Dror Zahavi/Andrea Stoll: Und alle haben geschwiegen (ZDF)

Drastik im Erziehungsheim

15.03.2013 •

Mit den Beatles und den frühen 60er Jahren verbindet man eigentlich eine Aufbruchstimmung. Dieses Gefühl greift Regisseur Dror Zahavi zu Beginn seines Dramas auf. Teenagerin Luisa (Alicia von Rittberg) steht mit Freunden an der Straßenecke und lacht fröhlich. Als sie hinauf in die Wohnung gerufen wird, verabschiedet sie sich mit einer zärtlichen Geste von einem der Jungs. Endlich kann auch eine junge Frau ihre erwachende Sexualität leben. Die spießige Moral der 50er Jahre weicht auf, die 68er-Bewegung bahnt sich allmählich an. An dieser Entwicklung wird die aufgeweckte Lisa nicht teilhaben. Ihre alleinerziehende Mutter Gertrud (Antje Schmidt) muss sich einer schweren Operation unterziehen. Worauf die Behörden recht schnell bei der Hand sind, die 16-jährige Tochter in ein Heim einzuweisen.

Was Lisa dort erlebt, schildern Dror Zahavi und Andrea Stoll (Drehbuch) in ihrem ZDF-„Fernsehfilm der Woche“, der von Peter Wensierskis Bestseller „Schläge im Namen des Herrn“ (2006) inspiriert ist. Das Filmdrama unter dem Titel „Und alle haben geschwiegen“ (5,94 Mio Zuschauer, Marktanteil: 17,9 Prozent) fasziniert zunächst durch die stimmige Bildgestaltung, die den Betrachter in die Atmosphäre der frühen 60er Jahre hineinzieht, ohne zum plakativen Ausstattungsspektakel zu werden. Die bedrückende Stimmung in dem (im Film evangelischen) Erziehungsheim vermittelt sich: Von dem Moment an, in dem Lisa ihre eigene Kleidung ablegen muss, muss sie sich einem Ritual systematischer Demütigung unterwerfen. Statt mit Namen wird sie nur noch mit einer Nummer angesprochen und die Schwestern lassen keine Gelegenheit aus, um ihre Macht zu demonstrieren. Man fühlt sich an einschlägige Gefängnisfilme erinnert. Wach werden ebenfalls Assoziationen an das themengleiche Fernsehspiel „Bambule“ aus dem Jahr 1970, das lange im „Giftschrank“ verschwand und erst 1994 in einem Dritten Programm erstausgestrahlt wurde (vgl. FK-Heft Nr. 21-22/94), da die Drehbuchautorin Ulrike Meinhof in den Siebzigern gerade am Beginn ihrer gewalttätigen RAF-Karriere stand.

Dank der geradlinigen Inszenierung folgt der Zuschauer dem Heimdrama gebannt: Als gute Schülerin, die eigentlich studieren möchte, ist Lisa zunächst aufsässig gegenüber den sexualfeindlichen Unterdrückungsmechanismen, die sie zur artigen Hausfrau formen sollen. Sie knüpft zarte Bande zu dem Bücherwurm Paul (Leonard Carow), der auf einem Liebesbrief sein Stottern typografisch nachahmt: „Denke an d-d-dich“, eine wundervolle Idee, für die man dankbar ist. Die beiden wagen einen – scheiternden – Ausbruchsversuch. Vorübergehend keimt durch die progressive Pädagogin Jana (Jasmin Schwiers), die im Heim eine Untersuchung durchführt, Hoffnung auf. Doch auch Jana kann nichts verändern. Als einziger Ausweg bleibt am Ende für Lisa nur der verzweifelte Selbstmordversuch.

Überraschend für einen zur besten Sendezeit ausgestrahlten Fernsehfilm ist die ungeschönte Drastik, mit der die an Gehirnwäsche erinnernden Erziehungsmethoden gezeigt werden. Hier tritt vor allem Birge Schade als Schwester Ursula hervor. In der wohl heftigsten Szene will sie Hygienepraktiken vermitteln und greift einer jungen Frau unter der Dusche brutal schrubbend in den Schritt: Erinnerungen an die erst kürzlich thematisierten Missbrauchsfälle in der Odenwaldschule werden wach. Diese Szene steht einer anderen thematisch gegenüber. Die hervorragend agierende Marie Anne Fliegel verkörpert eine hartherzige und auf gewisse weise kluge Oberin. Als eine der ganz wenigen Frauen in dieser düsteren Zeit brachte sie es so weit, ein solches Fürsorgeheim zu leiten. Hätte sie die dazu erforderliche innere Stärke auch ausgebildet, wird sie von Jana gefragt, wenn sie sich jener Erziehung hätte unterwerfen müssen, die sie selbst in ihrer Institution so rabiat befürwortet?

Mit diesem plastischen Widerspruch demonstriert der Film seinen beeindruckenden Willen zur Differenzierung. Leider ist die spannende Geschichte in eine nicht ganz überzeugende Rahmenhandlung eingebettet, in der Lisa und Paul 44 Jahre später als alt gewordene Menschen an einem „runden Tisch zur Heimerziehung“ über ihre Traumata sprechen. In dem sichtbaren Bemühen, seelisches Leiden zu mimen, wirkt der Auftritt von Senta Berger und Matthias Habich etwas betulich. Nicht uninteressant sind diese Szenen allein deswegen, weil der Kirchenvertreter bei seinem Bemühen, die Hand zu reichen, noch eine gewisse Restaggressivität zeigt. Dennoch ist die erschütternde Darstellung der Zustände in einem wohl typischen Fürsorgeheim keine pauschale Anklage der kirchlichen Institution, sondern eher der Versuch einer Handreichung.

• Text aus Heft Nr. 11/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

15.03.2013 – Manfred Riepe/FK