Stephan Krass: Der Speermann (SWR 2)

Diktat an den Nazi-Kumpan

16.10.2015 •

Stephan Krass, Hörspielautor und Essay-Redakteur beim Südwestrundfunk (SWR), hat sich in seinem quasi-dokumentarischen Hörspiel „Der Speermann“ mit Hitlers Star-Architekt Albert Speer (1905 bis 1981) und dem ‘Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt’, Dr. Rudolf Wolters (1903 bis 1983), beschäftigt. In der Zeit von 1934 bis 1945 war Wolters bei allen Aufgaben Speers engster Mitarbeiter.

Später wurde Wolters, erklärter und bekennender Nationalsozialist auch nach dem Krieg, vor allem dadurch bekannt, dass er während der zwanzigjährigen Haft Albert Speers dessen Tagebuchnotizen und Erinnerungen in Tausenden von Kassibern aus dem Berliner Gefängnis schmuggelte, Rechtfertigungs- oder Entschuldigungsapologien, die dann in hohen Auflagen unter den Titeln „Erinnerungen“ (1969) und „Spandauer Tagebücher“ (1975) veröffentlicht wurden. Die äußerst ambivalente und schillernde Persönlichkeit von Albert Speer hat übrigens bereits Gustave Mark Gilbert, Gerichtspsychologe bei den Nürnberger Prozessen (1945 bis 1949), in seinen Aufzeichnungen unter der Überschrift „Nürnberger Tagebuch“ zu Papier gebracht. Denn Gilbert hatte bei den Prozessen Speers Taktieren und Lavieren in der Schuldfrage, seine Teilbekenntnisse und bescheidenen Eingeständnisse aufmerksam beobachtet.

Stephan Krass stieß nun Angaben des SWR zufolge auf Tagebuchnotizen von Rudolf Wolters, die sich im Nachlass des Vaters von Stephan Krass befanden. Möglicher Grund hierfür: Es gab persönliche Verbindungen zwischen den Familien Krass und Wolters. Stephan Krass montierte aus dem dokumentarischen Material eine nahezu monologische Abrechnung von Rudolf Wolters mit Albert Speer, dem er in bissigem Sarkasmus sowohl dessen Verstrickung in die Gräueltaten des NS-Regimes vorhält als auch die beispiellose Reinwaschung im Nürnberger Prozess: „Jetzt mal Klartext. Wer hat denn die Hinweise auf die 23.765 zwangsgeräumten jüdischen Wohnungen in Berlin aus den Chroniken deiner Dienststelle verschwinden lassen? Wo sind die 75.000 Bewohner denn bitte hingekommen? Wo sind sie gelandet?“ Der Komplize Wolters, selbst heillos verstrickt in den Terror, nach 1945 aber nie belangt und zur Sühne herangezogen, er versucht, monologisch umgesetzt, seinen ehemaligen Dienstherrn Speer des Treuebruchs zu beschuldigen und wirft ihm schamlosen Opportunismus vor, der den NS-Baumeister bei den Alliierten allerdings vor dem Galgen gerettet hat.

Das knapp einstündige Hörstück, als Diktat an den Kumpan Albert Speer angelegt, spiegelt auf der gesamten Strecke einen prekären Abschnitt deutscher Nachkriegsgeschichte, entwirft ein Panorama der Ära Adenauer, in der so mancher Alt-Nazi sich ein beschauliches Leben einrichten konnte, zumal die „Unfähigkeit zu trauern“ (Mitscherlich) noch Jahrzehnte über der nur langsam initiierten Aufklärung der NS-Verbrechen lag. Das nur mit zwei Stimmen operierende Hörspiel – Rudolf Wolters wird von Matthias Brandt und ein namenloses Zimmermädchen von Caroline Junghanns gesprochen – verlangt freilich vom Ansatz her gründliche, ja, akribische Kenntnisse über die deutsche Nachkriegsgeschichte. Die lange und feingestrickte Camouflage der Schlächter und NS-Überlebenden nach 1945 bedarf heute bereits einiger Hinweise, denn bekanntlich hat nicht alles aus jener Zeit in die Schul- und Geschichtsbücher Eingang gefunden.

Der verletzte und gekränkte Alt-Nazi Wolters ist in dem Hörspiel in seiner Ambivalenz glänzend eingefangen, wobei die historische Figur eine ganze Menge Faktenwissen transportiert und dieses im Gesamtzusammenhang zugleich auch voraussetzt. Es ist sicher nicht ganz falsch, wenn der Zuhörer den Eindruck hat, dass „Der Speermann“ genau genommen mit zwanzigjähriger ‘Verspätung’ im Programm zu finden ist. Doch das liegt eben auch an der ganz langsamen deutschen Geschichte. (Lohnend wäre es vielleicht auch gewesen, wenn der Sender die kuriose Fundstelle des Materials beim Vater des hauseigenen Redakteurs etwas näher beleuchtet hätte.)

Ulrich Lampen führte bei dem Hörspiel Regie, unangestrengt, dokumentarisch, tadelsfrei dem Diktieren für Albert Speer und dessen Kaviar-Freund Wolters verpflichtet. Rudolf Wolters war es auch, der dafür sorgte, dass es dem Häftling Speer im Gefängnis in Berlin-Spandau, soweit möglich, an nichts fehlte; er sorgte dafür, dass der Gefangene auch dort Kaviar, Gänseleberpastete und Champagner bekam. (Das Hörspiel „Der Speermann“ ist im Internet über die SWR-Mediathek weiterhin zum Nachhören abrufbar.)

16.10.2015 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 18/2020

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