David Foster Wallace: Anmerkung 24 oder Die Filmographie des James O. Incandenza (WDR 3/Deutschlandfunk) 

Gott spricht

16.09.2016 •

16.09.2016 • „Nur eine Fußnote zu unserem 100-Stunden-Projekt und irgendwie doch das ganze Werk: die Anmerkung 24 von ‘Unendliches Spiel’.“ Das schrieb Andreas Ammer auf seiner Facebook-Seite zur Ankündigung des Hörspiels „Anmerkung 24 oder Die Filmographie des James O. Incandenza“. Zusammen mit Acid Pauli (Martin Gretschmann) und Andreas Gerth hat Ammer den 1575 Seiten umfassenden Roman „Unendlicher Spaß“ des US-Schriftstellers David Foster Wallace (1962 bis 2008) unter dem Titel „Unendliches Spiel“ vertont. Der Anmerkungsapparat im Roman mit 388 Fußnoten ist mehr als 160 eng bedruckte Seiten lang und allein die Anmerkung 24 reicht für eine Hörspiellänge von rund 55 Minuten. Die ausgezeichnete Übersetzung des Romans aus dem amerikanischen Englisch besorgte Ulrich Blumenbach, der auch sämtliche Anmerkungen spricht.

Für die Hörspielfassung der Anmerkung 24 sind zusätzlich 25 Sprecherinnen und Sprecher eingesetzt worden – eine fast bescheiden zu nennende Anzahl. Denn für das Projekt „Unendliches Spiel“ konnte jeder, der mitmachen wollte, eine der 1404 Seiten des Romans vorlesen und über die Website www.unendlichesspiel.de hochladen. Ein Jahr Zeit hatte man sich für das von WDR, Deutschlandfunk und Bayerischem Rundfunk (BR) produzierte größte Hörspiel aller Zeiten gegeben, doch schon am 17. Mai, zehn Wochen nach Start des Projekts am 8. März, waren sämtliche Seiten des Romans eingelesen. Inzwischen (Stand: Ende August) stehen knapp 50 Stunden des Hörspiels fertig arrangiert zum Downloaden online, was einem Datenvolumen von 6,6 Gigabyte in bester MP3-Qualität (320 kbit/s) entspricht. „Anmerkung 24“ ist das einzige Stück aus diesem internetbasierten Projekt, das im linearen Radio zu hören war.

Zusammengehalten wird der nicht-linear erzählte Text von den automatisch generierten Sounds der sogenannten „Goldenen Maschine“, einem von Andreas Gerth und Acid Pauli gebauten und programmierten analogen Synthesizer, der zufallsgesteuert bis Ende dieses Jahres zirka 8000 Stunden sich nicht wiederholende Musik erzeugen wird. „Die Hintergrundmusik ist sowohl vorhersehbar als auch innerhalb der Vorhersehbarkeit über­raschend. Sie ist periodisch. Sie deutet Entfaltung an, ohne sich zu entfalten. Sie führt bis zu genau jener Unvermeidlichkeit, die sie leugnet“, schreibt David Foster Wallace im Kapitel 16 (Szene 54) seines Romans. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk hat Andreas Ammer behauptet, dass die Idee, nach diesem Vorbild eine Musikmaschine zu bauen, am Anfang stand. Man habe sich nur noch auf die Suche nach einem passenden Projekt dafür machen müssen, das man dann mit „Unendlicher Spaß“ gefunden habe.

Eben dieses Kapitel 16, das sich um die Radiosendung „Plus/minus sechzig Minuten mit Madame Psychosis“ dreht, ist vielleicht noch besser geeignet, in die Denkwelten des Romans von David Foster Wallace einzuführen als „Anmerkung 24“. Denn die Moderatorin Madame Psychosis hat eine Leidenschaft für „avant- wie aprèsgardistisches und vor allem antikonfluentielles Kino“. Letzteres zeichnet sich durch „sture und unter Umständen absichtlich irritierende Abstinenz von verschiedenen in ein Bedeutungsganzes mündenden Erzählsträngen“ aus. Was man auch von einigen Filmen der Romanfigur James O. Incandenza sagen kann, die in der Anmerkung 24 mit ihren bibliografischen Daten und Inhaltsangaben aufgezählt werden.

„Unendlicher Spaß“ – im englischen Original: „Infinite Jest“ – ist nicht nur der Titel des Romans, sondern auch der Titel des letzten Films von Incandenza, dessen Wirkung so suggestiv ist, dass jeder Zuschauer nichts anderes will, als ihn permanent zu sehen, wobei er letztendlich elend zugrunde gehen wird. Eine frankokanadische rollstuhlfahrende Separatistengruppen Gruppe, die sich „Assassins des Fauteuils Rollents“ (A.F.R.) nennt, will diesen Film, so wird es im Buch erzählt, als Waffe gegen die Organisation Nordamerikanischer Nationen (O.N.A.N.), dem Nachfolgestaat der USA, Mexikos und Kanadas, einsetzen. Der 1996 erschienene Roman von Wallace spielt größtenteils im Jahr 2009, das im Roman „Jahr der Inkontinenz-Unterwäsche“ heißt, da die kalendarische Datierung, um das Steueraufkommen zu steigern, an Sponsoren verkauft worden ist. Ältere Daten werden mit dem nicht genauer spezifizierten Vermerk „vor der Sponsorenzeit“ versehen.

Das Werk von James O. Incandenza spiegelt die barocke Vielfältigkeit des Romans wider, seine anarchische Erzählweise und auch seinen parodistischen Humor. Paradoxerweise geschieht dies aber in der strengen Form einer Liste. Aber mit nicht-narrativen Strukturen und deren Transformationen ins Akustische kennt Andreas Ammer sich aus, wie man unter anderem in seiner Verhörspielung des Lexikonartikels „Gott“ aus der „Allgemeinen Encyclopädie der Wissenschaften und Künste“ von Ersch/Gruber hören konnte (vgl. FK-Kritik). Auch da hatte er sich mit Katharina Franck einer nicht-professionellen Sprecherin bedient.

Doch das lässt sich nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ steigern. Im erwähnten Deutschlandfunk-Interview mit Michael Langer beschreibt Ammer, dass sich seinem Eindruck nach, die vielen Sprecherinnen und Sprecher des „Unendlichen Spiels“ zu einer überindividuellen Einheit auflösen, als ob „Gott uns diesen Roman vorspricht, in seiner göttlichen Komödie, die er uns hier auf der Welt hinterlassen hat“. Das ist natürlich genauso paradox wie die ironische Intervention von Incandenzas Ehefrau am Ende des Radiokapitels: „Ich will auf keinen Fall, dass du Spaß hast.“

16.09.2016 – Jochen Meißner/MK