Jo Baier: Bergfried (ARD/BR/WDR/ORF)

Zwiespältiges Drama

19.10.2016 •

Strahlt die Sonne über den Gipfeln der Alpen und taucht Almwiesen in sattes Grün, mutiert die Landschaft auch im Film zum immer wieder gern genommenen Projektionsraum für Idyllen aller Art. Doch wenn’s regnet, Blitze zucken und Donner grollt, verwandelt sich Heimeligkeit ebenso zielstrebig ins Unheimliche. Wechselnde Wetterlagen in den Alpen kommen im Fernsehen eher selten vor. Da in seinem Film „Bergfried“ auch Autor und Regisseur Jo Baier von dieser schlichten meteorologischen Dichotomie nicht lassen wollte, war schnell klar, dass es hier eher ungemütlich bis dramatisch zugehen würde.

In dem österreichischen Bergdorf, in dem sich das Geschehen zutrug, schüttete es überwiegend wie aus Eimern, und wenn das Wasser einmal nicht vom Himmel fiel, hing es in Form tiefer Wolken drohend über dem finsteren Nadelwald. Auch beim Rest der Milieuzeichnung wähnte man sich unversehens in frühe Zeiten des alpenländischen Heimatfilms versetzt. So bestand die Bevölkerung vorzugsweise aus alten, wortkargen Männern, die in Lodenjoppen abends im dunklen Wirtshaus dem Bier zusprachen und es gar nicht gern sahen, wenn (ihre) Frauen aus der Reihe tanzten. Auch wenn ein Großteil des Geschehens hier im Jahr 1983 spielte – derart stereotyp hinterwäldlerisch hätte das Ganze nun wirklich nicht ausfallen müssen, um plausibel zu machen, dass ein smarter Fremder in dem Nest für Unmut sorgen musste.

Der Italiener Salvatore (Fabrizio Bucci), der da im feuerroten Alfa auftauchte und sich gleich für zwei Wochen im Gasthof „Zum Kreuz“ (der eine Name so vielsagend wie der andere) einquartierte, machte sich prompt verdächtig, indem er ständig fotografierte und sich vor allem für die alten Männer im Ort interessierte. „Irgendwas will der, das wir nicht wollen“, sollte einer der Dörfler später sagen. Und schließlich hatte man als Zuschauer bereits gesehen, dass der Italiener eine Pistole mit sich führte. Bis herauskam, in welcher Mission der Eindringling da wirklich unterwegs war, dauerte es allerdings geraume Zeit.

So entspann sich erst einmal eine Liaison zwischen Salvatore und der jungen, alleinerziehenden Erna Stockinger (Katharina Haudum), die gern bunte Hosen trug, Janis Joplin verehrte und eigentlich nur auf einen Prinzen wartete, der sie endlich rausholen würde aus der dörflichen Enge. Zwischendurch sah man immer wieder ihren Vater (Peter Simonischek), mit imposantem Rauschebart eine Art Bilderbuch-Almöhi, wie er sich liebevoll um seinen vierjährigen Enkel namens Bertl kümmerte.

Doch mit zunehmender Dauer wurde durch anfangs akustische, später auch visuelle Rückblenden deutlich, dass Salvatore unter einem Trauma litt. Im Zweiten Weltkrieg hatten SS-Angehörige in seinem Heimatdorf ein Massaker verübt, das er als eines von zwei Kindern überlebt hatte. Und dieses Massaker hat es tatsächlich gegeben. Am 12. August 1944 stürmten SS-Truppen auf der Suche nach Partisanen das toskanische Bergdorf Sant’Anna di Stazzema und ermordeten über 400 Bewohner, in der Mehrzahl Alte, Frauen und Kinder. Erst 60 Jahre später wurden einige der beteiligten SS-Männer von einem italienischen Gericht in Abwesenheit zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, aber von Deutschland nie ausgeliefert. Deutsche Staatsanwaltschaften ermittelten zwar ab 2002 gegen die Täter, doch die Verfahren verliefen letztlich im Sande, nicht zuletzt da mehrere der Beschuldigten inzwischen nicht mehr verhandlungsfähig waren. So blieb das Verbrechen juristisch ungesühnt.

Dieser Skandal wäre fraglos auch eines Fernsehfilms würdig, doch Jo Baier nahm die historische Begebenheit des Massakers hier zum Anlass für ein subjektives, frei erfundenes Rachedrama. Der Anführer der SS-Schergen hatte dem damals vierjährigen Salvatore eine Pistole an den Kopf gehalten und abgedrückt. Der Junge überlebte, weil der Offizier sein Magazin bereits leergeschossen hatte. Mit Hilfe einer kauzigen, aber hellwachen Alten (Gisela Schneeberger) identifizierte der Italiener 40 Jahre später schließlich Stockinger, Ernas Vater, als seinen Peiniger von damals. In einem furiosen Showdown ließ Jo Baier die beiden zu einem Kellerduell aufeinandertreffen. Hier der Kläger, der den Täter endlich zur Verantwortung ziehen wollte, da der betagte Mann, der sich hartnäckig weigerte, seine Schuld zu gestehen. Das war so spannend wie bewegend, war brillant gespielt und von Kameramann Martin Gschlacht virtuos fotografiert.

Doch vor diesem überzeugenden Finale hatte der renommierte Autor und Regisseur seinen Film (Produktion: Zieglerfilm München und Epo Film) mit allerlei Nebenschauplätzen gefüllt, die zum Fortgang der Dinge wenig beitrugen. Was sollte beispielsweise das Drama um die Gastwirtin, die sich von ihrem querschnittsgelähmten Mann mit Alkoholproblem regelmäßig verprügeln ließ, bis dieser schließlich in rasanter Abfahrt mit seinem Rollstuhl den Freitod wählte? Direkt zu sehen bekam man die Gewaltausbrüche in dieser Ehe übrigens nie. Ist ja auch schwer vorstellbar, dass sich eine resolute Frau mittleren Alters der Übergriffe eines Gelähmten nicht erwehren kann.

Warum Gisela Schneeberger in ihrer Rolle selbst auf dem Friedhof Bier aus der Flasche trinken musste, blieb ebenso rätselhaft. Und wie war Salvatore eigentlich auf jenes Dorf gekommen, obwohl er bei seiner Ankunft nicht einmal den Namen des von ihm gesuchten einstigen SS-Manns kannte? Dass dieses Drama um Schuld und Sühne (3,55 Mio Zuschauer sahen den Film, Marktanteil: 12,0 Prozent) insgesamt einen eher zwiespältigen Eindruck hinterließ, hatte jedoch weniger mit Plausibilitätslücken als mit der stereotypen Art zu tun, in der hier ein Bergdorf und seine Bewohner in Szene gesetzt wurden. Vom Wetter ganz zu schweigen.

19.10.2016 – Reinhard Lüke/MK

` `