Feuer & Flamme – Mit Feuerwehrmännern im Einsatz. 9‑teilige Dokumentationsreihe (WDR Fernsehen)

Seriöses Blaulicht-Fernsehen

Menschen, die in Gelsenkirchen demnächst in einer Notlage die 112 anrufen, dürfen sich Hoffnungen machen, beim Eintreffen der Retter auf gute Bekannte zu treffen. Auf beherzt zupackende Männer wie den Thorsten, den Dennis oder den Hacki. Und das sind nur drei der zehn Akteure, die in dieser Dokumentationsreihe um eine Feuerwache im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Dass die Reihe im öffentlich-rechtlichen WDR Fernsehen ausgestrahlt wird, ist durchaus bemerkenswert. Schließlich erinnert man sich noch gut an die Zeiten, in denen die Privatsender mit Doku-Soaps wie „Toto & Harry“ das Unterhaltungspotenzial von echten Polizisten oder Rettern entdeckten. Sprach man mit Redakteuren des WDR, nahmen sie diese Formate (wenn überhaupt) mit einer Mischung aus Entsetzen und Häme zur Kenntnis. Das Schlagwort vom „Blaulicht-Fernsehen“ machte die Runde und alle zeigten sich überzeugt, dass es sowas in ihrem seriösen Programm nie und nimmer geben würde.

Immerhin hat es seit jenen Bekenntnissen rund 15 Jahre gedauert, bis man auch beim WDR nun doch Gefallen am Blaulicht-Fernsehen zur besten Sendezeit gefunden hat. „Feuer & Flamme“ heißt das Format hier; als Untertitel wurde vom WDR „Mit Feuerwehrmännern im Einsatz“ angegeben, eingeblendet wird dieser Untertitel jedoch nicht. Wer die Autoren und Regisseure der einzelnen Folgen sind, erfährt man ebenfalls nirgendwo. Im Abspann ist lediglich angegeben: „Executive Producer: Lina Krücken“ und „Realisation: MeikeTrautmann, Gwenda Walk, Yvonne Funken“.

In der Feuer- und Rettungswache 2 in Gelsenkirchen sind rund 100 Feuerwehrleute stationiert, die nicht nur zu Bränden ausrücken, sondern auch für Rettungsaktionen und Hilfsdienste der unterschiedlichsten Art zuständig sind. Mehr als 100 Mal am Tag (also innerhalb von 24 Stunden) verlassen Fahrzeuge mit Ta-tü-ta-ta das Betriebsgelände. In einer Wache dieser Größenordnung ist also einiges geboten, das packende Action, aber auch höchst emotionale Momente verspricht. Obwohl sich das mit der Action in den ersten beiden Folgen dieser neuen WDR-Reihe doch eher in Grenzen hielt. Lediglich beim ersten Einsatz der Truppe, als es ein brennendes, schwer zugängliches Objekt im Keller einer (leeren) Lagerhalle zu löschen galt, ging es turbulent zu und man bekam einen unmittelbaren Eindruck davon, was es heißt, in dicken Schutzanzügen und schwerem Atemgerät gegen so einen Brandherd anzukämpfen.

Der zweite Fall in der Auftaktfolge hatte zwar auch Rauchentwicklung zu bieten, nahm sich aber letztlich harmlos aus. In der Küche einer Wohnung, deren Bewohner abwesend waren, hatte ein qualmender Toaster den Rauchmelder ausgelöst. Daraufhin hatten die besorgten Nachbarn die Feuerwehr alarmiert – die dann jedoch lediglich den Netzstecker zu ziehen brauchte. Der von den Profis vermutete Tathergang: Aus einem Regal oberhalb des Geräts war ein Netz mit Kartoffeln gefallen und hatte dabei den Ein/Aus-Schalter des Toasters eingeklemmt. Nun ja.

In Mehrzahl der bisherigen Fälle rückten die Männer der Gelsenkirchener Feuer- und Rettungswache aus, um gebrechlichen oder sonstwie in Not geratenen Personen unter die Arme zu greifen (durchaus auch im Wortsinn). Beispielsweise einem betagten Mann, der in seiner Wohnung gestürzt war, von allein nicht wieder auf die Beine kam und anschließend die Helfer partout bezahlen wollte. In der zweiten Folge war es dann eine stark übergewichtige, nicht mehr gehfähige und nur spärlich bekleidete Frau, die von den Feuerwehrmännern aus ihrer Kellerwohnung gehievt werden musste.

„Alle erkennbaren Personen haben sich mit der Ausstrahlung einverstanden erklärt“, heißt es in einem Insert zu Beginn jeder Folge. Das wird stimmen, denn hin und wieder sieht man auch unkenntlich gemachte Akteure im Bild. Ob die Betroffenen, die da bereitwillig ihre Zustimmung erklärt haben, in jedem Fall wussten, was sie taten, bleibt natürlich ungeklärt. Wie auch immer, plumpen Voyeurismus zu bedienen, kann man dieser Reihe kaum vorwerfen. Und sie mit vom Grundsatz her ähnlich angelegten Billigproduktionen wie „Blaulicht-Report“ (RTL) oder „Auf Streife“ (Sat 1) zu vergleichen, wäre nicht fair.

In „Feuer & Flamme“ werden die Akteure nicht zu Laiendarstellern degradiert, die Gefühlsausbrüche simulieren und auswendig gelernte Dialoge aufsagen müssen. Zudem kommt das Ganze ohne Off-Kommentar aus. Stattdessen geben die Wehrmänner am Rande des Geschehens kurze Kommentare ab und tun in regelmäßig eingeschnittenen Statements für die Kamera ihre Sicht der Dinge kund. Da sprechen sie dann über die Liebe zu ihrem Beruf oder auch schon mal über den grassierenden Trend zur Vereinsamung: „Die Gesellschaft“, sagt einer, „entwickelt sich immer mehr zu Ich-Menschen. Die Gemeinschaft geht immer mehr verloren.“ Und die Macher der Reihe (Produktion: SEO Entertainment) waren klug genug, solche grammatischen Schieflagen und den ein oder anderen Versprecher nicht zu korrigieren. So kommen die ohnehin grundsympathischen Jungs von der Wache noch authentischer rüber. Von solchen Männern möchte man gerettet werden.

Unter dem Strich geht es hier grundsätzlich weit mehr um Emotionen als um Action und Spektakel. Nimmt man den beträchtlichen Aufwand auf der Bildebene mit Kameradrohnen und Bodycams hinzu, kann man der auf eine Staffel mit neun Folgen angelegten WDR-Reihe bescheinigen, dass es sich hier um unterhaltsames, clever gemachtes, sozusagen seriöses Blaulicht-Fernsehen handelt. Ob es unbedingt ein öffentlich-rechtliches Blaulicht-Fernsehen braucht, ist eine andere Frage.

02.06.2017 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 13/2018

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