Andreas Thom: Baal (Bayern 2)

Die Lesung eines Wortjongleurs

19.08.2016 •

Ein zu Beginn des 20. Jahrhunderts anfänglich viel gelesener, dann als Autor jedoch eher vergessener Literat veröffentlichte 1918 in dem Berliner Verlag ‘Die Wende’ einen Roman, der angeblich einen später weltbekannten jungen expressionistischen Dramatiker zu seinem ersten Theaterstück inspiriert hat. Ein Stoff, aus dem zwar keine Träume sind, der aber effektvoll daherkommt.

Doch worum geht es? Rudolf Csmarich, 1884 in Wien geboren und 1944 dort gestorben, war Volksschullehrer, Verlagslektor und ab 1923 Vizepräsident des ‘Schutzverbandes deutscher Schriftsteller in Österreich’ mit Hugo von Hofmannsthal als Erstem Vorsitzenden. Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs publizierte Csmarich 1918 unter dem Pseudonym Andreas Thom den Roman „Ambros Maria Baal. Ein Roman der Lüge“. Er widmete ihn dem bekannten Autorenkollegen Albert Paris Gütersloh. Der Roman fand mit Güterslohs und anderer Hilfe schnell seinen Weg in eine größere Öffentlichkeit. Thom habe damit, heißt es im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, den „Prototyp eines dekadenten negativen Helden“ geschaffen und damit – so das Archiv in seinem Eintrag vom September 2009 – das erste Theaterstück des jungen Bertolt Brecht beeinflusst: „Baal“. Konsultiert man die große Brecht-Ausgabe, findet sich dort allerdings kein Hinweis darauf.

Immerhin scheint diese Spekulation die Neugier der für literarische Spurensuche bekannten Hörspieldramaturgie des Bayerischen Rundfunks (BR) angeregt zu haben, den Bearbeiter und Regisseur Ulrich Gerhardt dafür zu gewinnen, diesen nicht zu Unrecht vergessenen Roman für den Funk zu bearbeiten. Der Text der 80-minütigen Radioproduktion „Baal“ – die auch bei weitester Auslegung nicht Hörspiel genannt werden kann – weicht wohl nur wenig vom Original ab. Die Literatur hat sich in den fast hundert Jahren seit dem Erscheinen von „Ambros Maria Baal“ doch erheblich von den damals als schockierend empfundenen Romanen der vorexpressionistischen Zeit wegentwickelt.

Andreas Thom als Expressionisten zu bezeichnen, ist jedoch eher gewagt. Mag er auch tatsächlich der Erste gewesen sein, der in dem reichen Bankierssöhnchen Ambros Maria Baal einen negativen Helden geschaffen hat, so reichen dessen Kapricen und Eskapaden im wohlbehüteten und reichlich plüschig anmutenden Ambiente des Wiener Salonbürgertums nicht aus, um aus ihm eine literarische Ikone der neuen Zeit zu destillieren. Sein Verhalten zu Frauen mag Spießern ‘anrüchig’ erscheinen – in expressionistischen Kreisen hatte es hingegen sicherlich keinen Hautgout, wenn man andere Beziehungen als die rein ehelichen kannte und lebte.

Dem Autor mag bewusst gewesen sein, dass seinem Sujet Salz und Pfeffer fehlt. Um doch noch für den ein oder anderen Effekt zu sorgen, fügte Thom unter anderem die Beschreibung außerehelicher Verhältnisse ein – die aber doch wieder recht sittsam bleibt – und eine eher degoutante Sterbeszene des alten Herrn Baal. Dieser Szene folgt, in der Hörfunkversion glücklicherweise knapp gehalten, die Selbstentleibung der Ehefrau des jungen Herrn Baal, die von einem Bonvivant namens Elias geschwängert wurde. Das ist Trivialliteratur, die das Zeug zum Schmöker nur dann hätte, wenn sie temperamentvoller geschrieben worden wäre. Der zeittypische, keineswegs „moderne Duktus des Originals wird nicht verlassen. Die Bearbeitung scheint gerade auf diese Form der Authentizität Wert gelegt zu haben. So bleiben Sätze erhalten wie: „Tage vergingen. Ambros lebte in banger Erwartung.“ Oder: „Sie kleideten sich aus. Baal mit Eile. Julianna mit Bedacht.“

Wie kommt es, dass man dieser Lesung ohne jede akustische Zutat dennoch zuhört? Es liegt am Geheimnis der Stimme, dem verführerischen Potenzial des Radios. Hier ist es die Stimme des großen österreichischen Schauspielers Wolfram Berger. Der 70-jährige gebürtige Grazer ist ein Wortjongleur und Lautmaler, ein Multitalent auf großen und kleinen Bühnen und bezeichnet sich selbst als „Jazzschauspieler“. „Ich möchte mein Instrument gut spielen und in allen möglichen Lebenslagen mit Freunden musizieren können“, hat er mal aus Anlass eines Valentin-Abends gesagt. In Andreas Thoms „Baal“ schlendert Berger mit diesem Mr. Seltsam durch die Fältchen des Lebens, die sich in Ambros Marias Dasein auftun. Das Schräge daran scheint Berger zu gefallen – aber er bleibt im kommentarlosen Leseduktus, will die Figuren nicht interpretieren oder gar desavouieren, sondern einfach lesend zuschauen, wie seltsam Menschen sich verhalten können. Damals wie heute.

19.08.2016 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 19/2019

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