Petra Höfer/Freddie Röckenhaus: Zugvögel – Kundschafter in fernen Welten (Arte) 

Fliegen ist wie Fahrradfahren

„Alle Vögel sind schon da.“ Dieses Lied haben wir schon in der Schule gesungen. Zugvögel sind so selbstverständlich wie der Wechsel der Jahreszeiten. Doch wohin fliegen Störche, Kraniche und Gänse eigentlich im Winter? Welche Strapazen nehmen die Tiere auf sich? Wie finden sie wieder zurück? Haben sie ein inneres Radar? Und warum werden sie überhaupt alljährlich zu Migranten am Himmel? Diese Fragen stellen Petra Höfer und Freddie Röckenhaus in ihrem neuen Film, der jetzt (zugeliefert vom ZDF) in der 90-minütigen Langfassung bei Arte ausgestrahlt wurde.

Das eingespielte Filmemacherduo hat sich auf sorgfältig gemachte Wissenschaftsdokumentationen spezialisiert, bei denen vermeintlich vertraute Phänomene aus einer neuartigen Perspektive gezeigt werden. Schon in ihrem im Rahmen der ZDF-Reihe „Terra X“ ausgestrahlten Dokumentationsmehrteiler „Deutschland von oben“ (vgl. FK-Kritik) hatten sie nebenbei auch über die Flugrouten der Zugvögel berichtet. Insofern war es gewissermaßen naheliegend, dem Thema einmal einen ganzen Film zu widmen. Diesmal liegt die Messlatte allerdings ziemlich hoch. Denn der Vergleich mit „Nomaden der Lüfte“, dem stilbildenden Zugvögel-Dokumentarfilm aus dem Jahr 2001, drängt sich zwangsläufig auf. Genau wie die Franzosen Jacques Perrin, Jacques Cluzaud und Michel Debats begleiten auch die beiden deutschen Dokumentaristen Vögel, die behutsam an Motorflugzeuge gewöhnt wurden, mit der Kamera. Dabei gelingen Höfer und Röckenhaus nicht minder beeindruckende Luftaufnahmen. Ihr Schwerpunkt ist aber ein anderer.

Im Vergleich zur Kinoproduktion „Nomaden der Lüfte“ ist „Zugvögel“ dem Format einer Fernsehdokumentation verpflichtet. Das heißt: Statt den Klängen von Nick Cave, Robert Wyatt und Bruno Coulais sind zuweilen penetrante Streicher zu hören – wobei Höfer und Röckenhaus auch originelle Musikuntermalungen einschmuggeln. Der Hauptunterschied besteht in der direkten Ansprache des Publikums, unter anderem durch einen Off-Kommentator. Gemäß den Gepflogenheiten des Formats „Terra X“, für das ihr Film hinsichtlich der ZDF-Ausstrahlung produziert wurde, kommen auch die üblichen Wissenschaftler als Talking Heads zu Wort. Dabei wird der Zuschauer jedoch auf anregende Weise in die komplexe Problematik eingeführt. Der Film ist dabei, wenn Graugansküken aus dem Ei schlüpfen, auf Menschen geprägt werden und ihre ersten Flügelschläge machen. Und wenn der Kommentator flapsig erklärt, mit dem Fliegenlernen sei das für Gänse so wie für uns Menschen mit dem Fahrradfahren – „Irgendwie funktioniert es“ –, dann wird der wissenschaftliche Bierernst mit jenem humoristischen Tier-Slapstick gebrochen, der einen Film von Höfer und Röckenhaus auch dann noch sehenswert macht, wenn er sich den Zwängen des Formats beugen muss.

Der Film begleitet Stare nach Rom und Wildgänse bis an die Barentssee am russischen Polarkreis. Ist zu sehen, wie die Störche auf ihrem Weg bis nach Gibraltar in ungesicherten Strommasten verenden oder sich auf spanischen Müllkippen vergiften, dann werden zivilisationskritische Töne angeschlagen. Wobei „Zugvögel“ glücklicherweise kein betuliches ökobewegtes Traktat über den bösen Menschen und die unschuldige Natur ist. So gibt der Film ganz nebenbei auch Einblicke, wie Störche ihre schwächlichen Jungen, die nicht schnell genug gedeihen, gnadenlos aus dem Nest werfen, damit der Rest der Brut besser gedeiht. Auch die Natur kann grausam sein. Überqueren die Störche schließlich das Mittelmeer, wo eine Zwischenlandung nicht mehr möglich ist – Störchen, die hier nicht durchhalten, droht der tödliche Absturz –, dann nutzt die Doku das Mittel der Spannungsdramaturgie: Wenn die erschöpften Tiere es mit allerletzter Kraft bis zur marokkanischen Küste schaffen und sich „vor Angst oder Erschöpfung“ übergeben müssen, dann bibbert der Zuschauer wie bei einer Storchen-Olympiade mit.

Die Vermenschlichung der Tiere hält sich in diesem Film jedoch in Grenzen. Es dominiert das wissenschaftliche Herangehen. Im Gegensatz zu „Nomaden der Lüfte“, wo die meditative Beobachterperspektive den Zuschauer in eine tranceartige Stimmung versetzt und ihm so einen trügerischen Einklang mit der Natur vorgaukelt, dominiert in „Zugvögel“ der analytische Zugriff. In Kooperation mit Ornithologen, die Zugvögel mit Minisendern ausstatten, entstehen interessante Einblicke in den aktuellen Stand der Forschung. Durch den sinnvollen Einsatz von Computergrafiken, die einen erstaunen lassen, werden die Flugrouten auf einer drei­dimensionalen Landkarte nachgezeichnet. Dank der zahlreichen Daten, die gefiederten „Kundschafter in fernen Welten“ (so der Untertitel) dabei übermitteln, könnten künftig womöglich sogar Katastrophen vorhergesagt werden.

Zu den Highlights des Films zählen aber vor allem jene Momente, in denen visuell nachvollziehbar gemacht wird, wie ein Vogel die Thermik nutzt, um sich ohne den Einsatz von Muskelkraft auf einer steten Kreisbahn immer weiter nach oben zu schrauben. Das Verhalten der Vögel in Schwärmen und ihre wundersame Orientierung am irdischen Magnetfeld werden ebenso transparent gemacht. Da diese Einblicke zuweilen mit einem Augenzwinkern gegeben werden, gelingt Petra Höfer und Freddie Röckenhaus einmal mehr Infotainment im allerbesten Sinn.

26.08.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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