Mareike Maage: K für Kunst (RBB Kulturradio)

Klug und kraftvoll

Das Leben ist reich an Absurditäten und wird auch im digitalen Zeitalter nicht ärmer daran. Im Gegenteil: Die Digitalisierung bringt eine ganze Reihe schräger Neuheiten mit sich. Eine davon betrifft das Verhältnis von Original und Kopie. Theoretisch kann man bei Medien und Kunstwerken digitalen Ursprungs nicht unterscheiden, ob es sich bei einem konkreten Exemplar um den Originaldatensatz handelt oder nicht. Um das Urheberrecht zu wahren und Raubkopien zu verhindern, wird jedoch versucht, dieses Charakteristikum der Identität auszuschalten. Will man sich etwa in der Bibliothek ein E-Book ausleihen, stößt man auf die merkwürdige Tatsache, dass auch hier nur eine begrenzte Anzahl Exemplare zur Ausleihe verfügbar ist – ganz so, als würde es sich um physische Buchexemplare handeln. Dabei unterscheiden sich die einzelnen eigentlich identischen Exemplare nur durch eine der kopierten Datei nachträglich hinzugefügte digitale Kennung. Das ist so, als würde man geklonten Tieren eine Ohrmarke verpassen, um sie so auseinanderhalten und vom Ursprungstier unterscheiden zu können, um eine Analogie aus der Biologie zu bemühen.

Ganz anders gestaltet sich – zumindest in der Welt der Malerei – das Verhältnis von Original und Fälschung. Die Fälschung soll schließlich nicht versuchen, das Originalwerk zu kopieren; Aufgabe der Fälschung ist es, dem Kunstwerk an Originalität nachzueifern und dabei dessen Stil zu imitieren. Das Verhältnis von Original (von dem es immer nur das eine echte geben kann) und Fälschung könnte man also als das eindeutig zu unterscheidender Individuen bezeichnen. Angesichts dieser Individualität ist es nicht verwunderlich, dass sich Mareike Maage dazu entschlossen hat, Kunst und Kunstfälschung in ihrem neuen, vom RBB produzierten Hörspiel gleich als Personen auftreten zu lassen.

In Maages unter Eigenregie entstandenem Stück „K für Kunst“ spielt Anneke Kim Sarnau die Kunst und Katharina Schüttler die Kunstfälschung. Diese Rollen verkörpern allerdings keine konkreten Werke. Eher kann man sie sich die beiden Figuren als Herrscherinnen über ihr jeweiliges Reich im Sinne antiker Musen vorstellen. Doch auch das trifft es nicht ganz. Denn vor allem sind sie, wie es im Informationstext zu der knapp einstündigen Produktion heißt, „ziemlich beste Freundinnen“ und damit ‘ganz normale’ handelnde Personen in einem erstaunlich unterhaltsamen Stück.

Die eigentliche Story der Geschichte dreht sich darum, dass die Kunstfälschung befürchtet, ihr gesamter Besitz könnte als nur vorgeblich echt enttarnt werden. Schuld daran ist die gefeuerte Assistentin, die „zu viel geplaudert“ und dadurch in der Kunstwelt Verdacht erregt hat. Der neue Assistent der Kunstfälschung (gesprochen von Moritz Gottwald) hat die Aufgabe, mit gefaketen Websites und frei erdachten Informationen zur Biografie des angeblichen Sammlers – als dessen Witwe sich die Kunstfälschung ausgibt – die beargwöhnte Herkunft der Werke zu untermauern. Die Zeit drängt, der Schneider (Wilfried Hochholdinger) kommt schon bald für die letzte Anprobe, denn am Abend steht eine Auktion an. Bei dieser Auktion hat auch die personifizierte Kunstfälschung als tatkräftige Unternehmerin einige Werke im Rennen, die sich nur versteigern lassen, wenn ihr Ruf tadellos ist.

Ohne Probleme könnte die personifizierte Kunst den Ruf ihrer Freundin retten, doch sie hält sich aus Prinzip raus, um nicht zu legitimieren, was die Freundin tut. Die Daumen drückt sie der Fälschung aber trotzdem und bietet ihr auch seelischen Beistand an. Man verabredet sich am Telefon für die Auktion am Abend. Während die nur auf den ästhetischen Genuss bedachte Kunst bis zum Treffen jede Menge freie Zeit hat, ist die um den Marktwert ihrer Sammlung besorgte Fälschung spürbar von Existenzangst getrieben.

Damit ist der Rahmen gesetzt für eine Reihe ungewöhnlich geschickt und dramaturgisch stimmig eingebaute Experten-O-Töne. Dem Stück „K für Kunst“ gelingt es, in die Grenzregion zum Feature vorzustoßen und dabei auch ähnlich informativ zu sein. Die Geschichte selbst leidet in ihrer inneren Logik und auch, was den Fluss der dargestellten Ereignisse betrifft, nicht darunter. Die Experten werden einfach als Figuren in das Stück eingebaut und behalten dabei ihre reale Identität. Während die Kunst sich auf ihren Stationen bis zum Abend umsieht, was ihre Schützlinge und deren Verwalter so alles treiben, begibt sich die Fälschung auf Spionagetour zu Wissenschaftlern und Sammlern, um zu erfahren, wie sicher sie vor einer Enttarnung ist.

Dazu befragt ihr Assistent unter anderem die Berliner Kunstgutachterin Petra Breidenstein zu ihren Analysemethoden, während die Kunst sich Thomas Feuersteins Algen- und Pilz-Installation „Psychoprosa“ anschaut, wo es sich so verhält, dass bei unbegrenztem Wachstum der Lebewesen die Ausstellungsräume irgendwann von einer riesigen Schleimmasse überzogen sein werden. Zu Wort kommen im O-Ton neben anderen außerdem der Maler Albert Oehlen, der Sammler Ivo Wessel und der Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung des Bundes, Alexander Fahrenholtz.

Mareike Maages Produktion „K für Kunst“ ist in ihrer Gesamtheit (Musik: Henrik von Holtum, Redaktion beim RBB: Michael Becker) ein schnelles, kluges und kraftvolles Stück über den Kunstmarkt als Betätigungsfeld von Spekulanten, ein Stück, das sich in Inhalt und Form stilvoll den Grenzüberschreitungen von der Fälschung zur Kunst und vom Feature zum Hörspiel zuwendet.

10.06.2016 – Rafik Will

Print-Ausgabe 23/2018

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