Anna Winger/Jörg Winger/Edward Berger/Samira Radsi: Deutschland 83. 8‑teilige Serie (RTL)

Sensationserfolg

23.12.2015 •

23.12.2015 • Es war schon ein absurdes Theater, das da manche deutsche Medienkritiker betrieben. Schon weit vor dem Start am 26. November lobten sie die RTL-Serie „Deutschland 83“ in den Himmel, vor allem weil die Produktion vorab in den USA gelaufen sei. Als dann die Zuschauerzahlen der RTL-Ausstrahlung vorlagen, stürzten sie dasselbe Werk in den Orkus. Was vorab als Welterfolg galt, wurde nun als deutsches Misserfolgsdesaster dargestellt. Weil das selbstverständlich nicht an dem vorab als unkritisierbar dargestellten Meisterwerk liegen konnte, mussten andere versagt haben. Etwa der Sender, der das teure Stück bei der Produktionsfirma Ufa Fiction bestellt und auch bezahlt hatte, und sein nicht gerade billiges Marketing. Als weitere Schwachstelle wurde der Sendeplatz am Donnerstagabend ausgemacht, der durch die an dieser Stelle ansonsten ausgestrahlte Endlosserie „Alarm für Cobra 11“ für immer und ewig mit Autobahnstunts identifiziert werde, mit denen „Deutschland 83“ halt nicht aufwartete. Und dann musste es natürlich auch am deutschen Publikum im Allgemeinen und dem von RTL im Besonderen gelegen haben, das einfach zu dumm sei, sich mit komplizierten Geschichten zu beschäftigen. Was für ein Quatsch!

Noch einmal von vorn: Nüchtern betrachtet ist die achtteilige Serie ein ordentlich produziertes Stück Erzählfernsehen, das in jeder seiner Folgen die üblichen Ingredienzien an Spannung, Komik und Erotik aufweist und das die Klippen eines Geschichtsfernsehens – die Handlung spielt in dem im Titel genannten Jahr 1983 – weitgehend gut umschifft. Die Serie ist bis in die Nebenrollen gut besetzt und hat mit Jonas Nay einen Darsteller, der den Protagonisten des Geschehens bestens verkörpert, so dass man hier – für einen geborenen Bürger der Bundes­republik ungewöhnlich – mit einem im Westen tätigen Spion der DDR mitfiebert. Die historischen Details in Szenenbild, Kostüm, Maske, Sprache und medialen Zitaten (Fernsehen, Radio, Zeitung, Popmusik) sind sorgfältig und weitgehend den historischen Tatsachen entsprechend gesetzt. Man sieht dem Ganzen, wenn man das Glück hatte, die Serie als Presse-DVD sehen zu können, gelassen und gelegentlich auch mit einer gewissen Spannung zu.

Allerdings entdeckte man, hatte man sich nicht von dem vorab durch den auch von den Produzenten entfachten Hype anstecken lassen, eine Reihe von Schwachpunkten in der Geschichte wie bei den Figuren. So ist die Grundvoraussetzung, die DDR habe einen ihrer Soldaten in die Bundesrepublik geschmuggelt, um ihn hier als Agent auszubilden und spionieren zu lassen, mehr als absurd. Diese Idee der Drehbuchautoren – Headwriterin und Ideengeberin war Anna Winger, deren Mann Jörg die Serie mitentwickelt hatte und produzierte – gebiert zwar viele komische Momente, etwa wenn der zunächst unfreiwillige Spion unvorbereitet auf die westliche Warenwelt stößt. Gleichzeitig schwächt sie aber die Hauptfigur, die in der Folge mal wie ein Parzival des Sozialismus wirkt, dann wieder spontan zu einem Profi-Spion mutiert, um am Ende zu einem politischen Menschen zu werden, der die Welt in allerletzter Sekunde vor einem Nuklearkrieg rettet. Diese zufälligen und meist unmotivierten Umschwünge kann selbst der gute Jonas Nay nicht immer mimisch oder gestisch retten. (Weitere Mitwirkende im Autorenteam waren Steve Bailie, Andrea Wilson, Ralph Martin und Georg Hartmann.)

Hinzu kommen Schwächen aus dem Genre-Mix: Natürlich kann man eine Spionagegeschichte mit einer Familiengeschichte koppeln, aber doch nicht wie hier, wenn der Ost-Böse (gespielt von Sylvester Groth) nicht nur auf den Krieg hinaus will (und dazu Spionageergebnisse des Protagonisten unterdrückt), sondern sich am Ende, was man aber schon früh vermutet, als der verheimlichte Vater eben dieses Protagonisten herausstellt. Seine Mutter (Carina Wiese) unterstützt heimlich die Oppositionsbewegung, indem sie in ihrem Keller eine Art Leihbibliothek der in der DDR verbotenen Bücher unterhält, was der Staatssicherheit in dieser Familie aber nicht auffällt. Dass seine Tante (Maria Schrader gibt der Rolle mehr, als sie vom Buch enthält) dann zwischen ihrer Dienststelle im Osten und ihrem Tarnposten im Westen an der ständigen Vertretung der DDR in Bonn fast täglich hin- und herpendelt, ohne der Gegenspionage aufzufallen, stellt die bundesdeutschen Geheimdienste als noch dümmer da, als diese ohne Zweifel sind.

Die West-Familie um einen General (Ulrich Noethen mit mimischer Zurückhaltung) weist alle Probleme auf, die mit den 1980er Jahren identifiziert werden – seine Ehefrau (Anna von Berg) lässt sich nicht mehr auf das Hausfrauendasein reduzieren, der Sohn (Ludwig Trepte) entdeckt als Bundeswehroffizier seine Liebe zur Friedensbewegung wie zu Männern und die Tochter (Lisa Tomaschewsky) ist erst Anhängerin der Bhagwan-Sekte und dann von Udo Lindenberg.

Hier wurde in Ost wie in West den Figuren zu viel an Themen und Konflikten aufgebürdet, so dass sie kaum individuelle Züge gewinnen konnten. Wie der Protagonist müssen sie oftmals absurde Haltungswechsel vornehmen. Warum die Generalstochter von Bhagwan zu Lindenberg umgeschwenkt ist, wird ebenso wenig erzählt wie der Prozess, durch den der Sohn des Generals die Friedensliebe entdeckte. Unerzählt bleibt auch, warum die Mutter des Spions die kirchlich orientierte Opposition unterstützt, während sie ansonsten mehr mit ihrer Krankheit beschäftigt sein muss, die an passenden dramaturgischen Stellen den Sohn unter seelischen Druck setzt.

Je länger die Serie dauert, desto absurder wird ihre realistisch anmutende Geschichte. Die atomare Bedrohung, die sich anlässlich eines NATO-Manövers aufbaut, will und kann man als Zuschauer kaum nachvollziehen, dazu erscheint etwa der perfekt Deutsch sprechende und vor allem denkende US-General (Errol T. Harewood) schlicht zu zivil, was ebenso für das Manöverpersonal der Bundeswehr im Hintergrund gilt. Umgekehrt mag man die Konflikte auf der Ost-Seite zwischen zwei Vertretern der Staatssicherheit ebenfalls nicht glauben, zu aufgesetzt wirken ihre Auseinandersetzungen, zu plump die Tricks, mit denen der eine den anderen ausspielt. Zwischen ihnen wirkt der Vertreter der UdSSR wie eine Art Schiedsrichter, was an der Rolle seines Landes im Ost-West-Konflikt selbstverständlich diametral vorbeiläuft.

All das schwächte die Serie, was nicht heißt, dass dadurch ihre erwähnten Stärken aufgehoben oder entwertet würden. „Deutschland 83“ (Regie führten Edward Berger, Folgen 1 bis 5, und Samira Radsi, Folgen 6 bis 8) ist solide Serien-Arbeit, die vor allem deshalb gelobt werden sollte, weil Ufa Fiction mit dieser Produktion etwas wagte: nämlich eine Genre-Serie weit jenseits von Krimi und Melodram. Bravo!

Bleibt die Frage, warum die Serie bei RTL von Sendetermin zu Sendetermin, von Folge zu Folge Zuschauer verlor, von deutlich über zwei Millionen zum Start bis unter einer Million zum Schluss. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Konsekutiv erzählte Serien erleiden jeden Zuschauerverlust, der aus Gründen von Müdigkeit, Konkurrenzangeboten oder privaten Störungen erfolgt, doppelt: im Moment des Um- oder Ausschaltens wie in der Nachfolge. Denn wer eine Folge verpasste, musste sich trotz Zusammenfassung zu Beginn der jeweils folgenden Episode erst einmal in der verwickelten Geschichte mit den vielen Haltungswechseln des Personals zurechtfinden. Konsekutiv erzählte Serien erholen sich also nie von erlittenen Zuschauerverlusten, im Gegenteil, diese addieren sich sogar zwangsweise auf.

Hinzu kommt etwas Zweites, über das Fernsehkritiker gerne hinwegsehen: In der alltäglichen Programmierung bei RTL waren die beiden jeweiligen Doppelfolgen mit Werbeblocks und Autopromotion nur so vollgestopft. Was bei der DVD-Sichtung der privilegierten Pressekollegen spannungsvoll gleichsam vorbeiflog, schleppte sich in der Fernsehausstrahlung müde durch den Abend und verbrauchte erheblich mehr Lebenszeit, als die Serie netto dauerte. Vor allem Fans, die Serien bei Pay-TV-Sendern oder bei Anbietern wie Amazon und Netflix konsumieren, muss der Werbe-Overkill die letzten Sympathien geraubt haben.

Gemessen an dem angeblichen US-Erfolg der RTL-Serie, die bei Sundance TV zwischen 60.000 und 140.000 Zuschauer erreichte, was vermutlich deutlich unter dem Durchschnitt eines deutschen Regional-TV-Senders liegt, stellen selbst der schlechteste Wert der letzten „Deutschand-83“-Folge von 900.000 Zuschauern bei der linearen Ausstrahlung und 600.000 Abrufe aus der hässlichen RTL-Mediathek einen Sensationserfolg dar. Dem Sender, den man schon für erstarrt hielt, verschaffte sie zudem ein Renommee wie seit langem keine Sendung mehr, so dass die Mindereinnahmen aus der Werbung angesichts der gesunkenen Zuschauerzahlen mühelos mit dem positiven PR-Effekt verrechnet werden können.

Und im Übrigen wurde die Handlung vor allem wohl auch deshalb im Jahr 1983 angesiedelt, weil man in den Folgejahren statt der ARD-„Tagesschau“ die Nachrichten des 1984 gegründeten Senders RTL plus in der Serie hätte verwenden müssen, die vermutlich beim Wiedersehen ungewollte Heiterkeitserfolge erzielt hätten. In der Summe bleibt ein Fernsehereignis mittlerer Güte, das nur deshalb so abstürzte, weil man es zuvor derart in die Höhe gehievt hatte.

23.12.2015 – Dietrich Leder/MK