Rolf Basedow/Ralf Zöller/Sherry Hormann: Lotte Jäger und das tote Mädchen (ZDF)

Schädelstätte des Sozialismus

12.09.2016 •

12.09.2016 • Schon wieder einer neuer Krimi. Allein auf dem Sendetermin am Samstagabend um 20.15 Uhr gibt es im ZDF mit „Kommissarin Lucas“, „Kommissarin Heller“, „Der Kommissar und das Meer“, „Helen Dorn“, „Bella Block“, „München Mord“, „Dresden Mord“, „Unter Verdacht“, „Ein starkes Team“, „Stubbe – Von Fall zu Fall“, „Wilsberg“, „Schwarzach“, „Friesland“ und „Stralsund“ vierzehn Krimireihen, in denen meist im Duo ermittelt wird, dabei stets auch mit einer, wie es heute heißt, „starken Frauenfigur“. Auf anderen ZDF-Sendeplätzen kommen noch einmal 20 bis 30 Krimiserien wie die der „SOKO“-Familie (vgl. MK-Artikel), wie „Küstenwache“, „Rosenheim-Cops“ etc. pp. hinzu.

Jetzt schickt das ZDF auf dem Montagsendeplatz des „Fernsehfilms der Woche“ zur Primetime eine weitere Ermittlerin ins Quotenrennen. Die Frage, ob’s diese neue Kriminalfilmreihe braucht, ist womöglich schon falsch gestellt. Man muss sich wohl eher mit der Phantasie auseinandersetzen, ob im Zweiten demnächst auch die Wettervorhersage und das „Heute-Journal“ in ein Krimi-Format umgestaltet werden. Wenn Marietta Slomka plötzlich in Polizeiuniform auftritt und die Dienstmarke zieht, braucht man sich nicht zu wundern.

Wie dem auch sei, nun geht also die blond gelockte Silke Bodenbender als Lotte Jäger im neckischen Kittelkleid und mit jenem lasziven Grinsen, das nur TV-Ermittlerinnen haben, auf Verbrecherjagd. Eigentlich hat Lotte von den vielen Toten ja die Nase voll. Während sie zu Beginn des Debütfilms im Garten ihres stilvoll verwitterten Häuschens dahindöst, erklärt ihre Off-Stimme, dass sie als Oberkommissarin bei der Mordkommission Potsdam für unaufgeklärte Verbrechen zuständig ist. Der Fall eines Mannes, der wegen angeblichen Mordes an seiner damaligen Freundin offenbar mehr als 20 Jahre unschuldig hinter ostdeutschen Gittern saß, führt die Ermittlerin zurück in die Vorwendezeit. Besagtes Mädchen kam nämlich 1988 während einer feuchtfröhlichen Jagdgesellschaft ums Leben, bei der hochrangige DDR-Funktionäre verbotene Geschäfte mit dem Westen einfädelten.

Das motivische Zentrum, um das der dramaturgische Knoten dieses Films geschürzt ist, bildet eine alte Fotografie, auf der das Mordopfer mit allen potenziellen Tätern zu sehen ist. Wie im Fernsehkrimi üblich, muss die Kommissarin nach und nach die Identität der abgebildeten Verdächtigen ermitteln. Vom Handlungsaufbau ist das, was der dreifache Grimme-Preisträger Rolf Basedow und sein Koautor Ralf Zöller abliefern, konventionell. Sehenswert sind die einzelnen Stationen dieser Reise in die DDR-Vergangenheit aber dennoch.

Jeder Zeuge, den die Kommissarin bei ihren Ermittlungen aufsucht, verkörpert einen gebrochenen Lebensentwurf, der vom Sozialismus gezeichnet ist. Ein einstiger DDR-Ermittler, den sie beim Angeln antrifft, lässt die Kommissarin erst einmal einen Fisch ausnehmen – eine grimmige Metapher dafür, dass sie es fortan mit weiteren unappetitlichen Details zu tun bekommen wird. So kippt die frivole Mutter des 1988 ermordeten Mädchens ein likörgefülltes Gläschen nach dem anderen in sich hinein, derweil sich im Nebenzimmer ihr afroamerikanischer Geliebter zwanglos vor dem Fernseher amüsiert. Vom dementen West-Geschäftsmann, der sich bei seinen Ost-Kontakten die Finger verbrannte, bis hin zum aalglatten Wendegewinner stellt der Film eine Reihe interessanter Figuren vor, die alle jeweils eine schräge Geschichte erzählen. Höhepunkt ist die Rückblende in jene Jagdgesellschaft, auf der ein trinkfester Russe den Wodka samt Glas, nachdem er es in kleine Stücke gebissen hat, in sich hineinschüttet – und nebenbei auch noch beim Anschieben eines Autos hilft, in dessen Kofferraum eine Leiche entsorgt wird. Bizarre Stillleben der Mangelwirtschaft.

Sehenswert ist dieser Krimi vor allem dank der für eine TV-Produktion ungewöhnlich ausdrucksstarken Bilder. Regisseurin Sherry Hormann ist unter anderem bekannt für ihre gelungene Kinoadaption von Waris Diries autobiografischem Bestseller „Wüstenblume“, in dem es um die grausame Tradition der Frauenbeschneidung in Afrika geht. Auch in „Lotte Jäger und das tote Mädchen“ (Produktion: Ufa Fiction) gilt die inszenatorische Sorgfalt nuanciert gezeichneten Frauenfiguren. In einer der schönsten Szenen läuft das spätere Opfer, die rothaarige Birgit Wachowiak (anmutig und keck: Isolda Dychauk), im türkisfarbenen Kleid auf eine Lichtung, während ringsum die Jäger auf den Hochständen ihre Gewehre abfeuern. Die frivole Metaphorik dieser „Jagd“ mag etwas dick aufgetragen sein, bleibt aber lange in Erinnerung.

Nicht minder beeindruckend ist jene Szene, in der Kommissarin Jäger im Jagdschloss Hubertusstock, einer ehemaligen DDR-Bonzen-Absteige, übereinandergestapelte Geweihe findet, die alle sorgsam mit dem Namen des dazugehörigen Schützen beschriftet sind – Honecker, Breschnew und so weiter: Mit dieser buchstäblichen Schädelstätte des Sozialismus gelingt dem Film eines von zahlreichen bemerkenswerten Bildern, in denen die DDR-Vergangenheit sinnlich fassbar wird.

Weniger überzeugend ist der Eifersuchtsanfall, in dem Lotte Jäger ihren Freund Uwe (blass: André Szymanski) attackiert. Man spürt hier, dass die Figur der Ermittlerin noch nicht ganz durchdacht ist. Nett ist dagegen die Idee, dass ihr Kollege Kurt Schaake (Sebastian Hülk) in einem verstaubten Archiv sitzt, von wo aus er sozusagen mit altbewährten Stasi-Methoden an der Aufklärung zurückliegender Verbrechen der Staatssicherheit mitarbeitet. Durch diese Thematik ergeben sich allerdings auch Fragen und Ungereimtheiten: Wie kann Jörg Teschke (Lucas Prisor), der Freund der zu Tode gekommenen Birgit Wachowiak, im Jahr 1988 unbemerkt eine Kamera zu einem Stasi-Treffen mitbringen und die dort gemachten Fotos mehr als 20 Jahre später auch noch entwickeln? Rätselhaft ist ebenso, warum Teschkes heutige Ehefrau sich so gar nicht daran stört, dass ihr Mann noch immer die tote Geliebte auf den abgegriffenen Fotos anhimmelt. Unklar ist vor allem, warum Birgit Wachowiak und ihre lesbische Freundin sich zum Sex in ein vermeintlich ungestörtes Badezimmer zurückziehen – obwohl gerade sie hätten wissen müssen, dass alle Räume des Jagdschlosses per Kamera überwacht werden. Zumal die Bilder dieser Kameraüberwachung eine Schlüsselrolle spielen.

In einigen Details des Krimihandwerks haben die Autoren dieses Films weniger Sorgfalt walten lassen als bei der atmosphärisch dichten Zeichnung der DDR-Vergangenheit. Dennoch ist „Lotte Jäger und das tote Mädchen“ nicht einfach nur ein weiteres Krimiformat. Der durch markante Darsteller in Erinnerung bleibende Film hat etwas mit Qualitätsfernsehen zu tun.

12.09.2016 – Manfred Riepe/MK