Christoph Silber/Buket Alakus: Die Neue (ZDF)

Islam und Schule

21.10.2015 •

„Der Senat lässt Sie bei der Integrationsarbeit natürlich nicht im Stich“, sagt der Mann von der Schulaufsicht zu der angesichts einer streng muslimischen Schülerin überforderten Klassenlehrerin und ihrem Rektor. Um danach generös eine Broschüre mit dem Titel „Islam und Schule“ zu verteilen und sich freundlich zu verabschieden. Ein hellsichtiger, bitter-komischer Moment in diesem Film. Außer schönen Reden und theoretischen, sicher sehr vernünftigen Ratschlägen für den gemeinsamen Schulalltag ist hier von der Politik nichts zu erwarten.

Mit der konkreten Situation vor Ort müssen die Beteiligten schon selber zurechtkommen, was in „Die Neue“ die ganze Palette des menschlichen Miteinanders erfordert: Aufeinander zugehen und Abgrenzung, Verständnis und Ablehnung, Vertrauen und Vertrauensmissbrauch, Diskussion und Streit, klare Absprachen und Improvisation. Alles beginnt damit, dass die tief religiöse Sevda (Ava Celik) neu in die Klasse der engagierten, liberalen Deutsch-Lehrerin Eva Arendt (Iris Berben) kommt. Sevda trägt einen Hijab, weigert sich, neben einem männlichen Mitschüler zu sitzen, und ebenso, am Sportunterricht teilzunehmen. Die Schülerin ist selbstbewusst und klug und weiß ihre Forderungen wortgewandt zu verteidigen.

Eva ist fasziniert von Sevda und will sie verstehen, will eine Brücke bauen zwischen der säkularen Schule und der muslimischen Schülerin. Auch im Privatleben der rationalen Lehrerin spielt Religion plötzlich eine Rolle, als deren Mutter stirbt: Eva entdeckt, dass Glaube Trost und Orientierung geben kann. Indem sich Eva, angestoßen durch den Verlust der Mutter, aber auch die Begegnung mit der muslimischen Schülerin, selbst öffnet, sich mit den eigenen Defiziten befasst, öffnet sie sich auch für Sevda und deren Fremdheit. Sogar eine Moschee besucht sie mit ihr und sie verteidigt Sevda vor dem Kollegium. Darüber vergisst sie zwischenzeitlich die andere Seite, die westlich geprägten Schüler, die sich allein gelassen fühlen, die Sportlehrerin, die es nicht richtig findet, mit der Sportbefreiung für Sevda einen Präzedenzfall zu schaffen.

Es ist das große Verdienst dieses ZDF-„Fernsehfilms der Woche“, das schwierige Miteinander der verschiedenen Kulturen und Religionen aufzuzeigen, ohne sich auf eine einfache, realitätsferne Schematik zurückzuziehen. Wie verzwickt die Situation ist, wenn Toleranz bedeutet, womöglich auch die Nicht-Toleranz der anderen Seite zu akzeptieren, wie schmal der Grat ist zwischen den Anforderungen, niemanden zu diskriminieren und alle ‘mitzunehmen’, Religionsfreiheit zu gewähren und einen säkularen Schulalltag aufrechtzuerhalten – all das verdeutlicht „Die Neue“ (Buch: Christoph Silber nach einer Idee von Regisseurin Buket Alakus) und dadurch regt der Film sicherlich zum Nachdenken an.

Schade nur, dass man eben auch das Papier sehr rascheln hört, das diesem Thesenstück zugrunde liegt, dass diese Produktion eine insgesamt doch eher blutleere Kopfgeburt ist. Der Film ist primär ein gut gemeinter Appell für gegenseitigen Respekt, die Story bleibt dabei zweitrangig und wird ganz den Thesen untergeordnet. Insofern ist es nur konsequent, dass einem die beiden zentralen Frauenfiguren eher fremd bleiben, bei aller wortreichen Verteidigung ihrer Haltungen und trotz der zahlreichen Zuschreibungen, die etwa Eva Arendt zum Sinnbild der rationalen, aber eben auch ziemlich selbst-entfremdeten ‘Gutmenschin’ machen sollen. Dass Iris Berben diese Eva Arendt spielt, erhöht den etwas didaktischen und moralistischen Duktus noch – das liegt ungerechterweise nicht an ihrem Spiel, sondern vielmehr an ihrem öffentlichen Image der gewissermaßen unfehlbaren, politisch engagierten Person.

Drehbuch und Regie arbeiten diesem Duktus aber auch nicht gerade entgegen: So wartet „Die Neue“ (Produktion: H&V Entertainment) gegen Ende mit einem langatmigen Plädoyer auf, mit dem Eva Arendt vor ihrer Klasse darüber doziert, wie wichtig es sei, aufeinander zuzugehen, einander zuzuhören. Und in den letzten Einstellungen des Films werfen sich alle – die 150-prozentige Muslima, der säkulare Türke, die knapp gekleidete Blondine, die nach einem Ausflug in den Glauben nun wieder kopftuchlose Deutsche, die trotz Hijabs mit dem Banknachbarn flirtende Mitschülerin und ihre für all das Verständnis aufbringende Lehrerin – bedeutungsvolle, lange Blicke zu. Das ist dann doch ein ganzes Stück zu viel des Guten und eine Flucht in eine Deutlich- und Eindeutigkeit, die es bei diesem Thema so natürlich nicht geben kann. Mit diesem in Worte und Blicke gegossenen finalen Wunschtraum für mehr Miteinander konterkariert der Film zudem allzu naiv das eigene Bestreben, der komplizierten Realität Rechnung tragen zu wollen. („Die Neue“ hatte 5,35 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 16,5 Prozent.)

21.10.2015 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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