Mein Land, dein Land. 8-teilige Reportage-Reihe (ZDF)

Wider das populistische Pauschalurteil

12.08.2016 •

Wissenschaftlichen Studien zufolge sind ausländerfeindliche Haltungen in Deutschland besonders dort verbreitet, wo kaum oder gar kein Kontakt zu Ausländern besteht. Ob mittelbare Begegnungen beispielsweise über das Fernsehen diesbezüglich Abhilfe schaffen können, bedürfte eigener Untersuchungen. Aber der Versuch ist es wert.

Die ZDF-Reportage-Reihe „Mein Land, dein Land“, die im Juli und August auf den Sendeplätzen des Magazins „ML Mona Lisa“ (18.00 Uhr) und des Boulevardmagazins „Hallo Deutschland – hautnah“ (18.35 Uhr) ausgestrahlt und von der „Mona-Lisa“-Redaktion mitverantwortet wird, weist in diese Richtung. Die jeweils von eigenen Autoren verantworteten acht Beiträge der Reihe kommen ohne belehrende Töne aus, auch wenn am Rande immer wieder Fakten in Form von Zahlenmaterial eingeblendet und im Kommentar erläutert werden. Dominierend jedoch ist der Gestus der erzählenden Reportage. Die Teams berichten ohne Aktualitätsdruck, zugewandt, dabei unbeschönigt aus dem Alltag von Deutschen ausländischer Herkunft, begleiten ausgewählte Protagonisten, leisten sich nebenher immer wieder auch Abstecher und Seitenblicke, sofern die Faktenlage es gebietet.

In der Auftaktfolge „Die leisen Musterschüler – Little Hanoi in Berlin“ widmete sich die Autorin Joanna Michna der vietnamesischen Gemeinschaft im Stadtteil Lichtenberg. Der Zufall wollte es, dass dieser Beitrag dramatischer geriet als die übrigen: Direkt neben dem vietnamesischen Großhandelsmarkts „Dong Xuan Center“ steht eine Lagerhalle in Flammen. Elf Händler verlieren ihre Warenbestände, teils Werte in Millionenhöhe. Der 37-jährige Anh Tuan Nguyen ist Informatiker, hat sich aber für eine Laufbahn als Großmarktmanager entschieden und fungiert in dieser Position sowohl als Ansprechpartner wie als Sprachrohr der Mieter. Er ist einer der Protagonisten des Films. Die Brandkatastrophe ist Anlass, den bis in die DDR-Zeit zurückreichenden Zusammenhalt der vietnamesischen Gemeinde zu zeigen, wenn etwa die Mieter in den Verkaufshallen eine Solidaritätsaktion für die geschädigten Kollegen planen.

Zu den Ladenbesitzern zählen der 32-jährige Anh Duc Le und seine 29-jährige Frau Thi Khuyen. Anh hat seinen Handy-Laden mit eigenem Geld aufgebaut. Er und seine Frau arbeiten an sechs Tagen pro Woche zwölf Stunden pro Tag und kümmern sich, unterstützt von einem Kindermädchen, zudem noch um ihre drei Kinder. Vom Plündern deutscher Sozialleistungen – ein wiederkehrender Tropus in der Rhetorik rechtsgerichteter Populisten – keine Spur. Im Gegenteil. Hier werden Steuern generiert.

Unternehmer mit ausländischem Hintergrund wurden in allen drei gesichteten Filmen vorgestellt. Beispielsweise der türkisch-deutsche Musikproduzent Baris Schniske, 29, in Armin Hausers und Detlef Schwarzers Film „Tore, Party, Emotionen – Sommer auf der Berliner Fanmeile“. Oder in Kadriye Acars Beitrag „Zwischen Abkehr und Minztee – Klein-Marokko am Rhein“ die Marokkanerin Nadia Bouazzi Ouldaly, 28, die in dritter Generation in Deutschland lebt und gemeinsam mit ihrem Bruder in Düsseldorf einen Pflegedienst nicht nur für Patienten arabischer Herkunft führt.

Ausgewählte Musterbeispiele, so könnte ein Vorwurf lauten. Doch der greift nicht, denn immer auch kommen die Schattenseiten migrantischen Lebens zur Sprache. Die – inzwischen eingedämmte – Kriminalität unter Vietnamesen, die zeitweilig den Handel mit geschmuggelten Zigaretten kontrollierten. Das Leben in der Illegalität einer vietnamesischen Mutter, die von Schleppern nach Deutschland gelockt wurde und hier ohne Papiere zu überleben versucht, um die daheimgebliebene Familie zu unterstützen. Ein Asylantrag hätte keine Chance, obwohl sie als Katholikin in ihrem kommunistischen Heimatland Repressionen ausgesetzt sei, wie sie – anonymisiert – vor der Kamera berichtet. Nicht unwichtig der Aspekt, dass Deutsche von dieser Situation profitieren: Die Illegalen bekommen weniger Lohn für ihre Arbeit, müssen aber erhöhte Mieten zahlen. Ein Leben im Schlaraffenland sieht anders aus.

Selbstredend kreuzen die Protagonisten und damit die Reporter immer wieder auch die Wege von Deutschen. Da verfolgen spanische Arbeitsmigranten, Flüchtlinge unterschiedlicher Herkunft und Deutsche während der Fußball-Europameisterschaft 2016 gemeinsam das Spielgeschehen auf Großbildwänden, darunter auch die deutsche Unternehmerin Astrid Eilers, 37, mit ihrem Mann Martin, 45, die ein noch immer unkonventionelles Familienleben pflegen: Sie arbeitet, er kümmert sich um die Kinder und den Haushalt. Die Reporter nehmen diese Seitenlinie auf, die vom Thema abweicht, den Bericht allerdings durchaus bereichert.

In Düsseldorf-Oberbilk trifft Filmautorin Kadriye Acar auf die Polizeihauptkommissare Jörg Fischer, 50, und Joachim Liedtke, 57, die im sogenannten Marokkaner-Viertel der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt auf Streife gehen. Nach den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2015/16 ist das Düsseldorfer Quartier und namentlich die Ellerstraße durch Medienberichte in Verruf geraten. Kadriye Acar hat es deshalb schwer, Gesprächspartner ausländischer Herkunft zu finden. Dennoch wird deutlich: Vor allem die ortsansässigen Geschäftsleute grenzen sich ab von den jugendlichen Kriminellen, wurden teils selbst geschädigt. Der Geschäftsführer eines marokkanischen Supermarkts arbeitet deshalb eng mit der Polizei zusammen.

Nach drei Beiträgen der Reihe lässt sich sagen, dass hier eine nüchterne, ausgewogene Bestandsaufnahme gelungen ist. Die Autoren berichten authentisch über das Leben und die kulturellen Eigenarten von Menschen ausländischer Herkunft in Deutschland und werden dabei der Heterogenität dieser Gruppe gerecht. Vorgestellt werden Menschen, deren Eltern oder Großeltern nach Deutschland kamen, weil sie als Arbeitskräfte angeworben wurden. Andere verdanken ihren deutschen Arbeitsplatz der Freizügigkeit innerhalb der EU, wieder andere flohen vor Krieg und Verfolgung, hoffen auf Asyl oder leben in der Illegalität. Wer also pauschal von „den Ausländern“ spricht, setzt sich bereits ins Unrecht.

Eine Besonderheit wäre noch anzumerken: Jeder der knapp einstündigen Filme dieser ZDF-Reihe wurde gegen 18.30 Uhr von einem Werbeblock unterbrochen. Die Autoren platzierten jeweils vor den Einschnitten kleine Spannungsmomente, vulgo Cliffhanger. In der Auftaktfolge war dies zum Beispiel eine – erkennbar gestellte – Kindesentführung. Nach der Werbeeinblendung erfolgte die Aufklärung: Die Szene zeigte ein Sicherheitstraining für Kinder. Der inhaltliche Bezug: Vietnamesische Kinder und Jugendliche werden streng zum Respekt gegenüber Erwachsenen erzogen. Das machen sich Pädophile zunutze. In der gezeigten Schulung lernen die Kinder, gefährliche Situationen auszumachen und sich entsprechend zu verhalten.

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Die 8 Folgen von Mein Land, Dein Land (Produktion: Spiegel TV):

• Joanna Michna:
Die leisen Musterschüler – Little Hanoi in Berlin
Sa 2.7.16

• Armin Hauser/Detlef Schwarzer:
Tore, Party, Emotionen – Sommer auf der Berliner Fanmeile
Sa 9.7.16

• Kadriye Acar:
Zwischen Abkehr und Minztee – Klein-Marokko am Rhein
Sa 16.7.16

• Utta Seidenspinner:
Zwischen Äppelwoi und Döner – Türkische Lebensart in Offenbach Sa 23.7.16

• Detlev Konnerth:
Der Klang der Heimat – Leipzigs russische Seele
Sa 30.7.16

• Enrico Demurray:
Bikini trifft Burkini – Wo der Ruhrpott baden geht Sa 6.8.16

• Broka Herrmann:
Ali und der Gartenzwerg – Multikulti im Schrebergarten
Sa 20.8.16

• Norbert Lübbers/Anja Jeschonneck:
Sommer von oben – Zwischen Campingstuhl und Extraschicht
Sa 27.8.16

12.08.2016 – Harald Keller/MK