Joachim Ringelnatz: …liner Roma… (RBB Kulturradio)

Kleiner Großstadtroman, wiederentdeckt

06.11.2015 •

Von Joachim Ringelnatz, der eigentlich Hans Boetticher hieß und aus dem sächsischen Wurzen stammte, haben sich vor allem die wunderbar verdrehten Reimereien mit Tiefgang erhalten, wie zum Beispiel die von den beiden Ameisen, die von Altona nach Australien reisen wollten. Auch diesen fußkranken und nur mäßig schönen Krabbeltieren folgt eine Moral, als wären wir bei Wilhelm Busch. Denn „bei Altona auf der Chaussee, da taten ihnen die Beine weh und da verzichteten sie weise denn auf den letzten Teil der Reise. So will man oft und kann doch nicht und leistet dann recht gern Verzicht.“

1924 hat Ringelnatz das Ameisen-Gedicht veröffentlicht und zeitgleich die Geschichte vom angehenden Literaten Gustav Gastein, einem liebenswürdigen, aber Huckebein-Unglücksraben-mäßigen Loser. Gustav, von seiner Berliner Freundin Miezko liebevoll „Stävle“ genannt, will Berlin erobern. Und das inklusive Affären mit armen und mit reichen Damen, letztere meist etwas älter. Doch bei alldem hat Gustav wenig Erfolg und Geld hat er noch weniger Geld. Dann und wann schreibt er – „unermüdlich“ möchte man seine Bemühungen hier nicht nennen, sie geschehen eher selten und in matter Art und Weise. Gustav ist ein Opfer selbstgesetzter, da viel zu hoher Ziele. Er hofft, aus seinem Geschreibe möge ein großes Buch werden. Über Umwege kommt dann aber doch nur, statt eines Berliner Romans, ein „…liner Roma...“ zustande.

Als Autor war der Abenteurer Ringelnatz, nach einigen Jahren als Schiffsjunge und Matrose und dann als Mitarbeiter im Münchner „Simplicissimus“, nach seinem Umzug in die deutsche Hauptstadt zu einem typischen Produkt des Berlins der zwanziger Jahre geworden. Er zählte also gewissermaßen zu jenen „Asphaltliteraten“ – wie sie von der bürgerlichen Presse gerne abfällig genannt wurden –, die aus den rauen Milieus der Großstadt ihre Themen bezogen. Realität und Fiktion mischen sich in diesem nun vom Kulturradio des RBB für die akustische Form entdeckten Text. Gustav und seine weibliche Entourage, allesamt „flotte Bienen“, wie man damals wohl gesagt hätte, leben irgendwie in den Tag hinein, erleben den Rhythmus der Stadt, die sich ständig neu erschafft und auch einer Politik zu Anhang verhilft, die wenig später finstere, gefährliche Schatten wirft. Dieses Lebensgefühl ohne rechtes Ziel und gangbaren Grund scheint immer wieder auf. Im Originaltext ist es ebenso stark vorhanden wie in der rund einstündigen Radioversion, die eher eine Strichfassung als eine Textbearbeitung ist. Immerhin bleiben dank kaum merklicher Eingriffe der Rhythmus und die Klangfarbe des Originals erhalten. „Fraktal“ nennt der Pressetext des RBB in Anlehnung an den vor wenigen Jahrzehnten geprägten Begriff des Mathematikers Benoît Mandelbrot die Struktur dieser Prosa. Das Angerissene, Fetzenhafte, Unfertige ist jedoch ein Kennzeichen jener Epoche und nicht nur für die Schreibweise von Ringelnatz typisch.

Zusammengehalten wird das Narrativ – wie so oft in Bearbeitungen für den Hörfunk – auch hier durch die Einführung eines Erzählers, der von Michael Mendl äußerst imaginativ und dem Text wesensverwandt gelesen wird. Überhaupt liegt die Stärke der Produktion sehr viel mehr in der schauspielerischen Arbeit und der Regie als in der Adaption, deren Kunstfertigkeit eher unscheinbar bleibt. Grundiert von zurückhaltender Musik des Bearbeiters und Regisseurs Thomas Gerwin heben sich die Stimmen der „Stadtsirenen“ ab. Ein „Quintett“ entsteht, aus dem vor allem Eva Meckbach als Miezko hervorragt. Lena Stolze als das schon etwas in die Jahre gekommene „Elfchen“ ist Hörgenuss pur – wie die Rolle, so verkörpert diese Schauspielerin hier das Flair der zwanziger Jahre in Berlin und vermittelt das akustische Zeitbild einer Stadt, „die immer wird, aber niemals ist“.

So ist diese kleine Trouvaille zwar keine große literarische Entdeckung, jedoch ein amüsanter Text in ansprechender akustischer Gestalt. Berliner und die, die Berlin mögen, werden auch diese Produktion mögen.

06.11.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren