Klare Worte über das öffentlich-rechtliche Fernsehen – geäußert von einer, die einzog in das System und das System nun kritisiert, nachdem sie es gerade wieder verlassen hat 

16.10.2015 •

Es gebe keine Gesamtstrategie. Man habe eklatante Fehler begangen. Das System sei überbürokratisiert, das schade insbesondere Experimenten, wenn es sie nicht sogar verunmögliche. Und das System verzettele sich im Kleinteiligen. Die hohen Aufwendungen für technische Weiterentwicklungen und für eine immense, in den nächsten Jahren weiter anwachsende Pensionslast führten dazu, dass man beim Programm dramatisch sparen müsse.

Das sind klare Worte über das öffentlich-rechtliche Fernsehen, die da geäußert wurden. Ihnen kann man kaum widersprechen, was auch daran liegt, weil sie von der ernsthaften Fernsehkritik bereits seit vielen Jahren geäußert wurden. Neu an ihnen ist deshalb allein, wer sie da gerade ausgesprochen hat – die ehemalige Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks (BR), Bettina Reitz. Sie äußerte diese Kritik in einem Interview mit der „Zeit“ (Ausgabe vom 15. Oktober), wenige Tage nachdem sie vom BR in die vom BR dominierte Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München gewechselt war. Sie amtiert dort seit dem 1. Oktober als erste hauptamtliche Präsidentin. Bislang waren die Präsidenten dort nur im Nebenamt und meist hauptamtlich im BR tätig – meist als Fernsehdirektoren.

Nicht allem, was Bettina Reitz im Interview mit Katja Nicodemus äußerte, muss man zustimmen. Das Ende des linearen Fernsehens, das sie prophezeit, steht noch lange nicht ins Haus. Absurd auch die Idee, dass ein nur rechtzeitig freigegebener Jugendkanal den Mangel an jüngeren Zuschauern für die öffentlich-rechtlichen Sender behoben hätte. Anderes trifft wiederum genau ins Schwarze: Warum beispielsweise in den Nachrichten die Kultur kaum noch vorkommt, während jeder Spieltag der Fußball-Bundesliga breit erwähnt wird, verrät tatsächlich mehr über die Gesinnung in den Sendern und Redaktionen als jede Programmstudie. In diesem Zusammenhang richtig die Erkenntnis: „Wir haben die Kultur auf Spartensender wie 3sat geschoben.“

Produktiv sind die Vorschläge von Bettina Reitz für die Filmförderung, etwa deren Gremien zu verkleinern und deren Mitglieder regelmäßig auszutauschen. Sie deutet auch an, dass es gut sei, wenn sich das Fernsehen gänzlich aus der Kinofilmförderung zurückzöge, da Kino eben anders funktioniere. Spannend wäre zu erfahren, wer nach ihrer Ansicht in den Gremien an die Stelle der Redakteurinnen und Redakteure der Sender treten sollte?

Vorschläge für die Reform des öffentlich-rechtlichen Fernsehens scheint Bettina Reitz nicht zu besitzen. Hier scheint sie absolut schwarz zu sehen, was in der steilen Metapher gipfelt, dass sie sich „irgendwann wie eine Art Sterbebegleiterin des klassischen Fernsehens“ gefühlt habe. Hier fragt die Interviewerin leider nicht weiter nach. Mit welchen Programmideen ist Reitz konkret an der „Wand der Kontrollinstanzen“, von der sie an einer Stelle spricht, abgeprallt? Welche konkreten Reformvorschläge des Systems hat sie unterbreitet und wie sind diese im Apparat und an den Gremien gescheitert? Welche Gesamtstrategie für ein anderes öffentlich-rechtliches Fernsehen hatte sie, als sie 2012 ihr Amt als BR-Fernsehdirektorin antrat? Und noch ein Letztes: Weshalb hat Bettina Reitz auf Podien und Gesprächen das System, das sie jetzt mit einem gewissen Recht kritisiert, immer vehement verteidigt, als sie ihm angehörte?

Und noch eine allerletzte kleine Frage: Warum äußert sie all dies in einem Blatt, das sich schon seit Jahren nicht mehr für das Fernsehen interessiert und das den Schmäh über das öffentlich-rechtliche Fernsehen zur Litanei erhoben hat, wie man der – wie immer – leicht ranzigen Glosse seines Mitherausgebers Josef Joffe auch in der Ausgabe mit dem Reitz-Interview entnehmen kann, in der mal wieder vom „zwangsfinanzierten ARD-ZDF-Fernsehen“ die Rede ist?

16.10.2015 – Dietrich Leder/MK