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„Unser Land“: Wie der WDR das 70‑jährige Bestehen Nordrhein‑Westfalens feiert

Von Brigitte Knott-Wolf

08.09.2016 • Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen begeht derzeit mit diversen Veranstaltungen den 70. Geburtstag ihres Bundeslandes und der Westdeutsche Rundfunk (WDR) feiert rückhaltlos mit. Sein sehr umfangreiches Programm für diesen Anlass zeigt nicht nur eine – erfreuliche – Nähe der öffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalt zu ihrem Sendegebiet, sondern auch eine – erschreckende – Distanzlosigkeit zu denen, die dieses ‘Event’ politisch als Imagekampagne für sich nutzen wollen.

Die seit dem 19. August wöchentlich am Freitagabend im Dritten Programm WDR Fernsehen ausgestrahlte sechsteilige Dokumentationsreihe „Unser Land – NRW wird 70“, die sich der Landesgeschichte chronologisch in sechs Zehnjahresabschnitten widmet, ist mit ihren je 45-minütigen Folgen schon sehr umfangreich (insgesamt viereinhalb Stunden), aber längst nicht das einzige Angebot des WDR zum Landesgeburtstag, das ohne Zweifel sehr staatstragend geraten ist. Manche Bilder und Bildsequenzen über die Entwicklung des einwohnerreichsten Bundeslandes glaubt man zudem bereits irgendwo gesehen zu haben. Möglicherweise wurden sie schon in zahlreichen älteren Fernsehdokumentationen zur Nachkriegsgeschichte verwendet. Aus Anlass des 60. Geburtstags der Bundesrepublik im Jahr 2009 beispielsweise hatte die ARD das Großprojekt „60 x Deutschland“ realisiert (Federführung: RBB) und im Ersten ausgestrahlt; dessen Beiträge werden auch heute noch in Form von sechs DVDs und via Internet von der Bundeszentrale für politische Bildung zum Anschauen angeboten.

Die neue Dokumentationsreihe über ’70 Jahre NRW’ könnte man sich ebenfalls gut als Angebot zur politischen Bildung vorstellen: Einerseits ist sie vom Ansatz her sehr umfassend, streng chronologisch aufgebaut und rein dokumentarisch, ohne Experten-Interviews und Reenactment; andererseits aber beschleicht einem beim Ansehen permanent das Gefühl von pädagogischer Bevormundung. Und die besagt, dass man vor allem von diesem Land Nordrhein-Westfalen begeistert sein soll.

Die Bilder des Sechsteilers erscheinen jedoch auch deshalb manchmal als ein wenig abgenutzt, weil sie eher Klischees bedienen, als etwas Unbekanntes und Unerwartetes zu zeigen. So bestätigen sie immer wieder das gängige Vorurteil über Nordrhein-Westfalen, hier herrschten vor allem die Schwerindustrie und eine Kultur, die sich überwiegend auf einem sehr bescheidenen Level zwischen U-Musik und Fußball bewege. Denn genau dies sind auch die Schwerpunkte der Dokumentationsreihe, allerdings mit dem Unterschied, dass es nicht darum geht, negative Vorurteile über das Bundesland zu formulieren, sondern, im Gegenteil, die Stereotype zu positiven Errungenschaften aufzuwerten.

Nicht nur gewinnt man den Eindruck, dieses Bundesland sei das wichtigste und bedeutendste der Bundesrepublik überhaupt, sondern es ist auch eine Erfolgsgeschichte, die hier vermittelt wird. Und das trotz aller Katastrophen und Krisen, über die zwar ebenfalls berichtet wird, aber immer so, dass ihnen etwas Positives folgt. Dieses Positive muss nicht unbedingt aus der Lösung des zuvor geschilderten Problems bestehen. Denn oft geht es dabei auch bloß um ‘Mood-Management’, dass nämlich auf ernste Beiträge stimmungsmäßig immer etwas zu folgen habe, was fröhlich und leicht ist.

Geschichte als Fortschrittsmodell

Das geschieht immer wieder, aber am stärksten fällt dies wohl am Ende der vierten Folge („Der Pott bebt – die 80er“) ins Gewicht, in der die Arbeitskämpfe um die Schließung von großen Stahlwerken wie Hattingen und Rheinhausen sehr ausgiebig, emotional und dramatisch beschrieben werden, um dann in den Schlusssequenzen den zu dieser Zeit gerade fertiggestellten Neubaukomplex rund um den Landtag in Düsseldorf nahezu hymnisch zu verklären. Nicht nur hat der Parlamentsneubau nichts mit den Werksschließungen im Ruhrgebiet zu tun, sondern man könnte sich auch die Frage stellen, ob angesichts der großen sozialen und politischen Probleme eine solche für ein Länderparlament nahezu gigantisch geratene und pompöse Anlage überhaupt angemessen ist. Nichts davon findet sich in der Dokumentation, ganz im Gegenteil wird dieses Prestige-Projekt völlig unkritisch dazu benutzt, dem Bundesland trotz der zuvor geschilderten Krisen eine glänzende Zukunft vorherzusagen.

Nun darf man bei einem Filmprojekt, das aus Anlass eines Jubiläums gesendet wird, auch nicht unbedingt erwarten, dass es sich allzu kritisch mit dem Jubilar auseinandersetzt. Aber wenn man sich schon sechs Folgen à 45 Minuten Sendezeit dafür Zeit nimmt, könnte man ja hoffen, eine differenzierende und reflektierende Darstellung dieses Landes, das da gefeiert wird, in geografischer, historischer wie auch kultureller Hinsicht zu sehen. Doch ein Geografie-Kurs über das Land wird überhaupt nicht geboten. Auch der Geschichtsunterricht ist enggefasst, denn es handelt sich überwiegend um Wirtschaftshistorie, die hier vermittelt wird. Und hinsichtlich der Kulturgeschichte, die bei Länderdokumentationen, die nicht ins Genre der Naturdokumentation fallen, sonst immer eine große Rolle spielt, findet hier ebenfalls eine bemerkenswerte Reduktion statt: Die Kultur scheint in Nordrhein-Westfalen vor allem in Form von Pop- und Rockmusik Geschichte geschrieben zu haben.

In allen sechs Folgen findet diese Musiksparte breite Berücksichtigung; ihre dramaturgische Platzierung wie Kommentierung beweist, dass sie zum Kern der ‘Rahmenerzählung’ gehört, während vieles andere eher deskriptiv aneinandergereiht wird. So wird beispielsweise die Verleihung des Literaturnobelpreises an Heinrich Böll im Jahr 1972 erwähnt (Folge 3) und das Sammler-Ehepaar Ludwig vorgestellt, für das Köln in den 1980er Jahren sein neues Museum Ludwig gebaut hat (Folge 4) – die Geschichte jedoch, die neben der Wirtschaftsgeschichte dieses Bundeslandes die bedeutendste Rolle in dieser Dokumentationsreihe spielt und sich wie ein roter Faden durch alle Folgen zieht, ist die des Fußballs. Folgt man dem Grundtenor dieser WDR-Reihe, dann ist dies der typische NRW-Mensch: Er verdient sein Geld in der Schwerindustrie, besucht Konzerte in der Essener Gruga-Halle, schwärmt für Herbert Grönemeyer und sein – wie auch immer zu benennendes – ‘Nationalgefühl’ artikuliert sich vehement in dieser einen Sportleidenschaft: Fußball über alles.

Produziert hat die Reihe die Kölner Firma Broadview TV; die vier Autoren und zwei Autorinnen haben reichlich Filmmaterial (2500 Stunden) aus dem Fernseharchiv und anderen Quellen gesichtet und strukturiert. Auswahlkriterien, berichtet Produzent Leopold Hoesch in einem Interview im Presseheft, seien „emotionale Momente“ und „Bild-Ikonen“ gewesen, um „in jeder Folge sehr genau das Lebensgefühl des jeweiligen Jahrzehnts abzubilden“. Broadview TV hat für den WDR unter anderem auch die Reihe „Dynastien in NRW“ produziert. Leopold Hoesch stammt übrigens selbst aus einer nordrhein-westfälischen Dynastie; seine Vorfahren waren Eigner des Eisen- und Stahlkonzerns Hoesch, der in den 1990er Jahren nach über hundertjähriger eigener Unternehmensgeschichte von Krupp übernommen wurde.

Das Bundesland Nordrhein-Westfalen wurde am 23. August 1946 in Düsseldorf gegründet, im „Stahlhof“, zu dieser Zeit Sitz der britischen Militärregierung. Das ist ein imposantes Gebäude, das seinen Namen als einstiger Hauptsitz eines Industrieverbandes erhielt, zu dem sich die großen Konzerne des Ruhrgebiets zusammengeschlossen hatten. (Heute dient das Gebäude als Verwaltungsgericht.) Doch der Gründungsakt als solcher und die Umstände der Gründung des neuen Bundeslandes spielen keine Rolle in der Dokumentationsreihe, noch weniger findet die Vorgeschichte der zu Nordrhein-Westfalen zusammengefügten drei Landesteile Berücksichtigung. Am schlechtesten kommt dabei die Region Lippe weg, die überhaupt nicht erwähnt wird, obgleich Lippe damals – anders als Westfalen und das Rheinland, die zum Zeitpunkt der NRW-Gründung bereits seit über 130 Jahren als unselbständige Provinzen zu Preußen gehörten – noch ein eigenständiger, von Detmold aus regierter Freistaat war, in den nach dem Ersten Weltkrieg das Fürstentum Lippe umgewandelt worden war.

Mythos Kohle

Der NRW-Sechsteiler setzt mit der Folge „Wie Phoenix aus der Asche“ erst mit den 1950er Jahren ein. Thematisch geht es hier um das beginnende Wirtschaftswunder und die führende Rolle, die das Land Nordrhein-Westfalen dabei für die Bundesrepublik insgesamt spielte, weil es die größte deutsche Industrieregion beherbergte, nämlich das Ruhrgebiet. Ob Euphorie herrscht und gejubelt wird oder ob das Stimmungsbarometer absinkt, hängt deshalb für den Film und diese Reihe konsequenterweise immer vom Ruhrgebiet ab. Gerade diese erste Folge fällt durch ihren weitgehend durchgehaltenen Jubelton auf, der erst gegen Ende, einem Cliffhanger gleich, mit Erwähnung der ersten Steinkohlekrise und mit Blick auf die künftige Entwicklung plötzlich umschlägt in ernste, bedrückende Stimmung.

Wer nun aber geglaubt hatte, an diesen Punkt würde die zweite Folge (Titel: „Neue Helden – die 60er“) unmittelbar anknüpfen, sah sich getäuscht. Auch hier wird zunächst wieder gejubelt und die Entwicklung als ein sich unausweichlich bahnbrechender Fortschritt dargestellt. Es gibt ebenfalls wieder eine Bergbaukrise, doch sie stört den positiven Grundton der Erzählung kaum. Denn eine wachsende Autoindustrie (Opel-Werke, Bochum) mildert die Krise und garantiert weitgehend Vollbeschäftigung. In der dritten Folge lässt dann die „erste große Ölkrise“ Trauerstimmung aufkommen, die wiederum mit positiven Nachrichten über neue Errungenschaften aus Nordrhein-Westfalen behoben wird.

Es ist jedoch vor allem der Kohlebergbau, der über seine Eigenschaft als Wirtschaftsfaktor hinaus als politisches Identifikationsprogramm zum Mythos wird. Auch dieser Kohle-Mythos wird hier eher bedient als kritisch hinterfragt. Da können noch so viel Pferde aus Westfalen oder Bilder von der Einweihung der wiederhergestellten Hohenzollernbrücke in Köln (Folge 1) oder Nixdorf und Dr. Oetker aus Bielefeld (Folge 2) eine vordergründige Ausgewogenheit herzustellen versuchen (man könnte diese Aufzählung für die anderen Folgen mühelos fortsetzen) – das Ruhrgebiet dominiert zweifellos die Perspektive. Ebenso bleibt in den späteren Folgen der Dokumentationsreihe, in denen anhand des Niedergangs der Eisen- und Stahlindustrie und des Endes der Kohleförderung ausführlich über den Strukturwandel berichtet wird, der Fokus auf dieser Region. So wie in all den 70 Jahren politische Wahlen in Nordrhein-Westfalen eben auch immer hier entschieden worden sind. Nicht zuletzt deshalb stand und steht das Ruhrgebiet im politischen Mittelpunkt der jeweiligen Landesregierung – ein Aspekt, auf den die Sendereihe „Unser Land“ allerdings ebenfalls nicht eingeht.

Der WDR in NRW

Es verwundert auch, dass der Westdeutsche Rundfunk, der sich doch so sehr für die Geschicke von Nordrhein-Westfalen ins Zeug legt, sich dabei selbst als Institution zu erwähnen vergessen hat. Ein wichtiger Akt der Selbstbehauptung als neues Bundesland war nämlich die Gründung des WDR als eigenständige Rundfunkanstalt. Bereits der in der ersten Folge so hochgelobte zweite, als erster aus Landtagswahlen hervorgegangene Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der von 1947 bis 1956 regierende Karl Arnold (CDU), setzte sich für eine eigene Landesrundfunkanstalt ein. Eine solche Anstalt für NRW durchzusetzen, gehörte dann zu den ersten großen politischen Kraftakten, die diesem neuen Bundesland gelangen. Bis zur Verabschiedung eines WDR-Gesetzes durch den nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf am 25. Mai 1954 und der Aufnahme eines eigenständigen Sendebetriebs am 1. Januar 1956 war das Sendegebiet NRW vom Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) bedient worden, der seine Zentrale in Hamburg hatte und dem auch das bereits existierende Kölner Funkhaus untergeordnet war.

Stattdessen thematisiert die Doku-Reihe mit einer kurzen Bildsequenz in der ersten Folge die Anfänge des Fernsehens, wobei sie wiederum verschweigt, dass daran Nordrhein-Westfalen als Bundesland kaum beteiligt war. Fernsehen wurde nämlich zunächst am Standort des NWDR, in Hamburg, gemacht. Und in der zweiten Folge der Reihe präsentiert sich der WDR lediglich mit der Sendereihe „Der 7. Sinn“, und zwar – ausgerechnet – mit der allbekannten vorurteilsbeladenen Folge über Frauen am Steuer. Der folgt eine Passage über Frauen und den Babyboom, dem dann der sogenannte Pillenknick ein Ende bereitet. Das Frauenthema wird später inhaltlich ergänzt durch Hinweise auf die erste Schönheitskönigin „Miss World“, die aus Nordrhein-Westfalen stamme. Das ist es dann auch schon mit dem weiblichen Beitrag zur Erfolgsgeschichte von NRW in dieser Zeit.

Frauen im Entertainment-Sektor

Den weiblichen Anteil findet die Reihe auch in den späteren Folgen eher im Entertainment-Sektor, mit Ausnahme der Erwähnung von „Emma“, der von Alice Schwarzer in Köln gegründeten Frauenzeitschrift, und der Aktionen der Frauenprotestbewegung für die Abschaffung des Paragraphen 218 in der dritten Folge („Stürmische Zeiten – die 70er“). Ein weiterer Auftritt des WDR als Fernsehproduzent erfolgt mit einer ausführlichen Szenenfolge über den von Götz George dargestellten legendären Duisburger „Tatort“-Ermittler Schimanski in der vierten Folge der Reihe, der Folge, in der es zentral um die Krise der Stahlindustrie und die dadurch bedingten hohen Arbeitslosenzahlen im Ruhrgebiet geht.

Nicht alle Ministerpräsidenten, die Nordrhein-Westfalen regiert haben, kommen vor. Im Vergleich zum in Folge 1 hochgelobten Karl Arnold (CDU) kommt Ministerpräsident Franz Meyers (CDU), der das Land von 1958 bis 1966 regierte, weniger gut weg (Folge 2). Er wird eher mit kurzen Auftritten dokumentiert, die ihn teilweise der Lächerlichkeit preisgeben. Er sei „der Situation nicht gewachsen“, heißt es über Meyers im Kommentar zur ersten Bergbaukrise. Der Situation gewachsen war dann offensichtlich Heinz Kühn (SPD), der – so wird suggeriert – deshalb ganz folgerichtig der Nachfolger von Franz Meyers als Ministerpräsident wurde. Für nicht erwähnenswert hält man es hingegen, dass Kühn, der das Land von 1966 bis 1978 regierte, es damals weniger selbstverständlich, sondern erst nach einigen politischen Turbulenzen aufgrund eines konstruktiven Misstrauensvotums im NRW-Landtag in das Amt des Ministerpräsidenten geschafft hatte (weil sich die FDP überraschend mit der SPD zu einer sozialliberalen Koalition zusammenschloss).

Mythos Johannes Rau

Erwähnt wird auch (in Folge 3) die große Kommunal- und Gebietsreform der 1970er Jahre, ohne – aus heutiger Sicht – über Sinn und Unsinn dieses Projekts Bilanz zu ziehen. Es scheint als quasi naturgeschichtliches Ereignis über die Menschen gekommen zu sein. Natürlich gibt es auch kurze Hinweise auf damalige – vergebliche – Protestaktionen, aber sie spielen wiederum im Erzählzusammenhang keine Rolle – und solche Proteste, die erfolgreich waren, die kommen in der Folge dann überhaupt gar nicht erst vor, wie beispielsweise der Widerstand der Stadt Leverkusen, die ihre geplante Eingemeindung zu Köln abwenden konnte, vermutlich aufgrund des großen Einflusses eines dort ansässigen Chemie-Giganten auf die Landespolitik.

Der Ministerpräsident mit der größten Aura ist in der Dokumentationsreihe zweifellos Johannes Rau (SPD), der Nordrhein-Westfalen von 1978 bis 1998 regierte (und anschießend bis 2004 Bundespräsident war). Bereits als er noch Minister für Wissenschaft und Forschung (1970 bis 1978) und deshalb für die wissenschaftlichen Einrichtungen des Landes zuständig war, wird er für seine Tätigkeit hoch gelobt, unbeschadet etwa des Bauskandals um das Klinikum Aachen, der in seine Amtszeit fällt, der aber relativiert wird durch den Hinweis, welch gute Arbeit dieses Hochleistungszentrum der Medizin heute leiste (Folge 4). Die von Rau 1974 gegründete Fernuniversität Hagen wird als Erfolgsmodell angepriesen, ohne Zahlen etwa über die Anzahl erfolgreicher Abschlüsse zu nennen (die genannten hohen Einschreibequoten sind da nicht sehr aussagekräftig). In der fünften Folge („Neubeginn – die 90er“) wird die Person des Ministerpräsidenten mit einem wichtigen Zukunftsprojekt für das Ruhrgebiet verbunden: der Umwandlung brachliegender ehemaliger Industrieflächen in Grünzonen, die der Naherholung dienen.

Grüne Zukunft

Die Begrünung des Ruhrgebiets ist denn auch ein weiteres Leitmotiv, das sich ab der dritten Folge durch die Filme zieht. So dienen – nach einem längeren, sehr informativen Abschnitt über die Proteste angesichts des geplanten Ausbaus der Nuklearenergie – in den letzten Szenen von Folge 3 fröhlich stimmende Bilder aus dem Freizeitpark in Kalkar, der heute auf den Ruinen des nie fertiggestellten Atomkraftwerks errichtet worden ist, als positiver Ausblick in die Zukunft. Der Umbau des Ruhrgebiets zu einem Freizeitpark – da der Abriss der Industrieruinen wesentlich teurer geworden wäre als deren Erhaltung als museale Orte für die Freizeitgestaltung – dominiert die Jubelstimmung beispielsweise auch die fünfte Folge. Dazwischen wird dann, um ernste Themen dabei zu haben, auch über fremdenfeindliche Anschläge in Solingen und anderswo berichtet.

Wurde noch gegen Ende der vierten Folge das neue Parlamentsgebäude bejubelt, fällt das Berichtete in der fünften Folge über die neue Staatskanzlei in Düsseldorf wesentlich verhaltener, sogar ansatzweise kritisch aus. Ob das daran liegt, dass dieser ebenfalls sehr groß dimensionierte Neubau („Stadttor“) mit dem Konterfei von Wolfgang Clement (SPD), des – weniger geliebten – Nachfolgers von Johannes Rau als Ministerpräsident, in Verbindung steht? Immerhin wird Clements „Image als Grünen-Fresser“ heraufbeschworen. Haben, wie erwähnt, Frauen in der Dokumentationsreihe bis dahin überwiegend im Entertainment-Bereich eine Rolle gespielt, hebt die letzte Folge unter dem Titel „Im neuen Jahrtausend“ dann Hannelore Kraft (SPD), die amtierende und erste Ministerpräsidentin in dem Bundesland, als neue „Landesmutter“ von Nordrhein-Westfalen hervor, ohne allerdings auch hier auf die politischen Umstände näher einzugehen, die es ihr ermöglicht haben, in dieses Amt zu kommen.

Die Agenda der Landesregierung

Diese abschließende Folge setzt ein mit optisch beeindruckenden Szenen vom Silvester vor der Kulisse des Kölner Doms beim Übergang ins neue Jahrtausend – Bilder, die heute, nach dem Skandal um die Ereignisse in der Silvesternacht 2015/16 rund um den Hauptbahnhof Köln und um deren politische Hand­habung, ganz andere Assoziationen wecken. Inhaltlich ist Thema der letzten Folge die Hinwendung zur Zukunft, an der Nordrhein-Westfalen – natürlich – an führender Stelle beteiligt ist. Entsprechend ist die Zukunftsperspektive auch eine technisch-wirtschaftliche: Es geht um den Ausbau der erneuerbaren Energien. Pilotanlagen für Windkraft und Solarenergie entstehen in NRW; auch in deren Erforschung erscheint das Land als führend. Und als die Dramaturgie nach fast sechs ununterbrochenen Minuten ernster Politik etwas Leichtes benötigt, kommt ein Kurzbericht über das Trash-TV-Format „Big Brother“ (RTL 2), das ja, in einem Container in Hürth produziert, auch als ‘made in NRW’ anzusehen ist, und gezeigt wird ausschließlich, wie begeistert die Menschen davon gewesen seien.

An Großereignissen erwähnt der Film noch den Weltjugendtag 2005 in Köln mit dem damaligen Papst Benedikt XVI., das „Sommermärchen“ der Fußball-WM 2006, den Einsturz des Kölner Stadtarchivs während des U-Bahn-Baus 2009 und das Unglück im Jahr 2010 auf der „Love Parade“ in Duisburg, bei dem es 21 Tote und über 500 Verletzte gab. Doch die letzten Filmsequenzen gehören wie selbstverständlich der Kohle: Wegen der Schließung der Zeche Auguste Victoria in Marl im Jahr 2014 findet im Fußballstadion auf Schalke eine große, mit vielen Emotionen aufgeladene Abschiedsveranstaltung statt, mit der sich die Dokumentation ebenso emotionsgeladen von ihren Zuschauern verabschiedet.

Insgesamt betrachtet hat bei dieser Dokumentationsreihe das Ausmaß an unkritischer Distanzlosigkeit überrascht. Und das, obwohl man angesichts des Sendetitels „Unser Land“ schon gar nicht erst allzu hohe Erwartungen hatte. So umfangreich wurde Nordrhein-Westfalen vom WDR noch nie gefeiert, wobei sich die Landesrundfunkanstalt offenbar völlig der politischen Agenda der amtierenden rot-grünen Landesregierung untergeordnet hat. Was macht der WDR eigentlich in fünf Jahren, wenn NRW 75 wird?

08.09.2016/MK
Folge 1 am 19. August: „Wie Phoenix aus der Asche – die 50er“ von Manfred Oldenburg und Henrike Sander
Folge 2 am 26. August: „Neue Helden – die 60er“ von Manfred Oldenburg und Lukas Hoffmann
Folge 3 am 2. September: „Stürmische Zeiten – die 70er“ von Jobst Knigge
Folge 4 am 9. September: „Der Pott bebt – die 80er“ von Jobst Knigge
Folge 5 am 16. September: „Neubeginn – die 90er“ von Anke Rebbert
Die 6. und abschließende Folge am 23. September: „Im neuen Jahrtausend“ von Eva Schötteldreier Fotos: Screenshots