Ashwin Raman: An vorderster Front – Kampf gegen den IS (ZDF)

Vielschichtiges Bild

18.10.2016 •

Am 17. Oktober (Montag) machten die ARD-„Tagesthemen“ mit einem Beitrag auf, der die beginnende Großoffensive internationaler Truppen gegen die nordirakische Metropole Mossul zum Thema hatte. Die Stadt wird derzeit noch von der Terrororganisation, die sich „Islamischer Staat“ (IS) nennt, gehalten. Sollte der IS, wovon die meisten Beobachter ausgehen, diese Hochburg einbüßen, wäre dies für die Terrormiliz eine maßgebliche militärische Niederlage.

Der bestmögliche Hintergrundbeitrag zu diesen Entwicklungen war wenige Tage zuvor im ZDF zu sehen gewesen. In der Nacht vom 12. auf den 13. Oktober lief dort „An vorderster Front – Kampf gegen den IS“, die aktuelle Dokumentation des langjährigen ARD-Mitarbeiters Ashwin Raman. Er beschreibt in seinem Film, der beim ZDF unter dem Dach der unregelmäßig ausgestrahlten Reihe „Auslandsjournal – Die Doku“ lief, die Vorbereitungen auf die Großoffensive. Fast zwei Monate lang war er unterwegs an der Front rund um Mossul, um verschiedene Stellungen der Peschmerga aufzusuchen, der Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistan, die an der jetzigen Großoffensive beteiligt sind.

„An vorderster Front – Kampf gegen den IS“ (vom ZDF ursprünglich angekündigt mit dem Titel „An vorderster Front  – Der Krieg gegen den IS“, und so stand es auch in den Programmzeitschriften) ist der zweite Film, in dem sich Ashwin Raman innerhalb eines Zeitraums von weniger als einem Jahr mit dem IS befasst. Der erste lief am 1. Februar 2016 noch unter Verantwortung des SWR im Ersten Programm der ARD und hatte einen ähnlichen Titel: „Im Nebel des Krieges – An den Frontlinien zum ‘Islamischen Staat’“ (vgl. MK-Kritik). Der Film wurde zum Teil ebenfalls im Irak gedreht. Es gibt auch minimale inhaltliche Überschneidungen im Detail, in beiden Filmen etwa geht Raman darauf ein, dass die Bundeswehr Kämpfer der Peschmerga ausbildet. Der Hinweis auf diese Überschneidungen ist aber nicht als Kritik zu verstehen, vielmehr verdient es – ähnlich wie bei seinen Filmen über Afghanistan („Das 13. Jahr“, 2015) oder Somalia („Im Land der Piraten“, vgl. FK-Heft Nr. 35/12) – Anerkennung, dass sich Raman überhaupt in Regionen begibt, die sonst fast alle westlichen Berichterstatter und Dokumentaristen meiden.

„Nach den Dreharbeiten glaubt man immer, es sei der gefährlichste Film gewesen, und dann kommt ein noch gefährlicherer“, hat Raman im vergangenen Jahr über seine Arbeit gesagt. Ungefährlich war auch der aktuelle Film nicht gerade. „Kugeln fliegen uns um die Ohren“, sagt der Reporter an einer Stelle. Er ist da gerade in der Kleinstadt Talesskef in Kampfhandlungen hineingeraten. Erstaunlich an dem Vorfall in Talesskef ist nicht zuletzt, dass es mehreren Peschmerga-Kämpfern gelingt, während des dreistündigen Gefechts mit dem Handy zu drehen. In dem dabei entstandenen elfminütigen Material, das Raman in Ausschnitten in seinem Film verwendet, sieht man, wie Leutnant Mohammad Saad, einer von Ramans Gesprächspartnern, als eine Art Kriegsberichterstatter agiert und trotz Lebensgefahr direkt in die Kamera spricht. Die mit dem Handy gedrehten Szenen erweisen sich teilweise als bedeutungsvoll. Sie seien, sagt Raman, der erste Bildbeweis dafür, dass US-Elitesoldaten nicht nur als Berater, sondern direkt an den Kampfhandlungen gegen den IS im Nordirak beteiligt sind.

Wie bei jedem seiner Filme aus hochgefährlichen Gebieten profitiert der heute 70-jährige Raman, der seine erste Recherchereise in den Irak bereits 1969 unternahm, von den vielen Kontakten, die er im Lauf der Jahrzehnte aufgebaut hat. Dem Filmemacher gelingt es, ganz nah heranzukommen an zahlreiche sehr unterschiedliche kurdische Kämpfer. Unter ihnen sind auch Männer, die einige Jahre in Deutschland gelebt haben, etwa Shorsh Dshuma, der an Bundeskanzlerin Angela Merkel appelliert, den Kurden mehr Waffen zu schicken –, aber auch eine illustre Figur wie der Peschmerga-General Sirwan Barzani, der in der irakischen Telekommunikationsbranche zu Reichtum gelangte und nun in der Nähe Mossuls stationiert ist. Der Millionär, der einen Teil seines Vermögens in den Anti-IS-Kampf investiert hat, kritisiert in „An vorderster Front“ einen der Bündnispartner: Die offizielle irakische Armee, sagt er, agiere nicht sonderlich effizient.

Ashwin Raman zeichnet in seinem Film ein vielschichtiges Bild. Er besucht zum Beispiel auch einen der zahlreichen Schönheitssalons in Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan. So bekommt der Zuschauer auch einen Eindruck von Gegenden, in denen der Krieg im Alltag kaum präsent ist. Außerdem ergänzt Raman gängige Darstellungen. Er weist darauf hin, dass die Tatsache, dass eine Stadt vom IS befreit wurde, relativ geringe Aussagekraft hat. „So sieht Befreiung aus in diesem Krieg. Eine ganze Stadt in Trümmern“, kommentiert Raman etwa die Lage in der Stadt Sindschar, in der praktisch kein Mensch mehr lebt. Sindschar liegt wie Mossul in der nordirakischen Provinz Ninawa, deren Hauptstadt Mossul ist.

Was „An vorderster Front“, wie frühere Filme des Autors, nicht zuletzt auszeichnet, ist der ausgeruhte Rhythmus. Raman hat zwar nur 45 Minuten zur Verfügung, aber zu keinem Zeitpunkt hat man den Eindruck, dass hier etwas Wichtiges fehlt oder Einzelaspekte zu kurz kommen. Im Gegenteil: Der Film wirkt länger als er ist – und das ist in diesem Fall sehr positiv gemeint.

18.10.2016 – René Martens/MK