Der künstlerische Eigensinn

Dokumentarfilminitiative diskutiert über das Genre des dokumentarischen Porträts

Von Fritz Wolf
01.11.2015 •

„Wesentlich ist der Zuschnitt, der Eingriff, die Konstruktion“ – so lautete das Resümee des Schriftstellers Burkhard Spinnen über sein literarisches Porträt eines schwäbischen Unternehmers, ein Buch, das 2005 unter dem Titel „Der schwarze Grat“ erschienen war. Die Einlassungen des Schriftstellers hatten mit Dokumentarfilm unmittelbar nichts zu tun, waren aber eine produktive Anregung auch für Filmemacher, darüber nachzudenken, was das eigentlich ist, ein Porträt. Nämlich immer etwas Gebautes und immer auch eine Erfindung des Autors.

Spinnens Intervention war einer der spannenden Momente des zweitägigen Symposiums „Das dokumentarische Porträt“, das die Dokumentarfilminitiative (DFI) am 8. und 9. Oktober im Filmforum NRW in Köln veranstaltete. Sie versah das Programm mit dem Untertitel „Annäherungen, Widersprüche, State of the Art“ – ein Hinweis, dass es mit dem Porträt so einfach nicht ist. Ist es die „Ent-Deckung der ‘inneren Wahrheit’ einer Person“, die das Publikum in der Regel erwarte? Gleicht das Porträt, wie bei Burkhard Spinnen skizziert, nicht eher der Suche nach einem Phantom? Wie eng ist der Übergang zur „Imagewerbung für Werke und Produkte der Porträtierten oder deren Rechtevermarkter“?

Der Kampf um die Kontrolle über die Bilder

Das Genre jedenfalls ist sehr populär. Die Dokumentarfilminitiative hatte sich für ihre Tagung auch noch ein eigenes Untergenre gewählt, die Künstlerbiografie. Da sind in den letzten Jahren interessante Arbeiten erschienen, wie etwa der Kinofilm „Gerhard Richter Painting“ (2011) von Corinna Belz. Und es sind interessante Projekte in Arbeit, Andres Veiel etwa wird sich Joseph Beuys widmen und Corinna Belz dreht einen Film über Peter Handke.

Am Beispiel des Künstlerporträts lassen sich auch wichtige Fragen des Genres gut diskutieren. Das eine ist der Trend zur Prominenz. Prominenz verkauft sich, Prominenz interessiert. Das gilt nicht nur für Beckenbauer und Nowitzki, sondern eben auch für Richter und Beuys. Zudem sind Künstler medialisierte Menschen, die sich in der Regel vor einer Kamera zu bewegen wissen, wenngleich berühmte Maler wie Gerhard Richter die öffentliche mediale Begutachtung eher scheuen. Am Künstlerporträt zeigt sich aber auch eine Tendenz, die das dokumentarische Arbeiten insgesamt bedroht: Der Kampf um die Kontrolle über die Bilder ist härter geworden. Auch bei Prominenten hat sich herumgesprochen, was am Bilde alles hängt. So hat sich etwa der Wissenschaftler Eric Kandel aus dem von Arte, ORF und WDR koproduzierten Film „Auf der Suche nach dem Gedächtnis“ (2008) das letzte Wort vorbehalten, der Filmemacherin Petra Seeger blieb nichts anders als Zustimmung. Auf welch kompliziertem und schwierigem Terrain sie sich da bewegte, demonstrierte sie auf eine spannende wie unterhaltsame Weise. Sie las auf dem Symposium aus dem umfangreichen E-Mail-Verkehr mit dem Protagonisten vor, einem nahezu unendlichen Hinundher von Absagen und Zusagen, Versprechungen und Vertröstungen, taktischen Manövern und flehenden Bitten. Ein aufschlussreicher Blick hinter die Kulissen.

Auch beim Film über Gerhard Richter gingen den Dreharbeiten lange Verhandlungen mit Rechtsanwälten und ausführliche Vereinbarungen voraus. Und Andres Veiel ist bei seinem Beuys-Projekt zunächst vor allem damit befasst, es vor den Ansprüchen der Nachlassverwalter zu schützen. „Wir müssen unseren Blick als eigenständige Kunstform verteidigen“, sagte der Regisseur, „wir müssen unser eigenes Urheber­recht in Anspruch stellen.“

Insgesamt schien allerdings die Beschränkung auf das Genre des Künstlerporträts für das Thema der Tagung etwas zu eng. Sie hielt deutlich Abstand zu jenen populären Porträts, die PR-Arbeiten ähnlicher sehen und auf Jubiläumsdaten hin gedreht wurden, wie etwa die in diesem Jahr zu sehenden Filme von Thomas Schadt über Franz Beckenbauer („Fußball – ein Leben“, ARD) oder von Annekatrin Hendel über Fassbinder (ARD/Arte; vgl. MK-Kritik). Die Analyse solcher Beispiele hätte auch Material liefern können über den massenmedialen Umgang mit dem Genre und über die Zwänge, denen Autoren ausgesetzt sind.

Berühmte alte Männer als Protagonisten

Die Kölner Tagung befasste sich auch nicht mit durchaus wirkmächtigen Politikerporträts – mit Ausnahme des von Birgit Schulz gedrehten Films „Die Anwälte“ mit den Protagonisten Otto Schily, Horst Mahler und Hans-Christian Ströbele. Politikerporträts müssen sich ja keineswegs im Nachrichtlichen und in Doku-Formaten erschöpfen, sondern können eigene Qualitäten haben wie etwa die Arbeiten von Stefan Lamby, zuletzt mit seinem im Ersten ausgestrahlten Film „Schäuble – Macht und Ohnmacht“ (ARD/SWR; vgl. MK-Kritik). Wie umgeht man die Homestory als die geläufige journalistische Schönwetter-Form? Wie etwa gelang das Hubert Seipel vor einigen Jahren in seinem Porträt von Josef Ackermann (ARD/WDR/NDR; vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 31/10)? Ein gutes Beispiel für gegenläufige ästhetische Strategien, den medialen Fallen zu entgehen, ist Marc Bauders in diesem Jahr auch im Fernsehen ausgestrahlter Kinofilm „Der Banker – Master of the Universe“ (2013; Koproduktion: HR/SWR) – leider konnte der Autor nicht nach Köln kommen. (Der Film ist zwar nicht mehr in den Mediatheken der Sender, aber in voller Länge noch bei YouTube abrufbar.)

Eines der für die Veranstalter selbst verblüffenden Ergebnisse dieser Tagung war die Beobachtung, dass in fast allen diskutierten Filmen berühmte alte Männer die Protagonisten waren, und zwar gleichermaßen bei Regisseuren wie Regisseurinnen. Die Gründe dafür dürften vielfältig sein. Mag sein, dass das Material für ein interessantes Porträt erst am Ende eines Lebens zusammenkommt. Mag sein, dass die dokumentarische Beobachtung von nicht berühmten Protagonisten im Fernsehen in Formate wie „37°“ (ZDF), „Menschen hautnah“ (WDR Fernsehen) oder „Lebenslinien“ (Bayerisches Fernsehen) abgewandert ist. Ohnehin hat das Interesse an unbekannten Zeitgenossen abgenommen, so wie auch die Oral History wieder traditioneller Geschichts­schreibung als Geschichte großer Männer gewichen ist. Mag sein, dass der Zwang zum Event und zum großen Porträtstoff die Dokumentaristen zwingt, sich berühmte Protagonisten zu suchen. Unterdessen nutzen die No-Names ihre eigenen Medien und flüchten sich in die sozialen Medien und ins Selfie.

Eines der Schlüsselthemen des Porträts ist die Haltung der Filmemacher zu ihren Protagonisten: Wie viel Nähe darf sein, wie viel Distanz muss sein? Diesbezüglich wird gegenwärtig unter Dokumentaristen weitgehend psychologisch gedacht, bis hin zum Film als therapeutischem Instrument. Einen ganz anderen Ansatz vertritt da der Leipziger Dokumentarist Lutz Dammbeck, der aus der bildenden Kunst kommt und dessen dokumentarische Arbeiten immer aufs Ganze zielen, aufs System, nicht aufs Individuelle und aufs Psychologische. So war es schon in „Das Netz“. Sein neuer essayistischer Film „Overgames“ befasst sich mit dem nach psychiatrischen Kriterien geprägten US-Konzept der Reeducation, der Umerziehung der Deutschen nach dem Faschismus – kein Porträt im engen Sinne, sondern ein Gesellschaftsporträt.

Es geht um die Entdeckung, dass sich 1944 in den USA bedeutende Psychiater und Anthropologen – in führender Position dabei Margaret Mead –, auf einer Konferenz trafen, um aus psychiatrischer Sicht über Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zu beraten und der Politik Konzepte zur Umerziehung vorzuschlagen. Die Wissenschaftler wollten die Diagnose der klassischen Paranoia kollektiv auf alle Deutschen anwenden und eine kollektive Therapie vorschlagen. Eine Reaktion auch auf die Tatsache, dass die Politiker in den USA keine Idee hatten, was nach der militärischen Niederlage der Deutschen mit diesen nun geschehen solle.

„Für Deine Filme ist die Zeit beim SWR vorbei“

Dammbeck verbindet dieses Thema noch mit zwei anderen Ideen. Das eine ist die Entdeckung, dass es in den USA im Fernsehen Gameshows gegeben hat, die auf Spielen fußten, die Psychiater für ihre Patienten entwickelt hatten, etwa eine unter dem Titel „Beat the Clock“. Solche Shows wurden dann auch in anderen Ländern umgesetzt. Unter anderem gab es in Deutschland als „Beat-the-Clock“-Version die von Joachim Fuchsberger moderierte Show „Nur nicht nervös werden!“ (ARD, 1960/61). Der Entertainer wusste durchaus Bescheid über die Herkunft der Spiele und äußerte einmal in einer Talksendung auf die witzig gemeinte Frage von Rudi Carrell, wie viele Patienten da zugeschaut hätten: „Eine Nation! Eine verrückte Nation! Eine psychisch gestörte Nation!“ Einen Kontakt zu Fuchsberger (1927 bis 2014) konnte Lutz Dammbeck nie herstellen, der war offenbar nicht interessiert, an diesen Part seiner Medienkarriere erinnert zu werden.

Der dritte Pfad, dem der Autor folgt, ist die Idee der „Permanenten Revolution“, nicht im Sinne von Trotzki oder Mao, sondern im Sinne einer kulturellen Praxis, die gesellschaftliche und psychische Verfasstheiten umfasst und alles Abweichende, Sperrige ummodelt und integriert – der Kapitalismus als Allesfresser. Im Zentrum der permanenten Weltbild-Revolution wiederum steht das Fernsehen.

Auch Lutz Dammbecks Film wird hoffentlich im Fernsehen laufen. Einen Sendetermin gibt es vielleicht Mitte 2016, über die in Frage kommende Sendezeit muss man gar nicht lange spekulieren. Arte, WDR und RBB haben jedenfalls den Film finanziert, nachdem das Projekt zunächst in allen Redaktionen abgelehnt worden war. Dammbeck zitierte dazu aus der Mail einer SWR-Redakteurin: „Lieber Lutz, auch für Deine Filme ist die Zeit beim SWR vorbei.“ Nun gut. „Overgames“ ist kein einfacher Film, sondern vielschichtig, sperrig, provozierend. Keiner, bei dem man mit Einfühlung über die Runden kommt – das war auch aus den in Köln vorgeführten Ausschnitten erkennbar. Dazu noch handelt es sich um eine freie künstlerische Arbeit, die sich um die Komplexität des Stoffes kümmert, nicht um Zielgruppen und Sendeformate. Sie ist damit durchaus auf der Höhe der Forderung, die Corinna Belz auf dem Symposium an die Autorinnen und Autoren richtete, also auch an sich selbst: Sie müssten ästhetisch und formal mutiger werden und Erzählweisen entwickeln, die allein aus dem Stoff selbst abgeleitet werden. Ein Appell an den künstlerischen Eigensinn.

01.11.2015/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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