Astrid Litfaß: Aus dem Leben der Nacktmulle. Capriccios (RBB Kulturradio)

Wie mit dem „Camera Eye“

16.11.2015 •

16.11.2015 • Gut, dass die erfahrene Hörspiel- und Theaterautorin Astrid Litfaß gleich zu Beginn die Hörerschaft sozusagen mit dem Lasso einfängt. Man will doch wissen, was es mit diesem seltsamen Titel auf sich hat. Also beginnt der Text mit einer Frage: „Haben Sie schon mal vom Nacktmull gehört“. Es ist eine rhetorische Frage, eher gemeint wie eine Feststellung, dass die gefragte Person höchstwahrscheinlich noch nie vom Nacktmull gehört hat. Umgehend folgt die Antwort (fast als handle es sich bei der Sendung um ein Feature): „Der Nacktmull gilt als besonders hässliches Tier, eine Mischung aus Minischwein und Ratte, mit freiliegenden gebogenen Nagezähnen, seine Haut blassrosa, schrumpelig, faltig, roh, wie Hähnchenschenkel.“ Und darauf folgt der Sprung auf das literarische Tapet, ebenso ironisch wie lakonisch: „Für hässliche Tiere wird kaum gespendet. Supersexy kuschelige, attraktive Tiere dagegen erfahren viel Mitleid und großherzige Spenden. Und große, starke Tiere, Elefant, Bär, Wolf, Wal, und natürlich charismatische Arten, wie beispielsweise der Leopard.“

Den Nacktmull gibt es tatsächlich. Er gehört zur Familie der Sandgräber, ist in Ostafrika verbreitet und lebt in riesigen unterirdischen Höhlen. Er ist ein Säugetier und lebt mit seinesgleichen in Staatenbildung, was bei der Gattung Mammalia eine äußerst seltene Form der Eusozialität ist. Was für eine ergiebige Metapher für das Zusammenleben von Menschen in massenhafter Sozialität, die man nicht immer mit dem griechischen Präfix „Eu“ – also: schön – versehen mag.

Astrid Litfaß hat ihren beruflichen Lebensweg als Grafikerin begonnen, bevor sie zum Schreiben kam. Vom Zeichnen hat sie sich den genauen, ungetrübten Blick bewahrt und den feinen Strich mit in ihr Schreiben hinübergenommen. Die Figuren ihres neuen Hörspiels zeigt sie in Momentaufnahmen einer nur wenig imaginierten Realität, mit kühlem, ebenso spöttischen wie empathischen Blick auf die Spezies Mensch – vor allem die „Subspezies“ Großstadtmensch. Die literarische Technik, mit der die Autorin vorgeht, erinnert an die des „Camera Eye“, mit der John Dos Passos seinen 1925 erschienenen, fulminanten Roman „Manhattan Transfer“ gestaltet hat. Natürlich ist das keine literarische Kopie, aber der „Strich“ ist ähnlich.

Ähnlich zeigt sich auch das Kompositionsschema: In dem Hörspiel mit seinen „Capriccios“ werden Figuren eingeführt, die oftmals nur kurz auftauchen und dann wieder verschwinden. Andere haben ausführlichere Passagen, aber immer bleibt die Textur eine lose Ansammlung von Augenblickssplittern aus dem Leben der verschiedenen Personen. Eine zusammenhängende Geschichte wird nicht erzählt. Die Figuren bieten sich dar, als seien sie aus einer unbestimmbar großen Masse für einen Moment „herangezoomt“ worden, um dann wieder im Großstadtgewühl unterzugehen.

Ein Anflug von Comic ist zu spüren, aber Karikatur ließe die Empathie der Autorin mit ihren Figuren nicht zu. Die Namen kennzeichnen sie als Phänotypen, nicht als Individuen: Ein junges Ehepaar etwa ist gut verdienend und nett, so eine Art Lieblingsmieter, sie heißen Hans und Gretel. Ein älteres Ehepaar ist muffig, zerstritten und haut auch drauf. Und doch hat einer „etwas“ für den anderen – etwas, das er ihr oder sie ihm gibt, wenn … wenn es nicht mehr anders geht mit dem Leben. Sie heißen Lin und Lun – wobei man ruhig Ying und Yang assoziieren darf.

Dann gibt es, nicht zu vergessen, den „Mann an seinem Fenster“. Er ist das verkörperte Kamera­auge, auch wenn sein Interesse nur einem einzigen Objekt gilt, der Frau im Haus gegenüber. Seine Liebe? Auf jeden Fall: sein Tod. Dieser Figur gilt in der Regie von Andrea Getto ein bestechender Besetzungseinfall. Der „Mann an seinem Fenster“ wird von Erik Hansen mit unaufdringlichem, aber unüberhörbaren angelsächsischen Akzent gesprochen. Dieser Mann wird damit zum Außenseiter positioniert, zum Fremden, der zur tatenlosen Beobachtung verdammt ist.

Andrea Getto führt mit differenzierter Sprachregie so facettenreiche Schauspieler wie Christian Grashof (Lun) und Gudrun Ritter (Lin) präzise und mit sicherer Hand durch das Hörspiel, dessen scheinbare Mühelosigkeit und zugleich Genauigkeit derzeit nicht oft in Originaltexten zu finden sind. Die musikalische Gestaltung von Sabine Worthmann hat ebenfalls Leichtigkeit und Witz, setzt sich von der Intellektualität ihrer anderen Kompositionen dem Text entsprechend ab. Die Gattungsbezeichnung, die der geniale Renaissance-­Architekt Giorgio Vasari in die Kunstgeschichte einführte, hatte mit dazu beigetragen, dass dieses Originalhörspiel des RBB-Kulturradios das Publikum der diesjährigen Hörspieltage im österreichischen Neulengbach eroberte: Es verlieh den „Cappriccios“ von Astrid Litfaß den (undotierten) Preis mit dem Phantasienamen „Szlabbesz“ (vgl. MK-Artikel).

16.11.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren