Gewinner und Verluste

Aus der Arbeit der Grimme-Jury „Information und Kultur“

Von Fritz Wolf 04.04.2015 •

Am 27. März (Freitag) wurden im Stadttheater von Marl die Grimme-Preise 2015 vergeben. Es war das 51. Mal, dass der renommierte Fernsehwettbewerb stattfand. Gleichsam genuiner Bestandteil des Grimme-Preises sind Unabhängigkeit, Transparenz und öffentliche Diskussion über ihn. Dazu gehören seit jeher die Berichte aus den Jurys über deren Arbeit, traditionell auch in dieser Zeitschrift. Anlässlich der Preisverleihung 2015 berichten in der vorliegenden Ausgabe die Jury-Mitglieder und freien Journalisten Torsten Körner, Senta Krasser und Fritz Wolf über die Preisfindungsprozesse dieses Jahres. Die Jurys in den drei Wettbewerbskategorien „Fiktion“, „Information/Kultur“ und „Unterhaltung“ tagten in der ersten Februar-Woche im Grimme-Institut in Marl. Hier der Bericht von Fritz Wolf. -MK-

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Eine schwache Performance der Kultur, Informationssendungen mit wichtigem Stoff und sichtbaren Folgen der Formatierung, lange politische Dokumentarfilme vornehmlich über das Ausland und Konventionelles, das doch auch preiswürdig sein kann – das sind, knapp zusammengefasst, wichtige Tendenzen im Programmpaket, das in der Kategorie „Information und Kultur“ die Nominierungskommission in diesem Jahr der Grimme-Jury zur Entscheidung vorgelegt hatte. Im Folgenden ein Überblick, wie die Jury damit umging.

In den vergangenen Jahren hatten die Jurys immer wieder geklagt, es fehle an relevanten journalistischen Arbeiten. Zu einer solchen Klage gab es in diesem Jahr keinen Grund. Es war eine Reihe von Filmen mit wichtigen Themen nominiert: Überwachungsstaat und NSA, Krieg in Syrien, Flüchtlingsprobleme in Europa, der sogenannte Islamische Staat (IS). Zugleich zeigten sich jedoch in der Umsetzung der Themen die Folgen der Formatierung, besonders in den Produktionen des ZDF.

Kraut- und Rübenformat „ZDFzeit“

Ein Beispiel dafür ist „Verschwörung gegen die Freiheit“, ein Zweiteiler, für den die Redaktionen „ZDFzoom“ und „ZDFzeit“ zusammenarbeiteten. Es geht um globale Überwachung, im ersten Teil um die Snowden-Affäre und den NSA-Skandal, im zweiten Teil um die Kooperation großer Internet-Firmen wie Google oder Yahoo mit den Geheimdiensten. Das ZDF kooperierte bei der Produktion mit PBS, dem öffentlich-rechtlichen Sender der USA, arbeitete entsprechend mit vielen amerikanischen Zeitzeugen. Viel Information, viele Dokumente, viele redende Köpfe – und dazwischen immer wieder der stellvertretende ZDF-Chefredakteur und gern als „Terrorismusexperte“ agierende Elmar Theveßen in Rechercheurspose. Was dann leider wegen Aufdringlichkeit die ganze schöne Recherche ruiniert, jedenfalls mit Blick auf einen Preis.

Ein weiteres Beispiel ist die „ZDFzeit“-Produktion „Riskante Reise – Europa und die Flüchtlingsströme“. Beginnt wie ein Investigativ-Krimi mit verdeckter Kamera, setzt sich auf die Spuren der Schlepper, weitet den Blick dann auf die Abschottungspolitik der EU, man spricht mit deutschen Polizisten im Frontex-Einsatz, besucht Lager in Bulgarien, verfolgt das Schicksal einer syrischen Familie. Die Autoren Michael Richter und Özgür Uludag liefern viel Stoff, viel Information. Das Format will aber in Überfliegermanier so viel wie möglich erfassen – eine „Zusammenrühre“, wie ein Juror befand – und bleibt darin wieder konventionell und wenig nachhaltig. Dieser Film und der Zweiteiler liefen übrigens im Zweiten zu bester Sendezeit, wofür man den Sender nur loben kann, wenn er denn den Zuschauern insgesamt ein wenig mehr Selbstdenken zutraute und etwa für das Kraut-und-Rüben-Format „ZDFzeit“ mal eine schlüssige Erzählweise fände.

Ähnliche Probleme sah die Jury auch bei „Sterben für Allah?“ (ARD/HR/BR/SWR) von Peter Gerhardt, Ilyas Mec und Ahmet Senyurt. Der Film verfolgt den Weg deutscher Gotteskrieger nach Syrien, gibt Einblicke in die Szene radikaler Muslime in Dinslaken (NRW) und Frankfurt am Main und rekonstruiert den Sinneswandel der jungen Muslime. Hoher Informationswert, eine unideologische Herangehensweise, aber letzten Endes doch konventionell erzählt. Die ARD hat für solche Filme natürlich nur einen Sendeplatz um 23.15 Uhr – das Thema scheint dann doch nicht so wichtig zu sein.

Muslime, Flüchtlinge, Kinder

Dass sich das Flüchtlingsthema auch anders erzählen lässt, zeigte übrigens „Leaving Greece – Fluchtpunkt Griechenland“ (BR) von Anna Brass, ein Dokumentarfilm, keine journalistische Arbeit. Die Autorin erzählt die Geschichte dreier junger Afghanen, die über Griechenland nach Europa wollen. Sie versuchen, illegal die Festung Europa zu überwinden, und lassen sich auch von Prügeln und Gefängnisstrafen nicht abbringen. Der Film, der im Dritten Programm Bayerisches Fernsehen ausgestrahlt wurde, wirft einen Blick ins Innere des Flüchtlingsproblems, wo nicht Zahlen zählen, sondern individuelle Erfahrungen. Es geht zudem nicht nur um Flucht, sondern auch um Freundschaft, Sehnsucht und Liebe. „Leaving Greece“ ist ein Hochschulfilm, besonders beeindruckend in der Hartnäckigkeit der Autorin, am Thema und an ihren Protagonisten dranzubleiben. Nicht so gut gelungen ist ihr freilich, die immer wiederkehrenden Situationen des Wartens, denen ihre Protagonisten unterliegen, erzählerisch umzusetzen.

Formatfernsehen geht aber auch anders. Das zeigte der Film „Die Kinder von Aleppo“ (ZDF/Arte/Channel 4) von Marcel Mettelsiefen. Der Film lief im ZDF unter dem Label „Auslandsjournal – Die Doku“, auch mal wieder zu guter Sendezeit, und er erzählt eine Geschichte, die einen so schnell nicht loslässt. Es ist die Geschichte einer Familie, die direkt an der Frontlinie in der syrischen Stdt Aleppo lebt. Hier herrscht ein prekäres Gleichgewicht, keine Seite kann sich gegen die andere durchsetzen. Ein Riss geht mitten durch Aleppo. Der Vater ist Kommandant der freien syrischen Bewegung. Er weiß, welches Opfer das bedeutet. Jeden Tag kann eines der Kinder sterben. Am Ende des Films erfahren wir, dass der Vater verschwunden ist, mutmaßlich entführt vom IS, mutmaßlich ermordet.

Autor Marcel Mettelsiefen zeigt den Alltag der Kinder im Krieg, ihr vorsichtiges Verhalten, aber auch ihren spielerischen Umgang mit dieser Realität, die sie nicht verändern können. Schule findet schon lange keine mehr statt; so unterrichtet die Ältere die Jüngeren und gibt ihrem Vater Bescheid, Kämpfer sollten gefälligst nicht zur Unterrichtszeit durch den Flur laufen, der als Schulraum dient. Der Autor erzählt auch von dem 12-Jährigen Aboude, der als Trommler und Sänger Demonstrationszüge gegen die Regierung anführt, der immer mehr seiner Freunde verliert, aber aktiv bleibt. Mit ihm kommt der Film auch auf den Markt im Viertel und zeigt, völlig überraschend, wie sich hier plötzlich Leben entfaltet, mitten im Krieg. Der Autor bleibt bei all dem auf Augenhöhe mit den Kindern, erzählt ihr Leben, überhöht nicht, abstrahiert nicht. Die Kinder reden vom Krieg und wenn sie spielen, dann spielen sie Krieg. Und sie haben schon Dinge gesehen, die Kinder eigentlich nicht sehen dürfen. Eine Reportage aus dem Inneren der Hölle, dabei aber ganz ruhig in Tempo und Tonfall. Ein ganz fragloser Grimme-Preis ging an diesen Film.

Zweiter großer Block im Jury-Kontingent: die langen Dokumentarfilme. Nirgendwo sonst als beim Grimme-Preis kommt diesem von den Programmplanern so schmählich behandelte Genre solche Bedeutung zu. Auffällig diesmal Jahr: In vielen Filmen ging es um Themen aus dem Ausland. Finnland, Griechenland, Ruanda, Südsudan, Südafrika, Nordkorea, Südkorea, Syrien. Bei manchen ist der Bezug zum deutschen Fernsehen eher schmal. Wie etwa bei „Früher träumte ich vom Leben“ (Arte/ZDF), gedreht von einer rein finnischen Crew, mit Animationen aus Deutschland. Es geht darum, wie Angehörige von Selbstmördern den Tod ihrer Lieben verarbeiten. Der Film ist ästhetisch sehr stringent gearbeitet, hält die Balance zwischen Nähe und Distanz, ist vorsichtig, respektvoll und doch genau, ohne filmische Mätzchen. Ein sehr eindrucksvoller Beitrag, der am Ende aber doch nicht mehr in die Schlussrunde kam.

Bis in die Schlussrunde gelangte „Wir waren Rebellen – Krieg und Frieden im Südsudan“, eine Produktion von Katharina von Schroeder (Buch), Christoph Lumpe (Koautor) und Florin Schewe (Regie) für die ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“. Der Film (Sendetermin: 0.10 Uhr) folgt dem ehemaligen Kindersoldaten Agel Ring Machar in den ersten zwei Jahren seit der 2011 erfolgten Unabhängigkeit seiner Heimat Südsudan. Der Protagonist ist eine charismatische Figur, selbstbewusst vor der Kamera, ehemaliger Profi-Basketballer in Australien, dann zurückgekehrt, um beim Aufbau seines Landes mitzuhelfen. Eine tragische Geschichte auch, denn Machar, der nie mehr in den Krieg ziehen wollte, muss am Ende doch wieder die Uniform anziehen und eine Waffe in die Hand nehmen. „Wir waren Rebellen“ ist der klassische Dokumentarfilm, der seinen Blick hinter die Schlagzeilen richtet, das Porträt einer großartigen Persönlichkeit und das Porträt eines ganz jungen Landes. Vor allem auch wegen der starken Sinnlichkeit dieses Films entschied sich die Jury für eine Auszeichnung mit dem Grimme-Preis, die an Katharina von Schroeder und Florian Schewe ging.

Bei Grimme bedeutsam: Der lange Dokumentarfilm

Noch ein Grimme-Preis, noch eine eindrucksvolle Persönlichkeit: In dem knapp 110-minütigen Film „Camp 14 – Total Control Zone“ (Arte/WDR/BR) von Marc Wiese ist der Protagonist Shin Dong-hyuk. Er wurde 1982 in einem nordkoreanischen Arbeitslager geboren, wuchs dort auf, erlebte Zwangsarbeit und Folter ebenso wie die öffentliche Hinrichtung von Bruder und Mutter. Erst mit 23 Jahren konnte er fliehen. Der Film erzählt seinen dramatischen Lebensweg, eindrückliche Animationen illustrieren seine Erinnerungen. Über seinen Protagonisten erzählt der Film von schweren Menschenrechtsverletzungen des nordkoreanischen Systems. Es ist dem Autor auch gelungen, zwei Täter vor die Kamera zu holen, die die Zustände in den Lagern bestätigen. Shin Dong-hyuk lebt heute in Südkorea.

Über sein Leben hat Shin Dong-hyuk auch in einem Buch berichtet. Mitte Januar dieses Jahres sind allerdings Informationen bekannt geworden, wonach er Teile seines dortigen Berichts widerrufen, Erinnerungen korrigiert und sich für seine Falschinformationen entschuldigt habe. Die Jury hat nach ihren Möglichkeiten selbst recherchiert und ist zum Ergebnis gekommen, dass diese Informationen den Kern des Films nicht tangieren und dass Marc Wiese mit seiner Recherche über die Täter die nötige Sorgfalt hat walten lassen. Im Übrigen hat das nordkoreanische Regime mit seinen Attacken gegen den Film gerade das bestätigt, was es bisher abstritt: die Existenz dieser Arbeitslager in Nordkorea.

Dokumentarfilme machen es oft möglich, hinter die Aufgeregtheiten der News-Welt zu schauen, Themen aufzugreifen, die schon vergessen sind, unsere Erinnerungen neu zu befragen. Was etwa das Vermächtnis des Nelson Mandela sei, fragt der südafrikanische Autor Khalo Matabane. Auch für ihn war Mandela ein Held, ein Mythos – und jetzt schreibt Matabane einen Film wie einen persönlichen Brief und hat Fragen. Konnte die Politik der Versöhnung von Opfern und Tätern funktionieren? Ist Mandela dabei zu weit gegangen? Warum sind Ungleichheit und Armut in Südafrika heute vielleicht noch größer als zuvor? „Madiba – Das Vermächtnis des Nelson Mandela“ (Arte/ZDF/BBC) ist ein essayistischer Film, der manchmal unter Bebilderungszwang zu stehen scheint, der aber einen politischen Mythos unserer Zeit in Bewegung setzt und eine neue Debatte eröffnen kann.

Dass Elisabeth Käsemann in den Folterzentren der argentinischen Militärdiktatur zugrunde ging, ist schon bald 40 Jahre her. NDR-Redakteur Eric Friedler greift den Fall in seinem Film „Das Mädchen. Was geschah mit Elisabeth K.?“ (ARD/NDR/SWR) wieder auf, er recherchiert bis in die Details und holt ein Stück bundesdeutsche Geschichte aus dem Vergessen. 1977, ein Jahr vor der Fußball-WM in Argentinien, da war die deutsche Nationalmannschaft im Land. Doch niemand intervenierte und versuchte, das Leben der eingesperrten Studentin zu retten, nicht das Auswärtige Amt, nicht Außenminister Genscher, nicht der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Wirtschaftsinteressen, politische Interessen, Terrorismushysterie in Deutschland standen dagegen. Bis heute weist die deutsche Regierung jede Verantwortung zurück, Hans-Dietrich Genscher (FDP), der noch vor keinem Mikrofon zurückgeschreckt ist, verweigerte hier eine Stellungnahme. Der Film ist sorgfältig recherchiert, klug montiert, ordnet ein, setzt auch auf Spannungselemente und Schauplatzbesichtigung. Gleichwohl war die Jury mehrheitlich nicht überzeugt von der Methode des Autors, die tragische Geschichte der Elisabeth K. mit ausführlichen und teilweise redundanten Interviews mit damaligen Fußballnationalspielern ‘aufzubrezeln’.

Eine Afro-Deutsche interviewt Rechtsradikale

Laborschimpansen, die zum ersten Mal in ihrem Leben frische Luft, Sonne und Regen auf der Haut spüren – die Bilder sind in Fernsehnachrichten um die Welt gegangen, wurden millionenfach auf YouTube angeklickt. In „Unter Menschen“ (WDR Fernsehen/ORF) erzählen Christian Rost und Claus Strigel die lange Geschichte dahinter. Viele Jahre lang lebten Schimpansen aus einem ehemaligen Pharma-Versuchslabor in einem verwilderten Safari-Park in einer Kleinstadt in Österreich, in engen Käfigen, traumatisiert, infiziert mit HIV- und Hepatitisviren. Die Versuche waren nutzlos, die Tiere damit auch. Vier Pflegerinnen nahmen das nicht hin und setzten in jahrelangem Kampf durch, dass den Tieren ein Freigehege gebaut wurde. Es ist eine Tiergeschichte, in der viel Gesellschaftsgeschichte steckt: kommerzieller Tierhandel, Laborversuche mit Tieren, Akteure, die sich dagegen auflehnen, darunter auch bekannte wie die Verhaltensforscherin Jane Goodall. Der Film zeigt ein Happy End mit bitterem Beigeschmack – es deutet sich an, dass das Leben der Schimpansen in Zukunft von kommerzieller Vermarktung ihres Schicksals geprägt sein wird. Das wird ihnen vielleicht nichts ausmachen, aber doch vielleicht uns, den Mitfühlenden, den Zuschauenden.

Zwei Themen aus größerer Nähe. „Die Arier“ nennt Mo Asumang ihren Film, in dem sie der Frage nachgeht, was eigentlich gemeint ist, wenn die Rechtsradikalen von „arisch“ reden. Was sind Arier? Wo leben sie? Letztere Frage ist schnell beantwortet: Die Autorin findet sie unter Hirten im Iran. Und die denken gar nicht, dass sie etwas Besonders sind, sondern legen Wert darauf, nicht über andere erhoben zu sein. Das hätte man auch ohne eine Reise in den Iran recherchieren können. Was aber enorm aufschlussreich ist, sind die Begegnungen der Autorin mit den Rechten hierzulande und anderswo (etwa beim Ku-Klux-Klan im Süden der USA).

Es gehört schon viel Mut dazu, sich als Afrodeutsche einfach zu den Glatzen zu stellen und sie zu fragen: Was macht ihr ihr? Warum demonstriert ihr? Warum redet ihr nicht mit mir? Nicht, dass man irgendwelche vernünftigen Antworten erwartet hätte – aber die verkniffenen Gesichter und Gesten dieser aggressiven Feiglinge sind schon eindrucksvoll. Ebenso, was die Autorin aus einem Trupp Burschenschaftler an nationalistischem Unfug herausholt. Mo Asumang praktiziert hier, wie in ihrem bekannten Film „Roots Germania“, wieder die Methode der persönlichen Recherche und der persönlichen Betroffenheit, verliert sich in „Die Arier“ (Arte/ZDF, „Das kleine Fernsehspiel“) jedoch auch etwas in wenig erhellenden Begegnungen mit Menschen aus der Sphäre der total Bekloppten. Für einen Grimme-Preis reichte es bei diesem Film, den die Jury nachnominiert hatte, letztlich nicht.

Und dann noch ein stiller, ruhiger Film der Beobachtung: Für seinen Hochschulabschlussfilm „Nach Wriezen“ begleitete Autor Daniel Abma (Filmuniversität Babelsberg) drei jugendliche Straftäter nach ihrer Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wriezen. Wir erleben drei junge Protagonisten, die sehr verschieden sind, sehr unterschiedliche kriminelle Karrieren hinter sich haben. Besonders dabei: Einer der drei, Marcel, saß wegen des grausamen Mordes an Marinus Schöberl in Haft, das war 2002. Mit diesem Verbrechen haben sich bereits Andres Veiel in „Der Kick“ und Tamara Milosevic in „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ befasst – jetzt also diese Wiederbegegnung.

Auf die Taten rekurriert der vom Dritten Programm RBB Fernsehen ausgestrahlte Film freilich nicht. In „Nach Wriezen“ geht es um die Frage, wie nun der Alltag verläuft, welche Chancen die jungen Männer wahrnehmen, ob sie wieder straffällig werden. Daniel Abma mischt sich nicht in die Vorgänge ein, die Kamera wird eher beiläufig von den Jungen wahrgenommen und manchmal auch ausgeschlossen. Alle drei finden ziemlich schnell eine Freundin, werden Väter, geraten mit dem Jugendamt aneinander. Rückschläge, Aufbrüche, der ganze Kleinkram des alltäglichen Lebens. Der Autor gibt den Zuschauern nichts vor, er lässt sie ein wenig hineinblicken, mitleiden, auch wütend werden auf die Jungen selbst, die so viel nicht gebacken kriegen. Ein Film als Soziogramm im Kleinen und auch ein Gesellschaftsporträt, das die Frage aufwirft, welche Hilfe eine Gesellschaft eigentlich für solche Leute zu leisten in der Lage ist. Die Jury war fasziniert von dieser ruhigen und uneitlen Filmarbeit – Grimme-Preis.

Geschichtsfernsehen, aufmerksam betrachtet

Geschichtsthemen werden von den Jurys im Marler Grimme-Institut traditionell besonders aufmerksam betrachtet. Und da stach im jetzigen Jahrgang der Dreiteiler „Akte D“ (ARD/WDR/MDR/BR) heraus – als Versuch, sich vom Zeitzeugenfernsehen wieder etwas zu lösen und zu einer Geschichtsschreibung erster Ordnung zurückzukommen: Dokumente, Fakten, Historiker sind die wesentlichen Auskunftgeber. Erzählt wird jeweils über lange Zeitbögen. Über das Versagen der deutschen Nachkriegsjustiz (im Film von Christoph Weber), über das Kriegserbe der Bahn (Winfried Oelsner). Und, in noch längerem historischen Bogen, über die Macht der Stromkonzerne (Florian Opitz und Julia Meyer). Das ist von der Form immer noch konventionell, aber in dieser Form stringent durchgezogen, dicht recherchiert und an heutigen Fragen orientiert. Trockene Bilanz etwa zu den Gründen des Versagens der Nachkriegsjustiz, nicht nur Juristen betreffend: Zu viele Politiker waren seinerzeit Mitglied der NSDAP, zwei Bundespräsidenten sind darunter und 26 Minister diverser Bundesregierungen. Namen fallen auch: Genscher, Zimmermann, Carstens, Ehmke, Stücklen, Scheel. Die Jury zeigte sich von dem Dreiteiler beeindruckt – Grimme-Preis.

Und nun die Verluste. Erstens: Kultur. Das Angebot zu Themen der engeren Kultur war diesmal ausgesprochen dürftig, sozusagen nicht vorhanden. „Isang Yun – Ein Komponist zwischen Nord- und Südkorea“ (Arte/ZDF), ein Film über einen in Deutschland weitgehend unbekannten Komponisten der Moderne, vermochte die Jury wegen der hagiografischen Haltung nicht zu überzeugen. Ebenso nicht das Porträt „Heino Jaeger – Look before you Kuck“ (3sat), in dem Gerd Kroske detailverliebt und etwas geschwätzig Leben und Kunst des heute weitgehend unbekannten Moderators und Kabarettisten Heino Jaeger zu rekonstruieren versucht.

Zweitens: Kinder. Da es keinen Grimme-Preis für Kinderfernsehen gibt, scheitern regelmäßig auch interessante Produktionen bei den Jurys, meist knapp, aber sie scheitern eben. So erging es in diesem Jahr dem Mehrteiler „Schau in meine Welt“ (Kika), der in je 25-minütigen Episoden Geschichten von Zehn- bis Dreizehnjährigen erzählt, die im Fernsehen sonst eigentlich wenig vorkommen. Die Jury mochte die Filme, mochte den Zugriff – und am Ende hat es doch nicht gereicht. Das sollte ein Plädoyer sein dafür, sich doch im Grimme-Institut Gedanken zu machen, wie man im Rahmen des offiziellen Preises mit Kinderfilmen und -sendungen umgeht. (Immerhin wird im Rahmen des Marler Wettbewerbs seit einigen Jahren der „Sonderpreis Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen“ an Kinder- und Jugendprogramme vergeben.)

Drittens: Die Großformatigen. „Die Ostdeutschen“, eine 25-teilige RBB-Porträtreihe mit Filmen von jeweils 15 Minuten Länge, die zusammen so etwas wie ein Puzzle ostdeutscher Lebensläufe ergeben sollten, schafften es noch zu einer Nominierung für den diesjährigen Grimme-Preis. Die Jury befand mehrheitlich, bei der Auswahl der Protagonisten habe die Redaktion zu sehr nach Unterhaltungswert und Exotik geschielt. Wegen der klar begrenzten Erzählstruktur der einzelnen Beiträge war dabei die Länge des gesamten Projekts kein Sichtungsproblem.

Zwei Fernseh-Events sind nicht einmal nominiert

Gar nicht nominiert dagegen waren zwei viel beachtete Fernseh-Events: „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ (Arte/ARD) und „24 h Jerusalem“ (Arte/Bayerisches Fernsehen). Beide Produktionen scheiterten auch beim Versuch, sie nachzunominieren, deutlich. Ohne diese Entscheidungen kritisieren zu wollen, werfen sie doch einige Fragen auf. Denn auf den ersten Blick entsprechen beide Produktionen, was immer man im Einzelnen dazu sagen mag, den Kriterien des Grimme-Preises. Demnach soll es um Produktionen gehen, „welche die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und nach Form und Inhalt Vorbild für die Fernsehpraxis sein können“. Beide Langformate sind spezifisch Fernsehen, nur im Fernsehen möglich und beide sprengen Grenzen des Mediums, der Programmnormierung zum Beispiel oder auch in der internationalen Zusammenarbeit.

Hier drängt sich die These auf, dass die Auswahlverfahren sowohl der Nominierungskommissionen als auch der Jurys nicht gut ausgerichtet sind auf solche rahmensprengenden Fernseharbeiten. Ein horizontal erzählter, auf lange Erzählbögen und Zusammenhänge konzipierter Programmtag wie im Fall von  „24 h Jerusalem“ erschließt sich nicht in einem halbstündigen Sichtungsfenster, wie es der Jury zur Verfügung stand. Das gilt auch für „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“, wo man das Zusammenspiel zwischen Fiktion und Dokument nicht im kurzen Überblick erschließen kann. Zu überlegen wäre, ob nicht bei solchen Programm-Events – und das werden nicht die letzten gewesen sein – Nominierungskommissionen und Jurys frühzeitig darauf vorbereitet werden, damit die Produktionen eine Chance haben, maßgerecht wahrgenommen zu werden. Dann dürfen sie auch getrost scheitern.

04.04.2015/MK

Print-Ausgabe 1-2/2019

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