsere Flüsse“, „Unsere Parks und Gärten“, „Unsere Naturparadiese“, „Unsere Wintergenüsse“, „Unsere Wetterphänomene“, „Unsere Wanderlust“ oder „Unser Silvester, unsere Spaßraketen“ („Schönenborn-Identity“). Man würde sich nicht wundern, wenn demnächst ein Porträt über den derzeitigen NRW-Landeschef Armin Laschet (CDU) im WDR Fernsehen unter dem Titel „Unser Ministerpräsident“ laufen würde

Angeblich soll Schönenborn im WDR sogar die Devise ausgegeben haben, dass man in den Programmen nicht mehr von den Zuschauern in Nordrhein-Westfalen oder NRW sprechen, sondern die Formulierung „Wir im Westen“ benutzen solle. Eine Fernsehprogrammreform, durch die Schönenborn ganz in kommerzieller Mentalität die sogenannte „Eroberungszielgruppe“ stärker fürs WDR Fernsehen gewinnen wollte, ist insgesamt eher als Rohrkrepierer einzustufen. Und während dem WDR Fernsehen renommierte Autoren verlorengehen, werden dessen neue Protagonistinnen wie „Wunderschön“-Reisemoderatorin Tamina Kallert an die Côte d’Azur oder die Servicegranate Yvonne Willicks nach Japan geschickt (vgl. MK-Artikel), um von dort aus den neuen WDR-Spirit der Harmlosigkeit zu verbreiten, wie er dem Fernsehdirektor und dem Intendanten gefällt. Umgekehrt wird eine renommierte Journalistin wie Sabine Rollberg während der Ausstrahlung einer von ihr verantworteten Antisemitismus-Dokumentation („Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“) vom eigenen Sender öffentlich und auf skandalöse Weise während der Ausstrahlung des Films durch die Einblendung von Schrifttafeln mit vermeintlichen Korrekturen gedemütigt und anschließend in die vorzeitige Pension gemobbt (vgl. diesen MK-Artikel und diesen MK-Artikel).

Was der Verkauf der WDR-Kunstsammlung bedeutet

Mit Valerie Weber und Jörg Schönenborn hat sich Intendant Buhrow, so lässt sich zusammenfassen, zwei verlässliche Führungskräfte geholt, die sämtliche lästige intellektuellen Fragen von ihm fernhalten. So kann er sich auf seine eigenen Freiräume konzentrieren, etwa auf Gastauftritte bei Anwaltskanzleien. Ansonsten gilt Tom Buhrow vielen nicht einmal als kritikwürdig, weil sich kaum noch jemand für ihn und seinen Sender interessiert. Wenige suchen das Gespräch mit ihm, wenige wollen von ihm etwas wissen.

Buhrow ist in seiner ersten Amtsperiode vor allem deshalb aufgefallen, weil er die WDR-Kunstsammlung versteigern ließ, was ihm allerdings von kulturbürgerlicher Seite auch jede Menge Häme einbrachte. Aber warum sollte der WDR auch eine Kunstsammlung haben? Stockhausen, Böll – wer kennt schon noch Künstler und Literaten vergangener Epochen? Zwar waren die bei einer Versteigerung in London im Juni 2016 für die Kunstobjekte erzielten knapp 3 Millionen Euro für den WDR betriebswirtschaftlich ziemlich irrelevant, doch Buhrow wollte wohl auch ein ganz anderes Signal aussenden: Das Abstoßen von Kunst und Kultur war auch als eine bewusste Trennung von intellektuell fordernden Unternehmungen überhaupt zu verstehen. Auch die WDR-Hausbibliothek wurde de facto aufgelöst – wer liest schließlich im WDR des Tom Buhrow noch Bücher und Fachliteratur? Dazu passt, dass die WDR-Presseabteilung schon seit längerem kuschelig als „WDR-Presselounge“ firmiert. Mittlerweile weiß auch niemand mehr, wer genau den Sender in der Kommunikation nach außen vertritt. Der WDR ist auch in dieser Hinsicht gesichtslos geworden.

Das einstige Powerhouse WDR wurde so zum funkenden Heimatmuseum, der Sender hat schon lange keine Führungsrolle mehr im ARD-Verbund. So gilt Tom Buhrow nach bisher viereinhalb Jahren Amtszeit selbst in Kreisen der ARD als Leichtmatrose, der fröhlich vor sich hinsegelt, und nicht als taktgebender Intendant einer großen ARD-Anstalt. Auch im Sender selbst sind inzwischen viele Mitarbeiter überzeugt, dass Radio-Bremen-Intendant Jan Metzger, einer der beiden Gegenkandidaten Buhrows bei der Intendantenwahl 2013, der bessere WDR-Chef geworden wäre. Metzger konnte vor kurzem bei einem Colloquium in der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) die ARD in der laufenden Rundfunkbeitragsdebatte durchaus geschickt repräsentieren, während WDR-Intendant Buhrow selbst in seinem Hometurf Köln durch komplette medienpolitische Abwesenheit glänzt.

Umso mehr überrascht angesichts dieser Entwicklung, dass der inzwischen von Andreas Meyer-Lauber (SPD) geleitete WDR-Rundfunkrat am 23. März Tom Buhrow ohne große Diskussion und schon gar nicht mit einem möglichen Gegenkandidaten wiederwählen will. Auch die Landesregierung, die bei solchen Intendantenwahlen durchaus eine nicht unwesentliche Rolle spielen kann, scheint keinen Grund gesehen zu haben, andere Kandidaten ins Gespräch zu bringen. Denn wem sollte ein WDR unter Tom Buhrow schon gefährlich werden?

Und so wird der bequeme Rundfunkrat den amtierenden Intendanten auch wiederwählen. Nicht, weil es keine personellen Alternativen gäbe, sondern weil dem Sender schon gar nichts anderes mehr zugetraut wird. „Der Tom“, die rheinische Frohnatur aus Troisdorf, bekommt damit eine zweite sechsjährige Amtszeit und kann bis zum Jahr 2025 Intendant bleiben. Das ist gut für Buhrow (Jahresgehalt: rund 400.000 Euro) und gut für den WDR-Rundfunkrat (bloß keine Kontroversen). Aber sicher nicht für das Image und die publizistische Leistungsfähigkeit des Westdeutschen Rundfunks in Köln.

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Ergänzung: Am 23. März (Freitag) wurde Tom Buhrow vom WDR-Rundfunkrat – wie erwartet – als Intendant des Senders wiedergewählt. Das Wahlergebnis bei der Rundfunkratssitzung im Stiftersaal des Kölner Wallraf-Richartz-Museums stand um 16.30 Uhr fest: Buhrow erhielt 50 Ja-Stimmen, es gab vier Nein-Stimmen und eine Enthaltung. Von den insgesamt 60 Rundfunkratsmitgliedern waren bei der Sitzung des Gremiums mithin 55 anwesend. Nach der Bekanntgabe des Wahlergebnisses fragte der WDR-Rundfunkratsvorsitzende Andreas Meyer-Lauber Tom Buhrow offiziell, ob er die Wahl annehme. Buhrow antwortete: „Ich danke von Herzen für Ihr Vertrauen und ich nehme die Wahl sehr gerne an.“ Daraufhin erhoben sich die Rundfunkratsmitglieder zu Standing Ovations für den wiedergewählten WDR-Intendanten.

23.03.2018/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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