Hermann Hesse: Siddhartha. 3‑teilige Hörspielfassung (HR 2 Kultur)

Stimmige Adaption

11.07.2016 •

In einer persönlichen Krise reiste der 34-jährige Hermann Hesse im Jahr 1911 nach Indien, wo sein Vater als Missionar tätig gewesen war. Die ersten schriftstellerischen Zeugnisse der Indien-Erfahrungen und der Begegnung mit der hinduistischen Religion waren der Reisebericht „Aus Indien“ und die Erzählung „Robert Aghion“; beide Werke belegen die Faszination des deutschen Dichters für die fernöstliche Religiosität. Im Jahr 1922 erschien dann die nachhaltige Auseinandersetzung Hesses mit dem Hinduismus: die lange Erzählung „Siddhartha. Eine indische Dichtung“, die in über 30 Sprachen in mehreren Millionen Exemplaren publiziert worden ist und seit der Hippie-Bewegung Kultstatus hat.

Hesse (1877 bis 1962) hatte mit seiner Erzählung keine unkritische Glorifizierung des Hindu­ismus im Sinn. So schrieb er zum Beispiel an anderer Stelle: „Siddhartha ist der Ausdruck meiner Befreiung vom indischen Denken. Ich bin kein Vertreter einer festen, fertig formulierten Lehre, ich bin ein Mensch des Werdens und der Wandlungen. [...] Der ganze Siddhartha ist ein Bekenntnis zur Liebe. Ich suchte das zu ergründen, was allen menschlichen Formen der Frömmigkeit gemeinsam ist. [...] Du sollst dich nicht nach einer vollkommenen Lehre sehnen, sondern nach der Vervollkommnung deiner selbst. Die Gottheit ist in dir, nicht in den Begriffen und Büchern. Die Wahrheit wird gelebt, nicht doziert.“ Damit hat Hesse den Ausgangs- und den Endpunkt von Siddharthas Entwicklungsgeschichte bezeichnet.

Der Siddhartha der Erzählung hat ein historisches Vorbild im 5./4. Jahrhundert v. Chr., der Name bedeutet „der sein Ziel erreicht hat“. Siddhartha wächst als Sohn eines Brahmanen auf, eines Priesters der obersten Kaste der Hindus, und erfüllte die höchsten Ansprüche an einen künftigen Brahmanen. Trotz aller denkbaren Privilegien verlässt er mit seinem Freund Govinda die vorgezeichnete Lebensbahn, nachdem er die Weisheitslehren seiner Lehrer als lebensfern erkannt hat: „Ich will mich kennenlernen, das Geheimnis Siddhartha auf dem Weg zu sich selbst.“ Er ist auf der Suche nach dem Atman, dem „Unzerstörbaren im eigenen Ich, dem Urquell“ der Einheit von Wissen und Leben.

Siddhartha beginnt seine Bildungsreise bei den in extremer Askese lebenden Samanas, aber auch in den Lehren des Buddhas Gotama („Erlösung findet, wer den Weg des Buddha geht“) erkennt er die Gefahr der Fremdbestimmtheit. Govinda schließt sich den Samanas an, Siddhartha zieht weiter und will die Verheißungen der Sinnenfreuden des Lebens kennenlernen. Mit der Kurtisane Kamela erlebt er den Rausch sexuellen Erlebens und er erlangt als Handelskaufmann großen Reichtum.

Siddhartha ist bereits in den vierziger Jahren, als er voller Ekel die Falschheit seines Lebens erkennt und erneut einen radikalen Bruch vollzieht. In einem Fluss will er seinem Leben ein Ende setzen, als er den Klang des „heiligen Om, das Anfangs- und Schlusswort aller brahmanischen Gebete“ vernimmt. In Gesprächen mit dem weisen Fährmann Vasudeva lernt er, dass er sein Leben nach dem Om, der vollkommenen Einheit alles Seienden, ausrichten muss. Viele Jahre später, als „greiser Heiliger“, besucht ihn Govinda, der Siddharthas „Lächeln der Einheit über den strömenden Gestaltungen“ erkennt. Siddhartha glaubt sich am Ziel: „Mir liegt einzig daran, die Welt lieben zu können.“

Heinz Sommer, Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks (HR) und gelegentlich noch als Hörspielbearbeiter tätig, hat „Siddhartha“ jetzt für den Funk eingerichtet und dabei eine detailgetreue Adaption verfasst, die der Erzählstruktur der Vorlage exakt folgt und mit 255 Minuten Spielzeit weit mehr als nur das Wesentliche des in der Taschenbuchausgabe 115 Seiten umfassenden Werks erfasst. Dem großen Erzählpart (Iris Berben mit Vorlesegestus) hat Sommer sehr überzeugend Dialoge integriert, die in der Transformation Hesses Sprachduktus erhalten.

Das Hörspiel wurde im Programm HR 2 Kultur als Dreiteiler ausgestrahlt, wobei die drei jeweils rund 85 Minuten langen Teile für drei Lebensphasen Siddharthas stehen. Regisseur Leonhard Koppelmann hat das Stück streckenweise als Lesedrama mit Rollenverteilung inszeniert, aber in markante Textpassagen auch verdichtete Szenen mit Geräuschkulissen und einem atmosphärisch stimmigen Soundtrack des Komponisten Ali N. Askin montiert. Die Rollen von Siddhartha und Govinda sind je nach dem Lebensalter mit drei Sprechern besetzt, und sie sind mit Christian Friedel, Matthias Koeberlin und Hans-Michael Rehberg (Siddhartha) sowie Steffen Siegmund, Ulrich Noethen und Wolf-Dietrich Sprenger (Govinda) jeweils sehr gut besetzt. Das gilt ebenso für Nora von Waldstätten als Kurtisane und Udo Samel als reicher Handelskaufmann. Die acht genannten Schauspieler haben die größten Rollen im großen Sprecher-Ensemble dieses gelungenen Hörspiels.

11.07.2016 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 21/2020

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