Christian Petzold: Polizeiruf 110 – Wölfe (ARD/BR)

Die Welt der Figuren

16.09.2016 •

„Wölfe“ ist der zweite Film, den Christian Petzold zur ARD-Reihe „Polizeiruf 110“ als Drehbuchautor und Regisseur beigesteuert hat. Beide Filme entstanden im Auftrag des Bayerischen Rundfunks (BR). Wie in seinem ersten Beitrag für die Krimireihe, der unter dem Titel „Kreise“ Ende Juni vorigen Jahres lief, hat Petzold der Reihenfigur des in München ermittelnden Kriminalkommissars Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) erneut die Kollegin Constanze Hermann (Barbara Auer) zur Seite gestellt, die damals für eine kurze Zeit nach Bayern versetzt worden war.

Wie sich in „Kreise“ (vgl. MK-Kritik) die beiden annäherten, wie sie in Halbsätzen miteinander sprachen, wie sie sich vorsichtig, da jeweils eine erneute Enttäuschung fürchtend, ineinander verliebten und dennoch auf Distanz blieben, wie sie auf eine ähnliche Weise komisch sein konnten, das verlieh „Kreise“ nicht nur eine große Emotionalität, wie man sie in Reihen- und Serien-Krimis nicht kennt, sondern auch eine wunderbar leichte Komik. Als Constanze Hermann am Ende von „Kreise“ abrupt wegfuhr, hoffte man auf eine Wiederbegegnung mit den beiden Figuren wie mit den beiden wunderbaren Schauspielern, die sie verkörpern. Eine Hoffnung, die einem Christian Petzold nun mit der Folge „Wölfe“ erfüllte.

Petzold knüpfte mit dem zweiten „Polizeiruf“ an seinen ersten Film an und erzählte also wie nebenbei so linear, wie es alle von den amerikanischen Serien lieben. Die Beziehung der beiden ging weiter und veränderte sich zugleich. Der Alkoholismus der Frau wurde nun deutlicher akzentuiert, während der Film die Isolation des Mannes im Getriebe der Münchner Polizei fast selbstironisch zelebrierte: Der genretypische Streit mit dem Vorgesetzten ist nur von ferne aus der Perspektive der Frau zu sehen und nichts ist von der Auseinandersetzung zu hören, was aber nicht stört, da er ihr schon vorweg erzählte, was bei einem solchen Gespräch mit der Hierarchie herauskäme.

Wie im ersten Film sprechen die beiden Hauptfiguren viel miteinander – am Telefon, bei langen Autofahrten, in einer Kneipe – und sie rauchen immer wieder, selbst dort, wo es strikt verboten ist. Dass sie in Kürzeln sprechen, dass sie ohne weitere Erklärungen auf Szenen aus Filmen von Jean-Pierre Melville („Vier im roten Kreis“) und Stuart Rosenberg („Ein Fall für Harper“) anspielen oder sich auf einen Song von Burt Bacharach (Komponist) und Dionne Warwick (Interpretin) beziehen, dass sie öfter beredt schweigen, all das hat eine Selbst­verständlichkeit, die einen als Zuschauer weiterhin bezaubert. Hier spielt sich eine Liebesgeschichte bar jeden Kitsches ab und eben ohne die Verheißung von Erlösung, eine Liebesgeschichte, die also ihre Figuren ernst nimmt und von den Schauspielern mit mimischer Reduktion und Konzentration vorgeführt wird.

Aber „Wölfe“ ist auch ein Kriminalfilm, der von zwei rätselhaften Todesfällen erzählt, bei denen jeweils das Gesicht der jungen weiblichen Opfer durch Biss- und Kratzspuren entstellt wurde. Während Constanze Hermann den ersten Fall wie nebenbei in einem Telefonat aufklärt, wird sie in den zweiten selbst hineingezogen. Sie begegnet dem Täter kurz nach dessen Tat, doch sie traut ihren Sinnen nicht, da sie einen alkoholischen Rückfall erlitten hat und mindestens acht Gin Tonic getrunken hatte.

Diese vermeintliche Sinnestrübung irritiert auch den Zuschauer, der ebenfalls sah und an anderer Stelle hörte, was die Kommissarin wahrgenommen hatte. Tatsächlich – und hierin besteht die wahre Aufklärung des zweiten Mordfalls – hat Constanze alles richtig wahrgenommen, aber das vermeintlich Phantastische – der Täter hatte sich als Wolfsmann verkleidet – nicht auf reale Ursachen zurückgeführt, sondern auf den Grad ihrer Trunkenheit. Wer den Film genau schaute, also dessen immanente Regeln erkannte, konnte das früh begreifen. Nur wer all die erzählerischen Tricks, mit denen Krimis gerade mit subjektiven Erlebnisformen oft überfrachtet werden, für eine Norm hält, musste in Schwierigkeiten geraten.

Ähnlich ist es mit dem Realismus der Erzählung. Bei Petzold kann jemand, der auf der Flucht zwei Meter hinabspringt, sich den Fuß brechen, während die Genrekonvention hier selbst bei Sprüngen aus größeren Höhen gerade einmal ein kurzes und also rein retardierendes Innehalten ob des Schmerzes kennt. Umgekehrt gibt es bei Petzold in einer Dorfkneipe kein Rauchverbot, wie es die Politkommissare unter den Zuschauern in ihren dümmsten Tweets während der Ausstrahlung monierten; dafür steht aber in der Kneipe eine Musikbox mit einem Soulstück aus den 1970er Jahren („Anyone Who Had A Heart“). Kurz: Es geht Christian Petzold nicht um ein Nachbeten jener simplifizierenden filmischen Regeln, die das deutsche Fernsehen in seinen vielen Krimiserien ausgebildet hat, noch um das Nachbilden einer statistisch auf Durchschnitt gemendelten Realität, sondern um eine Welt, wie sie die Figuren er- und durchleben.

Dazu zählen auch alle Versatzstücke zum Thema, das der Filmtitel benennt. In diesem Spiel um die Bedeutung, die Wölfe in der abendländischen Geschichte wie in der Medienrealität der Gegenwart besitzen, hat Petzold mehr Pointen untergebracht, als es das Kollektiv der Twitterer auf seinem Trip eines krampfhaften Humors schaffte. Und es waren diese Anspielungen auf den Furor, den die Störung des Sozialen in einer Dorfgesellschaft auslöst, wie auf die Ausgrenzung, die jemand erlebt, der anders aussieht als der Durchschnitt, die den Film und seine Krimihandlung substantiierten: Verbrechen sind stets ein Spiegel dessen, was eine Gesellschaft selbst dann kennzeichnet, wenn sie sich von ihnen – vor allem im Fernsehkrimi – demonstrativ distanziert.

Am Ende dieser „Polizeiruf“-Folge (6,51 Mio Zuschauer, Marktanteil: 21,0 Prozent), als Petzold kurz mit dem Mustern des Thrillers spielt, um dann resolut mit ihnen zu brechen, ging es erneut um die kommunikative Schwierigkeit, sich einem anderen Menschen gegenüber auszudrücken. Der Täter führt eine Situation herbei, in der ihm die beiden Kommissare zuhören müssen. Sein Geständnis der bizarren Tat war weniger im technischen Sinne der Krimi-Erzählung wichtig, als vielmehr als Hinweis darauf, dass Tierliebe – die in diesem Film mannigfach thematisiert wird – auf einer Enttäuschung in Beziehungen zu Menschen gründet.

16.09.2016 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 12/2019

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