Rainer Komers: Ruhr Record (Arte)

Komplexe Augenreise

16.10.2015 •

„Apfel.“ „Banane.“ „Computer.“ „Insel.“ „Katze.“ Jedes Wort, das die Lehrerin vorspricht, sagen ihre Sprachschüler, ins Ruhrgebiet gekommene Migranten, nach. Dann entflammt sie ein BIC-Feuerzeug und sagt: „Feuer.“ Schnitt. Wir sehen durch eine spezielle Sichtscheibe ins Innere eines Hochofens. Diese Montage wirft den Zuschauer mitten ins Thema hinein. Wir sehen Bilder von Flammen, geschmolzenem Eisen und von Menschen, die dieses Feuer auf unterschiedliche Weise hüten. Bergarbeiter befördern die Kohle zutage, die für die Verhüttung notwendig ist. Doch der einst dominante Industriezweig des Bergbaus wird bald aussterben. Von diesem Wandel handelt „Ruhr Record“, der neue Film von Rainer Komers. Doch dieses Thema bildet hier nur einen Teilaspekt einer verzweigten Assoziationskette.

Der 1944 geborene Dokumentarfilmer ist eine Art Weltenbummler. Er drehte Filme unter anderem in Alaska („ErdBewegung“; vgl. FK 22/04), in Japan („Kobe“; vgl. FK 45/07) und im Jemen („Ma’rib“; vgl. FK 24/09). Nun ist er in seine Heimat zurückgekehrt, das Ruhrgebiet; er wohnt in Mülheim. Dabei blieb der Filmmacher seiner unverwechselbaren Methode treu. Komers sammelt Momente, Stimmungsbilder. Er zeigt Lebenssituationen, Wohnräume, Einkaufs­zentren, Arbeitsbereiche, Verkehrsströme und Freizeitrefugien. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Technik, im Kleinen und im Großen. Zu sehen sind abwechselnd gigantische Industrieanlagen und filigrane Mechanismen. Was Komers dabei jeweils interessiert, ist jenes selbstverständliche Funktionieren, von dem niemand mehr Notiz nimmt. Dadurch bekommen seine Betrachtungen zuweilen einen geisterhaften Charakter.

Rainer Komers gilt als „Meister der Beobachtung“. Das ist zweifellos richtig, trifft indes nicht ganz den Kern der Sache. Mehr als andere Dokumentaristen arbeitet er mit einer spezifischen Form von Montage, die an Walter Ruttmanns Klassiker „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) erinnert. Im Gegensatz aber zu dessen Bildassoziationen, die immer durch Klaviermotive präzise gesteuert und getaktet waren, arbeitet Komers nicht mit unterlegter Musik, sondern mit den jeweils vorhandenen O-Tönen, zu denen zuweilen auch Wörter und Dialogfragmente gehören. Nichts läge ihm ferner, als eine „Sinfonie des Ruhrgebiets“ zu komponieren. Die jeweiligen Motive werden bei Komers anders als bei Ruttmann miteinander verknüpft. Durch seine Montage entsteht in seinem neuen Film der Eindruck, als würde das Ruhrgebiet selbst seine Geschichte erzählen.

Zu dieser Geschichte gehört das Förderband, das die Kohle aus der Tiefe der Erde nach oben bringt. Bilder von Förderbändern korrespondieren mit denen eines Freizeitparks, der den Platz einer Industrieanlage eingenommen hat. Wo früher Rohstoffe transportiert wurden, amüsieren sich nun Menschen auf einer Art Achterbahn, die irgendwie an das Förderband erinnert. Im Wandel gleichgeblieben ist die Technik jener Bewegung, deren vielfältigen Erscheinungsformen der Film mit einem weitverzweigten Netz von Assoziationen nachspürt.

Immer wieder sind Menschen zu sehen, die schweigend auf Bildschirme starren. Sie kontrollieren gigantische Apparaturen, doch gleichzeitig entsteht der Eindruck, als wären sie Teil eines Regelkreislaufs, bloßes Anhängsel der Technik. Statt eine Entfremdung zu beklagen, zeigt Komers aber immer wieder, welche Refugien Menschen sich mitten in diesem unüberschaubaren Megaorganismus aus Stahl, Feuer und lärmenden Autobahnen schaffen. Da ist etwa ein Rentner zu sehen, der sich in dieser vom Verkehrs­lärm umtosten Industrielandschaft eine grüne Oase mit Fischteich geschaffen hat. So lotet die Dokumentation (Produktion: Strandfilm) ein erst auf den zweiten Blick erkennbares Gleichgewicht zwischen Mensch und Technik aus.

„Ruhr Record“ ist eine sehr eigene Form der Liebeserklärung. Der 45-minütige Film – vom WDR fürs Arte-Programm beigesteuert – dechiffriert ein komplexes urbanes Muster und entwickelt dabei eine geradezu hypnotische Sogwirkung. Mehrmaliges Ansehen ist bei dieser Augenreise durch die Welt des Stahls und der Hochöfen unbedingt empfehlenswert. In der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober läuft der Film um 2.55 Uhr noch einmal bei Arte. Am besten: Aufnehmen! Denn in der Arte-Mediathek wird er dann nur noch sieben Tage abrufbar sein.

16.10.2015 – Manfred Riepe/MK

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