Überkröntes Traditionsbewusstsein

Eine Nachbetrachtung zur Wahl von Tom Buhrow zum WDR‑Intendanten

Von Dietrich Leder

07.06.2013  • Angesichts der Schärfe, mit der in den Tageszeitungen die am 29. Mai erfolgte Wahl von Tom Buhrow zum neuen Intendanten des WDR kommentiert wurde, müsste man bei dieser Wahl durch den Rundfunkrat des öffentlich-rechtlichen Senders von einer Überraschung sprechen. Der „Tagesthemen“-Moderator war schon im ersten Wahlgang mit 41 von 47 Stimmen gewählt worden, verfügte also von Anfang an über eine souveräne Mehrheit und damit über eine weitgehende Anerkennung in dem Kontrollgremium. Doch die Schlussfolgerung, dass es sich bei der Bestallung Buhrows um eine Überraschung handele, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein veritabler Irrtum. In Wirklichkeit war diese Wahl so konsequent wie erwartbar. Denn Tom Buhrow erfüllt zwei Bedingungen, die seit vielen Jahren an die WDR-Intendanten gestellt werden.

Zum ersten muss er aus dem Haus kommen. Selbst Klaus von Bismarck, der von 1961 bis 1976 amtierte und aus der evangelischen Jugend- und Sozialarbeit kam, hatte wenigstens zeitweise als Mitglied des WDR-Verwaltungsrats fungiert. Seine Nachfolger wie Friedrich-Wilhelm von Sell (1976 bis 1985), der zuvor Verwaltungsdirektor des Senders war, und Friedrich Nowottny (1985 bis 1995), der für den WDR das Studio Bonn geleitet hatte, kamen direkt aus dem Haus. Dieses Soll erfüllte auch Fritz Pleitgen perfekt; nach vielen Jahren als Auslandskorrespondent des WDR amtierte er nacheinander als Fernsehchefredakteur und als Hörfunkdirektor, bevor er schließlich Intendant wurde (1995 bis 2007). Kein Wunder, dass auch für Pleitgens Nachfolgerin Monika Piel das WDR-Gesetz galt: Die Wirtschaftsjournalistin verbrachte ihre gesamte Berufszeit im Kölner Sender, wurde schließlich von Fritz Pleitgen zur Hörfunkdirektorin befördert und folgte ihm dann von 2007 bis 2013 in der Intendanz. Tom Buhrow, der nun vom WDR-Volontär über diverse weitere WDR-Stationen zum Intendanten des Senders aufstieg, überkrönte dieses Traditionsbewusstsein auf der Pressekonferenz nach seiner Wahl mit der Erklärung: „Ich liebe den WDR.“

Das vertraute Gesicht

Die zweite Bedingung, die Buhrow erfüllt, ist die, dass die WDR-Rundfunkratsmitglieder den potenziellen Kandidaten irgendwie kennen müssen. Zur Not vom Fernsehbildschirm, wenn jemand, wie Buhrow, in den letzten 20 Jahren weitab von Köln als Korrespondent in Washington und Paris und als Moderator der „Tagesthemen“ in Hamburg lebte. Wie zuvor Nowottny und Pleitgen war also auch Buhrow ein vertrautes Gesicht, in das man selbst als Rundfunkratsmitglied schon unendliche Male geschaut hatte, auch wenn Tom Buhrow anders als die beiden genannten Vorgänger nicht besonders aufgefallen war. Ihm fehlt die publizistische Neugier eines Fritz Pleitgen oder die wirtschaftspolitische Kompetenz eines Friedrich Nowottny. Aber es störte einen auch nicht sonderlich, wenn er von der aktuellen Lage in den USA in seinen Aufsagern vor dem Weißen Haus berichtete oder wenn er am Ende der „Tagesthemen“ mit den Worten „Morgen ist einer neuer Tag“ zur nächsten Sendung im Ersten überleitete.

Und so kann man Buhrow auch keine großen Fehler nachsagen, es sei denn, man erinnerte an seine gelegentlichen Nebentätigkeiten als bestens bezahlter Redner auf Repräsentationsveranstaltungen etwa der Finanzwirtschaft. Das schlug ihm nun bei seiner Wahl zum WDR-Intendanten nicht zum Nachteil aus. Warum auch? Wählte ihn doch der Rundfunkrat aus demselben Grund an die Spitze des WDR, weshalb auch die Banken und Sparkassen Buhrow gerne zu Reden einluden – weil sie ihn alle als freundlich lächelnden Menschen vom Fernsehschirm kannten.

Noch etwas Drittes kommt als spezifisches Motiv der Wahl von Tom Buhrow hinzu. Dazu muss man an die Umstände der Wahl seiner Vorgängerin erinnern: Monika Piel verdankte ihre Karrieresprünge nämlich einem doppelten Fehler von Fritz Pleitgen. Hörfunkchefin wurde sie erst, nachdem der Pleitgen-Intimus Thomas Roth in diesem Amt eklatant gescheitert war, was beweist, dass nicht jeder Korrespondent (und nicht jedes telegenes Gesicht) auch zum Direktor oder Intendanten taugt. Intendantin wiederum wurde Monika Piel erst, nachdem Pleitgen andere Kandidaten eher ungeschickt in Stellung und dann sich selbst für eine weitere Amtszeit ins Spiel gebracht hatte. Nachdem schließlich die Wahl auf Piel als WDR-Intendantin gefallen war, musste ihre Bildschirmpräsenz vom Sender schon demonstrativ hochgerechnet werden, um ihr auch den Prominenzbonus ihrer Vorgänger zu verleihen.

Besser kommunizieren

Dummerweise tauchte Monika Piel bereits kurz nach ihrer Wahl zur WDR-Intendantin nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im Sender ab (vgl. FK-Artikel). Je länger sie amtierte, desto weniger kommunizierte sie mit Mitarbeitern, aber auch mit der Branche. In ihrer selbst gewählten Isolation traf sie dann eine Fülle von Entschlüssen, die sich als falsch herausstellen sollten. Und sie verteidigte solche Entscheidungen selbst dann noch, wenn wie beim Desaster der Sendung von Thomas Gottschalk im Vorabendprogramm des Ersten deren Ende absehbar war. Unvergessen der sprachliche Lapsus von Piel, ausgerechnet das uralte Talk-Konzept, mit dem Thomas Gottschalk schon im Nachtprogramm von RTL gescheitert war, als „Experiment“ hochzustilisieren und das Format in der ARD damit zu rechtfertigen.

So etwas würde Tom Buhrow nie unterlaufen. Ihn wählten die WDR-Rundfunkratsmitglieder – und das ist das vierte Motiv seiner Beförderung – nicht zuletzt deshalb, weil er unendlich viel besser zu kommunizieren versteht als seine Vorgängerin. Nur: Hat er der Öffentlichkeit und dem von ihm geliebten WDR auch etwas zu sagen?

• Text aus Heft Nr. 23/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

07.06.2013/MK

Print-Ausgabe 13/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren