Lutz Hachmeister: Der Hannover‑Komplex. Der Aufstieg zum Machtzentrum der Bundesrepublik (ARD/WDR/SWR/NDR/RBB/Phoenix)

Supernormal

02.05.2016 •

Umwege sind Denkwege. Sie führen nicht immer zum Ziel, bringen aber manches ans Licht, was sonst unbemerkt oder unentdeckt geblieben wäre. Wer will schon nach Hannover? Was hat diese mittelmäßige Graumaus, diese mausgraue Mittelmäßige schon zu erzählen? Bretter vorm Kopf abmontieren, Provinz entdecken, den Ort, seine Menschen und den Prägedialog zwischen Mensch und Ort studieren. Das muss sich Lutz Hachmeister gedacht haben, als sein geplanter Film über den zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff aus verschiedenen Gründen nicht realisiert werden konnte und stattdessen ein Film über Hannover als politisches Machtzentrum entstand. Dieser Schwenk war ebenso naheliegend wie trefflich, denn das Drama des Christian Wulff war auch ein Hannover-Drama. Nur wer Hannover entkommt, schafft es nach oben, wer es nicht abschütteln kann, dieses filzige Kumpel- und Kameradennest, stürzt, weil es ihn einholt, weil es ihm nachläuft.

Hachmeister ist sicher einer der originellsten Dokumentaristen, weil er an der Analyse von Strukturen und politischen Systemen interessiert ist, zugleich aber stets wissen will, wie diese sozialen Energien durch Menschen „fließen“, sie formen, wie Menschen diesen Prägeprozessen standhalten oder daran zerbrechen. In diesem Sinne waren zum Beispiel schon seine Filme „Sozialdemokraten – Achtzehn Monate unter Genossen“ (vgl. FK-Artikel) oder „Auf der Suche nach Peter Hartz“ (vgl. FK-Kritik) aufschlussreiche Studien, weil sie es dem Zuschauer ermöglichten, Lebenswege als Überzeugungswege, als Ideen- und Wertedramen nachzuvollziehen.

Diese Interessen hat Hachmeister nun auch in seinem 90-minütigen Dokumentarfilm „Der Hannover-Komplex“ verfolgt (Produktion: Eikon/HMR). Der Titel weist dabei den Weg: Hannover, die niedersächsische Landeshauptstadt, das ist ein Eliten-Netzwerk, ein personeller Komplex und es ist zugleich eine psychische Deformation, ein Sich-Kleinmachen, Sich-Wegducken der Hannoveraner, die sich wohl nie so recht darauf verstanden, die gelungene Normalität, das mittlere Maß offensiv zu verteidigen. Um in das Hannover-Milieu einzutauchen, dockt Hachmeister zunächst bei Götz von Fromberg an, jenem legendären Anwalt und Notar, der es schafft, gleichzeitig mit Altkanzler Gerhard Schröder (SPD), dem Unternehmer Carsten Maschmeyer, dem Hannoveraner „Hells-Angels“-Chef Frank Hanebuth, mit Scorpions-Leadsänger Klaus Meine oder „Panik-Rocker“ Udo Lindenberg befreundet zu sein.

Der prominente Anwalt gibt den Stadtführer, zeigt Knotenpunkte der Geselligkeit, wo man sich trifft, trinkt, genießt, Geschäfte abschließt und Fünfe gerade sein lässt. Fromberg personifiziert die pragmatische Geselligkeit, die ideologie- und vorbehaltlose Berührungsfreude, wenn man das Gegenüber als Kumpel identifiziert hat. Es folgt eine Vielzahl von Interviewpartnern, die mal mehr, mal weniger überzeugend Hannover als politische Bühne und Trainingscamp für die große Bundespolitik beschreiben. Eher blass bleiben dabei die Kabarettistin und niedersächsische CDU-Pressesprecherin Sabine Bulthaup, der Hörgeräte-Unternehmer Martin Kind oder der Drogerieketten-Besitzer Dirk Roßmann, obschon die beiden Letztgenannten unbedingt in diesen Film gehören.

Etwas bigott kommt Reimar Oltmanns daher, der frühere Hannover-Korrespondent der Zeitschrift „Stern“. Wo Oltmanns politisch analysiert, etwa Niedersachsen und Hannover als Kerngebiet der Deutsch-Nationalen beschreibt, ist er verlässlich; wo er sich jedoch über Schröders und Wulffs Ehe- und Liebesleben auslässt, wird es etwas klebrig-boulevardesk. Da werden Sigmar Gabriel, Jürgen Trittin oder Giovanni di Lorenzo deutlich präziser und politischer. Vor allem Jürgen Trittin überzeugt mit klugen Analysen, zeigt sich als Politiker, der über den Tag hinaus, aber eben auch dem Tag hinterher denkt, der ein Gedächtnis hat, der politische Konstellationen zu deuten weiß.

Durch die verdichtende Verknüpfung der Interview-Passagen und der Archivmaterialien gelingt Hachmeister eine erhellende und überzeugende Mentalitäts- und Milieustudie, eine Machtstudie in nuce, die zeigt, warum Hannover zur bundespolitischen Casting-Miniature wurde. Wer sich hier in Pragmatismus übt, wer sich hier als Standort- und Wirtschaftspolitiker ausbildet (Niedersachsen als VW-Anteilseigner), sich einen industriefreundlichen Sound aneignet, wem es hier gelingt (wie etwa Schröder mit dem frühen Rot-Grün-Landesbündnis), konfliktreiche Koalitionen zu moderieren, wer es schafft, sich nach oben zu kumpeln, mal mit der Leber, mal mit dem Verstand regiert, wer sich hier im vorpolitischen Raum, etwa im Stadion von Hannover 96, in den Restaurants und Kneipen der Stadt, als bündnisfähig erweist, der oder die ist gerüstet für die Bundeshauptstadt, für die große Politik.

Man reist mit diesem Film (1,27 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,2 Prozent) gerne durch die niedersächsische Provinz und ihre Zeitläufte, weil sie etwas Eigenes hat, weil sie aber auch modellhaft dafür steht, wie die föderale Bundesrepublik verfasst ist. Spannungsvoll ist auch die Begegnung mit einem der ersten Medienpolitiker der Bundesrepublik, dem einstigen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (1930 bis 2014) von der CDU, der ein Kamera-Gen besaß und sich mit Homestorys als leutseliger Landesvater inszenierte, während er als Politiker und Machttechniker doch eher ein kalt und unnahbar operierender Stratege war. Die heutige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist eine Tochter Ernst Albrechts und auch ihre Karriere ist ein Teil des Hannover-Komplexes.

Aufschlussreich ist Hachmeisters Interesse für Details, für ästhetische oder alltagsgeschichtliche Signaturen, etwa das Design der Hannoveraner Straßenbahnen von Jasper Morrison, das unter dem Label „Supernormal“ läuft. Der Film hat den Blick und die visuelle Sonde für die Supernormalität und erkundet sie ertragreich. Lutz Hachmeister besitzt ein geschultes Sensorium für das Nachwirken und Nachzittern von Denk- und Verhaltensmustern. Ein beiläufig hübsches, jedoch bezwingendes Strukturmoment des Films ist das Niedersachsenlied („Wir sind die Niedersachsen, sturmfest und erdverwachsen“), das in verschiedenen Versionen durch die Jahrzehnte dargeboten wird.

Die Zeit selbst wird in diesem Film zur Darstellerin, denn hier gibt es kein Drama, keinen Höhepunkt, kein Finale, auf das die Untersuchung zusteuert. Diese mäandernde Such- und Erzählbewegung hebt sich wohltuend ab von jenen Aufstiegs- und Sturzdramen, die in diesem Bereich so oft angeboten werden. So versteht man den Fall Wulff nach diesem Hannover-Film jetzt besser, obwohl der eigene Film über ihn nicht zustande kam. Und so wird ein Verlust bisweilen zum Gewinn.

02.05.2016 – Torsten Körner/MK