Jan Decker: Der Bergfex – Luis Trenker ungeschminkt (RBB Kulturradio)

Zweifler und Gottsucher

14.06.2017 •

Wer Luis Trenker (1892 bis 1990), eine Ikone des Films und der Bergwelt, noch in seinen Filmen gesehen, im Hörfunk gehört und später im Fernsehen erlebt hat, wird mit diesem akustischen ‘Biopic’ von Jan Decker voll und ganz auf seine Kosten kommen. Reichhaltig ist das Material aus Film- und Tonaufzeichnungen, das der erfahrene Hörspielautor zusammengetragen und durch aussagekräftige, authentische bzw. authentisch wirkende Selbstaussagen Trenkers sozusagen beglaubigt hat.

Ein doppelter Fokus kennzeichnet dabei die dramaturgische Komposition. Da ist zum einen die biografisch vorgezeichnete, passionierte Liebe zur Bergwelt. Im Titel des Hörspiels wird Trenker, der Südtiroler, „Bergfex“ genannt, was ein etwas dröger Begriff für einen passionierten Bergsteiger ist, ein Begriff, wie ihn ein Bergsteiger selbst wohl kaum für sich verwenden würde. Im Flachland hingegen scheint diese Benennung griffig zu wirken. Zum anderen wird aber auch die schillernde Figur deutlich, als die Luis Trenker sich durch die Zwänge und Ergebenheitserwartungen des „Dritten Reichs“ zu winden versucht. Sein bekanntester Film, „Der Berg ruft!“ (1937/38), begründete seinen Ruf als Schauspieler wie als Filmregisseur. Hier bereits sind seine Motive festgelegt: die Verführungskraft der Bergwelt, sportliche Leidenschaft und Leistung, Intrige und Kampf, die Überlegenheit der sportlichen Fairness. All dies fiel gerade auch in der Hitler-Ära auf fruchtbaren Boden.

Und all dies hat Autor Jan Decker in Form von O-Tönen oder integrierten Monologen in sein Stück einfließen lassen, temperamentvoll und gelegentlich verhalten, nachdenklich. Hier wird die Dichotomie deutlich, die einen hervorstechenden Charakterzug in Trenkers Wesen bildete. Insoweit wäre das Konzept dieses Hörspiels nicht weiter überraschend. Jan Decker hat sich jedoch auch noch eine gleichsam metaphysische Ebene ausgedacht, die auch dem Hörer die Gretchenfrage „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ stellt.

Es trifft zu, dass Trenkers Vater Maler, Altarvergolder und Holzbildhauer war, ein „Herrgottschnitzer“. Trifft es aber auch zu, dass Luis Trenker „alleweil“, also ständig, mit einer kleinen, holzgeschnittenen Muttergottesfigur gereist ist? Und wenn, dass er dann in Nöten und Zweifeln mit ihr sprach? Dramaturgisch wichtig ist dabei nur, dass dieser Einfall dem Autor die Möglichkeit gibt, das von ihm erfundene, erdichtete, erspürte Innenleben seines Protagonisten vor der Folie des dokumentarischen Materials aufzufalten.

Schwieriger zu beurteilen ist schon die Frage, welchen Wahrheitsgrad die hier dargestellte, geheime und durchaus sympathisch wirkende Frömmigkeit Trenkers hat. Ihm diese Frömmigkeit als „Kind der Berge“ gleichsam per se zu attestieren, wäre doch wohl für den vielfach ausgezeichneten und Creative Writing unterrichtenden Autor zu simpel. Der Hörer, der sich bei der gut dreiviertelstündigen Produktion zweifellos lebhaft und kurzweilig unterhalten fühlt, nimmt die Zwiegespräche zwischen Luis Trenker, dem Zweifler und Gottsucher, und der Muttergottes als eine sehr persönliche Form der Wahrheitssuche wahr. Die Glaubwürdigkeit ist vor allem der jungen, 1985 in der Südtiroler Landeshauptstadt Bozen geborenen Schauspielerin Anna Unterberger zu danken. Ihr gelingt es, den Text von religiöser Überhöhung weg und zu einer einfachen Gradlinigkeit zu führen, durch die allein hier der waghalsige Spagat zwischen Kunst und Manieriertheit glückt.

Anouschka Trocker, auch sie Südtirolerin, inszeniert spielfreudig und mediengerecht. Ihre Regie wirkt unbeeindruckt von eingespielten Filmszenen und Ausschnitten aus Fernsehsendungen mit dem alten Luis Trenker, der sich in seiner Rolle als Mann der Öffentlichkeit und Zeitzeuge hörbar wohlfühlt. Mit großem Gespür für darstellerisches Können und stimmliches Potenzial hat Trocker eine Besetzung mit Ensemble-Charakter zusammengestellt. Günther Götsch als Luis Trenker ist ein wahrer Glücksgriff. Im Dialekt wie im Timbre ist seine Stimme nah genug an der von Trenker, um ihm akustisch deutliche Kontur zu geben – und dennoch weit genug weg, um eine eigenständige künstlerische Interpretation zu schaffen.

Dass Trenkers Ehefrau Hilda von Bleichert in dem Stück – vor allem gegen Ende – die Rolle einer Berichterstatterin zugewiesen wird, ist zwar als dramaturgische Notlösung hinnehmbar, entbehrt aber des künstlerischen Schwungs, den diese im Kulturradio des RBB ausgestrahlte Produktion im Ganzen aufweist.

14.06.2017 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK