Pedro Lenz: Der Goalie bin ich (NDR Kultur)

Romandebüt als Hörspiel

11.12.2015 •

Seit seiner Veröffentlichung hat das Romandebüt des 1965 im Kanton Bern geborenen Pedro Lenz namhafte Auszeichnungen und Nominierungen für sich verbuchen können: Der 2010 erschienene und in Schweizerdeutsch verfasste Text „Der Goalie bin ig“ wurde mit dem Literaturpreis des Kantons Bern (2010) und dem Schillerpreis für Literatur der Deutschschweiz (2011) ausgezeichnet. Zudem hat das Buch bereits erfolgreich einige Stationen der Mehrfachverwertung hinter sich gebracht. Im vorigen Jahr etwa erfolgte (inklusive Extra-Buch zum Film) eine Inszenierung für die Leinwand, die den Schweizer Filmpreis erhielt. Auch wurde der Roman unter anderem ins Italienische und Französische übersetzt.

Die Übertragung in hochdeutsche Umgangssprache von Raphael Urweider erschien unter dem Titel „Der Keeper bin ich“ (Bilgerverlag, Zürich 2012) und wurde im Taschenbuchformat zwei Jahre später als „Der Goalie bin ich“ aufgelegt (Verlag Kein & Aber, Zürich). So heißt auch die vom NDR produzierte Hörspielfassung (Redaktion: Henning Rademacher). Die Funkbearbeitung und Regie der Radioarbeit, die am 2. Dezember im Programm NDR Kultur urgesendet wird, übernahm Susanne Amatosero.

Im Zentrum der Geschichte steht der nach einem Jahr Haft aus dem Gefängnis entlassene Ernst (gesprochen von Andreas Schmidt), der wegen Drogenbesitzes saß und den alle nur „Goalie“ nennen. Er vermittelt dem Hörer als Ich-Erzähler die Ereignisse, die ihm seit dem Neugewinn der Freiheit widerfahren sind. Der Stil ist informell und telegrammartig, so dass sich manchmal der Eindruck einer in Tresenatmosphäre zum Besten gegebenen Teillebensgeschichte ergibt. Aber für dieses Feeling sorgt natürlich insbesondere die Tatsache, dass sich ein Großteil der Story tatsächlich in Kneipen abspielt.

Die Handlung ist recht überschaubar. Sie beginnt mit dem Versuch des Protagonisten, seine akuten Geldnöte zu beenden; davon ausgehend werden die zwei Ebenen des Hörspiels eingeleitet. Die Kellnerin Regula (Anne Müller) aus Goalies Stammetablissement leiht ihm einen Fünfziger und gibt ihm einen Kaffee mit Schuss aus. So startet die kleine Lovestory, die sich zwischen den beiden abspielt. Und Goalie versucht seinen alten Freund Ueli (Daniel Lommatzsch) ausfindig zu machen, der ihm noch einen ganzen Batzen Geld schuldet. Hier nimmt der Krimiteil der Geschichte seinen Anfang.

Die Dominanz der Hauptfigur als wesentliches Element dieses Hörspiels zeigen etwa die Szenen zu Beginn, die nicht als reine Dialoge dargestellt werden. Goalie gibt in seiner normalen Voice-over-Haltung als Erzähler die Aussagen von Gesprächspartnern indirekt wieder, taucht dann aber für den eigenen Part an der Unterhaltung durch soundtechnische Bearbeitung oder eine geänderte Aufnahmesituation in die Atmo ein. Solche Kunstgriffe werden im weiteren Verlauf des 60-minütigen Hörspiels selten.

Der Erzähler berichtet von sich als dem tragischen Helden der eigenen Geschichte und spart keine Gelegenheit zur positiven Selbstdarstellung aus. Er ist der selbstlose und hilfreiche Kavalier, bei dem Regula unterkommt, nachdem sie von ihrem Freund geschlagen wurde. Er ist im Hinblick auf seine Haftstrafe das beinahe unschuldige Opfer einer mittleren kriminellen Verschwörung im direkten Umfeld. Er besucht als einziger seinen an Gelbsucht leidenden Freund Ueli im Krankenhaus. Und zu allem Überfluss rührt auch sein Spitzname vom selbstlosen Einsatz für andere her. Als jugendlicher Fußballer stellte er sich unter mantraartiger Wiederholung des titelgebenden Satzes vor den Torwart – Schweizerisch: Goalie –, den die Mannschaftskollegen der beiden nach einem verlorenen Spiel zum Sündenbock machen wollten. Seither hatte er seinen Spitznamen weg.

Eine solch egomanische Lobhudelei, wie sie Goalie betreibt, birgt eigentlich auch komisches Potenzial. Davon merkt der Hörer aber leider nichts. Eine hochsprachliche ‘Germanisierung’ von Mundartwitz und Ironie ist an sich schon schwierig. Dazu kommt der distanzlose Ernst, mit dem die Rolle der Hauptfigur und des Erzählers hier interpretiert wird. Die Musik des Hörspiels – eine gediegene Komposition von Max Nagl für Saxophon, Schlagzeug und Bass – erweist sich auch nicht als passend. Ein weiterer Negativpunkt ist das kontextfreie Auftauchen von Figuren, die zumindest für die gestraffte Hörspielfassung der Geschichte keine Bedeutung haben. Die verhältnismäßig wichtige Figur Regula hingegen bleibt sehr oberflächlich und dient lediglich als Projektionsfläche eines fragwürdigen Frauenbildes.

„Der Goalie bin ich“ ist letztlich die etwas langatmige Adaption eines bereits vorher prämierten literarischen Textes fürs Hörspiel. Diese in deutschen Hörspielredaktionen beliebte Form der Kulturförderung für bereits etablierte Schriftsteller könnte man vielleicht auch zu Gunsten der Suche nach guten Originalautoren oder bereits bestehender tatsächlich radioaffiner Text insgesamt etwas zurückfahren.

11.12.2015 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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