Henriette Buëgger/Elmar Fischer: Unterm Radar (ARD/WDR) 

Starker Anfang, schwaches Ende

30.10.2015 •

Vor wenigen Stunden hat der Berliner Kammergerichtspräsident der Richterin Elke Seeberg noch den Job als seine Nachfolgerin angeboten, doch jetzt blickt sie in die Gewehrläufe von Mitgliedern eines SEK-Kommandos, das gerade ihre Wohnung gestürmt hat. Ein Irrtum? Ein Missverständnis? Keineswegs, erklärt ihr der BKA-Fahnder Heinrich Buch. Elkes Tochter Marie stehe im Verdacht, an dem Attentat beteiligt gewesen zu sein, bei dem am Vortag in Berlin-Mitte ein Linienbus gesprengt wurde. Sieben Menschen fanden dabei den Tod. Die Mutter kann, will nicht glauben, dass ihre Tochter damit etwas zu tun haben könnte. Sicher, Marie studiere Islamwissenschaften und ihr Freund Khalid sei Moslem, aber deshalb sei ihre Tochter doch keine Mörderin. Niemals!

Während eines Verhörs präsentieren die Beamten der Mutter allerdings Informationen, die ihre Sicherheit ins Wanken bringen. Da ist von einer Reise der Tochter nach Pakistan die Rede, während Elke sie in Indien wähnte. Weiter heißt es, dass Marie regelmäßig eine Moschee besucht und dass sie einen salafistischen Newsletter abonniert habe. Zudem ist Elkes Tochter seit dem Attentat spurlos verschwunden.

Was folgt, ist die Verzweiflung einer alleinerziehenden Mutter zwischen Selbstvorwürfen und der Suche nach ihrer Tochter. Die suchen allerdings auch BKA-Fahnder Buch und sein Vorgesetzter Richard König, weshalb sie die Wohnung von Elke Seeberg während deren Abwesenheit heimlich mit Wanzen und Überwachungskameras bestücken. Hier ist der Film stark, weil vieles offen ist. Hat Marie wirklich etwas mit dem Anschlag zu tun? Hat die Mutter sich in ihrer Tochter getäuscht? Was verheimlichen die Ermittler der Mutter? Woher rührt das merklich angespannte Verhältnis zwischen Buch und König? Fragen, die viele Antworten denkbar erscheinen lassen.

Buch heftet sich im Folgenden an die Fersen von Elke, folgt ihr bei ihren eigenen Erkundungen auf Schritt und Tritt. Bei den Bildern (Kamera: Sten Mende) weiß man vielfach nicht, ob sie gerade aus der Film- oder einer Überwachungskamera stammen. Ein effektives Stilmittel. Schließlich ist Buch dann auch dabei, als die Mutter am Ort des Attentats eine Überwachungskamera an einer Außenfassade entdeckt, die den Anschlag aufgezeichnet haben müsste. (Sollten die Fahnder diese Kamera wirklich übersehen haben?) Und die Kamera hat aufgezeichnet. Auf den Bildern ist auch zu sehen, wie zwei Männer Elkes Tochter vom Tatort wegschleppen. „Ich kenne diese Männer nicht“, sagt Heinrich Buch. Zugleich ist ihm jedoch klar, dass es sich um Mitarbeiter seiner Behörde handeln muss. Irgendetwas läuft da an dem alten Recken vorbei. Hat etwa sein Vorgesetzter das angeordnet? Und wohin wurde Marie gebracht?

Irgendwann in diesen Minuten geht dem Polit-Thriller „Unterm Radar“ (Produktion: Enigma Film) die Luft aus. Während Heinrich Buch sich daran macht, seinen Kollegen König unlauterer Machenschaften zu überführen, trifft Elke einen Journalisten, über den man kaum etwas erfährt, der aber quasi über Nacht herausfindet, dass sich ihre Tochter in einer sogenannten Extraordinary Rendition in Polen befindet. In einem jener verborgenen Gefängnisse, die der amerikanische Geheimdienst im Ausland unterhält, um Terrorverdächtigen mit fragwürdigen Methoden Informationen zu entlocken. Und flugs hat der Journalist für Elke auch einen Volvo und einen detaillierten Routenplaner organisiert, so dass sie mal eben stante pede nach Polen aufbricht.

Der Trip folgt dann ungefähr der Dramaturgie von „Nicht ohne meine Tochter“ und schrammt bis zum Happy End nur knapp an der Lächerlichkeit vorbei. Was ausgesprochen bedauerlich ist. Denn in seinen Ansätzen nimmt sich dieser ARD-Film um die Abwägung zwischen (Staats-)Sicherheit und persönlicher Freiheit, Überwachung und Datenschutz durchaus überzeugend aus. Auch was die Figurenzeichnung angeht. Hier der knorrige, in die Jahre gekommene, Kette rauchende Ermittler mit Alkoholproblem, da sein jüngerer Konterpart, der mit seinem Pullover vermeintlich brav aussehende Vorgesetzte, der von „neuer Logik“ faselt und es mit den Gesetzen nicht so genau nimmt, also „unterm Radar“ ermitteln lässt, wenn’s ihm opportun erscheint. Und dann die Mutter, die in diesen internen Zweikampf gerät, um ihre Tochter zu retten.

Das funktioniert lange Zeit gut, nicht zuletzt dank herausragender Darsteller wie Heino Ferch (Heinrich Buch), Fabian Hinrichs (Richard König) und allen voran Christiane Paul (Elke Seeberg). Doch ab der Mitte des Films verlagert sich das von Elmar Fischer nach einem Debütdrehbuch von Henriette Buëgger stimmig inszenierte Geschehen von der Systemfrage nach der bedrohten Freiheit zunehmend in menschelnde Allgemeinplätze, inklusive politisch korrekter Versatzstücke wie dem Vortrag eines muslimischen Geistlichen, dem zufolge ein paar Terroristen den gesamten Islam in Verruf brächten. So bleibt „Unterm Radar“ (5,36 Mio Zuschauer, Marktanteil: 17,3 Prozent) alles in allem der ambitionierte Versuch eines deutschen Polit-Thrillers, der am Ende hinter seinen zu Beginn geschürten Erwartungen deutlich zurückbleibt.

30.10.2015 – Reinhard Lüke/MK

Unerfüllte Erwartungen: Ein Film, dem die Luft ausging

Foto: Screenshot


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