Matthias Lang/Simon Kamphans: Pimp my brain! (RBB Kulturradio)

Selbstoptimierung

19.02.2016 •

Die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit auszureizen, ist mit neuen digitalen Helfern kein Problem mehr. Smarte und handliche Geräte zählen die Schritte des Nutzers, messen seinen Puls und ermitteln sein Schlafprofil. Das Stichwort dabei lautet: Selbstoptimierung. Dies ist auch das zentrale Thema des Hörspiels „Pimp my brain!“ von Matthias Lang und Simon Kamphans, in dem die Hauptrolle einem jugendlichen Videoblogger namens Nico (Christopher Heisler) zufällt.

Nico ist nicht nur begeisterter Nutzer von Lili, einer Smartwatch mit Sprachausgabe (Heike Hagen), die ihn über die wichtigsten Körperdaten auf dem Laufenden hält, sondern er möchte für sich und sein kommentarfreudiges Publikum auch testen, ob sich durch Hirndoping die eigenen Ressourcen besser ausnutzen und vielleicht sogar erweitern lassen. Da die von ihm getesteten chemischen Neuro-Enhancer wie etwa das Narkolepsie-Mittel Modafinil nicht die gewünschte Wirkung zeitigen, will er sein Gehirn direkt mit elektrischen Impulsen stimulieren. Mit dem im Handel erworbenen Set Außenelektroden fügt er sich aber versehentlich einen Stromschlag zu und begibt sich dann doch lieber in die Hände eines Experten für Tiefenhirnstimulation. Doktor Vikorow (Lars Rudolph) ist allerdings nicht nur genialer Vorreiter auf seinem Gebiet, sondern auch der prototypische verrückte Wissenschaftler. Nico erscheint ihm vor allem als freiwilliges und unbedarftes Versuchsobjekt, was er ja letztlich auch ist.

Zunächst sieht alles für die beiden nach einer Win-Win-Situation für aus. Nico muss nicht mehr sein ungenaues Hobbyset einsetzen und kann exklusiv aus erster Hand über die neueste Technik zur Hirnstimulation berichten. Doktor Vikorow hat auf der anderen Seite endlich einen Probanden für die von ihm geplante Forschungsreihe. Also nichts wie ab in den OP-Saal und hinein mit den Elektroden ins Gehirn. Doch nach dem Erfolg der heiklen Operation nimmt das Unheil für Nico langsam seinen Lauf.

Das Hörspiel „Pimp my brain!“ zeichnet sich neben seiner aktuellen Thematik auch durch seine peppige Aufmachung aus. Diese rührt in erster Linie von der Übernahme der jugendlichen und mit zahlreichen Comic-Sounds gespickten Videoblogging-Ästhetik her. Sie kommt zum Einsatz, wenn sich Nico mit den jüngsten Neuigkeiten an die Abonnenten seines Videokanals auf einer an YouTube erinnernden Plattform wendet.

Ausschnitte aus diesen Posts wechseln sich im lebhaft schnellen Schnitt mit szenischen Darstellungen ab, die treffend die kauzige bis bedrohliche Rolle des Doktor Vikorow veranschaulichen und in denen man zugleich auch Zeuge der sozialen Verwahrlosung von Nico wird. Bei der um die Gesundheit ihres experimentierfreudigen Sohnes besorgten Mutter (Judith Engel) zieht er aus und bricht den Kontakt zu ihr ab. In der Ersatzbleibe bei seiner Freundin Maja (Eva Meckbach) fallen seine manische Selbstvermessenheit und sein unaufhörliches Jagen nach Rekorden auch nicht gerade positiv auf und er wird rausgeschmissen.

So bleiben Nico nur noch die Versuchsreihen. Lili, die an sein portables Elektrodenmodul gekoppelt ist, bombardiert ihn mit Rechen- und sonstigen Aufgaben, die er mit neuer hirntechnischer Unterstützung auch bravourös schnell löst. Allerdings fühlt er sich in seiner vereinsamten Situation überfordert und will die Tests verschieben – da erfährt er von Lili, dass ihm die nötigen Administratorenrechte für diese Programmänderung fehlen und der Zugriff verweigert wurde.

Es folgt der Showdown, in dem der eigentlich technikbegeisterte Nico die Kontrolle über sein Gehirn wieder zurückerlangen will. Als Doktor Vikorow sich jedoch weigert, den Versuch abzubrechen, droht Nico, mit einem Kurzschluss das Modul zu zerstören, was selbstredend lebensgefährlich ist. Mit diesem offenen Ende schließt „Pimp my brain!“. Eine witzige Idee kommt in der Schlussszene des knapp einstündigen Stücks auf musikalischer Ebene zum Tragen: Man hört schicksalsschwangere, temporeiche Orchestermusik, die Nico als „Biofeedback“-Übung durch Konzentration und Pulsberuhigung langsamer werden lassen soll, aber natürlich rast die Musik angesichts der dramatischen Ereignisse nur so dahin.

Mit dem sehr erfrischenden Hörspiel „Pimp my brain!“ wird auf kluge Art und dramaturgisch schlüssig eine Geschichte über die Folgen grenzenloser Technikbegeisterung erzählt. Modernes Mediennutzungsverhalten wird sowohl inhaltlich wie auch gestalterisch sehr geschickt radiophon verarbeitet. Die wichtigsten inhaltlichen Bezüge von datensammelnden Krankenversicherungen bis hin zur Frage nach der menschlichen Willensfreiheit werden angesprochen, ohne vom Handlungsstrang selbst wegzuführen. Dieses unter Redaktion und Dramaturgie von Mareike Maage und Michael Becker und unter der Regie der beiden Autoren fürs RBB Kulturradio umgesetzte Stück hat von Machart und Inhalt her tatsächlich das Potenzial, gerade auch die jugendliche Zielgruppe zu erreichen.

19.02.2016 – Rafik Will/MK