Ursula Hochreiter: Plötzlich im Flutlicht. Vom Leben als Spielerfrau. Reihe „37°“ (ZDF)

Unterwegs mit Cathy Hummels

22.08.2016 •

Die Sozial- und Gesellschaftsreportagen mit human touch, die das ZDF seit nunmehr 22 Jahren in seiner Reihe „37°“ ausstrahlt, erzählen in der Regel Alltags- und Lebensgeschichten, die sich durch eine besondere Fallhöhe auszeichnen. Man kann hier, zum Beispiel, Menschen kennenlernen, die unter schweren Krankheiten leiden oder schwer erkrankte Angehörige pflegen und ihr Leben dennoch auf eine teilweise ermutigende Art bewältigen. In diesem Kontext wirkt eine Reportage über „Spielerfrauen“ – damit sind gemeinhin Ehefrauen und Lebensgefährtinnen von Profi-Fußballern gemeint, obwohl theoretisch auch Frauen an der Seite von Tischtennis- oder Badmintonspielern gemeint sein könnten – schon mal wie ein Fremdkörper.

Der Titel „Plötzlich im Flutlicht. Vom Leben als Spielerfrau“ führt teilweise in die Irre. Neben Cathy Hummels, Ehefrau von Nationalspieler Mats Hummels und Betreiberin eines Modekanals bei YouTube, porträtiert die Autorin Ursula Hochreiter außerdem Katja Baumgart, Gattin des 44-jährigen Ex-Bundesliga-Profis Steffen Baumgart und Mitarbeiterin des Fanshops von Union Berlin, sowie die Spielerberaterin Samira Samii. Baumgart etwa steht keineswegs „im Flutlicht“ – unter anderem deshalb, weil sie und ihr Mann seit fast 20 Jahre „eine skandalfreie Ehe führen“ (wie Hochreiter im Film mitteilt) und weil die Profi-Karriere von Steffen Baumgart, der vor allem als Stürmer von Hansa Rostock bekannt wurde, bereits vor acht Jahren endete. Und Spielerberater wirken eher im Hintergrund – das ist bei Samira Samii, der einzigen Frau in dieser Berufsgruppe hierzulande, kaum anders. Immerhin hat Samii viele Erfahrungen gemacht mit Spielerfrauen, allerdings unschöne. Christiane Umhau, Samiis Anwältin, sagt, es gebe „immer wieder Frauen, die ein Problem mit der Person Samira haben“ bzw. damit, dass ihre Männer oder Freunde beruflich eng mit einer Frau zusammenarbeiten.

Anfangs hat der 30-minütige Beitrag „Plötzlich im Flutlicht“ eine kritische Anmutung. Als Cathy Hummels im Rahmen einer Spendenaktion an der Kasse eines Supermarkts sitzt, stellt ihr eine Journalistin eine Frage, die auf den Beruf ihres Mannes Bezug nimmt: „Wie sehen Sie die Spiele?“ Dazu möchte Cathy Hummels, die „raus will aus der Rolle des schönen Anhängsels“, wie später im Film zu erfahren ist, aber nichts sagen. „Kann ich mal die Fragen sehen?“, fragt sie die Pressevertreterin. Die hat offenbar kein Problem damit, ihr den Notiz­zettel auszuhändigen. „Das ist mir zu fußballmäßig“, dekretiert die Geschäftsfrau. Ist Cathy Hummels eine zum Kontrollwahn neigende Person, die von der Pressefreiheit – so hochgestochen der Begriff in diesem Zusammenhang auch klingen mag – nicht allzu viel hält? Nein, nein, nein, sie ist ganz anders.

Cathy Hummels ist, zum Beispiel, „selbstkritisch“ und „möchte möglichst nichts dem Zufall überlassen“. Außerdem lässt uns Hochreiter wissen, dass die Familie für Mats’ Gattin „ein wichtiger Ruhepol“ sei. Schön, dass sie dank des Wechsels ihres Mannes von Borussia Dortmund zum FC Bayern München nun „endlich wieder mehr Zeit“ für diese Familie hat, denn die lebt in München. Eines der Familienmitglieder lernt der Zuschauer kennen: Cathy Hummels’ Schwester Vanessa. Die Autorin sagt: „Die Karriere ihrer Schwester hat Vanessa genau beobachtet.“ Ja, was denn sonst? Die Menge an abgedroschenen Formulierungen und nichtssagenden Sätzen, die man in „Plötzlich im Flutlicht“ (Produktion: Süddeutsche TV) aufgetischt bekommt, ist allemal bemerkenswert.

„Wenn man mich als Spielerfrau bezeichnet, mag ich das eigentlich überhaupt nicht“, sagt an anderer Stelle Katja Baumgart – was allerdings die Frage aufwirft, warum sie dann an so einem Film mitwirkt. Der Zuschauer erfährt, dass aus der Zeit, als Steffen Baumgart ein Star war (zumindest in Ostdeutschland), die Gewohnheit geblieben sei, „keine Filmaufnahmen zu Hause“ zuzulassen. Kurz darauf sieht man freilich das Ehepaar Baumgart mit den beiden Töchtern in einer Wohnung am Tisch sitzen. Ob die Familie für das ZDF eine Ausnahme gemacht hat oder man für den Dreh möglicherweise in eine andere Wohnung ausgewichen ist, wird nicht klar.

Steffen Baumgart ist heute Trainer beim Berliner AK in der Regionalliga Nordost. Zum zweiten Heimspiel der neuen Saison gegen den ZFC Meuselwitz (1:0) kamen 236 Fans. Für welchen Klub er arbeitet, kommt im Film nicht vor – das wäre, obwohl es in dieser „37°“-Reportage weniger um den Trainer als um dessen Ehefrau geht, zur Einordnung wichtig gewesen. Hochreiter versucht dagegen den Eindruck zu erwecken, Steffen Baumgart habe heute noch irgendetwas mit dem Zweitligisten Union Berlin zu tun, für den er von 2002 bis 2004 spielte und für den seine Frau heute tätig ist. Katja Baumgart, erzählt uns der Film, ist heute sehr gut befreundet mit einer Kollegin, die, geprägt vom medialen Spielerfrauen-Bild, ihr gegenüber anfangs skeptisch eingestellt war. Von einer besonderen Fallhöhe kann man da eigentlich nicht reden.

Obwohl Cathy Hummels zu Beginn des Films ihren Unmut über Fragen äußert, die zu viel mit Fußball zu tun haben, sagt sie später: „Als Profi-Fußballer hast du’s auch nicht immer leicht.“ Noch weniger leicht haben es allerdings Medienkritiker, die den Auftrag haben, sich mit dieser Reportage zu befassen. Filme der Reihe „37°“ sind selten herausragend, aber „Plötzlich im Flutlicht“ ist weit davon entfernt, wenigstens solide zu sein.

22.08.2016 – René Martens/MK