Rainer Berg/Johannes Rotter/Dror Zahavi: Familie! 2‑teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Der halluzinierende Koch

21.10.2016 •

Eben noch steht Lennart Behrwaldt (Jürgen Vogel) im Kreißsaal artig seiner Freundin Melanie (Anna Maria Mühe) zur Seite, die das gemeinsame Baby zur Welt bringt. Und ihre Schmerzensschreie sind noch nicht verhallt, da hören wir schon das lustvolle Stöhnen der litauischen Küchenhilfe Nida (Natalia Belitski), mit der der Sternekoch unmittelbar darauf ins Bett gestiegen ist. Subtilität funktioniert anders. Doch das ist womöglich die falsche Erwartung an einen unterhaltsamen Fernsehfilm-Zweiteiler, der für das ZDF-Hauptprogramm inszeniert wurde.

„Familie!“, so der programmatische Titel dieser Produktion, versucht bekannte Konfliktmuster, die in einem Verwandtschaftsgeflecht entstehen können, einmal mehr zu variieren. Das Déjà-vu ist also voll beabsichtigt, wenn in Berlin plötzlich Lennarts dominante Mutter Lea (Iris Berben) auftaucht, von der er sich doch tunlichst abnabeln wollte: „Ich mach meins und du machst deins.“ Pustekuchen! Der viel beschäftigte Sternekoch, der immer dreinschaut, als hätte er zu scharf gegessen, kann nicht verhindern, dass Mama in seinem richtungslosen Leben erneut die Initiative ergreift. Gegen Lennarts Willen arrangiert die gewiefte Familienanwältin, dass er mit Freundin Melanie, die zufällig gerade aus ihrer Wohnung flog, in die Zehlendorfer Gründerzeit-Villa von Oma Alba (Marie Anne Fliegel) zieht, in der – natürlich auch rein zufällig – gerade eine Etage frei geworden ist.

Es ist diese unglaubwürdige Häufung von Zufällen und Klischees, die das kolportageartige Drehbuch von Rainer Berg und Johannes Rotter auch in der weiteren Entwicklung so ermüdend vorhersehbar macht. Lennart spielt das Spiel nur zähneknirschend mit. Zum einen ist seine Großmutter – wie sollte es anders sein? – der prototypische „Hausdrache“, obwohl ihr Herz angesichts ihres Urenkels dann natürlich erwartungsgemäß doch erweicht. Zum anderen würde Lennart gerne sein Doppelleben mit der attraktiven Küchenhilfe weiterführen. Dabei hat Nida mit eigenen Problemen zu kämpfen. Die hübsche Frau wurde nicht nur von ihrem Ehemann im Stich und mit den zwei Kindern sitzengelassen, die nun bei Nidas Mutter in Litauen aufwachsen (was wie üblich mit einem Skype-Szenario visualisiert wird), sondern die leidgeprüfte Nida muss obendrein noch die Spielschulden ihres nichtsnutzigen Ex begleichen, die ein ungemütlicher glatzköpfiger Russenmafioso aus ihr herauspresst. Die Arme!

Die dabei entstehende Anmutung einer Seifenoper schlägt sich stilistisch auch in der Inszenierung von Regisseur Dror Zahavi nieder. Bei Schauplatzwechseln zwischen Hamburg und Berlin sieht man stets dasselbe Auto, das bei den gleichen Hauseingängen vorfährt. Lennarts Restaurant, in dem man wirklich nicht essen gehen würde, ist aufgemacht in jenem artifiziell schmutzigen Ruinenstil, der schon seit geraumer Zeit out ist. Und weil Plattenspieler schon seit längerem wieder angesagt sind, steht auch solch ein Vintage-HiFi-Gerät im Regal – obwohl Lennart kein einziges Mal eine Scheibe auflegt.

An der Seite der routiniert und glanzlos ihren Part als „starke, aber einsame Frauenfigur“ herunterspielenden Iris Berben verkörpert Jürgen Vogel einmal mehr einen dieser aufgekratzten, hypervitalen Typen, den man von ihm aus zahlreichen anderen Filmauftritten zur Genüge kennt. Diesmal spielt er einen Traumtänzer, der sich einerseits hochprofessionell und mit eiserner Disziplin zum Top-Koch eines Restaurants mit einem Stern hochgearbeitet hat, gleichzeitig aber ein Bohème-Leben ohne die geringste Verantwortung für sein gerade geborenes Kind leben will. Wie das zusammenpassen soll, macht der Film (Produktion: Moovie) nicht plausibel. Er belehrt uns aber darüber, dass Lennart an den krassen Fehlern, die er begeht, gar nicht Schuld ist. Er leidet nämlich zeitlebens schon an bedrohlichen Halluzinationen und hat Angst davor, verrückt zu sein. Als seinem Restaurant der Stern aberkannt wird und die Geliebte sich von ihm abwenden will, begeht er einen Selbstmordversuch.

Wie wir in der Schlussphase des 180-minütigen Zweiteilers erfahren, ist Lennart aber nicht wirklich „verrückt“. Als Getriebener leidet er an den Spätfolgen eines tragischen Vorfalls, einem schmerzlichen Familiengeheimnis à la Utta Danella, das ihm erst am Ende des Films offenbart wird: Nicht Lea, sondern deren verstorbene Schwester ist in Wahrheit seine leibliche Mutter. Als Lennart noch ein Baby war, verübte die Schwester Selbstmord. Beim Psychiater (nicht überzeugend: Bernhard Schir) wird dann auch klar, dass Lennarts Halluzinationen folglich gar keine Einbildung sind. Es sind Flashbacks von jenem traumatischen Erlebnis, bei dem er als Baby auf dem Arm seiner suizidalen Mutter fast ertrunken wäre. Visuell einfallslose psychedelische Einschübe machen diese Wendung nicht plausibler.

Erinnerungen an ein Erlebnis aus dem Säuglingsalter? Über diese Ungereimtheit wundert man sich längst nicht mehr in diesem Film, der aus einer Folge mehr oder weniger routiniert aneinandergefügter Versatzstücke besteht. Von einer Produktion, die zur Hauptsendezeit ausgestrahlt wird und die entsprechende ZDF-Zielgruppe unterhalten soll, kann man vielleicht kein innovatives Fernsehspiel mehr erwarten. Was man sich aber zumindest gewünscht hätte, wäre ein klein wenig mehr Sorgfalt bei der Zeichnung der Figuren. Dann hätten nämlich glänzende Nebendarsteller wie etwa Katharina Thalbach dem blutleeren Szenario wenigstens etwas Leben einhauchen können. Dass Regisseur Dror Zahavi es besser kann, hat er mehrfach bewiesen, wie etwa – um nur ein Beispiel zu nennen – mit seinem Film „Und alle haben geschwiegen“ (vgl. FK-Kritik).

21.10.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren