Ulrike Brincker: Radland NRW (WDR Fernsehen)

Radeln mit Jule

27.07.2017 • Wäre Jule vor ein paar Jahren nicht von Liebeskummer heimgesucht worden, wäre sie womöglich nie aufs Rad gestiegen und schon gar nicht ins Fernsehen gekommen. So aber strampelte sich die junge Essenerin damals den Frust von der Seele, verfasst inzwischen einen eigenen Blog über ihre Touren und wurde zur Protagonistin der im Dritten Programm WDR Fernsehen ausgestrahlten Reportage „Radland NRW“. Und für diesen 45-minütigen Film gab es natürlich einen gewichtigen Anlass. Schließlich startete am Tag nach der Ausstrahlung die diesjährige Tour de France in Düsseldorf, also auf WDR-Gebiet.

Nun lässt der WDR zwar Heimatreportagen mit dem besonderen Wir-Gefühl in Hülle und Fülle produzieren, aber eine zum Thema Radeln in Nordrhein-Westfalen war (soweit bekannt) noch nicht dabei. Also sah man hier Jule im Ruhrgebiet herumradeln und vernahm dazu im Off-Kommentar: „Seit kurzem gibt es sogar eine Autobahn nur für Radfahrer.“ Aha. Mit Verlaub: Auch ein Radweg, der fernab von Autostraßen verläuft, bleibt immer noch ein Radweg. Jedenfalls kam Jule irgendwann auch an „Holgers Erzbahnbude“ vorbei, einem Kiosk, der angeblich „nur mit dem Rad oder zu Fuß zu erreichen“ sein soll. Warum da wenige Meter neben der Bude dennoch ein Auto stand, wurde leider nicht erklärt (da fehlte wohl der „Faktencheck“). Stattdessen kamen dann noch der Ali, der Helmut und der Karsten vorbei, die erklärten, dass sie mit dem Rad zur Arbeit fahren und das eine ganz tolle Sache sei.

Von der Ruhr ging es dann nach Münster, wo ein Mann namens Rasmus (per Insert vorgestellt als „Fahrradaktivist“) über den drohenden Verkehrskollaps durch Radfahrer klagte. Und der Kommentar machte deutlich, wer die Schuld an der Misere trägt: „Entspannt radeln kann man nur noch an wenigen Stellen, denn Münster hat mittlerweile 55.000 Studenten.“ Wäre das Problem geringer, wenn es sich um Angehörige anderer Berufsstände handeln würde? Von Münster ging es dann nach Köln und ins Bergische Land, um ein wenig dem ehemaligen Radprofi Rolf Wolfshohl zu huldigen. Schließlich war der Mann dabei, als 1965 die Tour de France in Köln gestartet wurde. Dass der heutige 78-Jährige seit vielen Jahren in Köln einen Fahrradladen betreibt (Kommentar: „Heute verkauft er gemeinsam mit seiner Frau Fahrräder“) – nun gut, das bisschen Werbung kann man durchgehen lassen.

Anders verhält es sich allerdings mit der ausführlichen Berichterstattung über ein Unternehmen in Bocholt im westlichen Münsterland. Geschlagene fünf Minuten lang durfte der Inhaber von alten Zeiten und dem neuen Fahrradboom erzählen, wozu die Kamera ausgiebig die Verkaufsräume erkundete. Und der Kommentar jubelte: „6000 Quadratmeter Verkaufsfläche! Ein Mekka für Radfreunde.“ Fünf Minuten Werbung zur besten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – wenn Rolf Wolfshohl das gesehen hat, dürfte er sich schon gefragt haben, warum sein Laden nur so kurz und lediglich von außen im Film vorkam.

Anschließend ging es zurück nach Münster, um ein paar Senioren beim Pättkesfahren zuzuschauen und in Luftbildern die Schönheit der Landschaft zu preisen. Alles wunderbar in Nordrhein-Westfalen? Mitnichten. In Köln ist es ganz übel. Zumindest für Radfahrer. In dramatischen Bildern wurde das Radeln dort als lebensgefährliche Fortbewegungsart geschildert und selbst der Fahrradbeauftragte der Stadt musste eingestehen, dass in der Domstadt in Sachen Radwegenetz noch einiges im Argen liege. Aber man arbeite daran. Zum versöhnlichen Finale war dann die fröhliche Jule wieder da und ein paar sogenannte „Fahrrad-Ranger“ erklärten an der malerischen Ruhr ein paar Landfrauen auf Ausflug den Weg.

Unterm Strich war diese Produktion der Firma Längengrad keineswegs schlechter als all die anderen Heimatfilme, die der WDR unter dem Label „Doku am Freitag“ um 20.15 Uhr ausstrahlt. Immerhin konnte Autorin Ulrike Brincker mit ein paar durchaus interessanten Zahlen zur Verkehrsentwicklung aufwarten und Archivbilder in Schwarzweiß sieht man doch immer wieder gern. Ansonsten war es das bewährte Strickmuster: ein paar mehr oder minder beliebig ausgewählte Protagonisten, schöne Landschaftsaufnahmen, das Ganze mit beschwingter Musik und einem teils hanebüchenen Off-Kommentar unterlegt.

Erstaunlich nur, dass der Film nicht mit „Unser Radland NRW“ betitelt war, wo der WDR doch sonst kaum noch eine Gelegenheit auslässt, das große Wir-Gefühl hochzuhalten: So kommt im Radio die Welle WDR 2 vollmundig mit dem Slogan „Wir sind der Westen“ daher und die Heimatfilme im Dritten Fernsehprogramm heißen „Unser Land – 70 Jahre NRW“, „Wir vor 100 Jahren“ oder „Wir und die Holländer“. Und natürlich gibt es das Verbundenheitsgefühl auch in Serie. Wurde am 7. Juli die letzte Folge der achtteiligen Reihe „Unser Westen“ im WDR Fernsehen ausgestrahlt, startet am 11. August bereits das nächste Großprojekt: „Unser Land in den 70ern“, ein Zehnteiler, der jedem einzelnen Jahr der Dekade einen Film widmet. Wahrlich ein Konzept mit Weitblick. Die folgenden Jahrzehnte dürften schon vorbestellt sein und die 50er und 60er kann unser WDR noch nachschieben.

27.07.2017 – Reinhard Lüke/MK