„Funk“-Korrespondenz

Eine Beobachtung des neuen Online-Jugendangebots von ARD und ZDF

Von Charlotte Echterhoff
18.11.2016 •

Als die Ministerpräsidenten sich vor zwei Jahren gegen einen trimedialen öffentlich-rechtlichen Jugendsender aussprachen und stattdessen entschieden, dass ARD und ZDF für die Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen ein reines Online-Angebot veranstalten sollten (vgl. FK-Heft Nr. 43-44/14), erntete das Skepsis. Aus heutiger Sicht zeigt sich, dass die Entscheidung richtig war. Die Jugend ist online. Die Jugend ist online und schaut Videos. Online und Video – damit will auch „Funk“ punkten. Unter diesem Namen startete das neue Angebot am 1. Oktober (vgl. MK-Meldung). Und der Name passt. Das Programm ist cool, hip und selbstironisch. Und öffentlich-rechtlich. Funk hat seinen Sitz in Mainz, federführend verantwortlich ist der Südwestrundfunk (SWR), die Geschäftsführung liegt in den Händen von Florian Hager, 40, und Sophie Burkhardt, 34.

Vor knapp 20 Jahren riefen ARD und ZDF den Kinderkanal (Kika) ins Leben, um ein kindergerechtes Fernsehprogramm anzubieten. Es hat offensichtlich nicht gereicht, um nachhaltige öffentlich-rechtliche Nutzungsgewohnheiten bei den Kindern und Heranwachsenden zu schaffen. Daher nun dieser Verjüngungsversuch: Die Öffentlich-Rechtlichen und die Jugend sollen über das neue Online-Angebot Funk korrespondieren. Ja, die wechselseitige Kommunikation, die Fragen, die Kommentare, die Antworten und die Diskussion, sie sind elementare Bestandteile im Social Web und werden auch bei Funk ernst genommen. So gilt das gesamte Programm von Funk als wandelbar, die Zielgruppe soll mitmachen, allen voran durch Themenvorschläge. Es ist ein kluger Schachzug von Funk-Geschäftsführer Florian Hager, das neue Jugendangebot als ein im ständigen Entwicklungsprozess befindliches Projekt zu bezeichnen. Kritik wird damit nicht zum Gegenargument, sondern zum Grund für Weiterentwicklung, für mehr.

Alles außer Beauty

Tatsächlich war zum Start von Funk in Presse und Öffentlichkeit nur wenig Kritik zu vernehmen, stattdessen ein leises Staunen über das, was nun, obwohl man es ihm nicht ansieht, unter dem Label „öffentlich-rechtlich“ läuft. Funk, das ist Webvideo in perfekter Bild- und Tonqualität, das ist Comedy, Reportage, One-Man-Show, Religion, Sport, Sex, Wissenschaft, Comic, Game, Challenges, Fiktion, Lizenzserien – eigentlich alles außer Beauty, so könnte man sagen. Die Länge einzelner Clips bzw. Folgen variiert innerhalb eines Formats ständig, das ist klassisches YouTube, für alle über 30 noch gewöhnungsbedürftig, aber grundsätzlich nicht nur im Webvideo-Bereich sinnvoll, denn dadurch gibt das Thema die Zeit vor und nicht das Format. Kritikern, die eine einigermaßen vollständige Beobachtung des Funk-Angebots anstreben, wird dies durch die Menge erschwert, die von Beginn an geboten wird.

Mit den über 40 Formaten sind alle im Boot: renommierte Produktionsfirmen wie die Kölner Bildundtonfabrik (produziert unter anderem das „Neo Magazin Royale“ für ZDFneo und für Funk nun „Gute Arbeit Originals“) und „Hyperbole TV“ (Grimme-Preis 2015, produziert für Funk „Germania“ und „Tourettikette“), die größten Multi-Channel-Networks Mediakraft (Manniac mit „frei.willig.weg“) und „Studio71“ (LeFloid mit „1080nerdscope“, MissesVlog mit „Guten Morgen Internet“), Stipendiaten aus dem Webvideobereich (Marc Schießer als Produzent und Marcel Becker-Neu als Schauspieler mit „Wishlist“), sogar der Sat-1-Frühstücksfernsehmoderator Daniel Boschmann ist mit „Tatort – Die Show“ bei Funk dabei. Weder das Grimme-Institut noch übergangene YouTuber oder Privatsender finden Anlass zur Beschwerde. Jetzt könnten nur noch die Zahlen schimpfen, wenn die Zielgruppe nicht mitmacht. Aber davon hat sich Funk bereits im Vorfeld distanziert. Im sogenannten „Konzept zur Vorlage bei der Rundfunkkommission der Länder“ hielten die Verantwortlichen schon 2015 fest, dass Erfolg „nicht länger nur in quantitativen Klicks und Views zu bemessen“ sei, da es vor allem darum gehe, Themen zu setzen (vgl. hierzu auch diese MK-Meldung).

Information, Orientierung, Unterhaltung in jung

Um die jungen Menschen zwischen 14 und 29 Jahren zu erreichen, setzt Funk ganz auf das Webvideo, erkennt es als „Kernmedium“ und eigenes Genre an, wie Florian Hager im Gespräch mit der MK erläutert. Die Formate sollen informieren, orientieren und unterhalten, in der Sprache der jeweiligen Plattform. Die 15 Millionen schwere Zielgruppe wird weiter unterteilt in die 14- bis 16-Jährigen, die 17- bis 19-Jährigen, die 20- bis 24-Jährigen und die 25- bis 29-Jährigen – und für jede soll etwas dabei sein. Das erklärt, warum Funk nicht wie ein Fernsehsender funktionieren kann, stattdessen ist es ein Content-Netzwerk, Funk liefert Inhalte.

Diese Inhalte sind zwar alle auf der eigenen Website abrufbar und teilweise in der eigenen Funk-App verfügbar, die es natürlich auch gibt, wichtiger aber sind die Drittplattformen, denn dort sind die Zielgruppen unterwegs: YouTube, Facebook, Snapchat, Instagram, Twitter. Da Funk einen Account bei einer bestimmten dieser Drittplattformen nicht voraussetzen will, sind die meisten Inhalte auf mehreren Plattformen zu finden. Laut Florian Hager – der vor seinem Wechsel zu Funk bei Arte arbeitete (vgl. MK-Meldung) und dort unter anderem die Internet-Plattform ‘Arte Creative’ aufbaute – stellt die studentische Zielgruppe der 20- bis 24-Jährigen eine besondere Herausforderung dar: „Die sind der Meinung, dass wir das nicht können. Daher ist unsere Strategie, erst einmal zu beweisen, ganz vorsichtig, dass wir es in gewissen Bereichen doch können. Wir müssen Inhalte schaffen, die interessant sind, die relevant sind, die die Leute erreichen.“

Alle Formate, überall, immer

Mit dem Fokus auf Webvideos stehen YouTube und Facebook als Drittplattformen im Fokus. Für fast alle Formate ist sowohl ein YouTube-Kanal als auch eine Facebook-Page angelegt; Twitter, Snapchat und Instagram dienen der zusätzlichen Bewerbung. Ausnahmen bilden die Formate „Hochkant“ und „iam.serafina“, die speziell für Snapchat entwickelt wurden, und „Pop Date“, das primär auf Instagram läuft. Die Webvideos werden meist zweigleisig auf YouTube und Facebook ausgespielt; trotz der vielen genutzten Plattformen kommt spätestens bei Facebook alles zusammen: Videosnaps landen auf Instagram, Instagram-Fotos bei Twitter und die Instagram- und Twitter-Feeds erscheinen mit dem YouTube-Video bei Facebook. Mal wird das YouTube-Video auf Facebook verlinkt (zum Beispiel beim Sex- und Aufklärungsformat „Fickt euch!“), mal wird es direkt online gestellt (wie etwa beim journalistischen Format „Y-Kollektiv“) und auf beiden Plattformen ergänzt um den Verweis auf weitere Social-Media-Kanäle des jeweiligen Formats.

Der Start von Funk am 1. Oktober war nur der offizielle Beginn, mehr für Presse und Geschichtsbuch als für die Produktionen gedacht. Viele der Funk-Formate laufen schon seit dem Frühjahr und bauen seither ihre Fanbase stetig auf. Laut Hager funktioniert Facebook bisher am besten. Dort sind unter anderem die Formate „Wumms – Sport-Satire mit Bumms“, das Comedy-Format „Bohemian Browser Ballet“ sowie die Reportage-Formate „Y-Kollektiv“ und „Die Frage“ zu finden. Entsprechend der im Social Web üblichen personalisierten Erzählstruktur wird auch bei den journalistischen Formaten die Perspektive der Autoren reflektiert. Gedanken, Zweifel und Fragen der Reporter sind zu hören und ergänzen damit die jeweilige Geschichte, die vom eigentlichen Protagonisten erzählt wird.

Die sieben- bis fünfzehnminütigen Reportagen vom „Y-Kollektiv“ begleiten auf die beschriebene Weise die Journalisten auf ihrer Suche nach Antworten. Auch in dem innovativen Format „Die Frage“ nimmt der Reporter Michael Bartlewski die Zuschauer mit, allerdings setzt sich eine mögliche Antwort auf seine allgemeinen, nicht tagesaktuellen Fragen aus mehreren kleinen Videos zusammen: Jedes Video stellt eine Teilantwort dar und macht die Zuschauer neugierig auf eine weitere Perspektive zum Thema, die wiederum helfen soll, die eigene Meinung zu finden. Das Zuschauen wird damit zu einem aktiven Wunsch nach Mehr verwandelt, das Webvideo zu einem geeigneten Genre für inhaltlich anspruchsvolle Formate.

Das Funk-Dach als Mini-Multi-Channel-Netzwerk

Zwar wurden manche Formate speziell für YouTube, andere originär für Facebook entwickelt –, was letztlich wo besser funktionieren wird, davon lassen sich die Funk-Macher überraschen. Mal schreiben die Zuschauer unabhängig voneinander ähnliche Kommentare, mal auf der einen Plattform deutlich mehr oder positiver als auf der anderen. Die Strategie, der Kommunikation einen eigenen Wert zuzuschreiben, führt dabei auch zu Widersprüchen, wenn gleichzeitig die goldene Regel des Social Web gilt: „Don’t feed the troll“. Dürfen negative Kommentare mit dem Verweis auf die vielen Trolle, die sich in der Anonymität des Social Web mit Beleidigungen und unbegründeter Kritik hervorspielen, ignoriert werden? Bei Funk lautet die Antwort bisher: Ja, es wird den globalen ungeschriebenen Social-Media-Regeln gefolgt.

Auf YouTube ist Funk wie ein Mini-Multi-Channel-Netzwerk unterwegs, die verschiedenen Kanäle verweisen aufeinander, verlinken Videos der anderen und zeigen damit doch: Wir gehören zusammen. Die Verbindung unterschiedlicher Formate ist ein großer Vorteil, den das Funk-Dach bietet: Ein Thema, im Oktober etwa die Abstimmung über CETA, das umstrittene Handelsabkommen zwischen der EU und Kanada, wird in verschiedenen Formaten jeweils spezifisch aufgegriffen, zum Beispiel komödiantisch bei „Was mit Fabian“. Am Ende des Videos wird auf andere Formate zum gleichen Thema verlinkt, beispielsweise auf das vom RBB zugesteuerte Format „Auf einen Kaffee mit Moritz Neumeier“, in dem der Präsentator eine informative Herangehensweise wählt.

Nutzern, die sich für das jeweilige Thema interessieren, werden damit verschiedene Perspektiven dazu geboten. Dank des Online-Konzepts kann es immer sofort weitergehen, kein Ausspieltermin muss abgewartet werden. Die Mediennutzung wird an dieser Stelle inhaltlich und nicht vom Genre oder Format gesteuert, was im Bereich der Information einen großen Gewinn darstellt. So werden eigentlich unterschiedliche Nutzer, die einen etwa mit Interesse an Information, die anderen mit Interesse an Comedy, mit dem gleichen Thema konfrontiert. Es ist diese Art von Informationspluralismus, der den öffentlich-rechtlichen Auftrag charakterisiert und der von Funk mit seinem Netzwerkgedanken umgesetzt werden kann.

Du findest mich dort, wo ich bin

Mit dem Konzept des „Online-Only“ soll die junge Zielgruppe dort abgeholt werden, wo sie ist. Funk nimmt es mit dem Abholen besonders genau: Es sind waschechte YouTuber, die die Hauptrollen übernehmen, und nicht öffentlich-rechtlich ausgebildete Journalisten. Ob als Presenter, Protagonist oder Schauspieler, die Produktions- und Erfolgsstrategie von Funk scheint einfach: YouTubern bleibt hier das leidliche Übel von Werbung und Produktplatzierung durch nunmehr konstante Einnahmen aus dem öffentlich-rechtlichen Topf erspart, die Fanbase wandert mit und liket jetzt Funk. Einige bestehende Kanäle bespielt Funk mit neuen Inhalten, wie zum Beispiel die von Rayk Anders, Moritz Neumeier, „Datteltäter“, „Darkvictory“ und „DoktorFroid“. Öfters jedoch wurden YouTuber aus ihrem vorherigen Projekt herausgeholt, um einen neuen Kanal mit Funk zu starten, so geschehen etwa mit „schönschlau“, „Was mit Fabian“, frei.willig.weg“, „Guten Morgen Internet“, „World of Wolfram“ und „Fickt euch!“.

Aber was ist das öffentlich-rechtliche an einem Format, das es vorher schon gab, in das sich der Autor laut Vertrag nicht reinreden lassen will und zum Zweck der Authentizität auch nicht reinreden lassen soll? Florian Hager betont, dass die meisten der unter Vertrag genommenen YouTuber nicht zu den Massenmagneten gehörten, sondern weniger als 150.000 Abonnenten hätten. Funk fördere sie als Nachwuchstalente. Hager gegenüber der MK: „Wir wollen einen Weg mit den Leuten gehen. Wir haben mehr Möglichkeiten für die Recherche und wollen versuchen, das Bestehende auf ein neues Level zu heben, dass Themen tiefer angegangen werden oder ein Hallraum entsteht.“

Trotzdem: Mit Coldmirror, LeFloid, MissesVlog, Sturmwaffel und Manniac sind einige erfolgreiche YouTuber jetzt für Funk unterwegs. Beliebte Köpfe fürs eigene Programm zu gewinnen, ist eine bekannte Strategie aus der Programmplanung, so geschehen etwa mit Günther Jauch, der die Zuschauer der Privaten zum Sonntagstalk bei der ARD bringen sollte. Die Idee hinter einer solchen Strategie ist, dass Videos entweder wegen des Themas oder der Person geschaut werden. Mit beliebten Protagonisten sollen die Zuschauer zu neuen Themen verführt werden. Der öffentlich-rechtliche Mehrwert eingekaufter YouTuber ergibt sich neben der Themensetzung durch die Entwicklung neuer Formate, wie zum Beispiel mit Manniac geschehen: Während er auf seinem eigentlichen YouTube-Kanal Comedy und Cartoons selbst zeichnet und animiert, begleitet er für Funk zwei junge Menschen während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres in Kamerun und Paraguay. Das Thema ‘Freiwilliges Soziales Jahr’ beschäftigt die 16- bis 24-Jährigen, Funk und die katholische und evangelische Kirchen als Verantwortliche hinter dem Format wollen ihnen Orientierungshilfe bieten und wählten dafür mit Manniac als Presenter ein vertrautes Gesicht aus.

Snapchat als Fiktion

Der Wunsch nach vertrauten Gesichtern betrifft auch die Zusammenarbeit von Funk mit den jungen Wellen des ARD-Hörfunks, allerdings in eher negativer Form: Obwohl in den vergangenen Jahren einige neue Online-Formate in den jungen Wellen entwickelt wurden, haben es nur sehr wenige öffentlich-rechtliche Köpfe zu Funk geschafft. Das liegt zum einen daran, dass der Bekanntheitsgrad öffentlich-rechtlicher Moderatoren nicht mit dem ‘großer’ YouTuber zu vergleichen ist. Und zum anderen daran, dass Hager mit Funk mehr als eine Mediathek generieren wollte: „Es sollte etwas ganz Neues sein, speziell auf die Webvideo-Branche ausgerichtet und mit deren Protagonisten entwickelt. Es geht dabei auch um Vielfalt!“ Die Köpfe der Formate sind die Helden für die Zuschauer und strahlen Authentizität aus. Sie sind mehr als Moderatoren, die von Kärtchen ablesen, und stehen hinter ihrem Format. Dadurch können sie es einfach selbst vermarkten, wenn sie auf Instagram, Twitter oder Snapchat weitererzählen, wie viel Spaß sie an dem haben, was sie da machen. Irritierend wird es, wenn die Presenter die Social-Media-Kanäle ihres Formats mit allzu persönlichen Geschichten füllen. Gehört Freizeit heute wirklich zur Vermarktung dazu? Oder sollten diese Kanäle als Ergänzung zum Format auf Backstage-Einblicke beschränkt bleiben?

Snapchat ist die jüngste der von Funk genutzten Drittplattformen. Unter Privatpersonen dient sie dem flüchtigen Teilen von Alltagsmomenten anhand von kurzen Videosequenzen oder Fotos, ergänzt durch Schriften, Emoticons und verfremdende Filter. Freunde können die sogenannten Snaps zwar speichern, das Besondere an dieser App ist aber seit Beginn die Idee der Einmaligkeit, dass ein Snap nach seinem Aufruf nicht erneut anschaubar ist. Und auch heute erlöschen die Snaps und sogenannten Storys in der Regel nach 24 Stunden (sofern man sie nicht aktiv speichert). Funk präsentiert zwei Formate auf Snapchat: „Hochkant“ und „iam.serafina“ und grenzt sich mit beiden von der schlichten Alltagskommunikation ab. „Hochkant“ bietet tagesaktuelle News, zweimal täglich, die breite Themenwahl führt zum Beispiel von Musik gegen Donald Trump über das Erdbeben in Italien bis hin zum Thema ‘Horrorclowns’.

„Iam.serafina“ ist der 14-tägliche Test einer Daily Soap auf Snapchat (zu sehen auf YouTube). Es ist ein gelungener Coup von Funk bzw. des dahinterstehenden Zulieferers BR puls vom Bayerischen Rundfunk, die Nutzung von Snapchat weiterzuentwickeln und eine Daily Soap für die App zu erfinden. Die Nähe der Protagonistin Serafina zu ihren Snap-Freunden ist maximal, durch die Chatfunktion findet direkte Kommunikation statt, die im nächsten Snap vorkommt. Gleichzeitig ist alles Illusion. Die grobe Geschichte bestand schon vorher, es sollten die klassischen Themen Vertrauen, Freundschaft, Sex, Verantwortung und Identität angesprochen werden.

Eine fiktionale Webserie

Serafina verabschiedet sich mit dem Eingeständnis, dass sie ein „Detox vom Snappen“ braucht und sich daher erstmal nicht mehr melden wird – eine Selbstreflexion, deren Folgen sich nur die Öffentlich-Rechtlichen leisten können, denn für einen ‘normalen’ Snapper oder etwa einen mit kommerzieller Motivation würde eine solche Pause einen wahrscheinlich zu großen Wahrnehmungsverlust zu Folge haben. Das Experiment mit der Daily Soap ist mit 14.000 Views pro Snap in der Zielgruppe gut angenommen worden und sie soll im Januar 2017 fortgesetzt werden. In der Pressemitteilung zur geplanten Fortführung fehlt jedoch eine inhaltliche Begründung dafür. Allein die Nachfrage als Grund anzugeben, genügt hier eigentlich nicht, versteht sich Funk doch vor allem auch als Angebotelieferant. Wenn das, was nicht gefällt, automatisch weiterentwickelt, geändert, abgesetzt wird, dann besteht indes die Gefahr, dass der Wunsch nach Kommunikation mit der Zielgruppe zu Demut verkommt.

Bisher treten nur die Webseite und die Funk-App selbstbewusst mit der eigenen Marke auf. Die Nutzer, die die Inhalte dort suchen, wissen, wo sie hinwollen. Die Webseite von Funk ähnelt einer kleinen Mediathek, denn hier werden alle Formate aufgelistet und man kann sich fröhlich durchklicken. Die App soll vor allem zum Anschauen von Lizenzserien genutzt werden, hält aber auch einige der anderen Formate bereit, wie beispielsweise die aus dem Snapchat-Format „Hochkant“ generierten „News am Morgen“. Die Symbiose von Snapchat und der App ist gut durchdacht und zeigt, dass die verschiedenen Ausspielwege zwar zunächst einen Mehraufwand darstellen, zum anderen aber auch die Möglichkeit einer Mehrfachnutzung beinhalten, so dass tatsächlich der Nutzer entscheidet, wo er dieses Format anschaut.

Formate kommen und gehen, spannend ist, was bleibt

Das Selbstbewusstsein, das die Webseite und die App ausstrahlen, erklärt sich auch mit dem Format „Wishlist“, einer fiktionalen Mystery-Webserie, die ein Alleinstellungsmerkmal von Funk ist. Der Start der Serie wurde mit vielen Trailern im ganzen Funk-Netzwerk beworben. Im Mittelpunkt steht die 17-jährige Schülerin Mira, die mit der App „Wishlist“ die Grenzen der Moral auslotet: Was ist sie bereit für die Erfüllung ihrer Wünsche zu tun? Die Serie stammt von den YouTubern Christina Ann Zalamea („Hello Chrissy“), Marc Schießer und Marcel Becker-Neu („vivi&denny“) und sie ist ein authentisches Produkt von der Zielgruppe für die Zielgruppe. Hier offenbart sich, dass mit Funk auch Geld in die Hand genommen wurde, damit eine bisher vernachlässigte Zielgruppe sich in ihren eigenen vier Wänden ausprobieren, weiterentwickeln und selbstfinden kann.

Funk ist mit über 40 Formaten gestartet und hat schon jetzt gezeigt: Es gibt sie, die guten YouTube-Formate. Sie sind nun besser zu finden, sehen schöner aus, werden professioneller vermarktet und erreichen hoffentlich mehr Zuschauer. Was noch fehlt ist das Arbeitsleben, das Nicht-Studentische und natürlich: Musik! Es kommen laufend neue Formate dazu, andere gehen. Spannend ist, was bleibt. Wenn der Kontakt zur Zielgruppe gelingt und ein Dialog zu den gesetzten Themen stattfindet, dann ist das Projekt wohl seine 45 Mio Euro wert, die dafür als Jahresbudget zur Verfügung stehen. Die öffentlich-rechtlichen Sender können nur überleben, wenn sie auch cool sind. Wenn nicht nur die 14- bis 29-Jährigen, sondern auch die Ü-30er sagen: „Natürlich guck ich das, das sind doch die Einzigen, die sich Unabhängigkeit leisten können.“ Diese Unabhängigkeit als wertvolles Alleinstellungsmerkmal selbstbewusst und offensiv nach außen zu tragen, das muss der nächste Schritt für Funk sein.

18.11.2016/MK