Kent Jones: Hitchcock-Truffaut (Arte)

Der Film, der zu wenig Suspense hatte

25.11.2015 •

Das Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ aus dem Jahr 1966 zählt zu den berühmtesten und einflussreichsten Filmpublikationen überhaupt. François Truffaut, damals ein 34-jähriger Shooting-Star, der freilich nach drei Filmen bereits als Avantgarde-Regisseur gefeiert wurde, hatte Alfred Hitchcock interviewt. Heute nickt man mit dem Kopf, als sei dies das Selbstverständlichste von der Welt. Doch der Brite galt damals noch nicht als Meisterregisseur. Nach diesem Buch änderte sich das. Truffaut schärfte den Blick auf Hitchcock-Filme wie „Psycho“, „Vertigo“ oder „Der unsichtbare Dritte“, die bis dahin eher als leichte Unterhaltung eingeschätzt worden waren. Die akribische Befragung des französischen Kollegen sensibilisierte eine ganze Generation nachkommender Filmemacher für das cineastische Handwerk. Truffaut zeigte auf, dass Hitchcock Filmkunst zustande brachte – obwohl er in Hollywood-Studios arbeitete.

Die Erwartung an die 80-minütige Dokumentation „Hitchcock-Truffaut“, in der Kent Jones, bekannt als TV-Produzent und Autor von Daily Soaps, die Entstehungsgeschichte dieses eigentlich unverfilmbaren Buchs nachzeichnet, sind hoch. Zu Beginn sind Schwarzweiß-Fotos zu sehen, welche die beiden Regisseure an einem Tisch sitzend zeigen, an dem das Interview mit einer Dolmetscherin stattfand. Entsprechend der Gliederung der Vorlage arbeitet die Dokumentation sich sukzessive an den einzelnen Themenkomplexen ab. Warum faszinieren Hitchcocks Filme das Publikum so, obwohl sie zuweilen nicht sehr glaubhaft erscheinen? Und was hat es eigentlich mit dem berühmten Suspense-Konzept auf sich? Für denjenigen, der das Interviewbuch nicht gelesen hat, ist der in dieser Dokumentation geworfene Blick auf Hitchcocks Werk nicht uninteressant. Man ist gebannt, schon allein wegen der üppigen Ausschnitte.

Im Gegensatz allerdings zum revolutionären Gestus des britischen Filmemachers ist die Dokumentation vergleichsweise uninspiriert und brav gestaltet. Ein kritischer Hinweis auf Hitchcocks Misogynie etwa hätte dem Meister keinen Zacken aus der Krone gebrochen. Kent Jones geht aber leider ziemlich erwartungsgemäß vor. Er lässt bekannte Regisseure wie Paul Schrader, Olivier Assayas oder Peter Bogdanovich über Hitchcock sprechen. Die ehrfurchtsvollen Kollegen kommentieren einzelne Aspekte des Interview-Buchs, die dann mit entsprechenden Filmausschnitten kombiniert werden. Die dabei vermittelten Informationen sind auf keinen Fall uninteressant; formal jedoch wirkt der stete Wechsel zwischen Talking Heads und bekannten Beispielen aus der Kinogeschichte irgendwann dann doch etwas ermüdend.

Und immer schlüssig angewandt wird diese Methode auch nicht. So behauptet etwa der US-amerikanische Regisseur David Fincher, Hitchcock habe „vermutlich mehr für die psychologische Figurenzeichnung im Film getan als jeder andere“. Dazu sehen wir einen Ausschnitt aus „Marnie“, einem Hitchcock-Thriller über eine Frau, die an psychischen Traumen leidet. Wenn man den Film nicht kennt, dann kann man indes nicht nachvollziehen, warum gerade die zitierte Szene, in der die Hauptdarstellerin Tippi Hedren einen Tresor öffnet, ein Beleg für Finchers Behauptung sein soll. Die herangezogenen Bildbeispiele wirken zuweilen etwas unspezifisch, sie laufen nebenher wie ein visueller Teppich.

Kent Jones arbeitet sich in seiner Dokumentation chronologisch an der Werkgeschichte Hitchcocks ab. Zuweilen werden dessen Filme denen von Truffaut gegenübergestellt. Dass die beiden nicht viel gemeinsam haben, überrascht nicht. Entsprechend lässt die Dokumentation diesen Punkt ergebnislos fallen. Da viele der aufgegriffenen Aspekte unverbunden nebeneinander stehen, gibt es wenig Suspense in diesem Beitrag über den Meister der Suspense. Der Film verzettelt sich. Erklärt Martin Scorsese uns „Psycho“, dann erfahren wir etwas über Scorsese und dessen persönlichen Bezug zu diesem Klassiker. Die Beziehung zwischen Hitchcock und Truffaut gerät dabei dann etwas aus dem Blick. Man hätte auch gerne mehr erfahren über das Hitchcock-Bild vor Erscheinen des heute so berühmten Interview-Buchs. Auch in dieser Hinsicht bleibt die Dokumentation doch etwas schuldig.

Ist in der deutschen Version dieses Arte-France-Beitrags als Kommentator dann noch der Vielsprecher Christian Brückner zu hören, dessen inflationär eingesetzte Stimme inzwischen fast schon für ein prätentiöses intellektuelles Einerlei steht, dann macht sich unterschwellig Unmut breit. Das heißt nicht, dass der Film völlig verkehrt wäre. Man kann sich „Hitchcock-Truffaut“ (Produktion: Airline Films und Cohen Media Group) durchaus ansehen, langweilig ist diese Verfilmung eines Gipfeltreffens gewiss nicht. Diese Dokumentation war sogar zweifelsohne so etwas wie ein Fernsehereignis. Aber die Messlatte lag sehr hoch, man hatte mehr erwartet und es wurde nicht erfüllt.

25.11.2015 – Manfred Riepe/MK