Hannu Salonen/Sven Poser: Ein gefährliches Angebot (ZDF)

Das Leid der Anderen

11.04.2016 •

Heiligt der Zweck die Mittel? Darf man illegale Tricks anwenden, um ein „echtes Schwein“ einer Straftat zu überführen? Mit diesen Fragen sieht sich die Polizistin Ina (Petra Schmidt-Schaller) konfrontiert. Sie ist gerade durch das Examen für den höheren Dienst gerasselt, ihre Aufstiegschancen im Polizeiapparat sind damit erst einmal passé. Das lukrative Angebot ihres ehemaligen Ausbilders Thomas Theissen (Armin Rohde) kommt da gerade recht. In dessen privater Sicherheitsfirma ist die Bezahlung deutlich attraktiver als das schmale Gehalt, das ihr als Beamtin überwiesen wird. Also wechselt sie den Arbeitgeber. Doch der neue Job bringt die junge Frau auch rasch in die Bredouille.

Der Krimi „Ein gefährliches Angebot“, den das ZDF auf seinem Montagabend-Sendeplatz um 20.15 Uhr als „Fernsehfilm der Woche“ ausstrahlte, wirft einen Blick auf die Grauzone, in der private Sicherheitsdienste die Interessen großer Unternehmen vertreten. Im schönsten Moment des Films blickt Theissen mit seiner neuen Angestellten über das Berliner Häusermeer und erklärt ihr, dass es in der Stadt zahlreiche Unternehmen gebe, die über kurz oder lang in Schwierigkeiten geraten würden. Auf deren Lösung habe er sich mit seiner Firma spezialisiert, die den markigen Namen „Cerberus“ hat: „Wir verteidigen den Wohlstand“, erklärt der Sicherheitsprofi vollmundig.

Schon Inas erster Job weckt Zweifel an dieser Mission. Im Auftrag von Ronald Klostermeier (Anian Zollner), dem Vorstandsvorsitzenden einer großen Firma für Umwelttechnologie, soll sie herausfinden, ob dessen Geschäftsführer Michael Dithardt (Christian Berkel) heimlich die Aktienkurse des börsennotierten Unternehmens manipuliert. Da ihm nichts nachzuweisen ist, ordnet Theissen „Plan B“ an: die totale Überwachung von Dithardts Privatsphäre. Solche Schnüffeleien sind illegal. Im Handumdrehen wird Ina von ihrem zwielichtigen Kollegen Torsten Gütschow (André Hennicke), einem ehemaligen Stasi-Mann, in dubiose Machenschaften verstrickt. Skrupel hat die private Detektivin dabei schon. Doch dann stellt sich heraus, dass die Zielperson massenhaft Kinderpornos auf ihrem Laptop gespeichert hat. Dithardt ist also tatsächlich ein „Schwein“ – und Ina einigermaßen beruhigt. Ihre Beteiligung an einem Gesetzesbruch schien somit gerechtfertigt. Heiligt der Zweck doch die Mittel?

Als im weiteren Verlauf klar wird, dass der überwachte Mann auch in diesem Punkt unschuldig ist, da ihm die Kinderpornos untergeschoben wurden, stellen sich dem Zuschauer einige Fragen. Offenbar hat Gütschow den Computer von Dithardt manipuliert, indes, wie er das geschafft hat, das hätte man gerne etwas genauer gewusst. Ebenso rätselt man, warum der taffe Manager sich gegen die falschen Anschuldigungen nicht wirklich zur Wehr setzt, obwohl er doch als energischer Mann der Tat vorgestellt wird. Auch der erdrutschartige Zusammenbuch seiner Karriere und seiner Familie, zu dem es dann kommt, wird nur angedeutet.

Das Drehbuch, das Regisseur Hannu Salonen gemeinsam mit Sven Poser schrieb, basiert zwar auf einer originellen Grundidee, die jedoch in einigen Punkten nicht überzeugend umgesetzt wurde. Unscharf ist vor allem die Zeichnung der Charaktere. So lässt sich die junge Ex-Polizistin Ina von ihrem windigen Chef nur allzu bereitwillig zum Gesetzesbruch verleiten. Gewissensbisse? Ihr innerer Konflikt vermittelt sich lediglich ansatzweise. Petra Schmidt-Schaller, die von 2013 bis 2015 in sechs NDR-Folgen als „Tatort“-Kommissarin auftrat und dafür Lob erhielt, hinterlässt hier keinen bleibenden Eindruck. Das gilt leider auch für Routinier Armin Rohde. Der von ihm gespielte Thomas Theissen wird gleich zu Anfang als genau der schräge Vogel eingeführt, als der er sich erwartungsgemäß entpuppt. Auch Christian Berkel, eigentlich ein Charakterkopf, kann den ausgetricksten Manager schauspielerisch kaum richtig zum Leben erwecken.

Überraschende Momente hat in „Ein gefährliches Angebot“ allein der markante André Hennicke als Ex-Stasi-Agent Gütschow, der im Kapitalismus denselben Job ausübt wie einst in der DDR: Er bespitzelt Menschen. Im Unterschied zu früher fühlt er sich nun aber auf eine paradoxe Art frei. Er wird nämlich zu den illegalen Überwachungen von seinem Chef Theissen erpresst und muss deshalb das Leid, das er anderen antut, nicht selbst verantworten – eine abgründige Wendung, fast wie in einer griechischen Tragödie.

Diese Idee trägt den Film jedoch nicht, der vorhersehbar bleibt und kaum visuelle Akzente setzt. Das reizvolle Thema der totalen Videoüberwachung spiegelt sich auch in der Inszenierung nicht. Treffen Theissen und Gütschow sich auf einem stillgelegten Silo, dann kann man die Uhr danach stellen, dass es mit den beiden in der nächsten Szene ein schlimmes Ende nehmen wird. Nun ist „Ein gefährliches Angebot“ deshalb kein gänzlich unspannender Film. Doch gedämpft wird das Ganze dadurch, dass man das diffuse Gefühl hat, die Geschichte und auch die Bilder, in denen sie erzählt wird, irgendwie schon zu kennen.

11.04.2016 – Manfred Riepe/MK